Die Frage, ob Philosophie nicht besser im Geheimen stattfinden sollte?

von philohof E-Mail

Wenn man ein kluger Mensch ist, dann ist es wohl das Dümmste, seine Gedanken auszusprechen. Spricht man die eigenen Gedanken aus, dann werden die anderen Menschen beleidigt sein und man hat nichts damit erreicht. Will man hingegen etwas erreichen und einen Plan in die Realität umsetzen, dann scheint es das Beste zu sein, so wenig wie möglich darüber zu reden. Ehe die Anderen bemerken, dass da etwas geschieht, ist der Plan schon verwirklicht.

 

„Ejakulation, vorzeitige

 

Wenn Sie eine Methode entdeckt haben, nach der die Luftverschmutzung pro Bundesland für fünf Mark beseitigt werden kann, so ist der schlechteste Weg, sie zu verwirklichen, wenn Sie Ihre Entdeckung öffentlich bekanntmachen. Sie werden erstaunt sein, [S. 39] wie viele Menschen sich Ihrem Plan widersetzen. Die beste Methode, am Leben und in Freiheit zu bleiben, ist es, die Luftverschmutzung einfach zu beseitigen, Land für Land.

Wenn eine Aufgabe, die mehrere Abteilungen oder Organisationen betrifft, erledigt werden muß, dann sprechen Sie nicht darüber. Verschaffen Sie sich die Grundlagen, rekrutieren Sie Ihre Verbündeten, denken Sie die Abwehrmaßnahmen der Gegner durch und dann – `ran! Eine vorzeitige Ankündigung dessen, was Sie zu tun gedenken, verwirrt die potentiellen Befürworter, gibt den Gegner Zeit, echte und fiktive Gegenargumente zu konstruieren, und birgt die Gefahr der Niederlage in sich.

 

Der wäre ein schlechter Bürokrat, der es nicht verstehen würde, einen guten Gedanken so lange madig zu machen, bis selbst dessen Urheber erleichtert ist, wenn er gestorben und begraben ist.

 

Robert Townsend: Hoch lebe die Organisation. Aus der Trickkiste eines Erfolgsmanagers. Droemersche Verlagsanstalt/Knaur 1973. S 38-39

 

Das gilt natürlich nur für diejenigen, die reden, um etwas zu sagen; nicht für diejenigen, die viel sagen, um schön zu reden. Um sich vor den Anderen wichtig zu machen, muss man freilich reden. Aber auch da muss man aufpassen, was man sagt. Das Beste ist dann, Meinungen von sich zu geben, die zumindest einer nicht zu kleinen gesellschaftlichen Gruppe gut gefallen. In dem Fall sollte man sich an dem orientieren, was der eigenen Zielgruppe zusagt, und nicht an dem, was man selber denkt.

Dem Gefühl nach würde ich jungen Menschen eine technische oder naturwissenschaftliche Ausbildung empfehlen. Diese hat den Vorteil, dass sie nichts mit dem Wort zu tun hat. Techniker müssen ihre Meinung nicht sagen. Dadurch vermeiden sie es, den Zorn und die Ablehnung anderer Menschen zu erregen. Sie bauen tagein tagaus an ihrer Maschine – und leben in Frieden.

 

„43

Denken wie die Wenigsten und reden wie die Meisten

 

Gegen den Strom schwimmen zu wollen, vermag keineswegs einen Irrtum zu zerstören, sehr wohl aber in Gefahr zu bringen. Nur ein Sokrates konnte es unternehmen. Von Andrer Meinung abweichen, wird für Beleidigung gehalten; denn es ist ein Verdammen des fremden Urteils. Bald mehren sich die darob Verdrießlichen, teils wegen des getadelten Gegenstandes, teils um dessentwillen, der ihn gelobt hatte. Die Wahrheit ist für Wenige, der Trug so allgemein wie gemein. Den Weisen wird man nicht an dem erkennen, was er auf dem Marktplatz redet, denn dort spricht er nicht mir seiner Stimme, sondern mit der der allgemeinen Torheit, so sehr auch sein Inneres sie verleugnen mag. Der Kluge vermeidet ebenso sehr, daß man ihm, als daß er Andern widerspreche. So bereit er zum Tadel ist, so zurückhaltend sei er in der Äußerung desselben. Das Denken ist frei, ihm kann und darf keine Gewalt geschehn. Daher zieht der Kluge sich zurück in das Heiligtum seines Schweigens; läßt er sich bisweilen aus, so geschieht es im engen Kreise Weniger und Verständiger.“

 

Baltasar Gracian: Die Kunst der Weltklugheit. In dreihundert Lebensregeln. Paul Neff Verlag, Wien o. J. S. 38

 

Dieser mein Text hier ist sicherlich vor allem auch einer, der sich mit dem Bild der Philosophie in der Öffentlichkeit beschäftigt. Viele meinen ja, Philosophie sei es, wenn ein anerkannter Philosoph interessante und für alle Leute wichtige Gedanken in den Medien äußert. Das sind Menschen, die den Unterschied zwischen einem Philosophen und einem Philosophendarsteller nicht kennen. Der Philosophendarsteller stellt einen Philosophen in der Öffentlichkeit dar. Das ist notwendig, weil der Aspekt der Darstellung im Bereich der öffentlichen Rede perfektioniert und professionalisiert werden muss, damit Medientauglichkeit erreicht wird. Ein Philosophendarsteller kann prinzipiell auch ein Philosoph sein, aber nicht jeder Philosoph ist auch ein Philosophendarsteller. Wenn das richtig ist, dann ist es ein Jammer für die Philosophen, wenn die Menschen nur Philosophendarsteller für Philosophen halten.

Aber das ist eigentlich noch eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Atmosphäre, die in dem zitierten Aphorismus von Baltasar Gracian herrscht: Es ist das eine Atmosphäre von Krieg – jeder gegen jeden – und von absoluter Gefahr. Ich denke mir, ein Mensch muss wohl schon mit vielem in seinem Leben abgeschlossen haben, um sich daranmachen zu können, Gracians Ratschlag zu verwirklichen. Trotzdem mutmaße ich, dass Gracians Ratschlag wahrscheinlich der richtige ist.

Es gibt ja sogar Philosophen, für die ist Öffentlichkeit der rechte Ort für Philosophie. Volker Gerhardt ist mir als Anhänger dieser Meinung bekannt. Er hat geschrieben über einen Satz von Kant, in welchem Kant mehrere Male vom „ich“ zum „wir“ und zurückspringt. Die Botschaft ist klar: Philosophisches Sprechen ist für Gerhardt selbst schon ein öffentliches Sprechen, es ist ein Sprechen, bei dem es keinen Unterschied macht, ob man „ich“ oder „wir“ sagt, weil man ja nach einer Universalität der Gültigkeit strebt, also nur das zu denken versucht, was für alle Menschen oder gar für alle vernünftigen Wesen gilt.

Diese Denkweise nenne ich das „für alle-Denken“. Seine große Gefahr scheint mir vor allem darin zu liegen, dass darin die Zustimmung des anderen Menschen vorweggenommen wird. Also deshalb, weil mir etwas logisch und wahr und allgemeingültig ist, muss es der Andere auch akzeptieren. Was aber, wenn er es nicht tut?

Das Gegenteil vom „für alle-Denken“ ist das „für sich selber-Denken“. Das ist meiner Meinung nach das Höchste, was man beim Philosophieren mit gutem Gewissen erstreben kann. Aber sobald man seine Gedanken ausspricht, scheinen die Anderen keinen Unterschied mehr zu machen, ob sie von einem vereinnehmenden Für alle-Denker geäußert wurden oder von einem „für sich selber-Denker“, der ihnen zugesteht, auch eine eigene Meinung haben zu dürfen.

Trotzdem muss ich mich wundern über diejenigen, die Philosophieren gleichsetzen mit einem öffentlichen Sprechen: Blenden Sie denn die in den beiden Zitaten von Townsend und Gracian recht treffend dargestellte Realität völlig aus? Ich glaube, mein eigenes Philosophieren wäre halb so gut, wie es ist, wenn ich davon ausginge, dass rund um mich nur lauter verständige Menschen sind und die Gesellschaft eine jede Maßnahme, die vernünftig erscheint, mit viel Elan und Idealismus durchsetzt. Da ich den lebendigen Eindruck in mir trage, dass dem nicht so ist, philosophiere ich nicht so, als ob es so wäre und äußere vernünftige Argumente nicht so, als würde ich erwarten, dass ein jeder Mensch, der ein vernünftiges Argument sieht, es sofort mit Freuden aufnimmt, einfach weil es vernünftig ist.

Aber, wie gesagt, die Welt, die Gracian uns darstellt, ist hart. Es ist die Frage, ob man sich die ganze Zeit dessen bewusst sein will, dass man in einem erbarmungslosen Krieg aller Menschen gegen alle steckt, wenn man z.B. an einem sonnigen Samstagnachmittag durch die Gassen einer Stadt schlendert und die Leute gemütlich in den Schanigärten sitzen sieht. Immerhin lässt uns Gracian noch einen Ausweg: Es sind das die Wenigen und Verständigen, mit denen man manchmal doch über das reden darf, was einen selber interessiert.

Aber wenn ich in diese Richtung denke, dann wird mir die Sache ganz wackelig: Und – sind die Wenigen und Verständigen, die Freunde, mit denen man philosophieren kann, nicht auch ein Mythos? Und – was ist denn das für eine inkonsequente Haltung, bei der man am Markte redet wie alle und dann soll man bei einigen Menschen plötzlich umschalten können und sie so behandeln können, als wären sie wirkliche Menschen? Sollte man nicht, wenn man schon der Ansicht ist, dass die eigene Meinung die Anderen nur erzürnt, ganz beim Schweigen Zuflucht suchen, so hart das auch ist? Und die Wenigen und Verständigen, die handeln dann wohl draußen und am Markte auch so, als wären sie unverständige Holzköpfe – und ich soll trotzdem von ihnen eine gute Meinung bewahren, weil wir doch gestern so verständig miteinander philosophiert haben. Ein Wechselbad der Gefühle…

Trotzdem, der Meinung, dass die Philosophie in die Öffentlichkeit gehöre, kann ich mich auch nicht anschließen. Wenn man diese Meinung annimmt, dann begibt man sich in die Situation, in der man zu vielen Menschen spricht, die einem gar nicht zuhören wollen. Medienkompetenz wird demjenigen Menschen zugeschrieben, der selbst bei Menschen, die ihm gar nicht zuhören wollen, seine Botschaft noch rüberbringt. Aber hinter dieser Auffassung von Medienkompetenz steht ein Konzept von Kommunikation, dass so hässlich und abscheulich ist, dass ich zumindest am Kommunizieren keine Freude mehr hätte, wenn ich so kommunizieren müsste.

Meine Lösung für meine selbstgestellte Frage ist – bislang immer noch, denn gescheiter bin ich noch nicht geworden – der Zufall. Ich rede zu allen in der Hoffnung, dass sich darunter der eine oder andere Verständige befindet. Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, dass meine Redeweise für die Öffentlichkeit nicht gut geeignet ist. Ich möchte sie nur nicht so öffentlichkeitstauglich mehr machen, dass diejenigen, die tatsächlich Lust hätten, zuzuhören, sich abgestoßen fühlen, weil sie den Eindruck haben, auch von mir werden sie mit dem üblichen intellektuellen Kommunikations- und Werbemüll zugemüllt.

6 Kommentare

Kommentar von: wolfgang [Besucher]
Viele Worte, um das Schweigen zu predigen: Den betrühmten "Eine-Lehre-auf-sich-selber-beziehen-Test" wohl eher nicht bestanden.
17.11.13 @ 15:38
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Wolfgang,
ich weiss nicht genau, was Sie meinen mit dem "Eine-Lehre-auf-sich-selber-beziehen-Test". Ich habe schwer den Eindruck, dass Sie von einer naiven und verkuerzten Interpretation meines Texts ausgehen. Also so etwas in der Art: Er sagt, dass man ueber Philosophie nicht reden kann - also: warum schweigt er nicht darueber? Dazu kommt eventuell auch noch ein Mangel an Reflexion ueber die Voraussetzungen Ihres "beruehmten" Tests. So etwas von der Art: dass man selbst fuer einen selbst ganz transparent sein kann und Denken und Sprechen infolgedessen voellig miteinander uebereinstimmen wuerden und das auch immer muessten.
18.11.13 @ 12:19
Kommentar von: Leopold Lewski [Besucher] E-Mail · http://ratioleonis.blogspot.de
An dieser Stelle möchte ich zunächst meinen Dank für einen interessanten und anregenden Beitrag an den Autor richten, um im Folgenden eine Kostprobe meiner angeregten Gedanken zu geben.

Sollte der Philosoph nicht seine Gedanken zunächst ohne Rücksicht auf ein mögliches, zukünftiges Publikum oder das mögliche Nichtvorhandensein von ebendiesem formen?

Müssen die Worte des Philosophen auf verständige Ohren treffen oder ist sein Ziel nicht schon erreicht, wenn zumindest eine Reibung mit den Gedanken der Anderen entsteht?

Muss in der Folge der Philosoph nicht stets den Mut aufweisen seine Gedanken mit der Welt zu teilen, wenn diese ausreichend gereift sind, ohne Rücksicht auf mögliche Reaktionen, um diese Reibung und somit das Ziel zu erreichen?

Meinen Versuch einer Antwort, der bereits in den Fragen angelegt ist, finden wir hier: http://ratioleonis.blogspot.de/2013/11/was-wird-aus-unserer-stimme-werden.html
22.11.13 @ 14:17
Kommentar von: Daniel [Besucher]
Jedes Philosophieren ist ein gemeinschaftliches Philosophieren. Selbst wenn du es alleine tust, so stellst du dir zumindest einen Gesprächspartner vor, der anderer Meinung ist.

So unsinnig es ist, nur mit sich selbst zu reden, so unsinnig ist es, mit Menschen zu reden, die das Thema nicht interessiert.

Man kann in einer Diskussion nicht erwarten, Jedermanns Liebling zu sein und gleichzeitig zum Nachdenken angeregt zu haben (inklusive sich selbst).

Philosophie ist außerdem ein Prozess vor der Umsetzung, deshalb ist die Blockade der Büroktatie nur relevant für die Umsetzung einer Idee aber nicht für das Philosophieren an sich.

Das eigentliche Problem besteht vielleicht eher darin, den eigenen Standpunkt so einfach ausdrücken zu können, dass sich jeder etwas darunter vorstellen kann.
13.04.14 @ 16:06
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Lieber Daniel,
danke für deinen Kommentar!

Ich denke mittlerweile: Es ist so ein ungeschriebenes Grundgesetz der Philosophie, dass man immer für die und mit der gesamten Gesellschaft philosophieren sollte. Aber eben das gehört eben einmal hinterfragt. Und zu dem Gedanken, dass das auch einmal hinterfragt gehört, treiben einen Gründe, von denen ich einige in meinem Postingtext erwähnt habe.

Selbst wenn ich mit mir alleine philosophiere, stelle ich mir zumindest einen Gesprächspartner vor, der anderer Meinung ist. - Ja, gewiss. Aber: Selbst wenn das so ist, vielleicht sollte man am Ende nicht alle seine Erkenntnisse aus der philosophischen Reflexion öffentlich verlautbaren, weil, ja weil der Sinn des Philosophierens ja möglicherweise doch eher darin zu finden ist, durch eigenes Nachdenken Konkurrenzvorteile gegenüber anderen Menschen zu erlangen. Ich meine: Was ist mit dem Gedanken? Ist er von der Hand zu wischen?

Man kann nicht in einer Diskussion erwarten, jedermanns Liebling zu sein? Gewiss, aber: Vielleicht sollte man nicht öffentlich diskutieren. Vielleicht ist es besser, über das, was andere Menschen für richtig halten, immer nur das Beste zu sagen, um dann (für die Anderen überraschend) im eigenen Handeln den Gedanken zu folgen, die man selbst für richtig hält.

Philosophie ist jedoch sicherlich kein "Prozess vor der Umsetzung" - Jedes Denken und jeder ausgedrückte, gesprochene oder geschriebene, Satz ist selbst eine Handlung mit der Intention, Wirkungen hervorzurufen.

Dass das eigentliche Problem darin besteht, einfach und verständlich zu sprechen/schreiben, glaube ich auch nicht. Das können viele. Wenn sie es nicht tun, dann eher deshalb, weil die Institutionen, in denen sie tätig sind, eine bürokratische oder wissenschaftliche Sprache erfordert. Also eine Sprache, die noch viele weitere Verpflichtungen zu erfüllen hat als nur die, verständlich zu sein. Da müssen hunderte Quellen zitiert werden. Das Wörtchen "ich" darf im Text nicht vorkommen. Die einfachen Verben ("sehen", "untersuchen", "finden") werden scheel angesehen (und durch "evaluieren", "identifizieren" und ähnliche Wörter ersetzt). Und fertig ist der unverständliche Text.

Liebe Grüße
philohof
13.04.14 @ 18:30
Kommentar von: eule [Besucher]
du bist was gscheit, philohof, und ich mein das ernst! der beitrag selber scheint sich mir auf das alltägliche leben zu beziehen, der besucherbeitrag auf philosophie und literatur und so ... aber klugheit ist allemal eine tugend und man sollte seine perlen halt nicht vor die säue werfen. und im publikum sitzen auch halt so säue---
20.08.14 @ 22:29

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