Der Vorwurf der undifferenzierten Argumentation

von philohof E-Mail

Argumentiert man als PhilosophIn in Anwesenheit von WissenschaftlerInnen, so bekommt man regelmäßig den Vorwurf, man stelle undifferenzierte Behauptungen auf.

Die Ursache dieses Vorwurfs liegt in den unterschiedlichen Erkenntniszielen von Wissenschaft und Philosophie: Während es der Wissenschaft um den Weiterbau am großen Bauwerk wissenschaftlichen Wissens geht, geht es der Philosophie darum, dem Menschen dazu zu helfen, sich eine Meinung zu bilden und an der Verbesserung derselben zu arbeiten.

Zuerst muss man sich darüber klar werden, dass etwas, das als Ausdruck der Meinung eines Menschen als Individuum und Person funktioniert, aus der Sicht der WissenschaftlerInnen nur undifferenziert sein kann, denn die Wissenschaft ist eine Landkarte von der Welt, die nicht nur so groß ist wie die 1:1 Landkarte, die Jorge Luis Borges sich vorzustellen versuchte, auf welcher ein jeder einzelne Grashalm eingezeichnet ist… sondern, wie wir wissen, geht die Detailgenauigkeit der Wissenschaft häufig noch viel weiter, in Bereiche, die mit dem freien Auge nicht mehr zu sehen sind. Ist nun schon Borges’ Landkarte von der Welt eine, die kein Mensch zusammenfalten und in seine Tasche stecken kann, so ist die Landkarte, die uns die Wissenschaft von der Welt zeichnet, eine, die gänzlich unverwendbar ist.

Man kann es auch so sagen: Der Wahrheitsanspruch der Wissenschaft ist bodenlos. Es gibt kein Niveau, auf dem man behaupten könnte: Nun sei der Forderung der Genauigkeit genüge getan. Im Gegenteil, sobald einer zeigt, dass er es noch genauer kann, gewinnt er im Spiel der Wissenschaft. Mit einem solch bodenlosen Wahrheitsanspruch an Meinungen oder philosophische Aussagen heranzutreten, die im Kontext alltäglichen Lebens und individueller Identitätsbildung funktionieren müssen, ist absurd. Umgekehrt folgt hieraus, dass wissenschaftliche Wahrheit als Bezugspunkt für das menschliche Individuum nicht funktioniert, was viele Menschen – auf jeden Fall aber die Öffentlichkeit – noch nicht wissen. Denn wissenschaftliche Wahrheit hat zum Inhalt, dass man es sich immer versagt, zu einer Entscheidung zu kommen, weil eine tiefere Untersuchung das jetzige Bild, das man von einer Sache hat, noch einmal verändern kann.

Was bedeutet eigentlich der Vorwurf der undifferenzierten Argumentation? Erhält man als PhilosophIn von WissenschaftlerInnen den Vorwurf der undifferenzierten Argumentation, so muss man sich dessen bewusst werden, was er überhaupt bedeutet. Andernfalls meint man, es werde einem wirklich undifferenzierte Argumentation vorgeworfen, dann fühlt man sich in seiner intellektuellen Ehre gekränkt: Der Vorwurf der undifferenzierten Argumentation von WissenschaftlerInnen einem/r PhilosophIn gegenüber ausgesprochen meint im Grunde: Das Subjekt der Erkenntnis des philosophischen Vortrags ist das menschliche Individuum; es sollte aber, nach Ansicht der WissenschaftlerInnen, die Wissenschaft (als ganze) dieses Subjekt der Erkenntnis sein. Wäre aber das Subjekt der Erkenntnis die Wissenschaft selber, so gäbe es für den Grad der notwendigen Differenzierung einer Erkenntnis kein Maß und kein Ende, denn die Wissenschaft besteht aus WissenschaftlerInnen, die den ganzen Arbeitstag Zeit zur Erkenntnis haben und dafür von staatlichen oder anderen Einrichtungen bezahlt werden. (Das will ich auch nicht kritisieren, sondern damit nur zum Ausdruck bringen: Wissenschaft steht mit dem Denken und Wissen des Menschen, der sein Leben gestaltet, in keinerlei Zusammenhang: Sie ist l’art pour l’art in ihrer theoretischen Konzeption ebenso wie in ihrer sozialen Umsetzung.)

Was aber könnte man antworten als PhilosophIn, wenn man nach einem Vortrag von WissenschaftlerInnen den Vorwurf der undifferenzierten Argumentation bekommt?

* Man könnte darauf hinweisen, dass man, wenn man zu einer Konklusion kommen will, die etwas aussagen soll, notwendig undifferenziert klingen muss, denn: Im Denken werden die Dinge auseinandergefaltet (differenziert), aber in einer Konklusion (einer Entscheidung, wie man die Dinge sehen will) werden sie wieder zusammengepackt und auf einen Punkt hin (jenen der Konklusion) konzentriert.
* Aus genau diesem Grund muss etwas, das in den Ohren der Anderen undifferenziert klingt, es noch lange nicht sein. Denn es könnte genau bedacht worden sein, bevor der nachdenkende Mensch zu einer Meinung über diese Sache gekommen ist, die er nun vorbringt.
* Man könnte die WissenschaftlerInnen darauf hinweisen, dass sie mit ihrem Vorwurf gar nicht die Undifferenziertheit des Arguments gemeint haben, sondern im Grund nur eine Abwehrhaltung dagegen einnehmen, dass das Subjekt der Erkenntnis ein Individuum sein sollte – sie wollen also nicht, dass der Mensch Wissen habe.
* Man könnte sie auf die Bodenlosigkeit ihres Wahrheitsanspruchs hinweisen: HistorikerInnen etwa wissen selber nur allzu genau, dass sich dort, wo einige meinen, eine „Bruch“ in der Entwicklung zu sehen, genauso gut Fakten finden lassen, die für eine „Kontinuität“ der Entwicklung sprechen: Wie kommt es also, dass sie selbst noch nicht verstanden haben, dass man die Wirklichkeit interpretieren muss, weil über die Wahrheit nicht allein die Fakten, so genau man sie auch betrachtet, entscheiden können.
* Mit dem Vorwurf der undifferenzierten Behauptung ist meist der Vorwurf verbunden, sich ungenügend in der wissenschaftlichen Literatur informiert zu haben: Auf diesen Vorwurf kann man antworten, dass man sich nach besten Kräften eingelesen habe und den ExpertInnen für dieses Thema für weitere sachdienliche Hinweise sehr dankbar sei… dass es aber nicht angehe, die Fakten, die sie nun in der Diskussion als Gegenbeispiele für die Behauptungen des philosophischen Vortrags anführen, einfach so hinzunehmen, weil es zuerst nötig sei, sie im Einzelnen zu betrachten und sich die Frage zu stellen, wie sie einzuordnen und in welchem Kontext sie zu deuten seien.
* Schließlich ist den wissenschaftlichen KritikerInnen selbst der Vorwurf der undifferenzierten Kritik zu machen, denn sie haben sich mit ihr auf eine undifferenzierte Behauptung – oft handelt es sich nur um einen Begriff, den sie kritisieren – eingeschossen, ohne danach zu fragen, wie diese Behauptung oder dieser Begriff gemeint gewesen sind. Sie tun damit so, als ob die Behauptung bereits verstanden wäre und nicht erst interpretiert werden müsste. Und sie tun damit so, als ob Begriffe (wie z.B. „Wissenschaft“, „Geschichte“, „Medizin“ etc.) an sich etwas bedeuten würden, dass offen vor uns liegt und dessen Wahrheit sich erkennen lässt. Damit haben sie nicht begriffen, dass die verwendeten Begriffe die Aussageintentionen des Vortrags in sich tragen, auf welche hin ja auch alle Begriffsdifferenzierungen im Vorgetragenen durchgeführt wurden. Man kann also nicht einzelne Begriffe kritisieren, ohne zu berücksichtigen, was der Vortrag eigentlich aussagen wollte.

Was aber die Botschaft eines Vortrags ist, dafür haben WissenschaftlerInnen gänzlich gar kein Ohr, da ihr Sprachverständnis ausschließlich auf der Sachebene funktioniert und Appellseite sowie Selbstkundgabefunktion von Sprache außer Acht lässt. Dadurch ist wissenschaftliche Sprache in ihrer reinen Verwendung eigentlich unverständlich, denn den Gegenstand des „was jemand jemandem sagt“ gibt es in ihr nicht. Wissenschaftliche Kritik zeichnet sich dadurch aus, dass man sieht, wie die KritikerInnen sich mit ihrer Kritik auf einen Begriff oder auf ein Detail stürzen und auf das, was der/die vortragende PhilosophIn mit dem Vorgebrachten eigentlich sagen wollte, mit keinem Wort eingehen – so ob es das nicht gäbe… und wahrscheinlich gibt es die Botschaft eines Vortrags oder eines Sprachwerks in der Wissenschaft ja wirklich nicht.

Das gilt jedenfalls für die Kulturwissenschaften, ehemals Geisteswissenschaften. Für die Naturwissenschaften gilt es offenbar nicht, denn ich habe letzten November bei der großen EALIZ-Europakonferenz in Wien die Biochemieprofessorin Frau Dr. Renée Schröder ihre Meinung in so offener Weise sagen gehört, dass ich mir gedacht habe: Wenn sie eine Kulturwissenschaftlerin wäre, hätte man sie schon mit wütenden Repliken eingedeckt und vernichtet. (Aber da mag auch mitgespielt haben, dass sie als Professorin und als eine der führenden Personen in der österreichischen Wissenschaftslandschaft vorgestellt worden war: Vielleicht ist man als WissenschaftlerIn mit Fortgang der Karriere auch irgendwann zu einer eigenen Meinung berechtigt.)

Post skriptum: Die in diesem Text angeführten rhetorischen Mitteln sind allerdings letzten Endes weniger dazu da, um wirklich angewendet zu werden, als um uns zu lehren, was wir als PhilosophInnen eigentlich tun, wenn wir etwas sagen oder etwas vortragen. Sie versichern uns darin, dass unser Diskurs tatsächlich anders ist als der wissenschaftliche und machen uns einsichtig, warum wir mit den WissenschaftlerInnen immer wieder zusammenkrachen müssen: Wissenschaft (in den Kulturwissenschaften) ist in ihrer gegenwärtigen Form ja im Grunde nichts anderes als ein großangelegtes Projekt, alle intelligenteren Menschen* in der Gesellschaft ZUR MEINUNGSLOSIGKEIT ZU ERZIEHEN, nicht wahr? Denn eine jede Meinung, die ein Mensch haben kann, ist notwendiger Weise undifferenziert, kann nur undifferenziert sein.

Wenn wir PhilosophInnen demgegenüber darauf bestehen, dass der Mensch Meinungen haben kann, soll und muss, weil er sonst nicht autonom wäre, nicht aufgeklärt und nicht Person wäre, dann wissen wir, warum wir immer undifferenzierte Behauptungen aufstellen, warum wir sie aufstellen müssen – und dass die Kritik der WissenschaftlerInnen an unserer intellektuellen Redlichkeit in Wirklichkeit kilometerweit vorbeigeht.

*In der Annahme, dass es hauptsächlich diese sind, die inhaltlich mit der Wissenschaft häufiger in Kontakt kommen.

 

11 Kommentare

Kommentar von: Séverine [Besucher]
Lieber Helmut

Du argumentierst hier sehr stark und äusserst gekonnt. Schade, dass man den Wissenschaftlern in Lausanne diesen Text nicht vor die Füsse werfen konnte. Aber eine kleine Frage hätte ich trotzdem: Ja, der Wahrheitsanspruch der Wissenschaftler ist extrem. Aber hat die Philosophie nicht auch einen Wahrheitsanspruch, nur sucht sie diese in viel breiteren und durchdachteren Bahnen?
Schaut man sich im Fernseher eine Diskussion zwischen einem Philosophen und einem Theologen an, so merkt man schon, dass sich der Philosoph auf die "unerschütterliche Gewissheit" beruft.

Ich hätte dir noch einen Tipp zur Sprache: Ich würde sowohl mündlich wie auch schriftlich die männliche Form verwenden. Philosophinnen, Wissenschaftlerinnen, Professorinnen... Diese Ausdrücke machen den Text sehr leser- und höhrerunfreundlich. Aber wenn du auf der feministischen Hysterie bestehen willst, so wäre Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen noch die geeignetere Form, denn das Ohr merzt auf diese Weise den Mann nicht ganz so brutal aus. Vor allem weil es sich hier noch um eine männerdominierte Branche handelt...

Herzlichst!!
Séverine
12.09.10 @ 09:58
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Séverine,
ich habe bewusst einen sehr allgemeinen Text geschrieben, der nicht auf bestimmte Personen oder Orte Bezug nimmt, weil ich denke, dass es sich hier um ein allgemeines Problem in der Wissenschaft oder mit der Wissenschaft in unserer Zeit handelt.

Stimmt, die Philosophie hat auch einen Wahrheitsanspruch, aber ich glaube nicht, dass der auf "breiteren und durchdachteren Bahnen" verläuft - zumindest wäre das unlogisch, ist doch die Wissenschaft das bei weitem größere Erkenntnissubjekt und hat also unendlich mehr Ressourcen, breiter und tiefer zu denken.

Jedoch kann das Problem mit der Wissenschaft nicht darin liegen, dass sie einen breiteren und tieferen Wahrheitsanspruch hätte, denn wir Philosophen sind ja auch dauernd am Graben und wollen mehr wissen, als wir bisher schon wissen. Das Problem mit dem wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch liegt vielmehr darin - aus meiner Sicht - dass nicht herauszukriegen ist, worin er besteht, dass er keine Konturen annimmt und sich anstatt dessen in einer endlosen Steigerungs- und gegenseitigen Übertrumpfungslogik erschöpft.

Und hier ist wohl auch der große Unterschied zwischen meinen Texten oder Statements und jenen der WissenschaflterInnen zu finden: Z.B. bin ich mir sehr gut dessen bewusst, dass das, was ich diesem Blogeintrag über die "undifferenzierte Argumentation" geschrieben habe, falsch, ungrecht und einseitig ist, weil ich von "wir PhilosophInnen" geschrieben habe, während ich in Wirklichkeit genau weiß, dass es dieses "wir" nicht gibt und andere PhilosophInnen mit mir nicht einer Meinung sein werden. Aber warum habe ich es getan? Ich habe es getan, weil ich weiß, dass eine jede Darstellung auf einer jeden Komplexitätsebene (die kleiner als unendlich sein muss) notwendigerweise einseitig, falsch und undifferenziert sein muss. Das liegt an der Perspektive, der Beschränktheit der Textlänge, der Lesezeit etc.: Unterstreicht man einen Aspekt einer Sache, müssen andere dafür notwendig im Dunkeln bleiben.

Würde man diesen Blogeintrag aber nun kritisieren, indem man sagt: "wir PhilosophInnen", das gibt es doch gar nicht, das sei undifferenziert - dann hätte man meinen Text gehörig missverstanden. Man kann also auch einen Text falsch verstehen, indem man das Falsche in ihm sieht und mit dem Finger darauf zeigt. Das wird man tun, wenn man nicht auf das potentiell Gemeinte (nicht auf das wirklich Gemeinte - denn da kommen wir in die endlosen Schleifen der Hermeneutik!) achtet. Und man tut das dann, wenn man nicht weiß, dass alles Gesagte immer irgendwo falsch sein muss - und dass es darauf ankommt, es richtig zu interpretieren. Will man also etwas sagen - und nicht nur reden - dann muss man notwendigerweise etwas Falsches sagen, etwas Undifferenziertes auch, um etwas Wahres oder ein wahrhaftiges Anliegen damit transportieren zu können. Dieses Paradoxons bin ich mir bewusst; mir kommt immer wieder vor, die Wissenschaftler sind sich dessen nicht bewusst.

Zum Wahrheitsanspruch der Philosohen: Die "unerschütterliche Wahrheit" - ja, die hätten wir gern. Sie ist unser Anspruch, aber unser Anspruch als Wahrheitssuchende, nicht als solche, die wir die Wahrheit haben oder hätten. Hätten wir die "unerschütterliche Wahrheit", dann müssten wir uns vielleicht nicht mehr vor dem Tod fürchten und wüssten beim Handeln immer genau, was richtig ist und was falsch. Doch gleichzeitig: Kämen wir bei dieser "unerschütterlichen Wahrheit" an, dann wären wir keine PhilosophInnen mehr, also keine Wahrheitssuchenden, sondern dann hätten wir die Wahrheit und wären Dogmatiker. Und ein Dogmatiker ist so ungefähr das genaue Gegenteil von einem Philosophen. Das mit der "unerschütterlichen Wahrheit" stimmt also schon, aber bitte nicht die Perspektive verwechseln: Es handelt sich um die unerschütterliche Wahrheit aus der Perspektive des Suchenden, sie ist ein Ideal, das am Horizont leuchtet - nicht aber etwas, das ich habe.

Zu den männlich-weiblichen Hybridendungen: "PhilosophInnen": Ich glaube, es ist richtig, dass ich das so schreibe, denn ich möchte ja, dass möglichst viele Menschen meine Texte lesen. Würde ich nur die männlichen Formen verwenden, könnten sich manche LeserInnen darüber empören, während ich ihnen doch ein ganz anderes Problem darstellen will. Auch hier haben wir übrigens dasselbe Problem, über das wir hier bereits diskutieren: Man kann über alles reden, aber nicht über alles gleichzeitig - und das ist ja der eigentliche Grund für die Notwendigkeit von "undifferenzierten Argumentationen".
liebe grüße
helmut
12.09.10 @ 13:23
Kommentar von: Immanuel Scheerer [Besucher] · http://www.sein-und-nicht-sein.de
Hallo Helmut!

Du beschreibst sehr schön die sprachlichen Implikationen des wissenschaftlichen Denkens und vor allem Sprechens. Spätestens beim Wissenstransfer von Wissenschaftlern auf Nicht-Wissenschaftler geht dann meistens das Wissen verloren, dass alle Fakten interpretiert werden müssen, wenn man etwas über sie denken oder sagen möchte. Objektives ist halt nur solange objektiv, wie sich kein Subjekt damit beschäftigt hat. Und das unabhängig, ob man sich "Forscher" nennen darf, oder nicht.

Mit der sprachlichen und methodischen Dimension von Debatten beschäftige ich mich momentan auch fleißig. Z.B. hier: http://www.sein-und-nicht-sein.de/sprachmanipulation-mit-provokation-und-kopftuch/

Deine fachliche Meinung als Philosoph (der ich nicht bin) würde mich dazu sehr interessieren.

Liebe Grüße, Immanuel
12.09.10 @ 21:44
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Immanuel,
danke für deine Reaktion!

Ich glaube nicht, dass das Wissen erst erst beim Transfer aus den Wissenschaften zu den Nicht-Wissenschaftlern verlorengeht. Es studieren doch viele junge Leute. Aus denen werden zwar nicht alle Wissenschaftler, aber sie werden mit wissenschaftlichen Texten konfrontiert und angehalten, diese auf wissenschaftliche Weise zu lesen und zu behandeln. Und da frage ich mich eben: Wie das gehen soll? Weil: Ich kann mir nicht vorstellen, wie man sich heute in der Wissenschaft vorstellt, dass ein/e JungwissenschaftlerIn oder ein/e StudentIn Wissen aufnimmt, lernt, sich Wissen aneignet. Warum kann ich es mir nicht vorstellen? - Nun, weil angeeignetes Wissen ja bereits wiederum Wissen dieser Person wäre, derjenigen Person, die dieses Wissen sich erarbeitet und gelernt hat. Es wäre also aus der Wissenschaft herausgebrochenes und in das Wirklichkeitsverständnis dieser Person eingefügtes Wissen. Und genau das ist es, was die WissenschaftlerInnen meiner Erfahrung nach auf den Tod nicht ausstehen können.

Deinen Blogeintrag, zu dem du einen Link gelegt hast, habe ich gelesen. Ich finde es gut, dass du Wörtern misstraust und genauer hinschaust, wie sie verwendet werden.

Am besten gefällt mir diese Passage deines Texts:

"Interessant aber auch die Assoziationen: Das Wort Provokateur wird verwendet, um Herrn Sarrazin zu delegitimieren und zu diskredetieren. Das hängt ganz eng mit politischer Korrektheit zusammen: Etwas zu sagen, was politisch gesehen unerwünschte Effekte haben kann, darf nicht gesagt werden. Wenn sich jemand von meinen Worten angegriffen fühlen könnte (unabhängig davon, ob ich denjenigen tatsächlich angreifen wollte), darf ich sie nicht mehr sagen."

"Provokateur" ist dem wikipedia-Artikel, den du zitierst, nach nichts Negatives. Aber in unserer glatten Öffentlichkeitssprache ist es schon eindeutig etwas Negatives. Du schießt dich in deinem Text auf die "political correctness" ein. Sie ist aber nicht die einzige Schuldige: Mir scheint, dass die Öffentlichkeit heute von einer Werbesprache (Sag nur das Positive, verschweige alles Negative!) beherrscht wird, die Vorstellungen von Beziehungen zwischen Menschen bei allen unseren Zeitgenossen stark geprägt hat und die es nicht zulässt, dass Probleme angesprochen werden. All diese Reden von wegen "ihr Partner in Sachen...", "Wir sind gerne für Sie da!" und "Wir leisten unseren Beitrag für eine bessere Gesellschaft!" machen aus Kritikern, denen das Wohlergehen der Menschen wirklich am Herzen liegt, schlechte Menschen - aus dem simplen Grund: Weil sie diese idyllische Ruhe, die von diesen Phrasen suggeriert wird, stören.

Wir müssen raus aus diesem semantischen Gefängnis! Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft besser werden kann, wenn sie nicht anerkennt, dass derjenige, der Stunk macht, nicht manchmal auch der Gute sein kann. Für die Ansichten von Herrn Sarrazin habe ich jedoch nichts über.

Liebe Grüße
philohof
13.09.10 @ 00:55
Kommentar von: Immanuel Scheerer [Besucher] · http://www.sein-und-nicht-sein.de
"Wir müssen raus aus dem semantischen Gefängnis!"

Den Satz finde ich super. In der Wirtschaft höre ich auch nur immer "Wir haben keine Probleme, wir bieten nur Lösungen!". Was dieser Satz mich schon an Nerven gekostet hat, weil man einfach nicht offen und klar über die Realität spricht. Man macht sich damit nur selbst das Leben schwer.

Gruß, Immanuel
13.09.10 @ 22:13
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Ich habe an der Stelle das Bedürfnis, einen weiteren Kommentar zu hinterlassen - etwas, das mir wichtig ist:

Ich glaube, was wir PhilosophInnen verteidigen oder verteidigen sollten, das ist das freie Denken, die Möglichkeit eines jeden Menschen, sich eine Meinung zu bilden.

Beim Versuch, sich eine eigene Meinung zu bilden oder an der eigenen Meinung zu arbeiten, tut man sich schwer, wenn man nicht mit anderen Menschen reden und sich austauschen kann.

Man fragt sich dann:
* Spinne ich? Bin da nur ich allein, der ich diese Gedanken und Anliegen habe?
* Warum reden die Anderen nicht mit mir darüber? - Liege ich so falsch mit meinen Fragen und Gedanken?
* Bin ich etwa kein Mensch, dass die Anderen nicht mit mir reden? Oder: Wie können die Anderen leben und funktionieren, ohne über das nachzudenken, was ihnen passiert?

Mit einem Wort: zu denken im Gespräch mit Anderen, ist noch eine menschenmögliche Aufgabe. Zu denken aber, wenn man ganz allein ist (Ich spreche jetzt nicht von Situationen, wo man sich mal bewusst für längere Zeit zurückzieht) - das ist eine übermenschliche, göttliche Aufgabe: Da müsste man gleichsam in der Lage sein, einen Berg mit den eigenen Armen hochzuheben oder eine ganze Welt (wenn auch nur in der Vorstellung) zu erschaffen.

Das ist der Hintergrund, wenn ich sage: "Wir müssen aus diesem semantischen Gefängnis raus." Ich verteidige Kommunikationssituationen, die es zulassen, dass Menschen miteinander reden und ihre Gedanken austauschen.

Nichts mehr als das. Aber das ist für einen philosophierenden Menschen auch schon das Allerwichtigste.
15.09.10 @ 16:03
Kommentar von: Björn [Besucher] · http://philoblog.de
Interessanter Text. Meine Perspektive ist oft eine andere. Wissenschaftliche Hypothesen gelten nur für einen klar umgrenzten Bereich. Menschliche Stellungnahmen dazu in der Praxis gehen darüberhinaus - und da sind es leider oft Vertreter von Einzelwissenschaften, die undifferenzierte Aussagen machen. Glücklicherweise differenzieren Philosophen - das ist gerade das Hauptmerkmal ihrer Disziplin.
21.09.10 @ 12:29
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Björn,
danke für deinen Kommentar.

Es würde mich interessieren, warum deine Perspektive eine andere ist. Im Grunde scheint mir das, was du sagst, nämlich in dieselbe Richtung zu gehen wie mein Gedankensanstoß.

Und insbesondere ist es ja auch so, dass wir Philosophen stolz darauf sind, zu differenzieren - es hat daher etwas von einem Widersinn an sich, wenn ich in meinem Text scheinbar gegen das Differenzieren argumentiere.

Aber vielleicht hilft es uns weiter, wenn wir Natur- und Kulturwissenschaften unterscheiden: In den Naturwissenschaften, so wie ich sie erlebe, wird tatsächlich oft eine beschränkte Perspektive ("der klar umgrenzte Bereich") eingenommen: Macht dieses Protein das oder macht es das nicht? In dieser Beschränkung ist es sinnvoll, etwas zu beschreiben und darzustellen.

Aber Fächer wie die Soziologie oder die Geschichte, zum Beispiel, haben so unbegrenzte Wirklichkeitsfelder, dass es eigentlich unmöglich ist, darin Wirklichkeitsdarstellungen zu liefern, die sinnvollerweise wahr oder falsch sein können. Bei der Geschichte sagt das ja schon der Name der Disziplin aus: DIE Geschichte, also die ganze. Wie könnte man da sagen, ob ein bestimmter historischer Event so oder so zu sehen ist? Das hängt von der Vision des Ganzen der Geschichte ab. Und von den Tatsachen, von denen immer noch mehr ans Licht kommen. Eine endlose Angelegenheit. Wahrheit unmöglich.

Menschliche Stellungnahmen gehen über wissenschaftliche Begrenzungen hinaus. Das ist wahr. Doch gleichzeitig haben sie gewöhnlich andere, viel deutlichere Begrenzungen. Menschen haben gewöhnlich Vorstellungen davon, was ein Mensch sein soll, wie die Gesellschaft aussehen soll, was in ein menschliches Leben hineingehört und was nicht. Daraus entstehen Anliegen, die sie in ihren Stellungnahmen formulieren. Hat man das Anliegen verstanden, so hat man die Perspektive verstanden, aus der der Mensch spricht - und damit auch die Botschaft, die er sendet.

Versucht man das Anliegen einer wissenschaftlichen Aussage zu verstehen, greift man hilflos ins Leere. Weil Wissenschaft behauptet, nur auf der denotativen Ebene zu sprechen. Also Botschaften zu liefern, die nur Inhalt haben, aber keine Appell- und keine Selbstoffenbarungsfunktion. Keine Beziehungsfunktion auch. Es ist das ein unMENSCHLICHES Sprechen. Ein Sprechen aus dem Nirgendwo. Allein deshalb ist keine Perspektive ausmachbar im wissenschaftlichen Sprechen.
21.09.10 @ 13:46
Kommentar von: Wonko [Besucher] · http://kulturknall.blog.de/
Philosophie als Meinungsbildung? Naja, das ist mir zu esoterisch. Die Philosophie sollte Beginn und Klammer der Wissenschaft sein, logisch, rational, präzise. Der Mensch wird höchstens zum Gegenstand von Untersuchungen in der Anthropologie, Erkenntnistheorie oder Soziologie, das Selbstfindungs- und Meinungsbildungsgebimmel sollten die Philosophen eher den Psychologen, Astrologen und der Politik überlassen. Der Philosoph selbst sollte natürlich eine starke, eigene Meinung besitzen, ein logisch begründbare, eben wissenschaftliche.
22.10.10 @ 12:31
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Wonko,

du findest, Philosophie als Meinungsbildung sei esoterisch? Was soll da esoterisch dran sein? Esoterik ist eine Geheimlehre - wenn Meinungen hingegen offen ausgesprochen und rational diskutiert werden, ist nichts Esoterisches dran.

Und Meinungsbildung den Psychologen überlassen - da hast du, vermute ich, nicht genau genug darüber nachgedacht: Psychologen interessieren sich nicht für Meinungen (Astrologen übrigens auch nicht.) Psychologen verwenden Meinungen nur, um daran Symptome abzulesen oder sonstwas damit zu tun - ihr Ziel aber sind nicht die Meinungen selber, sondern eine Verbesserung des Wohlbefindens oder der psychischen Gesundheit des/der Klienten/in. Philosophie ist die einzige Disziplin, wo wir Meinungen bewusst ausarbeiten und unseren Stolz darein legen, gute und in sich konsistente Meinungen hervorzubringen.

Und dass die Philosophie Beginn und Klammer der Wissenschaft sein solle, das funktioniert auch nicht. Der Grund ist der, dass, wenn der Philosophierende vor der Wissenschaft steht, ein Individuum vor einer großen sozialen Organisation steht. Wissenschaft ist vor allem ein immenses soziales Gebilde. Und wenn dieses Individuum nun mit logischem, rationalen präzisem Denken herausfinden sollte, dass in der Wissenschaft was nicht passt, was sollte es denn dann tun? Nichts kann es tun. Denn in der Wissenschaft zählt - wie in jeder sozialen Organisation - nicht allein die Rationalität, sondern die Position dessen, der ein Urteil ausspricht, in der Hierarchie der Organisation, sein Einfluss und seine Macht.

Tut mir leid, aber zu sagen, Philosophie solle Beginn und Klammer der Wissenschaft sein, das kommt mir so vor, als solle ich zum Hauptgebäude der Wiener Uni gehen, dort mit dem Fingerknöchel auf die Steine der Außenmauern klopfen und diesen meinen rationalen Beitrag zur Diskussion über die gegenwärtige Situation der Wissenschaft vorbringen. Die Steine werden mir geduldig zuhören, die Passanten werden mich für verrückt halten.
Herzlichst philohof
23.10.10 @ 02:23
Kommentar von: Philatte [Besucher]
Hallo. Ich bin hier grade vorbei gescrolt.
“Im Denken werden die Dinge auseinander gefaltet...” Dies kann Emotion genauso. Dinge entfalten. (Denken bedeutet nicht, dass der gedachte Gedanke vernünftig ist.) Durch den Verweis auf das Denken ziehst du eine klare Trennung zwischen Ratio und Emotion. Da beide jedoch wechselseitig Einfluss auf einander ausüben können, Emotion als Regulativ der nüchternen Ratio fungieren kann, und eine Vernunft bezogene Entscheidung beide beinhaltet,sind solche klaren Abgrenzungen - meines Erachtens - jedoch eher ungünstig.

Ein Wahrheitsanspruch, welcher von Scheinwissen wie einer Meinung, erhoben würde, wäre eine glatte Lüge. Ich denke, da hat Platon Sokrates nicht optimal verstanden. Sokrates wusste, dass er nicht wusste, weil er meinte und meinen lediglich Wissen zu sein scheint, aber kein reines Wissen darstellt, da hier Fakten mit Willen, Emotionen, Ratio,...mischen. Wenn sich Philosophen und Wissenschaftler darüber bewusst sind, dass ihre Meinung als wahrhaft empfunden wird, aber weder den Anspruch auf unbedingte Wahrhaftigkeit erheben, noch sich für solche halten darf, da dies eine Blickwinkelverengung nach sich zieht und nicht die Möglichkeit des sich Irrens beinhaltet, wenn beide Seiten dies verstehen, können sie sich wunderbar unterhalten. Und: Es besteht in jeder Unterhaltung die Möglichkeit, als Spinner abgekanzelt werden zu können. Wird man auch von einigen (!Gibt auch bestimmt viele, gute Gesprächspartner unter) Wissenschaftlern sicher werden. Philosophie beschäftigt sich oft mit Feldern, die Wissenschaftler nicht an Skalen, Resultaten, oder sonst wo ablesen können, die sie dann als vermeindliche Fakten präsentabel unter das Mikroskop legen können. Das liegt in der Natur des Wesens begründet.


Wer sagt, dass eine Meinung undifferenziert sein muss? Undifferenziert kann im besten Fall “vereinfacht”, bzw. wörtlich: undifferent “gleich” (= kein Unterschied) bedeuten, im schlechtesten Fall grobschlächtig, pauschal, unsachlich. Es kommt darauf an wie man selbst das Wort besetzt: positiv oder negativ. Aber das Wort wird auch häufig im Kontext mit Vorwürfen genannt.
Eine undifferenzierte Behauptung könnte ja zunächst auch nur eine undifferenzierte Behauptung sein.
Dem Vorwurf der “undifferenzierten Behauptung” kann man ganz einfach etwas entgegen setzen: Lächeln. + sagen:
“Stimmt. Ich werde mich nicht von meiner Aussage differenzieren! Im Gegenteil... (Argumente) ” Flotter Spruch, locker bleiben, einatmen, ausatmen. Weiter machen ;)
Für mich liest sich der Text ein wenig zu kontra Wissenschaftler. Es sind längst nicht alle so.
29.10.10 @ 05:28

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