Eigentlicher Zweck (oder vielleicht auch: kollateraler Schaden) von Wirtschaft

von philohof E-Mail

Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Maslow

Der eigentliche Zweck oder das Ziel von Wirtschaft besteht letztlich darin, menschliches Denken und menschliche Arbeitskraft so sehr auf die unteren Bedürfnisse der Maslowschen Bedürfnispyramide zu konzentrieren, dass die Befriedigung der oberen Bedürfnisse dauerhaft unmöglich gemacht wird.

Ja, mehr noch: Dadurch, dass die Menschen erleben, wie sich das tägliche wirtschaftliche Handeln ihrer Mitmenschen ausschließlich um die unteren Bedürfnisse in der Maslowschen Bedürfnispyramide dreht, sollen diese als die eigentlichen menschlichen Bedürfnisse erscheinen, die oberen Bedürfnisse in der Maslowschen Bedürfnispyramide sogar unverständlich gemacht werden. Wenn die Menschen die oberen Bedürfnisse in der Maslowschen Bedürfnispyramide nicht einmal mehr verstehen, dann ist ihnen auf sehr gründliche Art und Weise die Existenz entzogen, und wenn ein Mensch in diesem Rahmen dennoch beispielsweise nach Selbstverwirklichung strebt, muss er den anderen erscheinen wie jemand, der eine Flause oder einen Spleen hat.

Der Beweis, dass sich die Angelegenheit tatsächlich so verhält, wie ich es behaupte, ist in der Weise zu suchen, wie Betriebswirtschaftler die Maslowsche Bedürfnispyramide verwenden: Kommt man zu ihnen mit einem wirtschaftlichen Produkt, dass auf die Befriedigung von Bedürfnissen höher oben in der Maslowschen Bedürfnispyramide angesiedelt sind, so werden Zweifel äußern, dass auf dem Markt eine stetige und robuste Nachfrage nach diesem Angebot gefunden werden kann. Der Grund ist klar: Die unteren Bedürfnisse auf der Maslowschen Bedürfnispyramide sind stetiger und robuster. Der aus dieser Analyse folgende Entschluss ist klar: Produkte, die sich auf die Befriedigung der unteren Bedürfnisse in der Maslowschen Bedürfnispyramide richten, sind vorzuziehen.

Tatsächlich sind die Bedürfnisse des Menschen nach Bildung, Kommunikation, Selbstverwirklichung und den Dingen, die er aus Interesse tun will, nicht so stabil und regelmäßig wie jene nach Kleidung, Essen, Wohnung und Sicherheit. Man kann sich trotzdem, so wie Abraham Maslow, auf den Standpunkt stellen, dass die Befriedigung der unteren Bedürfnisse in der Bedürfnispyramide ohne Befriedigung der oberen Bedürfnisse sinnlos sei und das Gefühl von einem sinnlosen Leben erzeugt. Damit hätte man eine persönliche Überzeugung gewonnen, aber noch kein Verständnis davon, was mit uns in unserer heutigen, komplexen Gesellschaft geschieht.

Ein Verständnis davon, was hier überhaupt los ist, wird wohl vom Begriff der (statistischen) Regelmäßigkeit ausgehen müssen und von der Einsicht, dass unsere komplexe Gesellschaft zum Zweck ihrer eigenen Steuerung stark auf Regelmäßigkeiten und regelmäßig wiederkehrende Handlungen und Bedürfnisse von Menschen angewiesen ist. So erfahren die menschlichen Bedürfnisse durch die Gesellschaft eine Hierarchisierung nach ihrer Regelmäßigkeit und der Robustheit dieser Regelmäßigkeit. Die regelmäßigsten Bedürfnisse, etwa die des menschlichen Stoffwechsels, erhalten die oberste Priorität, und alle selteneren Bedürfnisse erscheinen dann als kaum mehr vorhanden. Zwischen diesen beiden Polen finden alle jene menschlichen Bedürfnisse Anerkennung, die nicht von täglicher Notwendigkeit, aber von großer Dringlichkeit sind: So müssen wir uns etwa nicht täglich neue Kleidung kaufen, aber wenn wir keine haben, ist uns kalt.

Dieser Gedanke erinnert stark an den Geschäftsbericht eines Flughafens, in welchem Passagierzahl, und die Anzahl von Tonnen an Transportgut mitsamt jährlichen Steigerungsraten in Prozent vermerkt sind. Man beachte hierbei die Regelmäßigkeit der zentralen Faktoren, die durch statistische Arbeit erzeugt und durch wirtschaftliche Planung verstärkt wird. Durch sie erscheint es so, als gehe es beim Fliegen nicht um die Bedürfnisse der Menschen, die irgendwo hinfliegen wollen, sondern um jene des Flughafens, der planbar funktionieren will.

Doch die Ausrichtung der Bedürfnisse dreht sich nicht nur scheinbar sondern wirklich um. Vielleicht ist eine simple Straße ein noch klareres Beispiel: Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der nicht zuerst Menschen ein Bedürfnis haben, irgendwo hinzufahren, und die Straße ist dann bloß das Mittel dazu, sondern umgekehrt richten die Menschen ihre Bedürfnisse danach aus, wo es geeignete Straßen gibt, und die Straßenbaubehörde richtet die Straßenbauplanung danach aus, wo es regelmäßige und robuste Transportbedürfnisse gibt, also etwa die zwischen einer Stadt und die aus dem Umland einpendelnden Arbeitskräfte.

Auf diese Weise sind es eigentlich primär die Bedürfnisse des Flughafens, der Straße und der Straßenbaubehörde, die befriedigt werden, und erst sekundär die der Menschen. Man könnte nun das Gedankenexperiment wagen, dass sich die Situation in Zukunft vielleicht dadurch verändert, dass die Menschen anspruchsvoller werden und ihren Bedürfnissen nach Kommunikation, Bildung, Selbstverwirklichung, einem eigenen Geistesleben und der Verwirklichung ihrer Interessen ebenso hohe Bedeutung zumessen wie den Bedürfnissen nach Essen, Kleidung, Wohnung und Sicherheit. Falls das je geschehen sollte, bliebe das Prinzip des Funktionierens unserer Gesellschaft dennoch dasselbe: Die höheren Bedürfnisse auf der Maslowschen Bedürfnispyramide würden nun aufgrund ihrer Regelmäßigkeit und Robustheit in Wirtschaft und Politik Berücksichtigung finden, nicht aber wegen ihrer Seltenheit und Ungewöhnlichkeit.

Das Seltene und Ungewöhnliche im menschlichen Leben (und dasjenige, was aus seiner Seltenheit und Nichtalltäglichkeit seinen Wert bezieht) kann in unserer Gesellschaft keine Anerkennung finden. Da aber Unternehmen und Organisationen noch stabilere und regelmäßigere Bedürfnisse vorweisen können als einzelne Menschen, stehen die Bedürfnisse von Unternehmen und Organisationen über jenen der Menschen. Vielleicht könnte man es auch so sagen: Alle unsere Bedürfnisse, die in ihrer Regelmäßigkeit und Robustheit jenen von Organisationen oder von Maschinen gleichen, finden in unserer Gesellschaft Berücksichtigung, und es wird ein entsprechendes Angebot für sie erstellt. Alle Bedürfnisse hingegen, mit welchen der Mensch über die Organisation und das technische Gerät hinausragt, können von der wirtschaftlichen und politischen Organisation der Gesellschaft nicht wahrgenommen werden.

Insofern wäre eine Antwort darauf gegeben, ob die Wirtschaft in der Lage ist, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen: Von allen Bedürfnissen der Menschen befriedigt sie nicht die menschlichsten oder diejenigen, die die Menschen eventuell von Organisationen und Maschinen unterscheiden könnten. Damit erweist sich die hier gestellte Frage als eine des Menschenbilds: Ist der Mensch ein Wesen, welches nach dem Vorbild von Organisationen und Maschinen funktioniert, so löst sich das Thema der vorliegenden Überlegung in Luft auf. Dagegen spricht, dass nach wie vor der Mansch als jemand bezeichnet wird, der handelt und sein Leben führt. Doch möglicherweise stimmt das gar nicht, und das menschliche Leben löst sich auf ein eine Reihe von Routinen wie Schlafen-Arbeiten-Einkaufen-Essen, und der Mensch ist nicht mehr als ein Rädchen in der großen Maschinerie der Gesellschaft. In diesem Fall wären die regelmäßigsten Bedürfnisse des Menschen auch die menschlichsten und für ihn charakteristischen. Auch den Sinn des Lebens müsste der Mensch in dem Fall in den täglichen Verrichtungen des Alltags suchen.

3 Kommentare

Kommentar von: Was-sind-Gedanken [Besucher] · http://www.gedanken-shop.de
Interessanter, philosophischer Text, spannende Gedanken; aber ist es denn nicht so, dass die Bedürfnisse Flugzeuge, Maschinen etc. zu bauen, nicht von niedereren Bedürfnissen herrühren?
Z.B. geht es uns bei Flugzeugen um Mobilität, bei Spülmaschinen um Vereinfachung des Alltags...
Von daher wären Maschinen eben die langsame Erweiterung der Werkzeuge, um sekundäre und tertiäre Bedürfnisse zu befriedigen. Insofern wären Sie doch human.
Über das sollte man sich vielleicht auch Gedanken machen, genauer: philosophische Gedanken machen...
04.11.12 @ 15:52
Kommentar von: Gast [Besucher]
Sigmund Freud wusste es doch. Die menschliche Triebnatur will befriedigt werden. Und die hohen menschlichen kulturellen Fähigkeiten und Produkte sind sublimierte Sexual- und Aggressionstriebe. Wussten wirs doch
04.11.12 @ 20:57
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo,
danke für Eure Kommentare.
Mit Freud kann ich leider nichts anfangen, ich bin kein Freudianer. Das mit Trieb und Sublimierung und so, das geht mir irgendwie nicht in den Kopf.
Dafür denk ich halt immer wieder darüber nach, was die Dinge, die wir machen, wiederum aus uns machen. Wie sie auf uns zurückwirken. Das wäre also eher in Richtung Ernst Cassirer, wenn wir es philohistorisch einordnen wollen.
Na, und Organisationen oder eben: die Organisation der Wirtschaft, das sind eben auch Dinge, die wir machen. Diese helfen und dann, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Aber sie gewinnen andererseits eben auch eine Eigendynamik und zwingen uns, so zu handeln wie sie wollen.
10.11.12 @ 23:39

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