Die undifferenzierte Aufklärung

von philohof E-Mail

Das ist ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt. Grund genug, es hier einmal in Gestalt einer Notiz festzuhalten.

Die Aufklärung ist – entgegen der Meinung der meisten Menschen – keine rein positive Angelegenheit. Sie enthält zwei gegensätzliche Elemente, die aber nicht leicht sichtbar werden, weil wir nicht bereit sind, zwischen der Vernunft und dem menschlichen Gebrauch der Vernunft zu differenzieren.

Das positive Element der Aufklärung ist das Sapere aude! -, das „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Diesem Leitspruch von Kant möchte ich gern folgen. In ihm drückt sich die Befreiung des Menschen durch die Vernunft aus.

Das negative Element ist die Unterdrückung des Menschen durch die Vernunft. Die Vernunft kann nämlich auch unterdrücken. Und das kommt so: Wenn die Vernunft mich befreien kann, weil ich vernünftig denken kann und dadurch imstande bin, mich selbst in meinem Handeln zu leiten, so kann sie mich auf der anderen Seite auch unterdrücken, weil ich der Vernunft folgen muss, sobald ich ein vernünftiges Argument einmal eingesehen habe.

Merkwürdigerweise scheint Kant diese innere Widersprüchlichkeit des Konzepts der Aufklärung nicht gesehen zu haben. Seine Blindheit für dieses Faktum fand ihren hervorragendsten Ausdruck in der Formulierung des kategorischen Imperativs: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“. Kant scheint sich nicht überlegt zu haben, was mit dem kategorischen Imperativ passieren würde, wenn er im sozialen Zusammenhang gesellschaftlichen Handelns Anwendung fände.

Ich würde erwarten, dass Folgendes passiert: Zuerst einmal würde man feststellen, dass ein gewöhnlicher Mensch ja gar nicht dazu qualifiziert und ausgebildet ist zu wissen, was als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte. Sodann würde man vielleicht spezielle Studien einrichten, durch welche die Absolventen derselben das Zertifikat erhielten, zu Handlungen nach dem kategorischen Imperativ berechtigt zu sein. Diese würden in der Folge anderen Menschen als beratender Beruf zur Verfügung stehen und ihnen auf Anfrage schriftlich und mit Stempel bestätigen, dass eine bestimmte von ihnen intendierte Handlung im Einklang mit dem kategorischen Imperativ steht. Ohne vorherige Konsultation dieser Spezialisten dürfte man nicht mehr handeln.

Und/oder es würden Kommissionen gegründet, die entscheiden, welche Handlungsoption in bestimmten Fragen und bei Handlungen in bestimmten Situationen im Einklang mit dem allgemeinen Gesetz steht. (Wenn ich z.B. an die neue Kennzeichnungspflicht für Allergene auf Speisekarten denke, so habe ich ohnehin den Eindruck, als würde das Rezept der Handlungsteuerung von oben, also per Gesetz, heute zunehmend stärker verfolgt.) Aber eines würde ganz bestimmt nicht geschehen: Man würde den Einzelmenschen nicht alleine entscheiden lassen. Wenn etwas so Wichtiges wie die allgemeine Gesetzgebung auf dem Spiel stünde, würde man nie und nimmer den Einzelnen so handeln lassen, dass die Maxime seines Handelns zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte, sondern man würde ihm – aus Angst, er könnte eine bestimmte Handlungsweise durchsetzen, die man nicht haben will – sein Handeln wegnehmen, ihm seine Handlungsfähigkeit absprechen und ihm anstatt dessen vorschreiben, was zu tun sei.

Dass Kant das nicht gesehen haben könnte, ist etwas, das mich zutiefst verwundert: dass man nicht von jemanden verlangen kann, dass er autonom (selbstständig) und zugleich vernünftig handle. Denn sobald man verlangt, dass sein Handeln auch vernünftig sei, werden sich Andere einschalten, um danach zu fragen, ob dieses Handeln denn auch wirklich vernünftig sei und binnen kürzester Zeit wird er nicht mehr autonom sein. Weil sich nämlich die Beurteiler der Vernünftigkeit der Handlung einmischen und dem Handelnden ihre Vorstellungen von Vernunft aufdrängen. (Natürlich habe ich auch schon etwas zu diesem Thema geschrieben: MoralkEulen in die Ethik tragen. Studien über den Hang der Ethik zur Moral, S. 158ff.)

Was man daraus lernen könnte, ist: Vernunft und Vernünftig-Handeln-Wollen gehen nicht zusammen. Die Aufklärung setzt das aber ineins:

  • Wenn der Einzelmensch nachdenkt, bedient er sich seiner Vernunft;
  • und mit seiner Vernunft hat er zugleich Anteil an der Vernunft an sich, der Domäne für allgemeine Vernunftwahrheiten.

Diese Weigerung, zwischen der Vernunft und der menschlichen Vernünftigkeit zu unterscheiden – oder auch die Unfähigkeit, den Unterschied zwischen diesen beiden zu sehen, nenne ich die „undifferenzierte Aufklärung“.

Und diese undifferenzierte Aufklärung hat zu bekannten Problemen geführt, die allgemein als solche der „Moderne“ apostrophiert werden. Diese Probleme unterteilen sich, mit Anklang an einen Buchtitel von Elias Canetti, in solche der Masse und solche der Macht.

Fangen wir mit der Macht an. Ich habe bereits gezeigt, dass wir, wenn wir Anhänger der Idee der Vernunft sind, wenig Neigung haben werden, dem ungebildeten, schmutzigen Menschen, der keiner regelmäßigen Arbeit nachgeht, irgendwas entscheiden zu lassen. Die vernünftigen Entscheidungen sind sicherlich besser aufgehoben bei den gebildeten Menschen beziehungsweise in Institutionen, die Wissensressourcen als Grundlagen für Handlungsentscheidungen (Schulen, Universitäten, Ministerien) anhäufen. Der Ruf nach der Vernunft führt also paradoxerweise nicht zu einer Stärkung der Individuen als Handelnde, sondern zu ihrer Schwächung und Entmündigung.

Aber das ist noch nicht alles. Die Vision von vielen mehr oder weniger vernünftigen Menschen, die unkoordiniert handeln, führt zur Befürchtung von Chaos und Stagnation und in der Folge zum Ruf nach „dem starken Mann“. Diese Tendenz ist von der Struktur der Idee der Vernunft her verständlich: Da sie nur eine ist, sollte auch nur Einer regieren. Es kann ja auch nur Einer Recht haben; und wenn das so ist, werden ihn die Anderen mit ihren abweichenden Meinungen nur behindern.

Es mag für diejenigen, die diesen Umstand noch nie bedacht haben, übertrieben klingen, aber letztlich ist der Glaube an die Vernunft auch mit schuld am Aufstieg des Nationalsozialismus und am Zweiten Weltkrieg, denn hier wollte man einem Menschen so viel Macht geben, dass er durchsetzen konnte, was nottat. Freilich tat er dann auch sonst noch allerhand, was nicht vernünftig war; aber davon konnte man ihn dann schon nicht mehr zurückhalten, nachdem man ihm einmal die Macht überlassen hatte. Diese Bemerkung scheint mir notwendig zu sein, weil der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg allgemein als Ausdruck der Unvernunft angesehen werden, gewissermaßen als hätten sie nicht geschehen können, wenn die Menschen damals vernünftiger gehandelt hätten. Dass auch die Idee der Vernunft in den Weltkrieg geführt hat, wird gern übersehen. (Umgekehrt kann man die Rückkehr von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts zur parlamentarischen Demokratie in mehreren Staaten auch als ein gewisses Abrücken von der Idee der Vernunft sehen, denn hier erlaubt man es mehreren Parteien, in Parlament und Öffentlichkeit ihre Ideologien zu verbreiten, die nicht (alle) vernünftig sein können – allein schon deshalb, weil es mehrere sind.)

Während sich die Vernunft zur Macht gesellt, weil sie die stärkere ist, bleibt auf der anderen Seite der Einzelmensch übrig und wird zum atomisierten, beziehungslosen und ohnmächtigen Menschen in der Massengesellschaft. Die Ohnmacht des Einzelnen rührt nicht zuletzt daher, dass die Vernunft so hohe Anforderungen an ihn stellt, dass er ihnen nicht genügen kann. Diese Thematik ist in die politische und in die Sozialphilosophie eingegangen als das Drama des modernen Subjekts. Dieses Drama lässt sich so zusammenfassen, indem man sagt: Man hielt die Vernunft für ein so starkes Instrument zur Konstitution der eigenen Identität, dass man meinte, der Mensch könne auch klar denken, wenn er hungert und friert und sich um seine kranken Kinder sorgt. Das kann er natürlich nicht, aber der Begriff des Menschen als eines vernünftigen Tiers (animal rationale) scheint nahezulegen, dass alles, was der Mensch denkt und tut, auf jeden Fall immer vernünftig sein müsse, gleich wie es ihm sonst noch geht. In der Folge erwartete man vom einzelnen Menschen, dass er sich kraft seiner Vernunft selbst erschafft und sich eine eigene Identität zuschreibt, was er natürlich außerdem auch noch ganz alleine tun soll, denn die Vernunft ist ja nur eine und braucht daher keinen zweiten Menschen zur Beratschlagung.

Der Glaube an die Vernunft führt also auf der einen Seite zu einer (manchmal aber nicht immer wohlwollenden) Diktatur von oben und auf der anderen Seite zu atomisierten, ohnmächtigen Einzelmenschen in der Anonymität der Massengesellschaft.

Aus dem Grund glaube ich, man muss vor dem Glauben an die Vernunft warnen, selbst wenn man sich dadurch der Gefahr aussetzt, als Irrationalist, also als Anhänger des Unvernünftigen zu gelten.

Den Grund, warum man der Vernunft trotzdem distanziert gegenüberstehen sollte, noch einmal kurz zusammengefasst: Ich bin gut und gern bereit zu glauben, dass es auf der Welt vernünftig zugehen würde, wenn uns die Vernunft in Person begegnen würde. Aber angeleitet von unserem Glauben an die Vernunft begegnen wir ja nicht der Vernunft selbst, sondern unserer (gegenwärtigen) Vorstellung von der Vernunft. Und diese ist genauso beschränkt – um nicht zu sagen: blöd – wie wir selber. Daher kommt es, dass wir die Unvernunft finden, wenn wir die Vernunft suchen.

Und das einzige Gegenmittel, das es dagegen gibt, ist, zwar zu versuchen, vernünftig zu handeln (denn eine andere Möglichkeit haben wir nicht), aber vorsichtig dabei zu sein. Denn wer vernünftig im Sinne der „undifferenzierten Aufklärung“ handelt, ist wie jemand, der auf dem weißen Papier Pläne zeichnet, die in sich zwar schlüssig sein mögen, die aber zugleich viele Umstände der äußeren Realität, in der sie dann verwirklicht werden sollen, außer Acht lassen.

Meine Ausführungen haben nun nicht den Zweck, selbst einmal mit großen Begriffen wie „Moderne“ und „Postmoderne“ zu werfen; vielmehr bin ich eigentlich eher irritiert, wenn Philosophen und Kulturwissenschaftler das tun, weil ich ja eigentlich denke: Wir stehen heute immer noch ganz am Anfang der Aufklärung. Wir haben versucht, die Ideale der Aufklärung zu verwirklichen, aber es ist uns schlimm misslungen. Und eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, es noch einmal neu zu versuchen. Wir sollten also nicht über „Moderne“ und „Postmoderne“ diskutieren, sondern dort weitermachen, wo wir stehengeblieben waren.

Meine Ausführungen haben nur den Zweck, um darauf hinzuweisen, dass jene Probleme, die aus der „undifferenzierten Aufklärung“ resultieren, in der Kulturtheorie schon an prominenter Stelle diskutiert worden sind. Wenn man Autoren wie Elias Canetti, Horkheimer/Adorno, Zygmunt Bauman oder Michel Foucault (neben vielen anderen) liest, begegnen einem immer wieder die gleichen Probleme, die oft als solche der Moderne beschrieben wurden: Hier die Macht, die immer mehr Wissen ansammelt und sich immer besser organisiert, dort die Einzelmenschen, die immer ohnmächtiger werden und als Masse verwaltet werden. Mich wundert, warum man bisher noch nicht gesehen hat, dass die Aufklärung in ihrer undifferenzierten Gestalt das Drehbuch zu diesem Drama geschrieben hat!

Denn sobald man meint, der Mensch sei vernünftig und die menschliche Gesellschaft solle vernünftig regiert werden, wird immer sogleich dieselbe soziale Dynamik entstehen: Es wird einem auffallen, dass manche Menschen vernünftiger sind als andere und man wird daraus folgern, dass die vernünftigeren regieren sollen. Am Ende werden die Vernünftigsten regieren (aber so, wie es ihnen selbst am besten erscheint; nicht notwendig so, dass auch die Bedürfnisse der Übrigen erfüllt werden) und der Großteil der Menschen wird weitgehend entmündigt sein.

Kurz: Ich wundere mich, dass man bisher nicht gesehen hat, dass die Aufklärung die Probleme aufgelegt (im Sinne von: verursacht) hat, in denen wir bis heute stecken.

Die Moral von der Geschichte, die ich hier erzähle, ist natürlich, dass wir lernen sollten, mit dem Vernunftbegriff anders umzugehen als bisher. Denn das Anliegen der Aufklärung, wonach nicht religiöser Glaube und blinder Respekt vor Autorität, sondern die Vernunft herrschen sollte, hat dazu geführt, dass blinder Glaube und Respekt vor der Autorität von Experten herrscht, aber erst recht wieder nicht die Vernunft. Die Schwierigkeit liegt nun darin, dass die Menschen bis heute gewohnt sind, dem zu glauben, was Worte ihrem Wortlaut nach unmittelbar zu sagen scheinen und wahrscheinlich nicht in der Lage sind, Begriffen distanziert gegenüberzutreten und beispielsweise zu fragen: „Du redest von der Vernunft; aber welche meinst du – die gute oder die schlechte? Die gute, die mich befreit und mir Mittel in die Hand gibt, um selbst mein eigenes Leben zu gestalten, oder die schlechte, die mir meine Freiheit wegnimmt und mich unter dem Vorwand, ein Anderer wisse besser als ich, was gut für mich ist, psychisch zum Entwicklungsstadium eines Kleinkinds regredieren lässt?“

Das Problem liegt darin, dass nach wie vor das Wort „Vernunft“ in aller Unschuld und Naivität daherkommt und scheinbar nur „dasjenige, was vernünftig ist“ bedeutet. Diese Wortbedeutung aber ist eine Falle, und wir müssten vor ihr zurückschrecken und uns fragen: Was kann denn „Vernunft“ bestenfalls bedeuten? Nun, bestenfalls kann „Vernunft“ bedeuten, dass sich jemand darum bemüht, eine vernünftige Entscheidung zu treffen und dass sie ihm, nach allem was er weiß und berücksichtigen konnte, auch vernünftig erscheint, was aber noch nicht bedeuten muss, dass sie tatsächlich vernünftig ist. Somit ergeben sich für die „Vernunft“ zwei Wortbedeutungen, die man auseinanderhalten muss: Da ist einmal die Vernunft oder vernünftige Entscheidung selbst, die uns als Ideal vorschwebt, die wir aber nie erreichen können und von der wir deshalb eigentlich auch nichts wissen. Und dann ist da unsere Bemühung um ein vernünftiges Handeln, die wir schon in der Hand haben, aber von der wir als beschränkte Wesen letzten Endes nicht mit Sicherheit sagen, ob sie wirklich vernünftig ist – d.h. ob unser Handeln das Ideal der Vernünftigkeit erreicht.

Ohne diese Differenzierung zwischen Vernunft und Vernunft wird für den einzelnen Menschen kein „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – möglich sein, und die menschliche Gesellschaft wird ohne sie immer wieder in Situation der Moderne mit ihrer Problemstellung von Maße und Macht zurückfallen. Aber so logisch sie klingt, wenn man die Sache durchdenkt, so wird es trotzdem nicht leicht sein, diese begriffliche Unterscheidung den Menschen schmackhaft zu machen, denn letzten Endes bedeutet sie ja, dass unser vernünftiges Handeln nicht vernünftig ist, weil Vernunft für uns Menschen ein unerreichbares Ideal ist. Da werden sich viele Leute in ihrem Stolz und Selbstbild auf den Schlips getreten fühlen.

Interessanter als das ist jedoch die Frage: Wie stellt man sich eine Vernunft vor, die nicht vernünftig ist, sondern bloß ein Bemühen um Vernunft ist. Ich weiß von meiner Beschäftigung mit dem Gettier Problem, dass die analytischen Philosophen es nicht hinkriegen, sich ein Wissen vorzustellen, bei dem man nicht mit Sicherheit weiß. Diese Begriffe, die nicht ganz für voll genommen werden können – wie Vernunft und Wissen – bereiten offenbar unserem Verständnis große Probleme. An ihnen scheitern auch die schlauesten Philosophen. (Aber es gibt unter den Philosophen ja auch bis heute noch enthusiastische Anhänger der Ethik Kants, solche, bei denen die kantische Moralphilosophie offenbar einen ganz tiefliegenden Nerv getroffen hat, sodass sie gleichsam beseelt sind vom kategorischen Imperativ.)

Ich jedenfalls habe mein Sprüchlein aufgesagt: Wir können entweder weiterhin dem Glauben an die Vernunft nachhängen und damit eine „undifferenzierte Aufklärung“ praktizieren, dann wird die „Vernunft“ im gesellschaftlichen Raum dem Expertenwissen und den technokratischem Handeln zugeschrieben werden. Oder wir raffen uns doch noch einmal auf und entscheiden uns dazu, mit dem eigentlichen Projekt der Aufklärung, also dem Sapere aude! – und dem Selbstdenken aller Einzelmenschen, Ernst zu machen, aber dann werden wir nicht darum herumkommen, den Menschen als „nicht ganz vernünftiges Wesen“ zu definieren. Und mehr noch: den Menschen nicht nur so zu definieren, sondern ihn gemäß dieser Definition auch so zu sehen und uns selbst so zu sehen. Aber das würde uns meiner Einschätzung nach einige Probleme bereiten. Dann würden uns gewiss einige Elemente unserer bisherigen Geisteswelt durcheinanderkommen: Ich weiß zum Beispiel nicht, was wir dann mit dem Wort „Irrationalismus“ machen.

2 Kommentare

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo,

mit der Vernunft kenne ich mich ehrlich gesagt nicht so richtig aus. Mir scheint aber auch wie Ihnen, dass ich da nicht der einzige bin.
Bisher dachte ich immer, (1) eine Handlung sei vernünftig, wenn ich ein Ziel habe und meine Handlung zur Erreichung dieses Ziels gut beitragen kann. Bei der Frage, welche (2) meiner Ziele denn nun vernünftig sind wird es schon schwieriger. Ich glaube, dass wenn von Vernunft die Rede ist, oftmals eher im Sinne von (1) verstanden wird, als im Sinne von (2).

Ich glaube nicht, dass das hier geschilderte Problem darin liegt, dass die Vernunft sozusagen, zwei Gesichter hat. Eher darin, dass Menschen glauben es sei möglich, qua Vernunft zu allgemeinen Vernunftwahrheiten zu gelangen . Die Frage ist dann nämlich: Was soll das denn überhaupt sein, diese 'allgemeinen Vernunftwahrheiten' oder die 'Vernunft an sich'?

Wahrheit ist für einige Menschen denke ich ziemlich attraktiv. Wenn ich Menschen glaubend machen kann, jemand könne anhand von Vernunft zu irgendwelchen Wahrheiten gelangen, verleiht ihm (dem scheinbar Vernünftigen) das viel Macht.

Ihr Vogt
04.03.15 @ 19:53
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo Vogt,

vielen Dank für Ihren Kommentar!

Mir scheint ich wollte in dem Text zu viel aussagen. Er ist auch schon von einem Facebook-Freund-eines-Freundes als "überintellektualisiert" bezeichnet worden.

Im Grund wollte ich nur zum Ausdruck bringen, dass Vernunft und Handlungsautonomie nicht zusammengehen.

Warum nicht? Weil jemand von außen beurteilbar wird, sobald er vernünftig handelt. Und sobald das geschieht, ist er nicht mehr autonom.

Aber sagen Sie das mal einem Kantianer! Mir scheint, bei denen ist es ein ganz tief sitzender Glaube, dass ein Mensch, der nicht vernünftig ist, nicht einmal zurechnungsfähig ist. Das ist also ein Punkt, bei dem es große Widerstände dagegen gibt, ihn einzusehen.

Auf den Punkt gehen Sie in Ihrem Kommentar übrigens gar nicht ein. Sie konzentrieren sich auf den Unterschied zwischen Handlungs- und Zweckrationalität. Aber im kategorischen Imperativ steckt schon auch sein gutes Stück Zweckrationalität (2, in Ihrer Zählung), weil eine Reihe von Zwecken dadurch wegfallen, dass sie sich nicht zu einem allgemeinen Gesetz verallgemeinern lassen.

Was ich noch sagen wollte: Ich war mir halt stolz darauf, dargestellt zu haben, dass die Probleme, die aus einem zu einfachen Vernunftverständnis resultieren, genau dieselben sind, die immer als "die Probleme der Moderne" beschrieben wurden.

Was übrigens eine Idee ist, die nicht von mir stammt, sondern die ich bei Zygmunt Baumann aufgeschnappt habe, der beschrieb, wie die Moderne versucht "Ordnung" zu machen und dadurch "Abfall" erzeugt (Übriggebliebenes, das in keine Kategorie passt), vor allem auch in Gestalt von ethnischen Minderheiten (http://www.perlentaucher.de/buch/zygmunt-bauman/moderne-und-ambivalenz.html)

Liebe Grüße
philohof
05.03.15 @ 15:41

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