Die analytischen Philosophen meinten, es genüge, streng zu sich zu sein

von philohof E-Mail

Gedanken bei der Lektüre von Stephen P. Schwartz: A Brief History of Analytic Philosophy. Wiley-Blackwell 2012. S. 272-280.

 

Meiner Meinung nach wurde die Philosophie erfunden, als zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein einzelner Mensch begann, selbst über Fragen, die ihm wichtig waren, nachzudenken.

Philosophieren ist gar nichts anderes als dieses selbst Nachdenken.

Dass das etwas Besonderes ist, kann man sich veranschaulichen, indem man den Historikern zuhört, wie sie über Individualität reden. Sie sagen gerne, dass Individualität eine historische Erfindung der Moderne sei und dass sich die Menschen früherer Zeiten nicht selbst als einzelne, unwiederholbare, individuelle Menschen gesehen haben.

Es ist das also etwas ganz Besonderes, wenn ein einzelner Mensch sich, wie man bei uns zu Hause sagt, „auf die Hinterbeine stellt“, um einen Gedanken zu denken, der seinem eigenen Antrieb entspringt, und der zum Zweck hat, sein eigenes Orientierungsbedürfnis zu befriedigen.

So etwas machen wir Menschen nicht alle Tage.

Doch sobald die Philosophie erfunden war, wurde sie sofort wieder vergessen – und blieb es bis zum heutigen Tage.

Das hat seinen Grund darin, dass man meint, wenn ein Mensch nachdenkt, dann ordne er sich infolge der (angestrebten) Logik und der (ebenfalls angestrebten) Universalität seiner Überlegungen sofort wieder in die menschliche Gemeinschaft ein.

Das heißt, man vergisst, dass er doch eigentlich nur einen Gedanken für sich, für ihn selbst, denken wollte.

Das ist auch der Grund, warum man die Philosophie immer wieder mit der Wissenschaft verwechselt. Begonnen hat diese Identifizierung von Philosophie und Wissenschaft ja bereits mit Aristoteles; aber es hat auch in späteren Jahrhunderten immer wieder Menschen gegeben, die nichts Besonderes und nichts Wertvolles darin zu erkennen vermochten, dass ein Mensch selbst denkt. Diese Menschen sind dann in der Folge regelmäßig auf den Gedanken verfallen, dass das Nachdenken des Einzelmenschen doch eigentlich nur dann Wert haben könne, wenn wahre und für alle Menschen gültige Erkenntnisse dabei rauskommen. Eh klar: Wenn das Denken des Einzelmenschen in sich wertlos ist, muss es seine Rechtfertigung darin haben, dass es wenigstens die Menschheit voranbringt.

Zuletzt waren es vor allem die analytischen Philosophen, die die Philosophie mit der Wissenschaft verwechselten. Sie wollten eine Philosophie nach Vorbild der Wissenschaft aufbauen; gelungen ist ihnen in der akademischen Philosophie die Entwicklung einer überaus spezialisierten Philosophie, die Detailprobleme zwar nicht löst, aber die zumindest theoretische Werkzeuge zu ihrer Behandlung entwickelt, die immer komplizierter werden und die von immer weniger Menschen verstanden werden.

Aber bei der Verwechslung der Philosophie mit der Wissenschaft ist den analytischen Philosophen, wie ich vermute, ein Irrtum unterlaufen: Leute wie Wittgenstein scheinen der Meinung gewesen zu sein, es sei schon Wissenschaft, wenn man möglichst streng zu sich selbst sei. Wenn man also das Ideal wissenschaftlicher Erkenntnis möglichst hochhalte und sich um strenge wissenschaftliche Methoden bemühe. Sie konnten oder wollten nicht sehen, dass Wissenschaft wesentlich soziale Kooperation ist, also dass Wissenschaft nicht von einem einzelnen Menschen allein getrieben werden kann.

Wenn aber Wissenschaft Zusammenarbeit in Sachen Erkenntnis ist, dann ist es für den einzelnen Menschen nicht möglich, in ihr seine eigenen Gedanken zu denken.

Um seine eigenen Gedanken denken zu können, muss man Distanz zur Gemeinschaft gewinnen. Man muss sich von ihr und von ihren Diskussionen abwenden, um für sich zu sein. Erst wenn man sich von den Diskussionen der Anderen zurückzieht und für sich ist, kann man herausfinden, was einen selbst interessiert.

Ich glaube, sobald man einmal verstanden haben wird, dass Philosophie das eigene Nachdenken ist, wird man verstehen, was Philosophie ist. Doch noch ist es nicht soweit, noch wird dem Denken der einzelnen Menschen kein Wert zugemessen. Solange das so bleibt, kann die Philosophie auf dieser Welt keine Heimstatt finden. Sie wird immer etwas bleiben, von dem man eigentlich nicht weiß, was sie ist – und dem man nur Achtung entgegenbringen kann, wenn man es mit etwas anderem verwechselt, dessen sozialer Wert außer Frage steht. Das ist der Status quo: Philosophie hat keinen Wert, wenn sie nicht Wissenschaft ist.

 

2 Kommentare

Kommentar von: maier [Mitglied] E-Mail
Ist das nicht zu subjektivistisch? Das Nachdenken des einzelnen Menschen über philosophische Probleme hat sicherlich für ihn selbst hohen Wert. Warum soll aber systematisches Forschen berufener Personen nicht wenigstens gelegentlich zu Einsichten allgemeiner Bedeutung führen? Man muß ja nicht gleich den Anspruch strenger Wissenschaftlichkeit erheben, geschweige denn verlangen, dass ein schlüssiges philosophisches Gesamtsystem entwickelt wird.
31.12.13 @ 17:49
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Maier, ich glaube, es handelt sich hier um einen weit verbreiteten Denkfehler: Viele Menschen meinen, eine "Einsicht von allgemeiner Bedeutung" sei eine solche, die von vielen und potentiell sogar allen Menschen verstanden werden kann. Aber das ist ein Irrtum, eine "Einsicht von allgemeiner Bedeutung" kann von niemandem verstanden werden. Der Grund ist, weil der Mensch als Individuum beschränkt ist, das Allgemeine hingegen übertrifft die einzelmenschlichen Verständniskapazitäten um ein Vielfaches. Die Wissenschaft behilft sich bei diesem Problem mit Spezialisierung und Arbeitsteilung. Wo immer daher in Philosophie und Wissenschaft eine "Einsicht" gemacht wird, ist diese Einsicht sicher subjektivistisch. Warum ist das so? Weil eine jede Einsicht bezogen ist auf individuelle menschliche Verständnisdimensionen. Eine jede Einsicht ist also ein persönlicher Verständnisversuch und als solcher unwissenschaftlich.
01.01.14 @ 13:40

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