Diversity in Forschung und Lehre

von philohof E-Mail

Am 18. 10. 2012 besuchte ich eine Konferenz zum Thema Diversity. Mein Resümee: Ich verstehe es einfach nicht, vielleicht kann mir das wer erklären?

Am merkwürdigsten fand ich es, dass das Problem, das mir beim Thema Diversity als erstes in die Augen springen würde, gar nicht angesprochen wurde: Wissenschaft ist doch vom Prinzip her der Diversity diametral entgegengesetzt. – Wie geht man damit um?

1.

In der Wissenschaft gibt es zumindest zwei Prinzipien, die der Diversity zuwiderlaufen. Das erste ist das der universellen Gültigkeit wissenschaftlicher Wahrheiten, das zweite ist das der Sparsamkeit wissenschaftlicher Erklärungen.

Das Prinzip der universellen Gültigkeit ist jenes Prinzip, das uns schon von allem Anfang an gar nicht auf die Idee kommen lässt, dass etwas für Frauen anders sein könnte als für Männer, für Homosexuelle anders als für Heterosexuelle oder für Schwarze anders als für Weiße. Was wahr ist, muss doch schließlich für alle Menschen in gleicher Weise wahr sein, nicht wahr? Wenn es aber dann doch einmal ausnahmsweise der Fall ist, dass nicht für alle Menschen dasselbe in gleicher Weise wahr ist (es bekommen eben z.B. nicht alle Menschen Kinder, sondern nur die Frauen), dann tritt das zweite wissenschaftliche Prinzip in Aktion, das der Sparsamkeit wissenschaftlicher Erklärungen. Dieses Prinzip besagt in ungefähr: Wissenschaft ist schon bereit, Diversität wahrzunehmen, wenn es sich aus Sachgründen absolut nicht vermeiden lässt; aber selbst in diesem Fall versucht sie, die Vielfalt des Diversen auf möglichst wenige Fälle zu reduzieren, die sich als Gesetze formulieren lassen.

Mit anderen Worten, Wissenschaft nimmt mitunter schon Diversität wahr, aber nie um des Diversen willen. Oder: Selbst dort, wo sie das Diverse wahrnimmt, sucht sie es zu zähmen und ihm den Charakter des Diversen zu nehmen. Wird die Diversität, wenn sie auf diese Weise behandelt wird, so anerkannt fühlen, wie sie sich das wünscht?

2.

Versuchen wir es anders: Was passiert eigentlich mit den Unterschieden, wenn sie auf die Wissenschaft treffen? Man kann natürlich sagen: Alle – ob Frauen oder Männer, Weiße, Schwarze oder Asiaten, Christen, Muslime und Atheisten, Hetero- oder Homosexuelle und Menschen mit einer Behinderung – dürfen bei der Wissenschaft mitmachen. Der Universitätscampus darf und soll so bunt wie möglich sein.

Ja, schon – aber wenn man das sagt, bedeutet das dann nicht, dass all diese Unterschiede zwischen den Menschen zwar existieren dürfen und im beruflichen Umgang miteinander sichtbar sein dürfen, zugleich aber in die Wissenschaft keinerlei Aufnahme finden – weil die Menschen zwar verschieden angezogen sein mögen oder von unterschiedlicher sexueller Orientierung, in der Forschung aber dieselben wissenschaftlichen Methoden anwenden, die universell sind? Ist das Diversität, wenn Unterschiede zwar existieren dürfen, aber nicht zur Geltung kommen dürfen? Wenn sie gewisser Weise nur Universitätscampus-dekorativen Charakter haben?

Aber die Forderungen der Diversity gegenüber der Wissenschaft gehen zum Teil noch weiter: So genügt es ihr etwa offenbar nicht, dass die Menschen, die Wissenschaft betreiben, verschieden sein dürfen, sondern es werden auch so genannte „diversity studies“ gefordert, durch welche die Diversität sogar in die Wissenschaft selbst hineingetragen und zum wissenschaftlichen Thema gemacht wird. Das bedeutet, dass man Diversität als Diversität studieren soll und bloß deshalb, weil sie existiert und viel Freude macht. Wie man sich das angesichts der grundsätzlichen Ausrichtung der Wissenschaft auf das Allgemeingültige vorstellt, ist mir schleierhaft. Will man die Wissenschaft etwa in ihr Gegenteil verkehren und aus ihr das Studium des Diversen als Diversen machen (statt des Studiums des Sich-Gleichbleibenden und Sich-Wiederholenden im Diversen)?

3.

Wenn man von dieser Grundannahme ausgeht: Unterschiede dürfen offenbar schon da sein, aber sie dürfen in der Wissenschaft nicht zur Geltung kommen – dann kommt man zu dem Gedanken, dass womöglich nur diejenigen Unterschiede erlaubt sein werden, die in der Wissenschaft nicht stören. Und hier habe ich, gelinde gesagt, meine Zweifel. Die Gegenthese würde lauten: Jeder Unterschied zwischen Menschen stört in der Wissenschaft.

Da man Wissenschaft nicht in fünf Minuten betreiben kann – eine Tatsache, die in der Praxis ebenso naheliegend ist wie sie in der Theorie unbeachtet bleibt – würde man annehmen, das Leben eines Mannes (der in seiner Familie Unterstützung findet, ohne viel Zeit mir ihr zu verlieren) ist dasjenige, in das sich am meisten Wissenschaft packen lässt. Wissenschaft akzeptiert an sich schon ungern Beschränkungen wie jene der gesetzlich festgesetzten Arbeitszeiten. Damit sich Wissen akkumuliert und ein Fortschritt erzielt werden kann, sind die Qualifikationswege lang (es dauert viele Jahre vom Studenten oder PhD bis zur Ernennung zum Professor) und wollen möglichst nicht durch Babypausen unterbrochen werden.

Das heißt, die Leistungsansprüche sind hier so hoch, dass hier eigentlich alles stört, was jemand tut, das nicht unmittelbar seinem oder ihrem wissenschaftlichen Fortkommen gilt. Oder, anders gesagt: Ob es jemandem gelingt, im Hintergrund des Privaten eine heterosexuelle oder homosexuelle Beziehung zu organisieren oder den Pflichten seines religiösen Kultus nachzukommen, ist der Wissenschaft zwar an sich gleichgültig, aber selbst das stört im Grunde, denn es ist mit einem Mehraufwand verbunden im Vergleich zu jenem Menschen, der nur Wissenschaftler ist und sonst nichts.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wissenschaft favorisiert einen bestimmten Lebensstil, nämlich jenen, in dem Menschen nichts anderes machen als wissenschaftlich zu arbeiten – und sie also nichts tun, das Unterschiede zwischen ihnen überhaupt entstehen oder entwickeln könnte.

4.

Auf vier statistische Kategorien, sagte unser kanadischer key note-speaker lege seine Universität besonderen Wert:

- gender
- ethnic minorities
- physical disabilities
- aboriginals

Das legt zumindest schon einmal den Verdacht nahe, dass es bei der Diversity gar nicht um alle denkbaren oder gegebenen Unterschiede zwischen Menschen handelt, sondern nur um bestimmte privilegierte. (In Anlehnung an einen cartoon von Scott Adams könnte man sagen: Kleine, dicke Männer darf man weiterhin aufziehen und foppen.) Für mich ergibt sich daraus ein weiteres Problem: Es haben also offenbar nicht alle Unterschiede gleiche Rechte? Warum sind manche Unterschiede zwischen Menschen höher zu achten als andere? Ist der Gesellschaft mein gender wichtiger als meine Individualität?

Ein Beispiel, dass durchaus nicht alle Unterschiede vor der Diversity Anerkennung finden, ist folgendes: Jemand wollte Medizin studieren, behauptete jedoch, eine learning disability insofern zu haben, dass er nur schriftliche Instruktionen versteht. Ja, aber: Die Berufspraxis in der Medizin basiert doch auf mündlichen Instruktionen; also kann man diese disability nicht anerkennen. Das stimmt schon, andererseits versucht man, Universitäten barrierefrei zu gestalten, um sie für Menschen mit Gehbehinderungen zugänglich zu machen. Das Problem bleibt: Manche Unterschiede finden vor dem Urteil der Diversity-Bewegung Anerkennung, andere nicht – gibt es da ein Kriterium dafür, welche das sind?

5.

Einige Sätze unseres key note-speakers, die ich mir notiert habe:

“Diversity brings different perspectives together.“
“Diversity is an integral part of the learning experience.“
“Diversity ensures all voices are heard and appreciated.”

Das klingt freilich alles sehr humanistisch und politically correct. Aber ich sehe da Konflikte mit den Prinzipien der Wissenschaft: Es ist schon richtig, dass es von der Sache her naheliegend ist, dass soziale Erkenntnisprozesse innovativer sind, wenn sie sich aus den Quellen vieler Perspektiven speisen und dass man hiermit also einen Grund hätte, der für eine diverse Organisation von Universität und Forschung sprechen würden. Allein ich habe noch nie gelesen, dass wissenschaftliche Hypothesen sich aus unterschiedlichen Perspektiven ergeben sollen, welche Menschen aufgrund ihrer unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründe haben. Wissenschaftliche Hypothesen sollen sich auf der Basis möglichst umfassender Lektüre der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur zu einem bestimmten Thema ergeben – und auf keiner anderen Grundlage.

Diversität soll ein integraler Teil der Lernerfahrung sein. Das mag schon sein; aber auch hier sehe ich einen fundamentalen Widerspruch mit der Grundverfasstheit von Wissenschaft, welche ja nicht lernt, sondern weiß. Lernen ist jener prekäre Zustand, in welchem man seines Wissens noch nicht sicher ist, weil es noch soviel zu lernen gibt. Und obwohl es klar ist, dass an einer Universität gelernt werden muss – denn wie sonst kämen die jungen, unwissenden StudentInnen zu ihrem Wissen – hat die Wissenschaft mit dem Lernen ein großes Problem: Präsentiert sich die Wissenschaft als lernende, so untergräbt das ihren Status als Verwalterin von Wissen.

Dass schließlich alle Stimmen gehört und geschätzt werden – ist das etwa ein wissenschaftliches Prinzip? – Nein: Die Wissenschaft spricht mit einer Stimme, jener der Wahrheit.

6.

An verschiedenen Enden der Diversity-Debatte scheint man dann immer wieder bei der Interdisziplinarität anzugelangen, z.B. auch deshalb, weil verschiedene Perspektiven gehört werden und verschiedene Stimmen Anerkennung finden sollen.

Was mich dabei verblüfft, ist, dass man sich vorstellt, dass sie in ihrer Verschiedenheit gehört werden und verschieden auch bleiben, nachdem sie gehört wurden. Normalerweise „kommen beim Reden die Leute zusammen“; in der Diversity entsteht die diverse Gemeinschaft durch die Wahrnehmung derselben und dann wird sie gepflegt, damit sie divers bleibt.

Das scheint überhaupt ein charakteristisches Merkmal der Diversity zu sein: dass man die diverse Gemeinschaft wie etwas sehr Künstliches zuerst durch vielerlei Maßnahmen hervorbringen und dann in ihrer Diversität erhalten muss.

Das ist ein höchst sonderbarer Denkansatz, der mich auf den Gedanken brachte, dass das Nicht-Miteinander-Reden zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen eigentlich die beste Methode ist, Diversität innerhalb der Wissenschaft zu erzeugen und zu erhalten. Hier verhält es sich analog wie bei der Interkulturellen Kommunikation: Viele Menschen fordern heute Kommunikation zwischen den Kulturen. Wer sagt uns, dass Kommunikation zwischen den Kulturen nicht die Kulturen auslöscht und Nichtkommunikation zwischen ihnen die beste Methode wäre, um eine Vielzahl von Kulturen in ihrer Diversität am Leben zu erhalten?

Man sieht, ich bekomme es bei der Diversity-Frage nirgendwo fertig, ein Ende mit einem anderen zu verknüpfen. Kann mir jemand einen Hinweis geben, wie das gehen soll?

1 Kommentar

Kommentar von: Marcus Urban [Besucher] · http://marcus-urban.de
Lieber Herr Hofbauer!

Mir gefallen Ihre Fragen zu Diversity sehr, weil sie dazu anregen einen Rahmen zu finden. Dieser ist für Diversity besonders wichtig, denke ich. Ich bin auf Ihren Blog über einen von mir eingerichteten Google-Alert zum Thema Diversity gestoßen. Wenn Sie mögen, lassen sie uns in Kontakt treten. Ich bin zu Diversity im Fußball/ Sport tätig und berate zum Beispiel den DFB zu Diskriminierungsfragen. Im Januar halte ich einen Vortrag an der Deutschen Sport Hochschule Köln zu Diversity im Fußball. Aus den Medien kennt man mich als den Versteckspieler. Vielleicht habe ich auch ein paar gescheite Antworten? Mal sehen. Beste Grüße. Marcus Urban
07.11.12 @ 18:38

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