Die Hauptprobleme der Philosophie heute

von philohof E-Mail

Wenn ich meinen Problemaufriss weiter verfolge, wonach  Philosophie mehr mit Pädagogik zu tun hat als mit der Gewinnung neuen Wissens für die Welt, dann hat Philosophie (also der philosophierende Mensch, denn Philosophie als Fach gibt es dann ja nicht) heute zwei wesentliche Probleme:

 

  1. Versucht der philosophierende (also an der Welt interessierte) Mensch, Wissenschaftler zu werden, so ist nicht zu sehen, wie er es vermeiden könnte, alles Interesse an der Welt zu verlieren und vollkommen apathisch zu werden. Wissenschaft lässt sich bestimmen als das Beantworten fremder Fragen, als das Beantworten von Fragen, die sich aus dem Forschungsstand, der wissenschaftlichen Diskussion etc. ergeben. Philosophie hingegen ist das Beantworten von eigenen Fragen. Wie sollte also ein Mensch, der zugunsten der Beantwortung fremder Fragen auf die Beantwortung eigener Fragen verzichtet, verhindern können, dass er seine Fragen vergisst und mit der Zeit auch vergisst, was er überhaupt wissen wollte, was ihn überhaupt an der Welt interessiert?
    Wissenschaft scheint kompatibel kompatibel mit den Bestrebungen des Individuums nach Erfolg, Karriere, Einkommen und Reputation, aber nicht mit der individuellen Bestrebung nach sachlicher und intensiver Auseinandersetzung mit einem Thema (denn eine solche Auseinandersetzung müsste ja auf die Fragen des Individuums hin zentriert sein, während die Wissenschaft nur eine Ausrichtung auf die Fragen des Wissenschaftssystems hin erlaubt).
    Aus diesem Grundproblem erwächst der Philosophie heute eine wesentliche Aufgabe, die über allen anderen steht: in einer wissenschaftlichen Welt und gegen alle Wissenschaft das eigene Denken am Stehenbleiben zu hindern. Gegen alle Kräfte in der heutigen Welt muss das Denken heute in Gang gehalten werden, wenn man als Mensch denn ein eigenes Denken haben will (- sonst nicht), weil unsere Welt durch die Existenz der in ihr bestehenden Institutionen gleichsam immer zu uns sagt: „Du brauchst nicht zu denken (zu sprechen, zu handeln, zu leben, Erfahrungen zu machen, etc.), denn es gibt Berufenere dafür als dich; halte ein und lass das anstatt dessen einen Fachmann/eine Fachfrau machen!“
    Um diese Aufgabe zu erfüllen, schreibe ich hier: Durch das Schreiben fertige ich Dokumente an, die mich daran erinnern sollen, was ich wissen wollte, die mich an meine eigenen Fragen erinnern sollen.
  2. Das zweite wesentliche Problem von Philosophie in einer wissenschaftlichen Welt wie der heutigen ist der Verlust an Gesprächspartnern. Sie kommen der Philosophie durch die Wissenschaft abhanden. Der junge Studierende der Philosophie merkt dieses Abhandenkommen, wenn seine GesprächspartnerInnen nicht mehr selbst auf seine Fragen antworten, sondern gleichsam hinter sich schielen, um zu erraten, was die Wissenschaft als Institution zu dieser Frage sagen würde. Orientierung an der sozialen Institution ersetzt beim wissenschaftlichen Menschen Sachorientierung, könnte man sagen. Aber auch sonst erfährt der wissenschaftlich beeinflusste Geist noch verschiedene weitere Transformationen, die es verhindern, mit ihm ein vernünftiges und fruchtbares Gespräch führen zu können. Wir kennen alle dieses Transformationen aus eigener Erfahrung, deshalb deute ich sie nur in der Gestalt von drei Typen an:
    - Da ist z.B. der Besserwisser. Er oder sie hat gelernt, dass man in der Wissenschaft nur Erfolg haben kann, wenn man mit dem eigenen Wissen die anderen übertrumpft. Deshalb gestaltet der Besserwisser persönliche Gespräche wie Wettbewerbe, die zum Zweck haben, seine Überlegenheit über den jeweiligen Gesprächspartner zur Schau zu stellen, anstatt sie als Gelegenheiten aufzufassen, voneinander zu lernen.
    - Eine andere déformation professionnelle, also Geistesdeformation durch die Wissenschaft, ist jene des unaufhörlichen Zwangs zum Differenzieren. Menschen, die an ihm leiden, haben aus der Wissenschaft gelernt, dass man keine „undifferenzierten Behauptungen aufstellen“ dürfe. Solche Menschen kriegen nichts mehr auf die Reihe, sie kommen aus den Differenzierungen nicht mehr heraus, alles zerfällt ihnen unter den Fingern zu immer kleineren Bröseln und ebenso zerfällt einem das Gespräch mit ihnen: Sie sind unfähig, etwas auf den Punkt zu bringen, etwas zu resümieren oder zu einem Ergebnis zu kommen, weil ihnen alles, was man sagen könnte ungerecht und unzulässig erscheint – man könnte es ja endlos weiter differenzieren.
    - Dann gibt es die (aber es gibt noch viele weitere solche Typen) diejenigen, die alles immer „von Grund auf“ bereden wollen, weil sie von der Wissenschaft gelernt haben, dass man immer mit den Anfangsgründen beginnen muss und man ohne Grundwissen in einem Fach über nichts reden kann. Diese Einstellung führt dann entweder zur Vertagung des Gesprächs auf einen Tag in unbestimmter Zukunft in dem Fall, wenn sie selbst bei einem bestimmten Thema diese Grundlagen nicht kennen. Wenn sie sie hingegen zu kennen meinen, dann beginnen sie sie einem zu erzählen. Daraus entsteht dann gewöhnlich eine Redeweise, die gar nicht mehr zu dem Problem, über das man ursprünglich reden wollte, kommt. Aber selbst wenn man vor lauter Umschweife doch noch dorthin kommt, kann man das Problem nicht fassen, weil diese Redeweise eine Fach begründende und keine Problem zentrierte ist.
    Zusammenfassend: Philosophisch reden könnte man mit einem Menschen, der auf die Idee kommt, dass dieses Gespräch hier und jetzt von Wert ist, auch wenn dabei keine Ergebnisse herauskommen werden, die das Wissen der gesamten Menschheit vermehren, sondern dass es darauf ankommt, die geistigen Ressourcen der anwesenden GesprächspartnerInnen so gut wie möglich zu nutzen, um für alle Beteiligten den größtmöglichen Lerneffekt zu erreichen, der hier und jetzt im Gespräch möglich ist. Dank allgemeiner wissenschaftlicher Schulung kommt heute leider fast kein Mensch mehr auf einen solchen Gedanken.
    Um Menschen, die trotzdem auf diesen Gedanken gekommen sind – und die offenbar ziemlich rar sind – zu suchen, schreibe ich hier. Es gilt herauszufinden, ob die Philosophie, die durch die heutige Organisation der Gesellschaft überflüssig geworden ist, noch Anhänger hat?
    Existierten noch Anhänger der Philosophie, könnte man einander bei der Bewältigung von Aufgabe 1 gegenseitig unterstützen.

7 Kommentare

Kommentar von: Max [Besucher]
Hallo,
ich möchte das als zweites aufgezählte Problem aufgreifen. Mit jenem wurde ich selbst schon des öfteren konfrontiert. Jedoch teile ich nicht die Meinung, dass das Problem hierfür in der Wissenschaft liegt, viel mehr sehe ich es als ein Problem, dass sich die Philosophie mit der Wissenschaft teilt.
Sowieso finde ich die gezogene Grenze zwischen Wissenschaft und Philosophie sehr schroff, wo doch beide Praktiken das selbe Ziel verfolgen, nämlich die Beantwortung von Fragen. Einzig und allein die Auswahl der Fragen unterscheidet die beiden, so versucht die Wissenschaft die “greifbaren” Fragen die sich direkt vor uns offenbaren zu beantworten, wären Philosophie sich jenen Fragen nähert, die wir nicht sofort erkennen. Jene auf die es keine einfache Antwort gibt, sondern denen wir uns mit einer Vielzahl von Betrachtungen und neuen Fragen nähern müssen.
Für beide Arten von Fragen ist ein Forschergeist nötig. Man nähert sich dem Thema durch Interesse, und zwar nur daher. Dies folgert direkt, dass man in jedem Gespräch auf der Suche nach neuem Wissen ist und nicht versucht, mit einem eigenen Standpunkt andere zu “übertrumpfen”. Ein so geführtes Gespräch, ein solches nach dem wir uns wohl alle zunehmend sehnen, basiert auf dem Austausch von Argumenten und egal wie es endet, alle Beteiligten werden dabei etwas lernen.
Das Problem ist nun nicht, dass die heutige Welt mehr Wissenschaftler hervorbringt, sondern viel mehr das jener Forschungsgeist, sei es nun in Wissenschaft oder in Philosophie, nicht mehr gelehrt wird. Sowohl in Schule als auch im Studium hat das wissen von Fakten eine viel zu große Rolle eingenommen und dabei das Denken und Argumentieren weit verdrängt. Diejenigen, die am schnellsten Wissen aufsaugen können, sind am Ende die Bessten. Und genau wie es in Prüfungen von ihnen verlangt wird, so werfen sie einem auch in jedem Gespräch einfach Fakten an den Kopf. Auf jegliche Argumente reagieren sie dann zu meist in dem sie entweder einfach die Fakten wiederholen oder sich angegriffen fühlen.
Wir haben nun mehr und mehr die Aufgabe uns nicht nur damit zu beschäftigen Fragen zu beantworten, sondern vielmehr müssen wir anderen nahe bringen damit zu beginnen, solche Fragen zu beantworten. Und zwar weit weg vom auswendiglernen!
24.02.11 @ 00:26
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Max,
danke für Ihren Kommentar!

Ich muss sagen, ich weiß nicht, ob Sie recht haben. Doch die Sache ist schwierig. Lassen Sie mich versuchen, ein bisschen Ordnung in die Diskussion zu bringen. Sie schreiben:

"Sowieso finde ich die gezogene Grenze zwischen Wissenschaft und Philosophie sehr schroff, wo doch beide Praktiken das selbe Ziel verfolgen, nämlich die Beantwortung von Fragen. Einzig und allein die Auswahl der Fragen unterscheidet die beiden, so versucht die Wissenschaft die “greifbaren” Fragen die sich direkt vor uns offenbaren zu beantworten, wären Philosophie sich jenen Fragen nähert, die wir nicht sofort erkennen."

Ich würde vorschlagen, die Sachen so zu ordnen: Philosophie und Wissenschaft haben das Ziel, Fragen zu beantworten; doch unterscheiden sich deren Fragen nicht in erster Linie durch ihre Art, sondern dadurch, wessen Fragen das sind und für wen sie beantwortet werden. Wissenschaft beantwortet in erster Linie die Fragen der Menschheit; Philosophie jene der Menschen. Das bedeutet, Wissenschaft versucht in jeder ihrer Aktivitäten immer eine Erkenntniserweiterung für die gesamte Menschheit zu erreichen. Wird hingegen nur das Wissen eines einzelnen Menschen verbessert, so gilt das gewöhnlich nicht als wissenschaftliche, sondern als pädagogische Leistung.

Mir kommt also vor, Max, Sie vermischen Wissenschaft mit Pädagogik. Wissenschaft zählt pädagogische Leistungen gewöhnlich nicht zu den wissenschaftlichen Leistungen. Daher erscheint es mir auch wenig plausibel, dass die Wissenschaft Interesse daran haben könnte, Ihr Wunschziel zu verwirklichen, das Sie so formulieren:

"Ein so geführtes Gespräch, ein solches nach dem wir uns wohl alle zunehmend sehnen, basiert auf dem Austausch von Argumenten und egal wie es endet, alle Beteiligten werden dabei etwas lernen."

Das ist ein pädagogisches Ziel: Alle Beteiligten lernen (als Individuen) etwas daraus, während der Ausgang des Gesprächs selbst, was seinen Erfolg betrifft, unbestimmt bleibt ("egal, wie es endet"). Die Wissenschaft wird wohl eher das Umgekehrte anstreben: Ein Gespräch, dessen Ergebnis einen Fortschritt für die gesamte Menschheit bedeutet, egal ob die daran beteiligten Menschen etwas lernen oder nicht.

Beste Grüße
philohof
24.02.11 @ 10:14
Kommentar von: Max [Besucher]
Sie haben recht, ich habe es tatsächlich ein wenig unwohl definiert formuliert, indem ich das Wort “lernen” mit einbezogen haben. Denn man muss durchaus unterscheiden ob man etwas lernt, dass allgemein schon bekannt ist, oder ob man etwas völlig neues lernt. Der erste Fall genügt damit der Pädagogik, der zweite ist aber dann genauso ein Fall der Wissenschaft.

Nun unterscheiden sie die Fragen der Wissenschaft und Philosophie in Hinsicht auf den Fragensteller und denjenigen, für den jene Frage beantwortet wird. Ein sehr interessanter Gedanke, doch handeln Sie ihn sehr schnell ab.
Sie unterscheiden zwischen Fragen, die für die Menschheit beantwortet werden und jene die für Menschen beantwortet werden. Nun haben wir gleich zwei schwammige Begriffe, Menschheit und Menschen.
Man muss sich also zunächst fragen, was eine Frage der Menschheit von einer anderen Frage unterscheidet. Ich würde dabei eine Frage der Menschheit definieren als eine Frage, auf die noch kein Mensch eine Antwort kennt. Diese Definition deckt sich wohl mit der allgemeinen Auffassung aus der Wissenschaft.
Nun müssen wir noch jene Fragen der Philosophie betrachten. Sie sagen, dass die Philosophie Fragen der Menschen beantwortet. Nun kann man sagen, dass für eine Frage entweder bereits eine Antwort existiert oder nicht. Beantwortet die Philosophie nun eine Frage für eine Person, und die Antwort der Frage war zuvor allgemein nicht bekannt, dann haben wir scheinbar auch eine Frage der Menschheit beantwortet. Folglich haben wir dann eine wissenschaftliche Arbeit vollrichtet, auch wenn wir eine individuelle Frage beantwortet haben. War die Frage allerdings zuvor schon allgemein beantwortet, dann hat die Philosophie an dieser Stelle nur eine pädagogische Arbeit vollrichtet.
Dies führt zu dem Schluss, dass Wissenschaft und Philosophie die gleichen Fragen beantwortet. Wir wissen aber, dass sich wissenschaftliche und philosophische Fragen sehr wohl unterscheiden, was wiederum meine erste Vermutung, dass sich die Fragen in ihrer Art unterscheiden, stärkt.
25.02.11 @ 18:46
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Max,

das sind natürlich alles schwierige Fragen, die ich nicht in einem kurzen Kommentar beantworten kann, sondern wo ich Ihnen höchstens eine Anregung geben kann, die Angelegenheit mal anders zu denken zu versuchen als bisher.

Bevor ich das aber tue, möchte ich mich gegen eine Darstellung von Ihnen - und vor allem gegen die in ihr enthaltene Wertung - wehren. Sie schreiben:

"Sie haben recht, ich habe es tatsächlich ein wenig unwohl definiert formuliert, indem ich das Wort “lernen” mit einbezogen haben. Denn man muss durchaus unterscheiden ob man etwas lernt, dass allgemein schon bekannt ist, oder ob man etwas völlig neues lernt. Der erste Fall genügt damit der Pädagogik, der zweite ist aber dann genauso ein Fall der Wissenschaft."

Wissenschaft erscheint hier als etwas Höherwertiges, indem sie Fragen beantwortet, die noch völlig neu sind, während andere Fragen für die Pädagogik "genügen". Demgegenüber möchte ich darauf hinweisen, dass eine "neue Welt" entsteht, wenn ein Individuum etwas lernt und dass das ein großartiges Ereignis ist, ebenso großartig wie wenn die Wissenschaft eine Frage für die Menschheit beantwortet, die noch niemand zuvor beantwortet hat. Für den Einzelmenschen ist ja alles, was er lernt, neu. Damit nehme ich auf Ihre Unterscheidung Bezug, wonach es Fragen gibt, die ganz neu beantwortet werden, während die Antworten auf andere Fragen "allgemein bekannt" seien. Ich würde mal sehr stark bezweifeln, dass wirklich allgemein bekannt ist, was als allgemein bekannt gilt. Mit Ihrer Unterscheidung tun Sie ja so, als ob das Individuum wissen könnte, was es noch nicht weiß und zu lernen noch nötig hat - was nicht zutrifft. Auch Lernen ist also nicht bloß das Aufnehmen von etwas, das schon allgemein bekannt ist, sondern Lernen ist selbst neue Erkenntnis (für das lernende Individuum) - und zwar auch dann, wenn es sich um eine Frage handelt, die von der Wissenschaft schon beantwortet ist.

Nun zur versprochenen Denkanregung. Sie schrieben, was die beiden Arten von Fragen betraf:

"Einzig und allein die Auswahl der Fragen unterscheidet die beiden, so versucht die Wissenschaft die “greifbaren” Fragen die sich direkt vor uns offenbaren zu beantworten, wären Philosophie sich jenen Fragen nähert, die wir nicht sofort erkennen."

Niklas Luhmann war genau der umgekehrten Meinung; er dachte, dass Wissenschaft die Spezialisierung immer weitertreibt, sodass sie sich mit Fragen beschäftigt, die immer weniger greifbar sind. Er schrieb:

"In der Perspektive einer seit der Antike wichtigen Unterscheidung von sicherem Wissen (epistéme) und Meinungswissen (dóxa) könnte man zunächst vermuten, wissenschaftliches Wissen unterscheide sich vom Alltagswissen durch einen höheren Grad an Gewißheit. [...] Aber das Gegenteil trifft zu. Das wissenschaftliche Wissen ist weniger sicher als das Alltagswissen. In der Interpretation von Wahrnehmungen des Alltags entstehen normalerweise keine Zweifel. Eine Rose, die man sieht, ist eine Rose, oder jedenfalls doch eine Blume. Ganz anders die Interpretation der Ergebnisse von Experimenten oder sonstigen wissenschaftlichen "Daten"." (Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990), S. 325).

Also im Alltag beschäftigt man sich mit denjenigen Dingen, die man vor der Nase hat; die Wissenschaft hingegen beschäftigt sich mit immer ausgesuchteren Fragen zu immer kleineren Dingen (=also die Fragen werden immer mehr zu Detailfragen).

Das Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit ist für Luhmann daher auch nicht Erkenntnis, sondern "Steigerung des Auflöse- und Rekombinationsvermögens"(Ebd., S. 326). Das heißt: Wissenschaft zerfutzelt die Dinge immer weiter. Hat sie eines erkannt, bleibt es keine Erkenntnis, sondern wird weiter in Teile aufgespalten (z.B. wurde das Atom von der Wissenschaft aufgespalten in den ganzen Teilchenzoo, den wir jetzt haben).

Wo die Wissenschaft also hinarbeitet, das ist nicht die Erkenntnis von Dingen, sondern reine "Kombinatorik" (Ebd., S. 327). Luhmann geht sogar soweit zu sagen, Wissenschaft, die das erkannt hat, dürfe sich nicht mehr als Naturwissenschaft verstehen (Ebd., S. 330). Warum nicht? Nun, weil sie doch alle Natur auflöst in immer kleinere Elemente, bis von den Dingen nur noch Rekombinationsregeln und Mathematik übrigbleiben - aber keine Dinge mehr.

Aber wenn das so ist: Kann man dann noch sagen, dass die Wissenschaft überhaupt irgendwelche Fragen "beantwortet"?

Schöne Grüße
philohof

26.02.11 @ 20:51
Kommentar von: Max [Besucher]
Zunächst möchte ich das Missverständnis ausräumen, dass ich eine der Praktiken eine Wertung legen würde! Ich schrieb, dass sich die Fragen unterscheiden, jedoch nie, dass es in irgend einer wichtiger wäre nicht gelöste Frage zu beantworten als anderen allgmein bekannte näher zu bringen. Ich bin davon überzeugt, dass Wissenschaft, Philosophie und Pädagogik alle drei völlig gleichwertig und auch gleich wichtig sind. Weiter möchte ich wiederholt betonen, dass ich denke, dass alle diese drei Praktiken sehr stark verzahnt sind, weshalb ich nur eine Unterscheidung der Art der Fragen betrachte.
Nun schrieben bzw. zitierten Sie, dass Wissenschaft Fragen immer weiter zerstückelt. Und da geben ich ihnen recht, dass tut sie tasächlich. Doch geschieht nicht etwas vergleichbares in der Philosophie? Alleine unsere kleine Argumentation bringt hunderte von neuen Fragen auf und wir müssen immer neue Aspekte betrachten.
Ich begrüße dies, sowohl in Wissenschaft als auch in Philosophie. Würden keine neuen Fragen aufkommen, dann muss man davon ausgehen, dass einem die Fragen irgendwann ausgehen könnten, was schlecht für beide Praktiken wären. ;-)
Zum Schluss möchte ich nun auch ihnen einen möglichen neuen Aspekt aufzeigen. Sie schreiben immer, dass Wissenschaft Fragen für die Menschheit beantworten will und zeigen dies als eine negative Eigenschaft auf, die, so scheint es, Wissenschaft weniger sinnvoll als die anderen Praktiken macht, ja fast schon sinnlos.
Doch braucht es keine Menschheit um Wissenschaft zu betreiben, denn auch ein Individuum kann ganz für sich allein wissenschaftliche Fragen haben, und auch die darauß resultierenden Detailfragen können von großem persönlichem Interesse sein.
Abschließend noch eine eigene Korrektur. Ich habe immer die Fragen allgemein unterschieden, doch wird mir nun umsomehr klar, dass wir die Klassifizierung in jedem Universum neu stellen müssen. Wenn also jemand aus eigenem Interesse, in meinem ersten Kommentar nannte ich es Forschergeist, etwas untersucht, dann kann dies für ihn Wissenschaft sein, auch wenn die Frage eventuell schon irgendwo gelöst ist. Kommt jedoch jemand dazu, der die Frage bereits gelöst hat und nun hilft sie der forschenden Person näher zu bringen, dann ist dies Pädagogik. Untersucht der forschende eine Frage die nicht greifbar ist, wie ich es im ersten Kommentar nannte, dann ist es nicht Wissenschaft sondern Philosophie. Doch auch hier kann aus Philosophie wieder Pädagoik werden. Diese Szenarien können nun ineinander übergehen, wenn mehre Individuen in Interaktion stehen. Das zwingt uns dazu, dies in allen Szenarien einzeln zu betrachten.
27.02.11 @ 12:39
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Meinetwegen, lieber Max, alles, was Sie wollen!

Ob Ihnen andere Menschen allerdings auch zugestehen werden, dass ein Mensch, der sich mit Fragen beschäftigt, die schon gelöst sind, Wissenschaft treibt, möchte ich bezweifeln.

Ein jeder Mensch darf sich natürlich die Dinge selbst einteilen bei Gefahr, mit den herrschenden Anschauungen und Verhältnissen zu kollidieren.
27.02.11 @ 14:11
Kommentar von: Gisela Hospes [Besucher] E-Mail
Lieber philohof, liebe philosophisch interessierte Leserinnen,

Mein Leben lang habe ich mich mit philosophischen Fragen beschäftigt, mich nicht mit dem zufrieden gegeben was mir
als Weisheit letzter Schluss von der Wissenschaft vorgesetzt wurde.
Aber ich habe immer das Problem, das ich keine Gesprächspartner finde, weil alle danach fragen was ich studiert habe und auf welche Expertenmeinung ich meinen Gedankengang gründe.
Und ich werde zugetextet damit, was dieser und jener dazu geschrieben hat.
Viele Jahrzehnte habe ich die in mir immer weiter bohrenden Fragen mit Alltagsaktivitäten zugeschüttet.
Jetzt ist aber für mich die Zeit gekommen mich darauf einzulassen, zu versuchen ihnen näher zu kommen, mögliche Antworten zu finden.
Und ich hoffe, ich finde auch Menschen, mit denen ich mich über philosophische Fragen austauschen kann.

mit lieben Grüßen
Gisela Hospes
16.10.16 @ 12:13

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