Die Wiederherstellung der eigenen Persönlichkeit

von philohof E-Mail

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Ich philosophiere zu dem Zweck, um meine Persönlichkeit, die mir von der Gesellschaft und meinen Mitmenschen zerstört wurde, teilweise wiederherzustellen. Die Methode dazu besteht darin, Inhalte, die mir in den Kopf gesetzt wurden, zu hinterfragen und sie dadurch wieder aus dem Kopf hinauszubekommen.

Nun gibt es viele Menschen, die der Meinung sind, dass Philosophie keinen Nutzen habe. Ich als jemand, der den Nutzen von Philosophie täglich unmittelbar erlebt, habe den Eindruck, vielleicht nicht wirklich zu verstehen, was sie meinen. Sie werden ja nicht meinen: Die eigene Persönlichkeit, wenn sie denn so zerstört ist, dass es die Lebensqualität spürbar beeinträchtigt, wiederherzustellen, sei nichts Nützliches!

a) Meinen Sie: Philosophieren helfe nicht dabei, die eigene Persönlichkeit wiederherzustellen?
b) Oder meinen sie: Die Beschäftigung mit Philosophie helfe nicht, die eigene Persönlichkeit wiederherzustellen?
c) Oder meinen sie: Die eigene Persönlichkeit hat gar keinen Bedarf, wiederhergestellt zu werden – der geht es ohnehin gut?

Option b führt in dem Zusammenhang immer wieder zu Missverständnissen. Denn die Beschäftigung mit akademischer Philosophie oder mit Philosophiegeschichte hilft einem tatsächlich nicht, die eigene Persönlichkeit wiederherzustellen. (Sondern eher verliert man sich auf diese Weise noch stärker, indem man sich mit Inhalten beschäftigt, die einen nichts angehen.) Andererseits ist die Assoziation von „Philosophie“ mit „Beschäftigung mit Philosophie“ in unserer Gesellschaft so stark, dass man es den Leuten nicht übel nehmen kann, wenn sie unter „Philosophie“ nicht das Selber-Nachdenken, sondern das Toten-Philosophen-Hinterherdenken verstehen.

Option c ist in diesem Zusammenhang viel relevanter: Als ich kürzlich das Konzept meines neuen Buchs Überleben unter Menschen. Weiterleben mit der Restpersönlichkeit. in einem kleinen Kreis einigen befreundeten PhilosophInnen und WissenschaftlerInnen vorstellte, wurden – wieder einmal – Unmut und Ablehnung vernehmlich, und ein Philosophenkollege (ein Hochschullehrer in Linz) entgegnete mir, Heidegger habe die Biografie von Aristoteles wiedergegeben, indem er sagte: „Aristoteles, lebte, arbeitete und starb.“ Damit habe Heidegger zum Ausdruck bringen wollen, dass es nicht notwendig sei, einen Menschen zu verstehen, um seine Gedanken zu verstehen.

Ich weiß, dass die „objektiven Menschen“ so denken: dass man ein Thema rein sachlich erörtern könne, und dass der Mensch, der die Argumente vorträgt, sein persönliches Befinden aus der Erörterung rauslassen sollte, weil dieses keine zusätzliche Information bietet, sondern die Darstellung höchstens verwirrt … aber die Nennung von Martin Heidegger als Beispiel für dieses Geisteshaltung erschien mir dann doch als ein Missgriff. Heidegger ist erstens deshalb ein schlechtes Beispiel für die objektive Geisteshaltung, weil er Phänomenologe war, und die Phänomenologen unterlagen (und tun dies eigentlich bis heute) einer Selbst- und Publikumstäuschung, die darin besteht, dass sie in ihrer eigenen Wahrnehmung Eindrücke (Phänomene) zusammenkratzen und diese dann der Welt als „objektiv“ verkaufen. Zweitens hatte Heidegger sicherlich von allen Phänomenologen das größte und aufgeblasenste Ego. Meine Meinung zu der Angelegenheit ist also: Wenn man den Leuten das Subjektive als das Objektive verkauft, weil man nicht dazu fähig ist, das Subjektive als das Subjektive zu erkennen, dann wird allein deshalb aus dem Subjektiven noch nichts Objektives. Und dasselbe gilt für Heidegger: Wenn er der Welt die Heideggersche Weltsicht als objektive Wahrheit verkauft hat, weil er so eitel war, dass er nicht begreifen konnte, dass es nicht die objektive Wahrheit, sondern nur die Heideggersche Weltsicht war, dann ändert das nichts daran, dass es nur die Heideggersche Weltsicht war – auch wenn er glaubte, dass die Kenntnis der Biografie eines Menschen nichts zum Verständnis seiner Gedanken beiträgt.

Professionelle Philosophen reagieren also ablehnend auf meine Gedanken, und zwar zeigen sie ein solches Ausmaß an Verständnislosigkeit, dass ich den Eindruck habe, sie sind prinzipiell nicht imstande zu sehen, wovon ich überhaupt rede. Dafür, dass es doch Menschen gibt, die dasjenige, worum es mir geht, auch wahrnehmen können, ist folgendes Video von einer Veranstaltung im Labor für Entrepreneurship mit Prof. Günter Faltin ein Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=w40fgxV-lvw. Faltin spricht darin an einer Stelle davon, wie kleine Kinder mit großer Energie aus eigenem Antrieb Dinge tun, bis sie dann in die Schule kommen, wo ihr „Energiefaden“ gekappt wird. Der Energiefaden werde dadurch gekappt, indem man die Kinder dazu nötigt, sich mit einer großen Anzahl von Dingen zu beschäftigen, die sie nicht interessieren. Die Kinder gewöhnen sich auf diese Weise daran, Dinge aus Pflicht zu tun und nicht aus Neigung. Also: Sie lernen, sich selbst nicht mehr wahrzunehmen (sie spüren mit der Zeit ihren eigenen Willen nicht mehr). Menschen, die auch als Erwachsene noch um ihren Energiefaden kämpfen, würden in unserer Gesellschaft zu Außenseitern. Solche Unangepasste könnten eventuell Entrepreneure werden, weil man fürs Unternehmertum die gesteigerte Energiemenge aus dem eigenen Energiefaden unbedingt benötigt; die Angepassten würden zu Angestellten.

(Es ist für mich persönlich immer wieder von größter Wichtigkeit, solche seltene Beispiele wie das von Günter Faltin in der Literatur oder im Internet zu finden, denn wenn ich auf den Vergleich mit meiner unmittelbaren mitmenschlichen Umwelt beschränkt wäre, wäre der Eindruck unvermeidlich, dass ich verrückt bin. Sie können diese Erfahrung mit dem Fahren auf der Autobahn vergleichen: Dort werden Sie auch aus den unmittelbar Ihnen entgegenkommenden Fahrzeugen schließen, dass Sie der Geisterfahrer sind – und nicht die Anderen. Der Vergleich mit meiner unmittelbaren menschlichen Umwelt, die die Erhaltung des eigenen Energiefadens nicht als notwendig oder nicht als ein beachtenswertes Bedürfnis empfindet, erzeugt in mir eine geistiges Dissonanz: Spinne ich oder spinnen die Anderen? Manchmal frage ich mich auch: Sind das noch Menschen oder eher schon Roboter?)

Wenn es in meinem Buch ums „Überleben“ geht, dann ist damit sicherlich auch das Überleben des eigenen Energiefadens gemeint, und wenn wir nun Günter Faltins Erzählung dazu in einen Kontext bringen, dann ergibt sich, dass es eigentlich eine gesellschaftliche Übereinkunft diesbezüglich gibt, dass dieser Energiefaden gekappt werden soll. (Die Schule arbeitet daran, den menschlichen Energiefaden zu kappen; der Mensch soll tot sein – das ist die Aufgabe der Schule.) Es ist also nicht so, dass mein Buchtitel „Überleben unter Menschen“ auf irgendetwas Dramatisches verweisen würde, jedenfalls nicht nach Ansicht der meisten Menschen. Dramatisch ist es nur aus der Sicht von wenigen Außenseitern, die das Kappen ihres Energiefadens durch die Gesellschaft tatsächlich als den Tod ihrer Persönlichkeit erfahren. Für die übrigen Menschen – und das gilt für Ungebildete ebenso wie für sehr Gebildete – ist der Zustand des geistigen Todes vor dem körperlichen Tod etwas ganz Normales, und sie verstehen überhaupt nicht, warum das jemand zum Thema macht. Nun: Ich mache es deshalb zum Thema, weil es für mich persönliche etwas ganz Dramatisches ist und um Euch das auch einmal klar zu sagen, auch wenn ich weiß, dass die meisten von Euch das nicht nachvollziehen können.

Soviel zu meiner Erfahrung von vor einigen Tagen. Eigentlich habe ich mich dem Thema von Überleben unter Menschen jedoch primär aus einer ganz anderen Richtung kommend angenähert. Meine Ausgangsfrage war nämlich die nach dem Selberdenken. In dem Zusammenhang wunderte ich mich über die Wissenschaftler, die allesamt glauben, dass sie selbst denken, wo sie doch in Wirklichkeit Beiträge zu ihrem jeweiligen Fach leisten. Das aber ist etwas, das mir nicht in den Kopf will: dass man einen solchen Menschen einen Selberdenker nennen könnte, der mit seinem Denken Beiträge zu irgendetwas anderem als zu seinem eigenen Denken leistet. Denn wer nicht für sich selber denkt, denkt nicht auf eigene Rechnung, noch aus eigenem Antrieb oder auf eigenes Risiko. Er (oder sie) beteiligt sich bloß an einer gemeinsamen Diskussion, und das, gewöhnlich, ohne dass man sich selbst gegenüber Rechenschaft darüber ablegt, warum man das tut.

Aus diesem Ausgangsgedanken entstand die Hypothese, dass eigenes Denken eigentlich darin bestehen müsste, ein eigenes Geistesleben zum Leben zu erwecken und es zu nähren, um es am Leben zu erhalten. Das Problem dabei ist nur, dass wir für ein solches Phänomen, wie es das eigene Geistesleben ist, gar keine Sprache haben. Wir haben eine sehr ausgereifte und, vor allem bei AkademikerInnen, stark eingeübte Sprache für das entselbstete oder selbstentleerte Denken: Jene sprachliche Haltung, in der wir das Wörtchen „ich“ vermeiden und alle Handlungen sprachlich im Passiv zum Ausdruck bringen, ist uns allen, die wir je gelernt haben, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, in Fleisch und Blut übergegangen. Wir sind daher von unserer universitären Ausbildung her darauf gedrillt, so etwas wie ein eigenes Geistesleben nicht wahrzunehmen und es auch sprachlich nicht sichtbar werden zu lassen – und wenn wir dem zuwiderhandeln, handeln wir uns den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ein.

Aus dem Grund wissen wir nicht – und auch ich selbst weiß es nicht – und können es auch gar nicht wissen, wie Selberdenken sprachlich klingt, wie es sich anhört und anfühlt, und es bleibt daher nur die Möglichkeit zu experimentieren, das heißt: wieder ganz am Anfang anzufangen. Ja, und das ist doch verblüffend: Dass eine 2500-jährige Tradition des Denkens, wie sie die Philosophie ist, sich so sehr in ihr Gegenteil entwickelt haben sollte, dass wir heute nicht nur ganz am Anfang stehen, sondern uns sogar die sprachlichen Mittel zum Anfangen fehlen, weil wir sie uns verboten haben! Es ist gerade so, als ob die Philosophie in ihrer langen Geschichte zu dem Ergebnis gekommen wäre, das Beste wäre es, wenn gar nicht gedacht würde. Denn das Denken führt nur zu verschiedenen Meinungen, und die Verschiedenheit der Meinungen führt zu Uneinigkeit und bedroht allgemeingültige Erkenntnisse. Gut, aber auch dieses Phänomen passt ja wiederum zum Gesamtbild.

Ich würde nun nicht behaupten wollen, dass mir mein Buch besonders gelungen wäre. Im Gegenteil, ich habe nach wie vor den Eindruck, mich im Stadium des Experimentierens zu befinden. Noch ist es möglich, dass mein Buch vielen von Ihnen gefallen könnte. Sie sind vielleicht auch der Ansicht, dass das Selberdenken abgewürgt gehört, weil es das selbstentleerte wissenschaftliche Denken gefährdet. Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass Ihnen die in dem Buch dargestellten Gedanken gefallen werden: Denn sie stammen von einem Protagonisten, Karl Wandel mit Namen, der einen spezifischen Charakter hat und einen spezifischen gesellschaftlichen Hintergrund, der in einer spezifischen Situation steckt und mit spezifischen Problemen zu kämpfen hat und deshalb die Welt aus der Perspektive seiner Ecke schildert – und nicht aus einer allgemeingültigen Perspektive. Aber das alles tut der Sache ja keinen Abbruch, denn das Selberdenken ist, wie wir es anhand der Geschichte von Günter Faltin gesehen haben, ohnehin nur etwas für einige wenige extreme Außenseiter in unserer Gesellschaft (und für solche, die ihren Außenseiterstatus akzeptiert haben). Diese werden meinen Versuch aus der Perspektive des Kampfes um den eigenen Energiefaden zu würdigen wissen; alle anderen werden es im Namen der angestrebten Allgemeingültigkeit philosophischer und wissenschaftlicher Erkenntnisse verurteilen (indem sie sich darüber einig sind, dass der Kampf um den eigenen Energiefaden kein verständliches und anerkennenswertes Anliegen darstellt).

2 Kommentare

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Lieber Philohof,

tut gut, Sie wieder denken zu hören / zu lesen!

Ihr Vogt

p.s. In Ihrer Aufzählung rechts fehlt noch explizit die interessante Einladung zur Odyssee, zu welcher ich Ihnen demnächst noch gesondert schreiben möchte.
09.02.17 @ 13:09
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Lieber Vogt,

vielen Dank für Ihre ermutigenden Worte! Ich habe mich gleich angeschickt, die Einladung zur Odyssee rechts einzufügen.

Sie ist tatsächlich ein wichtiges Buch für mich. Einerseits war ich noch jung und unerfahren, als ich sie schrieb, andererseits enthält sie für mich derart grundsätzliche Gedanken, dass ich gerade erst wieder einmal über sie geschrieben habe, um ihren Inhalt zu referieren.

Und dann ist es ja so, dass ich nirgendwo in der Philosophie sehe, dass dieser Gedanke - wenn schon nicht von mir zitiert, so wenigstens überhaupt - irgendwo aufgegriffen würde: Dass man den einzelnen Menschen als erkenntnissuchendes Wesen (oder Erkenntnisse generierendes Wesen) ansieht und sich fragt, welche Umstände man verbessern müsste, damit diese Erkenntnistätigkeit besser funktioniert.

Im Grund wäre das die Frage aller Bildung oder Lerntheorie.

Anstatt dessen verfolgen die analytischen Philosophen ein Erkenntniskonzept, in dem Erkenntnis respektive Wissen in der Erkenntnis eines einzelnen Satzes besteht:

Eine Person weiß einen Satz genau dann, wenn es diesen Satz glaubt, der Satz wahr ist und sie eine hinreichende Rechtfertigung für den Glauben an diesen Satz hat.

So als ob die Erkenntnis eines einzelnen Satzes schon Erkenntnis wäre!

Generell wird einzelmenschliche Erkenntnis bis heute mit wissenschaftlicher Erkenntnis verwechselt und vermengt. Und das kommt daher, weil es die wissenschaftliche Erkenntnistheorie so erscheinen lässt (explizit sagt sie das ja nirgendwo), als ob der einzelne Mensch allein in seinem Zimmer wissenschaftlich arbeiten könnte. Das er dass natürlich nicht kann und der einzelne Mensch deshalb anders vorgehen muss, wenn er an der eigenen Erkenntnis arbeitet als wenn er der gemeinsamen, wissenschaftlichen Erkenntnis zuarbeitet, habe ich in der Odyssee herausgearbeitet.
Bislang ist mein Samen noch auf keinen fruchtbaren Boden gefallen, aber dasselbe gilt für wichtige Vordenker wie z.B. Nietzsches "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben", sonst würde bei der Organisation akademischer Bildung darüber diskutiert, wie man "Wissenssteine, die im Magen rumpeln" vermeidet.

Liebe Vogt, ich freue mich schon auf Ihren Kommentar zu meinem Odyssee-Buch und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihr philohof
12.02.17 @ 15:16

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