Die Schule des Aneinandervorbeiredens

von philohof E-Mail

Link: http://www.philohof.com/philosophie/arbeitsblaetter/arbeitsblatt-isaiah_berlin-sinn_der_philosophie.pdf

Neulich habe ich in meinem Bücherregal ein älteres Exemplar der Deutschen Zeitschrift für Philosophie gefunden (Heft 5, 1999). Weil sich darin ein Schwerpunkt „Wozu Philosophie? Antworten des 20. Jahrhunderts in der Diskussion“ befindet, habe ich begonnen, darin zu lesen. Bis ich schließlich alle vier Artikel des Schwerpunkts durchgelesen hatte. Und dann habe ich mich über sie gewundert. Davon möchte ich hier kurz berichten.
Am Anfang des Schwerpunkts steht der Artikel von Isaiah Berlin: „Über den Sinn von Philosophie“ (S. 833-842). Er ist schon älteren Datums, aus dem Jahr 1962. Seinen Inhalt habe ich in einem meiner „philosophischen Arbeitsblätter“ zusammengefasst (siehe obenstehenden Link).
Um ihn noch einmal, noch kürzer, zusammenzufassen: Berlin ist, oder war 1962, der Meinung, der Gegenstand der Philosophie lasse sich dadurch bestimmen, indem man schaut, welche von allen existierenden Fragen philosophische Fragen sind. Diese philosophischen Fragen findet er als Restmenge, indem er nach solchen Fragen sucht, mit denen sich sonst noch niemand beschäftigt: Die Naturwissenschaften beschäftigen sich mit empirischen Fragen, die Mathematik und die Logik beschäftigen sich mit formalen Fragen, und diejenigen Fragen, die weder zu den empirischen noch zu den formalen Fragen gehören, überantwortet er der Philosophie.
In einem zweiten Schritt sagt er, wie philosophische Fragen entstehen: Ähnlich den Kantischen Kategorien tragen wir alle „Begriffsbrillen“, die sich von Kultur zu Kultur, von Epoche zu Epoche und manchmal auch von Mensch zu Mensch unterscheiden, und mit diesen fassen wir bestimmte Phänomene in der Welt unterschiedlich auf. Weil wir mit den Begriffsbrillen sehen, sehen wir sie selbst nicht, sie sind uns also unbewusst. Und der Philosophie kommt nun die Aufgabe zu, uns unsere begrifflichen Brillen zu Bewusstsein zu bringen, damit wir uns angemessenere Vorstellungen von der Realität machen können.
Berlin hat auch eine Vorstellung davon, wozu diese Arbeit der Philosophie gut sein soll: Die Modelle, also unsere Begriffsbrillen, mit denen wir die Welt sehen, stehen oft in Konflikt miteinander. Wobei uns die Ursachen für unsere Meinungsverschiedenheiten aber oft verborgen bleiben, was an unseren Begriffsbrillen liegt, die wir ebenfalls nicht sehen können. Philosophie könne nun, meint Berlin, indem sie die verborgenen Kategorien und Begriffe, in denen wir bestimmte Sachverhalte denken, ans Licht zieht, zur sozialen und politischen Verständigung beitragen.
Soweit der Vorschlag Isaiah Berlins zum Sinn der der Philosophie.
Meine eigene Meinung zu diesem Vorschlag ist, dass ich ihn nicht gut finde: Er orientiert sich an denselben Kategorien und Institutionen, welche die Philosophie in die bemitleidenswerte Situation gebracht haben, in der sie heute steckt, und schlägt eine Lösung vor, die wiederum auf derselben sozialen und institutionellen Ebene angesiedelt ist und wenig Chancen auf Erfolg hat. Anders ausgedrückt: Berlins Vorschlag entstammt seiner Erfahrung der akademischen Philosophie und reagiert auf den schleichenden Bedeutungsverlust der Philosophie in diesem Feld, indem er versucht, die Philosophie innerhalb dieses Felds neu zu positionieren und dabei von der Frage ausgeht: Ja, welche Themen oder Fragen hat man uns denn zur Bearbeitung überhaupt noch übriggelassen?
Ein solches Konzept von der Aufgabe der Philosophie habe ich schon als Philosophiestudent abgelehnt, als ich mir überlegt habe, wozu denn das alles eigentlich gut sein soll, mit dem ich mich tagtäglich beschäftige.
Gut. Nun ist es aber so, dass man sagen könnte, Berlins Vorschlag bezüglich der Aufgabe und des Sinns der Philosophie ist zwar lau, aber überraschend ist er nicht. Er befindet sich im Bereich des Erwartbaren angesichts einer im 20. Jahrhundert als Fach und als akademische Disziplin von den anderen Fächern in die Ecke gedrängten Philosophie.
Interessant ist nun, was die anderen Autorinnen und Autoren im Schwerpunkt des Hefts Nr. 5/1999 zu Berlins Vorschlag sagen oder nicht sagen. Deren Beiträge sind offenbar jüngeren Datums, und sie haben alle Berlins Aufsatz – bzw. seine Meinung zur Philosophie, wie er sie auch in anderen Schriften geäußert hat – zum Thema. Leider weiß ich nicht, wie dieser Heftschwerpunkt zustande gekommen ist, denn das Heft enthält kein Vorwort, in dem darüber berichtet würde.
Der erste Antwortartikel stammt von Onora O’Neill (Cambridge) und trägt den Titel: „Vom Positivismus zum Pluralismus“ (S. 843-850). O’Neills Aufsatz hat nur den einen Zweck, Berlin vor dem Vorwurf zu verteidigen, ein Relativist zu sein, was im akademischen Feld offenbar etwas recht Schlimmes ist. Zu dieser Aufgabe gelangt sie dadurch, dass Berlin ein Pluralist ist – denn er schlägt ja der Philosophie vor, zwischen verschiedenen Anschauungen zu vermitteln, ohne von vornherein davon auszugehen, dass nur eine von ihnen richtig sein kann und alle anderen notwendigerweise falsch sein müssen. Ihre Aufgabe sieht sie folglich darin zu erklären, wie man ein Pluralist sein kann, ohne gleichzeitig auch ein Relativist zu sein.
Der zweite Antwortaufsatz stammt von Robert B. Pippin (Chicago) und trägt den Titel: „Philosophie und geschichtlicher Wandel. Wie zeitgemäß ist Isaiah Berlins Kulturphilosophie?“ (S. 851-860). Diesen Artikel musste ich zweimal lesen, bevor ich ihn verstanden habe, so ungreifbar war sein Inhalt für mich. Am Ende glaube ich verstanden zu haben, dass Prof. Pippin sich daran stört, dass Berlin meint, wir Menschen hätten unsere Ansichten über die Welt in einer natürlichen Weise, analog zu den Wahrnehmungskategorien Kants. Wenn das nämlich so ist, dann können wir aus ihnen nicht heraus; Meinungsänderung durch rationale Diskussion ist nur möglich, wenn unsere Meinungen begriffliche und kulturelle Konstrukte sind und wir ihnen nicht völlig ausgeliefert sind.
Mir ist eigentlich nicht einmal klar, ob das, was Pippin in seinem Aufsatz sagt, denn nun eine Kritik an Berlin ist oder nicht vielleicht doch nur eine Ergänzung. Denn Berlin brachte in seinem Text seine Auffassung über die Struktur philosophischer Fragen (also die Idee, dass wir Vorstellungen von den Dingen haben, die durch andere, grundlegendere Vorstellungen bedingt sind) anhand eines Vergleichs mit der Erkenntnistheorie Kants vor, nahm danach jedoch nicht noch zusätzlichen Raum in Anspruch, um diesen Vergleich ausführlich zu erläutern. Was er allerdings von Berlins Vorschlag hält, erfährt man aus Pippins Artikel nicht.
Der dritte Antwortartikel stammt von Susan Neiman (Tel Aviv) und trägt den Titel: „Mit der Weisheit liebäugeln. Isaiah Berlins Essay „Über den Sinn von Philosophie““ (S. 863-871). Dieser Aufsatz warf mich fast vom Hocker. Der Grund dafür liegt aber nicht in seinem Inhalt oder in Neimans eigener Vorstellung von Aufgabe und Zweck der Philosophie, sondern in der großen Anzahl persönlicher und beleidigender Bemerkungen, die gegen Berlin gerichtet sind und die den gesamten Aufsatz durchziehen.
Z.B. beginnt sie ihren Text damit, dass sie sagt, Berlins Fragestrategie nach dem Gegenstand der Philosophie könnte interessant sein, wenn sie „durch einen nachdenklichen Impuls geleitet [wäre]“ (S. 863). Bitte, ich weiß ja nicht, was sie damit meint, aber die Aussage macht einen peinlichen Eindruck auf mich. Sie wirft Berlin vor, dass er einen „verengten Begriff vom Gegenstand der Philosophie“ habe (S. 866), dass seine Überlegungen zur Philosophie „immer wieder verpaßten Gelegenheiten“ gleichen (S. 869), dass es Berlins Werk an Tiefe mangle (S. 870) und dass Hannah Arendt tote Bücher sogar in print zum Leben erwecken konnte, was Berlin nicht schaffe (S. 871).
Und worin besteht nun Neimans Begriff von Aufgabe und Zweck der Philosophie? Sie hat keinen. Stattdessen schlägt sie vor, die Philosophiegeschichte daraufhin zu befragen, welche Fragen verschiedenen Philosophen unterschiedlicher Epochen als philosophische Fragen erschienen waren.
Das ist nun ein Vorschlag, dem sich ein Mensch, der immer gern Neues dazulernt, nicht verschließen wird. Aber dieses Programm als vollwertige Alternative zu sehen zu einem eigenen Philosophiebegriff, den man sich selbst gemacht hat, ist inakzeptabel. Soll er etwa bedeuten: Weil wir selbst gänzlich keine Vorstellung mehr davon haben, was Philosophie sein könnte und wozu sie gut sein sollte, forschen wir in der Geschichte der Philosophie nach und dokumentieren damit, dass wir selbst keine eigene Idee von der Philosophie haben? Und wenn wir die Geschichte der Philosophie dann beforschen, dann tun wir das ohne leitende Vorstellungen, weil wir ja kein eigenes Konzept von Philosophie haben? Und wenn wir die Geschichte der Philosophie dann beforscht haben, was geschieht danach? Denn wenn wir uns auf der Basis all dieses Forschungsmaterials nun doch eine neue, eigene Vorstellung von Philosophie machen wollten, dann müssten wir sieben und aussondern – aber nach welchen Kriterien?
(Ich selbst habe in meinem Studium an der Universität Wien, und zwar im Fach der Romanistik, eine ähnliche Strategie wie jene, die Neiman für die Philosophie vorschlägt, für die Literaturwissenschaft kennengelernt. Prof. Friederike Hassauer lehrte uns damals, das wird wohl etwa zwei oder drei Jahre vor Neimans Artikel gewesen sein, das Beste sei es zu sagen, wir wüssten nicht, was Literatur ist und erklärten anstatt dessen alle Texte zur Literatur. Man nennt das den Übergang von einem „intensiven“ zu einem „extensiven“ Literaturbegriff. Ich habe das damals als die Bemühung des Fachs Literaturwissenschaft um eine Ausweitung seines Kompetenzbereichs begriffen. Nicht länger zufrieden mit der Expertise über die „schöne und wertvolle“ Literatur hat man sich für alles Geschriebene zuständig erklärt und dadurch das eigene Fach, und damit auch die soziale Mächtigkeit desselben, über seine bisherigen Grenzen hinaus erweitert. Ein Ansatz, der mir zumindest aus machtpolitischen Gründen, wenn auch nicht aus sachlichen, einsichtig war.)
Nicht verstanden habe ich auch den Titel von Frau Prof. Neimans Aufsatz. Denn die Weisheit als Kategorie kommt in Berlins Aufsatz eigentlich nicht vor, und in Neimans Artikel kommt sie auch nur im allerletzten Satz vor, sozusagen um Berlin noch eine allerletzte Ohrfeige zu geben. Neiman sagt am Schluss ihres Texts, dass man „eine Idee lieben muß, um ernsthaft über sie nachzudenken“ und dass wir uns deshalb davor hüten sollen „mit [der Weisheit] zu liebäugeln“ (S. 871). Das verstehe, wer kann.
Soviel zum Inhalt der Antwortartikel auf Isaiah Berlins programmatischen Text.
Was mir nun bei der Lektüre der Artikel von O’Neill, Pippin und Neiman aufgefallen ist und was ich hier thematisieren möchte, ist Folgendes:
Wenn jemand z.B. einen Vorschlag bezüglich Aufgabe und Zweck der Philosophie macht, dann ist die Menge möglicher Antworten doch eigentlich nicht unendlich groß, sondern beschränkt.
Mögliche Antworten könnten beispielsweise sein:
• Toll, dein neues Konzept für die Philosophie ist super!
• Nein, wir brauchen kein neues Konzept von Philosophie! Wir haben doch schon eines, und das heißt so und so.
• Nein, dein Konzept von Philosophie ist so schlecht, dass ich lieber gar keines hätte als deines!
• Nein, dein Konzept ist mies, aber schau her, ich habe hier ein besseres!
• Ja, dein Konzept ist ein guter Ansatz, aber da und da hätte ich noch Verbesserungsvorschläge!
• Etc.
Wenn man sich die Aufsätze von O’Neill, Pippin und Neiman daraufhin durchliest, was sie denn nun wirklich von Berlins Vorschlag halten und welches Konzept von Philosophie sie selbst bevorzugen würden, dann findet man diesbezüglich keine Anhaltspunkte in ihnen.
Das aber ist insofern bemerkenswert, als wir es hier ja mit drei Philosophieprofessoren zu tun haben und ein Konzept von Philosophie eigentlich ihre Geschäftsgrundlage darstellt.
Ich war nach der Lektüre des Schwerpunkts im Heft 5/1999 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie frappiert, weil sie mich an eine eigene Erfahrung erinnerte, die ich oft und immer wieder mit akademischen PhilosophInnen gemacht habe. Nämlich die Erfahrung, dass ich ein Argument vorgetragen habe und mir ihre Reaktionen darauf nicht als Antworten auf meine Intervention erschienen sind. Es ist das so eine Erfahrung, bei der man sich fragt: „Spinne ich oder spinnen die anderen? Wer ist jetzt hier der Geisterfahrer?“
Daher ist es mir ein Anliegen, diesen Fall akademischer Themenverfehlung im Schwerpunkt „Wozu Philosophie?“ des Hefts 5/1999 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie hier einmal als Beispielfall vorzubringen, damit man versteht, was ich ungefähr damit meine, wenn ich sage, die Kommunikation mit akademischen Philosophen funktioniere nicht oder mit diesen Leuten könne ich aus irgendeinem Grund nicht reden. Irgendwie hätte ich den Eindruck, sie antworteten mir nicht auf das, was ich sage.
Zwar weiß ich, wie gesagt, nicht, wie dieser Themenschwerpunkt im genannten Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zustande gekommen ist. Aber dass da einer einen Vorschlag für ein Konzept von Philosophie macht und dann drei Personen unmittelbar auf diesen Vorschlag antworten, ohne dass man am Ende wüsste, was wir denn jetzt mit diesem Vorschlag machen sollen, ob wir ihn aufnehmen, verwerfen, verbessern oder durch einen anderen ersetzen sollen, ist, finde ich, schon ein starkes Stück. Und zwar eines, das, wie gesagt, exakt auch mit meinen eigenen Erfahrungen in der Kommunikation mit akademischen Philosophen übereinstimmt.

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