Die Kritik des logischen Denkens

von philohof E-Mail

Gerd Gigerenzer: Rationality for Mortals. How People Cope With Uncertainty. Oxford University Press, New York 2008.

 

Ich möchte hier in einer kurzen Notiz festhalten, warum dieses Buch besonders wichtig für mich ist.

 

Das Negative jedoch zuerst: Die Texte des Buchs (13 Stück) sind überarbeitete Versionen von Artikeln und Buchkapiteln Gigerenzers (samt Koautoren), die zuvor woanders erschienen sind. Deshalb sind die einzelnen Buchkapitel von sehr unterschiedlichem Anspruch und unterschiedlich geeignet oder nicht geeignet für ein Einführungsbuch in die Heuristik, was dieses Buch ja durchaus sein will. So musste ich z.B. beim 3. Kapitel „Rules of Thumb in Animals and Humans“ ziemlich durchbeißen und habe trotzdem nicht viel davon gehabt. Kritik Ende.

 

Was dieses Buch so außerordentlich wichtig für mich macht, ist, dass es das logische Denken kritisiert, ohne dafür zur Esoterik rekurrieren zu müssen. Z.B. so:

 

Das LINDA-Problem (S. 70f.) sieht so aus: Linda ist 31 Jahre alt, Single, sehr offen und gescheit. Sie hat Philosophie studiert. Als Studentin interessierte sie sich sehr für Diskriminierung und soziale Gerechtigkeit und hat an Anti-Atom-Demonstrationen teilgenommen. Welche von den beiden Alternativen ist wahrscheinlicher:

- Linda ist Bankangestellte.

- Linda ist Bankangestellte und ist aktiv in der feministischen Bewegung.

 

Die korrekte Antwort ist natürlich „Linda ist Bankangestellte“. Der Grund dafür ist, dass die Gruppe der Bankangestellten die größere Gruppe ist. Und falls Linda auch Bankangestellte und aktiv in der feministischen Bewegung sein sollte, dann ist sie auch immer noch Bankangestellte. Oder formallogisch notiert: p(A)≥P(A&B).

 

Jetzt verhält es sich aber so, dass viele Menschen dieses Problem trotzdem mit „Linda ist Bankangestellte und ist aktiv in der feministischen Bewegung“ beantworten. Warum tun sie das? Denken sie unlogisch? Gigerenzer meint, nein: Wir Menschen denken nicht logisch, sondern kontextsensitiv. Und der Kontext ist hier die Gesprächssituation, in der uns jemand eine Geschichte über eine Linda erzählt, die wir nicht kennen. In einer solchen Gesprächssituation wirkt das heuristische Prinzip der Relevanz, welches besagt: Die Geschichte von Linda muss relevant sein für die Auffindung der korrekten Antwort. Ergebnis der Untersuchung: Die untersuchten Personen, die die logisch falsche Antwort gegeben haben, haben nicht unlogisch geantwortet, sondern die ForscherInnen, die die Frage gestellt haben, haben ein grundlegendes Prinzip menschlicher Kommunikation verletzt: das Relevanzprinzip.

 

Kürzer gesagt: Wenn sie von uns wissen wollten, ob Linda eher Bankangestellte oder Bankangestellte und Feministin ist, hätten sie uns die ganze Geschichte vorher nicht zu erzählen brauchen.

 

Ein anderes Beispiel ist die Bayessche Logik (S. 130): Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Brustkrebs hat, beträgt 0,8%. Wenn sie Brustkrebs hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine positive Mammographie hat, 90%. Wenn sie nicht Brustkrebs hat, ist die Wahrscheinlichkeit für eine positive Mammographie 7%. Eine Frau hat eine positive Mammographie. – Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Brustkrebs hat?

 

Viele Menschen – auch ÄrztInnen – kennen sich bei einer solchen Problemstellung nicht aus und schätzen bei der Wahrscheinlichkeit, dass die Frau mit dem positiven Testresultat Brustkrebs hat, weit daneben. Gigerenzer schlägt „natural frequencies“ (natürliche Häufigkeiten) vor, dabei werden einfach alle oben genannten Zahlen auf eine Menge von 1000 Frauen bezogen:

 

8 von 1000 Fragen haben Brustkrebs. Von diesen 8 Frauen mit Brustkrebs haben 7 eine positive Mammographie. Von den übrigen 992 Frauen, die keinen Brustkrebs haben, haben 70 ebenfalls eine positive Mammographie. Nimm nun die Gruppe mit positiven Mammographien: Wie viele Frauen davon haben Brustkrebs? Das sind 7 Frauen von 77 oder ca. 9%.

 

Na also, es geht doch, wenn man uns nicht zusätzlich verwirrt. Und warum ging es vorher so schwer? Es ging deshalb so schwer, weil die Prozentzahlen sich jeweils auf unterschiedliche Referenzklassen bezogen: Also die 90% (die sog. Sensitivität des Brustkrebstests) bezog sich auf die Klasse von 8 Frauen, die 7% (die sog. Spezifität des Brustkrebstests) bezog sich auf die Klasse von 992 Frauen.

 

Die Anwendung der natürlichen Häufigkeiten nennt Gigerenzer übrigens „ökologisches Denken“. Damit ist kein Umweltschutzdenken gemeint, sondern die Tatsache, dass die Informationen in der richtigen Ordnung bei uns ankommen müssen, damit wir sie verstehen können. Wenn wir die Zahlen also in natürliche Häufigkeiten zurückübersetzen, dann nehmen wir die sie so wahr, wie wir es gewohnt sind, sie wahrzunehmen (wie wir gewohnt sind, Häufigkeiten in unserer Umwelt wahrzunehmen). Der Gegenvorschlag zum logischen Denken würde also lauten: ökologisches Denken!

 

Das wichtigste Kapitel dieses Buchs ist für mich das 4. „I Think, Therefore I Err“ (Ich denke, also irre ich), in welchem Gigerenzer einen Begriff einführt, der für WissenschaftlerInnen furchtbar sein muss, den des „good errors“. Z.B. Wahrnehmungsirrtümer sind solche guten Irrtümer, sie sind eine notwendige Konsequenz einer hocheffizienten Wettmaschine in einer unsicheren Welt (S. 68). Damit ist gemeint, dass unsere Augen uns die Dingen nicht so sehen lassen, wie sie wirklich aussehen, sondern etwa dabei annehmen, dass das Licht immer von oben kommt, was aber nicht immer der Fall sein muss. Das heißt, sie können sich irren, trotzdem behauptet Gigerenzer, dass ein Wahrnehmungssystem, das keine Irrtümer begehen würde, kein intelligentes System wäre.

 

Er fragt in dem Kapitel auch, warum wir vergessen (Vergessen – das ist ein weiteres Schreckwort für die Wissenschaft), und meint, dass eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne durchaus positive Effekte haben kann. Begrenztes Kurzzeitgedächtnis wirkt wie ein Filter, der es kleinen Kindern ermöglicht, die Sprache sehr effizient zu erlernen. Dafür müssen die Eltern freilich „baby talk“ mit ihnen sprechen. Nichtsdestotrotz, die Methode wirkt: Ältere Sprecher mit voll ausgebildeten mentalen Kapazitäten schaffen es nicht mehr, eine Sprache mit allen ihren Feinheiten zu erlernen. Weniger kann mehr sein, aber das sei, so Gigerenzer, „hard to swallow“.

 

Wie soll ich es beschreiben? Das Buch hat sich angefühlt, wie wenn mir ein tonnenschwerer Stein, der auf mir liegt, von der Brust gehoben wird und ich wieder atmen kann.

 

Diese Wirkung auf mich hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Gerd Gigerenzer mich mit seinem Buch Rationality for Mortals bei einem Projekt von mir unterstützt, bei dem mir immer erscheint, dass ich dafür kaum Verständnis und Unterstützung bei meinen Zeitgenossen finden kann: dem Projekt, dem Menschen ein bisschen von seiner Würde wieder zurückzugeben, welche ihm die Disziplin der Logik und die Wissenschaft genommen haben.

6 Kommentare

Kommentar von: der blinde Hund [Besucher] · http://derblindehund.wordpress.com/
Vielen Dank für diese sehr interessante Rezension. Eine Kritik bzw. vielmehr eine Frage dazu habe ich aber doch: Ist es denn wirklich so, dass Gigerenzer die Geltung der Logik relativiert, so wie Sie es anzudeuten scheinen (wenn ich Sie richtig verstehe, gerade auch im Hinblick auf Ihren Schlusssatz)? Die Personen, die im Linda-Fall zur längeren Antwort tendieren, verletzen ja keine logischen Regeln, d.h. sie haben m.E. keine "logisch falsche Antwort gegeben". Von den Prämissen, die Lindas Vorgeschichte bereitstellt, könnte man ohne logische Fehler zu der Überzeugung kommen, dass Linda wahrscheinlich zugleich Bankangestellte und in der feministischen Bewegung ist. Die Leute, die so antworten, wenden vielmehr die Regeln für die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten falsch an, und der Grund dafür, den Sie bzw. Gigerenzer geben, klingt ja auch sehr plausibel, nämlich Anwendung des Relevanzprinzips. Nur scheint mir bei all dem klar zu sein: Regeln für die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten sind verschieden von logischen Regeln.

Vermutlich hat Gigerenzer einen Begriff von Rationalität, der das korrekte Anwenden von logischen Regeln und Regeln anderen Typs in sich versammelt. Zu den anderen Regeln gehören z.B. Ökonomieprinzipien wie "Ockhams Razor", aber auch solche Regeln wie die der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wer häufig gegen Prinzipien der letzteren Art verstößt, handelt möglicherweise nicht vollständig rational in dem Sinne, den ich Gigerenzer gerade zugeschoben habe - aber er muss deswegen nicht unlogisch handeln bzw. denken.

Vielleicht könnten Sie noch kurz etwas dazu schreiben, was Gigerenzer unter "Rationalität" versteht?

Viele Grüße,
- dbH
11.11.12 @ 13:40
Kommentar von: Kim Bera [Besucher] E-Mail · http://www.kimberra.wordpress.com
Danke für die interessante Rezension. Ich kann nur sagen, ich würde Sie gerne in Ihrem Projekt unterstützen, dem Menschen Würde zu geben, wo aktuell erfolgreiche Varianten von Rationalität sie ihm/ihr nehmen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob viele Wissenschaftlicher_innen tatsächlich den Irrtum nicht zu schätzen wissen. Aber sie werden wohl oft behaupten, dass er nicht Zeichen von Intelligenz ist - hier würde ich Ihnen und offenbar Griegenzer vorbehaltlos zustimmen. Ich denke dabei besonders an die alte Idee von der Wissenschaft als Praxis, wobei Praxis ja nie ohne Try and Error auskommt.

Hat Griegenzer denn auch eine Vorstellung von Würde, und wenn ja, welche?
17.11.12 @ 13:34
Kommentar von: kynischetonne [Besucher] · http://kynischetonne.wordpress.com/
Ich finde die Vorstellung dieses interessanten Buches durch philohof sehr erfrischend und ich kann auch beileibe das befreiende Gefühl, das er beim Rezipieren hatte, verstehen.

Die Vorherrschaft der Rationalität einer scheinbar gut "durchdachten" Welt mit dem unbändigen Bedürfnis ihrer Kontrolle und das intuitive Gefühl, das dieser Umstand irgendwie eindimensional sein muss. Die Rationalität als Mittel, aber zu welchem Zweck?

Die Kritik daran ist gut, aber nicht wirklich neu. Viel wichtiger ist die Frage, was nach der Kritik des logischen Denkens kommen soll. Schön wäre es, wenn man nach der vielen Erkenntnistheorie wieder zu den Ursprüngen der Philosophie zurückkehren würde, nämlich der Liebe zur Weisheit oder besser der Liebe zur "Liebesweisheit". Denn Wissen ist schön und gut, aber nicht Sinn und Zweck von allem.
19.11.12 @ 01:33
Kommentar von: kynischetonne [Besucher] · http://kynischetonne.wordpress.com/
Ich finde die Vorstellung dieses interessanten Buches durch philohof sehr erfrischend und ich kann auch beileibe das befreiende Gefühl, das er beim Rezipieren hatte, verstehen. Die Vorherrschaft der Rationalität einer scheinbar gut "durchdachten" Welt mit dem unbändigen Bedürfnis ihrer Kontrolle und das intuitive Gefühl, das dieser Umstand irgendwie eindimensional sein muss. Die Rationalität als Mittel, aber zu welchem Zweck? Die Kritik daran ist gut, aber nicht wirklich neu. Viel wichtiger ist die Frage, was nach der Kritik des logischen Denkens kommen soll. Schön wäre es, wenn man nach der vielen Erkenntnistheorie wieder zu den Ursprüngen der Philosophie zurückkehren würde, nämlich der Liebe zur Weisheit oder besser der Liebe zur "Liebesweisheit". Denn Wissen ist schön und gut, aber nicht Sinn und Zweck von allem.
19.11.12 @ 01:34
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo blinder Hund,
Ihre Frage lässt sich nicht kurz beantworten. Zuviel steckt in ihr drin. Darf ich mir aber doch erlauben, den Eindruck zu äußern, dass Sie irgendwie auf der falschen Fährte sind, wenn sie fragen, ob Gigerenzer die Logik relativiert? Das klingt mir nach jemandem, der in seinen alten Überzeugungen verhaftet ist (Die Logik muss uns erhalten bleiben!) und sich aus dem Grund mit neuen Inhalten schwer tut.
Natürlich relativiert Gigerenzer die Logik nicht. Wie könnte man sie auch relativieren? Worum es ihm zu gehen scheint, davon ist viel in Kapitel 5 des besprochenen Buchs "Striking a Blow for Sanity in Theories of Rationality" (S. 80-91) die Rede. Gigerenzer ist gemeinsam mit Herbert Simon der Ansicht, dass unsere Rationalitätskonzepte "insane" sind. Anstatt Heuristiken anzuwenden, setzen wird "as if-models" an. "As if-models" sind solche, wo man fragt: Was täte der Mensch, wenn er alle Zeit der Welt hätte und kostenlos alle Informationen bekommen könnte, die er braucht und die rechnerische Fähigkeit besäße, sie zu verarbeiten? Also wir setzen einen Menschen an, den es in der Realität gar nicht gibt. Bestes Beispiel: der rational handelnde Nutzenmaximierer in der Ökonomie. Und ein solches Vorbild nennen wir dann Rationalität. Während alles, was davon abfällt (nämlich wie die Menschen unter Beschränkung von Zeit, Informationen und Denkkapazität wirklich handeln) uns als defizient und bestenfalls als zweitklassige Lösung erscheint: "Studying ecological rationality [...] is important for freeing the concept of heuristics from the flavor of always being the second-best solution. [...] "As if" may well turn out to be the second-best solution." (S. 90)
Lieben Gruß
philohof
19.11.12 @ 22:44
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

ein sehr interessanter Artikel. Ich glaube ich sollte wirklich einmal Lebenszeit für dieses Buch aufwenden.

Inhaltlich vielleicht noch zum LINDA-Experiment und dem Kommentar von blinder Hund: Ich denke nicht, dass Menschen hier Wahrscheinlichkeiten falsch anwenden, sondern - wie Gigerenzer auch schreibt - eine kontextsensitive Formel anwenden. Eine davon ist bekannt unter der "bedingten Wahrscheinlichkeit"
P(A | B)
Also die Frage
"Wie wahrscheinlich ist A, wenn ich schon weiß dass B eingetreten ist".
Das setzt natürlich voraus, dass A und B in einem gewissen Zusammenhang stehen (also vor allem eine Schnittmenge haben). Die Schnittmengen im LINDA-Beispiel könnte man dann so formulieren: "Es gibt Menschen, welche an Atom-Demos teilnehmen und feministisch aktiv sind" als auch "Es gibt Menschen, welche sich für Gerechtigkeit interessieren und feministisch aktiv sind". Da gerade die letzte Schnittmenge wohl als intuitiv groß eingeschätzt wird, wird wohl auch die bedingte Wahrscheinlichkeit in Variante b) höher eingeschätzt.

Der Idee, dass oftmals ein idealisierter Mensch in Diskussionen und Gesprächen zu Themen angesetzt wird kann ich sehr gut nachempfinden. Schon oft ist mir hier eine form von "ultimativer Rationalität" untergekommen, welche streng genommen nur im Perfektionismus mündet - und hier macht man sich dann selbst kaputt für ein bestimmtes Ideal.

Die Frage, in wie weit Wahrscheinlichkeitstheorie mit Logik zusammenhängt, wie es uns in Fächern präsentiert wird, ist auch für mich sehr interessant. Nicht nur diese Teildisziplinen sondern auch andere Bereiche der Mathematik scheinen erstaunliche Ähnlichkeiten zu besitzen.

Viele Grüße
Ihr Vogt
10.07.15 @ 17:10

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