Ein erster Versuch, NLP (Neurolinguistisches Programmieren) zu verstehen

von philohof E-Mail

Link: http://www.philohof.com/philosophie/nachdenken_ueber_wirtschaft/konzeptder_anpassungsgesellschaft_ueberNLP.pdf

Endlich habe ich mich einmal bemüht zu verstehen, wovon NLP eigentlich handelt. Zu dem Zweck habe ich ein handelsübliches Einführungswerk zur Hand genommen (Roman Braun: NLP eine Einführung. Carl Ueberreiter, Frankfurt/Wien 2003 - Die von mir gelesene Ausgabe ist zwar etwas älter, das Buch scheint aber recht populär zu sein und liegt in neueren Ausgaben an mehreren Stellen in der Wiener Thalia-Buchhandlung zum Verkauf auf.)

Es ist nun gut möglich, dass ich dieses Buch auf eine ein wenig andere Art analysiert habe, als sonst LeserInnen es normalerweise lesen. Denn ich habe mich darauf konzentriert, auf welcher Ebene das Buch eigentlich genau den Leser/die Leserin anspricht und welche Ebene es auslässt, also worüber es nichts sagt.

Die Ergebnisse:

Es ist eindeutig, dass das Buch ausschließlich den einzelnen Leser/die Leserin anspricht, um ihm oder ihr Erfolg zu versprechen. Die Gesellschaft kommt in dem Buch nicht vor, vor allem nicht in der Form, dass das Buch sagen würde: "Die Gesellschaft funktioniert so und so -und wenn du das verstehst und dich danach richtest wirst du Erfolg haben!" NLP funktioniert also nicht nach dem Modell "Gutes Benehmen wieder gefragt", wo man von den Anderen mit Sympathie belohnt wird, wenn man sich an allgemein anerkannte Regeln hält. Doch gehen wir es systematisch an:

 a) Die Beziehung des Menschen zur Gesellschaft

kommt in dem Buch, wie gesagt, praktisch nicht vor. NLP basiert ja nicht auf dem Prinzip: Pass dich an, und man wird zufrieden mit dir sein. Sondern NLP hat sich aus der Beobachtung erfolgreicher Menschen entwickelt. Und daraus haben die NLPianer den Grundsatz abgeleitet: Wenn etwas nicht funktioniert, dann probier einfach etwas anderes! Daraus folgt: NLP ist etwas, das funktioniert, egal welche Umweltbedingungen sozialer oder sonstiger Natur rundum herrschen. Nur: Was bedeutet das eigentlich?

Es bedeutet, dass die Gesellschaft im NLP als eine Unbekannte gesetzt wird, als eine "black box". Und daraus folgere ich nun wiederum, NLP ist die rechte Lehre für eine Gesellschaft, die sich selber nicht entscheiden will, ob sie so oder so sein will; für eine Gesellschaft, die bloß von ihren Mitgliedern fordert, sich so schnell wie möglich anzupassen, wie immer und an welchem Zustand immer die Gesellschaft sich gerade befindet.

b) Die Beziehung des Menschen zu sich selbst

Hier liegen die Dinge auf Messers Schneide, und es ist nicht entscheidbar, was mehr zählt. Einerseits rät NLP dem Menschen, in sich selbst hineinzuschauen und nach seinen Wünschen und Zielen zu suchen. Denn aus dem, was er gern tut und wirklich will, schöpft der Mensch ja die psychische Kraft zum Handeln. Andererseits steht aber doch die Forderung nach dem Erfolg über der Verwirklichung der eigenen Wünsche des Menschen. Deshalb gibt es auch Techniken im NLP (Ankern, Dissoziieren etc.), um auf die eigenen Gefühle Einfluss zu nehmen und sich in jenen emotionalen Zustand zu bringen, der in der Situation, in welcher man gerade steckt, am dienlichsten ist und in welchem man am leistungsfähigsten ist. Es ist also nicht entscheidbar, ob man im NLP wirklich auf sich hört oder ob man sich nicht doch eher selber manipuliert.

Eindeutiger ist demgegenüber, dass es im NLP keine Vorstellung von einem guten oder geglückten Menschenleben gibt. Und insofern kann man schon sagen, dass NLP das Ich des Menschen genauso als "black box" ansieht wie die Gesellschaft. NLP verwendet den Menschen bloß, um möglichst viel psychische Kraft und Wendigkeit aus ihm herauszuziehen, damit es sich in der Dunkelheit des Gesellschaftsraums, in welchem es nur mit der "trial and error"-Methode vorankommen kann, erfolgreich bewegt.

c) Die Beziehung des Menschen zum anderen Menschen

Es ist schon fast überflüssig zu sagen, dass hier ebenfalls keine Vorstellung davon, wie eine geglückte Beziehung zum anderen Menschen aussehen sollte, zugrunde liegt. Die Frage, die sich an dieser Stelle aufdrängt, ist viel eher: Wo NLP doch so wenige Anhaltspunkte hat (nicht in der Gesellschaft, wie wir gesehen haben, kaum im Selbst des Menschen), worauf kann es sich denn überhaupt stützen? Nun, in der Kommunikationsbeziehung mit dem anderen Menschen stützt man sich auf Elemente, die im unbewussten oder halbbewussten Bereich liegen. Mittels "Pacing" ahmt man den Gesprächspartner/die Gesprächspartnerin in Körperhaltung, Sprechgeschwindigkeit und Tonalität nach und versucht auf diese Weise, eine angenehme Gesprächsatmosphäre herzustellen. Mittels Beobachtung seiner/ihrer Augenbewegungen und Achtung auf bevorzugte Gesprächsmetaphern ("Ich sehe das ein." "Das hört sich gut an." "Das begreife ich.") versucht man herauszubekommen, welche Sinne beim Gesprächspartner dominieren und stellt sich mit den eigenen Formulierungen ebenfalls darauf ein.

Es ist nun nicht so, dass man hier nicht das Gefühl hätte, ein Gespräch mit einem Mitmenschen nach dieser Anleitung würde nicht an ihm als Person vorbeigehen. Tatsächlich zählen die rationalen Vorstellungen, mit denen der andere Mensch sich selbst repräsentieren möchte, im NLP nicht; anstattdessen redet man eher mit dem Faktum, dass er oder sie ein visueller, ein kinästhetischer oder olfaktorischer Typ ist. Man redet also nicht mit ihm/ihr selber, sondern mit bestimmten Elementen in ihm/in ihr, welche Erkenntnisse der Psychologie sind.

Wiederum fragt sich, was das alles bedeutet? Eine gute Richtschnur bei der Analyse kann sein, dass NLP vielleicht deshalb so erfolgreich ist, weil es sich in verschiedenste Diskurse NICHT einmischt. So gibt es etwa kein Konzept von NLP darüber, wie die Gesellschaft sein sollte, und NLP kommt dadurch nicht in Konflikt mit verschiedenen gesellschaftspoltischen Theorien. Trotzdem baut NLP an der Umgestaltung und Neugestaltung der Gesellschaft heftig mit, denn wenn es daran mitwirkt, eine Gesellschaft zu verwirklichen, die ohne eine Vorstellung vom gesellschaftlichen Zusammenleben auskommt, dafür aber aus lauter flexiblen und schnell sich anpassenden menschlichen Gliedern besteht,dann ist das doch bitte auch eine Gesellschaftskonzeption (nur eben, dass man nicht sagt, dass es eine ist, oder eben einfach gar nicht darüber spricht).

Die Tatsache, dass es im Neurolinguistischen Programmieren keine Vorstellung davon gibt, wie das menschliche Leben aussehen sollte oder wie ein geglücktes menschliches Leben aussehen sollte, bringt den NLP-Diskurs aus der Reichweite der Ethik. Gemeint sind dabei natürlich ethische Diskurse in der Nachfolge von Aristoteles, also solche, die die Frage nach dem guten Leben stellen. Dabei ist die Angelegenheit ja interessant: Einerseits empfiehlt NLP dem Individuum, seine Wünsche zu realisieren, aber ist das dem Individuum denn möglich, ohne dass es sich Bilder davon macht, wie es sich ein geglücktes Menschenleben vorstellt? (Tatsächlich soll es sich ja im NLP auch solche bildliche Vorstellungen machen, aber diese schnell wieder verwerfen, wenn sie sich als nicht erfolgbringend erweisen.)

Aus philosophischer Sicht scheint mir die Sache so zu sein: Wenn NLP mit einem Konzept vom Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft aufwarten würde, dann hätten wir was zu reden mit dem Neurolinguistischen Programmieren. Ebenso, wenn NLP ein Bild vom geglückten Leben des Individuums entwerfen würden, auch dann hätten wir ein Thema. Aber NLP sagt ja einfach: "Macht, was ihr wollt. Achtet nur drauf, dass es funktioniert!" Es lässt uns inhaltlich orientierte Menschen, die über ETWAS reden wollen, also ins Leere laufen.

Wie könnte es sich da anders verhalten im Gespräch mit dem anderen Menschen. Mir ist tatsächlich erst bei der Lektüre von Roman Brauns Einführungsbuch ins NLP bewusst geworden, wieviel Wert ich darauf lege, dass mein Gesprächspartner/meine Gesprächspartnerin mir auf einer rationalen Ebene begegnet, also auf das eingeht, was ich sage - und nicht auf meine Körpersprache oder meine gustatorischen Metaphern. Das soll nicht heißen, dass ich meine, Gefühle seien nicht wichtig. Aber wenn ich spreche und argumentiere, dann baue ich mit Worten etwas zusammen und bin darauf konzentriert. Und dann möchte ich auch, dass mich mein Gesprächspartner dabei begleitet, auch wenn 93% aller Kommunikation nichtverbal sein sollten. Man verstehe mich nicht falsch, aber wenn ich gerade dabei bin zu formulieren, wie ich die Welt sehe und mein Gesprächspartner/meine -partnerin hat nichts Besseres zu tun, als meine Körperhaltung nachzuahmen, dann habe ich sehr stark das Gefühl, dass diese Kommunikation an mir vorbeigeht und sich eher an ETWAS in mir wendet als an mich.

Womit wir die sehr merkwürdigen Ergebnisse meiner Analyse zusammenfassen können: NLP ist so etwas wie ein Selbstverteidigungskurs für den Dschungel oder für den Kampf in der Dunkelheit, denn die Gesellschaft wird in ihm als "black box" angesetzt, der man mit dem Grundsatz "Wenn das nicht funktioniert, dann versuche etwas anderes!" begegnet. Womöglich ist unsere Gesellschaft tatsächlich so eine "black box" ohne bestimmte Werte oder mit Werten, die sie laut verkündet, während sie sich in Wirklichkeit nach anderen Werten verhält - und das ist die eigentliche Grundlage des Erfolgs von NLP. Dem anderen Menschen begegnet NLP gar nicht anders als der Gesellschaft: NLP spricht ihn auf der rationalen Ebene gar nicht an, fragt gar nicht danach, wer er ist und für welche Art von Leben er sich entschieden hat. Wahrscheinlich stimmt es eh nicht, was er sagt. Körpersprache und bevorzugte Sprachmetaphern sagen uns viel mehr über ihn als er selber zuzugeben bereit ist. Wahrscheinlich, wenn er/oder sie sagt, er/sie sei der oder der/oder die, erfahren wir durch unsere Beobachtungsgabe, dass gerade das Gegenteil richtig ist und nutzen diese Erkenntnis, um an seinem/oder ihrem bewussten Willen vorbei "erfolgreich" mit ihm/ihr zu kommunizieren und ihm/ihr z.B. etwas zu verkaufen. Diese Verhaltensweisen entsprechen den Anforderungen einer komplexen und chaotischen Gesellschaft (sowie einer bigotten Gesellschaft, einer Gesellschaft der Doppelmoral - falsch! sogar einer plurigotten und multimoralischen Gesellschaft!) und sind wahrscheinlich - das nehme ich einfach mal an - recht erfolgreich in ihr; die Kehrseite dieser Verhaltensweisen ist aber, dass ein Mensch, der NLP anwendet, im Grunde ohne Gesellschaft und Mitmenschen auskommen muss. Denn die Gesellschaft ist ja bloß eine "black box" für ihn, und den Mitmenschen reduziert er auf nicht viel mehr als dessen Körpersprache.

Also ist der NLP-Mensch allein. Er bleibt allein, denn er kann ja auch gar keinen zweiten Menschen finden. Somit ist die Frage, ob er sich denn zumindest selber hat? Man wird vorausahnen, dass ich die Tendenz habe, auch diese Frage eher negativ zu beantworten. Der NLP-praktizierende Mensch geht zwar von seinen Wünschen aus, aber er/oder sie geht ja trotzdem nicht wirklich von sich selber aus. Schließlich ist nicht Wunscherfüllung das höchste Ziel von NLP, sondern Erfolg - und Erfolg ist "Leistung x Kommunikation", wie es gegen Ende des Buchs von Roman Braun heißt, mithin also etwas, das von der Anerkennung der Anderen abhängig ist.

Wie kann man das alles in einen Satz fassen: NLP ist der Versuch, in dieser absoluten Dunkelheit der Verwirrung, in der wir heute leben, eine Art menschliches Zahnrad zu schaffen, das sich allein und durch sich selbst bewegend, ohne etwas zu sehen, doch mit unendlicher Kraft aus seinem Inneren, unaufhörlich aus dem Schlamm herausdreht, um obenauf zu liegen zu kommen. Und was ist NLP daher? NLP ist dadurch die Anerkennung des Faktums der absoluten Dunkelheit der Verwirrung, in der wir heute alle in dieser unserer Gesellschaft leben.

5 Kommentare

Kommentar von: oxnzeam [Besucher] · http://oxnzeam.de
Man könnte sich ja auch vor solcher Unsinnsabsonderung (nach offenbar semi-esoterischer Ratgeberlektüre) über NLP informieren:
http://www.coaching-kiste.de/nlp.htm
31.08.10 @ 18:40
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo oxnzeam,

ist der Text für dich "Unsinnsabsonderung nach semiesoterischer Ratgeberlektüre", weil er dir nicht gefällt?

Wenn ja, sag zumindest, was dir dran nicht gefällt.

Mann nennt das "in einen Dialog mit jemandem treten".
31.08.10 @ 20:30
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Noch was: Versucht man sich über NLP auf www.coaching-kiste/de.nlp.htm zu informieren, erfährt man:

"Wenn Sie den vorangegangenen Artikel über Kommunikationsformen aufmerksam gelesen haben, wird sich Ihnen auch der Ansatz, die Funktionsweise und der Sinn von NLP-Anschauungen und -techniken erschließen."

Und in dem Artikel über Kommunikationsformen erährt man:

"Kommunikation ist die Grundlage allen Lebens."

"Kommunikation (lat. communicare: "teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen") bezeichnet auf der menschlichen Alltagsebene den wechselseitigen Austausch und auch das gemeinsame Verfertigen von Gedanken in Sprache, Musik, Gestik, Mimik, Schrift oder Bild."

"Ein wesentlicher Bestandteil des Kommunikationsprozesses ist die Verwendung von Zeichen."

- Also das ist wirklich sehr sinnvoll, sich dort zu informieren!

herzlichst philohof
31.08.10 @ 20:38
Also, wer sich wirklich für NLP und die Grundlagen interessiert, dem kann ich den Podcast der NLP freshacademy empfehlen. Da wird NLP uas der Praxis heraus sehr verständlich und auf Augenhöhe erklärt. :)

Für mich war das besser als die rein theoretisch gepolten Texte. Einfach mal hier reinschauen:
http://www.fresh-academy.de/nlp/nlp-news-nlp-podcast/nlp-podcast-aktuell/
06.06.13 @ 13:30
Kommentar von: Tom Wilhelm [Besucher] · https://www.hypnose-reiki-saar.de
Ich mag den Begriff "Programmieren" in Zusammenhang mit Menschen nicht: Er entspricht schlicht und ergreifend nicht meinem Menschenbild.
02.04.17 @ 06:47

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