Do Not Make Love, Not War!

von philohof E-Mail

In einem bekannten Gedicht ist Liebe die Ursache eines bewaffneten Kampfes. In diesem Kampf werden nicht Feinde bekämpft, sondern der eigene Bruder. Darüber hinaus behauptet das Gedicht, dass dieser Kampf nicht mit dem Tod der Kämpfenden endet, sondern in alle Ewigkeit weitergeht. Denn die beiden Brüder müssen auch noch im Seelen- oder Geisterreich täglich mitternachts gegeneinander kämpfen.

Dieses Gedicht, in welchem Gräfin Lauras Augenfunken zündete der Brüder Streit, stellt Liebe also nicht nur nicht als etwas Gutes dar, sondern als etwas außerordentlich Böses; so böse, dass kaum Schlimmeres vorstellbar ist. Wenn an diesem Gedanken etwas dran, dann ist Liebe zumindest nicht einfach das Gegenteil von Hass und Gewalt, so wie es uns der Protestruf der 68er „Make love, not war!“ und das neutestamentarische „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ suggerieren. Dann gibt es noch weitere Aspekte in der Beziehung zwischen Liebe und Krieg.

Viele Menschen fassen Begriffe eindimensional auf. Mit eindimensionaler Auffassung von Begriffen meine ich, dass für sie Liebe ganz einfach das logische Gegenteil von Aggression und Kampf ist und sie nicht bereit sind, neben diesem Aspekt noch weitere Aspekte in der Beziehung zwischen Liebe und Krieg wahrzunehmen.

Auf diese Eindimensionalität der Vorstellung baut der Spruch „Make love, not war!“ auf, indem er im Grunde eigentlich zum Ausdruck bringt: „Mach Liebe anstatt Krieg zu machen!“, als ob das ein Gegensatz wäre. In dieselbe Kerbe schlägt der neuttestamentarische Spruch, der suggeriert, dass jemand seinen Nächsten sicherlich nicht misshandeln und töten wird, wenn er ihn liebt wie sich selbst. (Wie wir wissen, ist auch tatsächlich niemals im Namen des Christentums Krieg geführt worden, noch ist in seinem Namen je jemand gefoltert und verbrannt worden.)

Heinrich Heines Gedicht legt wohl eher die Lösung „Make less love and less war.“ nahe, aber eine so komplexe Botschaft wird wohl bei vielen ZuhörerInnen im Publikum kaum durchdringen.

Eindimensionale Argumente sind es, die PolitikerInnen dazu verhelfen, Fernsehduelle zu gewinnen. Die Knappheit der Sendezeit sowie die Notwendigkeit, auf Anwürfe des Diskussionsgegners unmittelbar zu reagieren, lassen die Darstellung von komplexeren Sachverhalten nicht zu.

Eindimensionalität in der Auffassung von Wörtern und Begriffen ist auch die Grundlage von zugkräftigen politischen Slogans (wie zum Beispiel jenem blödsinnigen von John F. Kennedy: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann; frage, was du für dein Land tun kannst!“, auf den zum Glück Hans Söllner in seinem Lied „Hey Staat!“ geantwortet hat).

Der nachdenkende Mensch, der seine Begriffe in einen umfassenderen Zusammenhang stellt, weil er sieht, dass das der Wirklichkeit besser entspricht, weiß, dass viele seiner ZuhörerInnen ihn missverstehen werden, ganz einfach deshalb, weil sie Begriffe eindimensional verstehen wollen.

Wenn er sagt, was er für richtig hält, werden sie daher sagen, er drücke sich umständlich und unverständlich aus.

Daraus können wir folgern, dass es sich beim philosophierenden Menschen um jemanden handelt, dem es, frei nach Watzlawick, an Kommunikationsfähigkeit beziehungsweise Medienkompetenz fehlt, ja fehlen muss.

Sollte dennoch einmal ein Philosoph/eine Philosophin medienkompetent zu sein scheinen, so wäre Misstrauen angebracht und würde mir genauer ansehen wollen, worauf dieser Eindruck eigentlich beruht.

2 Kommentare

Kommentar von: Günter Maier [Besucher]
Was halten Sie von Richard Precht? Der hat doch offenbar Medienkompetenz.
16.12.14 @ 18:50
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Weiß ich noch nicht, was ich von Precht halte. Ich habe sein Buch über Liebe zu Hause. Es erschien mir beim Reinlesen mehr populärwissenschaftlich als philosophisch. D.h. viel Gewicht auf das Vorbringen interessanter oder kurioser Tatsachen, dagegen wenig Platz für Reflexion. Aber das ist natürlich ein oberflächlicher Befund. Ich kann nur sagen: Precht ist mir als Philosoph bisher noch nicht begegnet.
17.12.14 @ 00:47

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