Ein schönes Buch wurde mir zur Rezension zugeschickt - und ich kann leider nichts damit anfangen

von philohof E-Mail

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 Ein schönes Buch mit vielen Abbildungen vom Verlag rüffer & rub wurde mir zur Rezension zugeschickt. Es handelt sich um Hans Widmer: Das Modell des Konsequenten Humanismus. Der Begleitbrief sagt, sie würden sich freuen, wenn ich Interesse an einem Beitrag zu dem Buch hätte. Allein, ich weiß mich dem Buch nichts anzufangen. Wer meine Texte auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass ich immer darum bitte: „Bitte, bitte, nicht noch ein –ismus!“ Rummm – da wird mir ein Konsequenter HumanISMUS hineingeschoben.

 

Nach der Lektüre von drei Kapiteln (Anfang, Mitte, Schluss) überlege ich, was man mir da überhaupt geschickt hat. Es handelt sich um das Buch eines Wissenschaftlers und Technikers (Dr. Hans Widmer studierte Maschinenbau an der ETH Zürich, promovierte in Nuclear Engineering am MIT) und Unternehmers (übernahm ein Unternehmen in der Maschinenbau-Industrie). Ich habe sehr stark den Eindruck, es ist das ein „philosophisches“ Buch wie ein Wissenschaftler und Techniker sich ein „philosophisches“ Buch vorstellt. Das geht schon los bei der Aufgabenstellung:

 

„…ergibt das Modell des Konsequenten Humanismus unausweichlich, dass individuelles Glück nicht geringer ausfallen muss als das kühner Träume, vorausgesetzt, Menschen sind zweckmäßig organisiert, wissen, was gewusst werden kann, halten ihre Absichten über den Tag hinaus ein; Gesellschaften zweckmäßig organisiert sind, wenn Individuen selbst bestimmen, was sie bestimmen können…“ (Umschlagtext Buchrücken)

 

Mit einem Wort, das Buch beansprucht, alle Fragen gelöst zu haben, und zwar sowohl auf individueller Ebene (Denken, Willensfreiheit Glück) als auch auf kollektiver (zweckmäßige Organisation der Gesellschaft, Demokratie, Liberalismus, Mitbestimmung). Einen so großen Happen würde ich mir nie vornehmen; ich bin schon zufrieden, wenn ich auf einzelne meiner Fragen einzelne Antwortversuche finde, die wenigstens mir als aussichtsreich erscheinen. Ich weiß auch nicht, wie man zu so einem Philosophieverständnis kommt? Vielleicht kommt es dadurch zustande, dass der Wissenschaftler die wissenschaftlichen Disziplinen überblickt und dann daran denkt, was ihm zu seinem großen Glück noch fehlt – die Zusammenerklärung der vielen wissenschaftlichen Einzelerkenntnisse zu einer modellhaften Erklärung des Ganzen: „Wissenschaften erklären eingegrenzte Wirklichkeit aus eingegrenzter Wirklichkeit und haben darin eine exponentiell anwachsende, mittlerweile ungeheure Fülle an Erkenntnissen hervorgebracht; für ein widerspruchsfreies Ganzes hingegen fühlt sich keine zuständig.“ (S. 8)

 

Aussagen kann ich, was meiner Wahrnehmung nach dabei herauskommt: ein Buch, das schöne Bilder malt. Zukunftsbilder, Möglichkeitsbilder oder Bilder sogar, denen irgendwelche dahinter stehende wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage zugeschrieben werden, aber deren Relation zur bestehenden sozialen Wirklichkeit oder irgendeiner greifbaren Gestalt der Realität dennoch krass unterbeschrieben bleibt. So ist z.B. im Abschnitt „Zu Selbstwert anleiten“ zu lesen:

 

„Das erste Ziel für das Kind ist die Selbstachtung, sowohl chronologisch wie von der Priorität her:

-der Anfang davon kommt vom Sorgen für es, seinem sich willkommen Fühlen;

-danach vom Ausbilden seiner Kräfte, seinem Stolz darauf, was Forderung und Förderung voraussetzt, wonach ein selbstlaufender Zyklus in Gang kommt;

-von deren Bewährung in der Welt, aus dem eigenen Erfolg;

-schließlich von der sukzessiven Kohärenz seines Lebens, seiner Autonomie.“ (S. 209)

 

Ja, das wäre schön. Aber haben Sie in Ihrem Leben so etwas erlebt? Ich in meinem nicht. Rückblickend würde ich meine Bildungs- und Ausbildungskarriere eher beschreiben als den Versuch meiner LehrerInnen und ProfessorInnen, mich zu brechen – meinen Willen zu brechen, mein Interesse, meine Lebensfreude. Was ihnen letzten Endes auch weitgehend gelungen ist.

 

Zum Beispiel: Widmer geht davon aus, dass alles Denken mit dem Gefühl, mit dem Bedürfnis als Motivator für das Denken beginnt: „Gefühl, das Medium, das Denken die Motive liefert: Hunger, Schmerz, Unbehagen, Misstrauen, Verliebtheit, Übermut etc. sind Aufträge an das Bewusstsein, mit seinen Einsichten Problemlösungen zu finden oder Chancen zu ergreifen.“ (S. 103) Manchmal schreibe ich darüber, wie ich an der Universität mit der Wissenschaft in Kontakt gekommen bin und deren erste pädagogische Leistung darin bestand, mir das Formulieren meiner persönlichen Motive für die theoretischen Fragen, mit denen ich mich beschäftige, zu untersagen. Anstatt dessen, sagte man mir, solle ich schreiben, es bestünde an dieser Stelle in der Disziplin eine Forschungslücke oder: diese Frage sei noch nicht ausreichend beforscht. Die Konsequenz dieser Erfahrung war bei mir das Erlöschen der Motivation, mich mit diesen theoretischen Fragen zu befassen. Wissenschaft hat eben keine Einsicht in den Sachverhalt, dass am Beginn des Denkens eine emotionale Motivation stehen müsse. Sie meint, die ruhmreiche Aussicht, etwas zur Wissenschaft beitragen zu dürfen, reiche aus, um alle personale Motivation zu ersetzen.

 

Was ich sagen möchte: Ich habe diese Inhalte niedergeschrieben und publiziert, und kaum jemand hat sie je verstanden oder ernst genommen. Und nun bekomme ich ein Buch von Hans Widmer, in dem er schreibt, so als ob das eine Selbstverständlichkeit wäre, „Der Zweck von Denken ist Bedürfnisbefriedigung“ und „Das Bedürfnis teilt sich über ein Gefühl mit“ (S. 99). Er hat doch auch studiert – sind ihm an der Hochschule nicht alle Gefühle erfolgreich ausgetrieben worden?

 

Doch das nur am Rande. Ich habe mich dann gefragt: Was ist das überhaupt für ein Buch und warum schickt man es mir zu? Bin ich als Philosoph oder Philosophierender berufen, darüber zu urteilen? Meine heutige Erkenntnis nach einiger Lektüre ist: Nein, WissenschaftlerInnen sollen darüber urteilen. Es finden sich in dem Buch mehrere Aussagen Widmers, die betonen, dass er meint, das Besondere an seinem Ansatz sei, dass er sich auf Erkenntnis stütze – und mit „Erkenntnis“ meint er wissenschaftliche Erkenntnis.

 

„Was Philosophie seit ihren Anfängen fragt, beantwortet das vorliegende Modell auf der Grundlage dessen, was Wissenschaft bisher hervorgebracht hat: etwa, was Leben sei, der Mensch, Freier Wille, Glück. Wissenschaftliche Erkenntnis rührt aus der systematischen Befragung davon, was als Wirklichkeit erscheint. Erkenntnis ist überhaupt nur aus solcher Befragung zu gewinnen. Philosophische Arbeit beginnt folglich mit der Einverleibung relevanter Erkenntnis…“ (S. 7)

 

„Konsequenter Humanismus baut auf Erkenntnis auf, was schon Kant dringend empfahl: „Wissenschaft (…) ist die enge Pforte, die zur Weisheit führt.“ Und Wissenschaft ist „kritische und systematische“ Befragung der Wirklichkeit.“ (S. 126)

 

„Die Erkenntnis über die Welt wird stetig vollständiger, was die Voraussetzung bildet für eine nachhaltige Symbiose der Menschheit mit der Welt und nicht nur das: spiegelbildlich auch für den harmonische, friedfertigen, nachhaltigen Umgang der Individuen mit ihrer unter dem Bewusstsein liegenden Natur.“ (S. 127)

 

Mit einem Wort, hier haben wir es mit einem Wissenschaftler (oder zumindest: mit einem Menschen mit wissenschaftlicher Grundorientierung) zu tun, der meint, die bisherigen Erkenntnisse der Wissenschaft zusammenfassen zu können. Ich würde meinen, dass es die Aufgabe kompetenter FachwissenschaftlerInnen ist abzuklären, ob aus den von Widmer zusammengetragenen wissenschaftlichen Theorien überhaupt folgt, was er als seinen Vorschlag für eine Aufklärung der Individuen durch Erkenntnis ableitet: „die Wirklichkeit aus der Wirklichkeit erklären“; „Vertrauen aufbauen"; "instinktive in abstrakte Ethik zu transformieren“; „sich auf die Weisheit des Kollektivs zu verlassen“; „Kindern zu Selbstwert anzuleiten“; „das Göttliche in sich freizulegen“ (S. 201). Ich könnte mir vorstellen, dass dann der eine oder andere konkrete Einspruch erhoben wird. Oder die ganze Sache überhaupt als wissenschaftlich unentscheidbar abgetan wird.

 

Für mich ergibt sich aus dem Ansatz des Buchs schon eine grundsätzliche Frage: Wird denn das Wissen über die Welt dadurch, dass die Einzelwissenschaften immer mehr Wissen produzieren, wirklich auch VOLLSTÄNDIGER? Oder wird es nur MEHR Wissen? Und lässt sich wissenschaftliches Wissen ZUSAMMENFASSEN, sodass eine philosophische Orientierung von Individuum und Gesellschaft durch die Ergebnisse des wissenschaftlichen Wissens möglich wird? Ich bezweifle das. Ich würde annehmen, dass Fachleute aus den einzelnen Disziplinen Widmer nachweisen würden, dass er da eine sehr idiosynkratische Mischung aus wissenschaftlichen und philosophischen Theorien zusammengetragen hat. Was ihm gefallen hat und was er für seine Botschaft brauchen konnte, hat er in seinem Buch erwähnt.

 

Aber was soll ich mit dem Buch anfangen? Ich glaube ja nicht, dass es Aufgabe der Philosophie sein kann, den Menschen – individuell wie kollektiv – zu sagen, wo es lang geht. Diese Aufgabe ist viel zu groß für die Philosophie. Das Resultat wird immer ein „politischer Text“ sein, also einer, der beansprucht, unvereinbare Gegensätze vereinen zu können und der die Zukunft in den schönsten Farben malt.

 

Mein philosophischer Anspruch ist viel kleiner: Orientierung zu finden für mich selbst in der Welt, so wie sie gegenwärtig ist. Das ist ein Anspruch, den Widmer im Rahmen der psychologischen Entwicklung des Menschen bereits mit Abschluss der Adoleszenz für abgeschlossen hält: „Kinder haben einen starken, spontanen Antrieb, sich zurechtzufinden (auch bei Laborratten zu beobachten, wenn sie in eine neue Umgebung versetzt werden). […] Nach der Adoleszenz bilden sich die Anstrengungen für Welterkenntnis und –deutung zurück: der Fokus liegt auf dem Bestehen in der erkannten Welt.“ (S. 123-124) Ich sage es ehrlich: Ich kenne mich in unserer Welt, so wie sie ist, nicht aus.

 

Das ist auch der Grund, warum mich Hans Widmers Buch extrem ungeduldig macht. Es zeichnet zwar sehr viele schöne und hoffnungsfrohe Bilder, doch trägt es in keiner Weise zu meiner Orientierung in unserer Welt bei. Warum tut es das nicht? Nun, es geht nicht auf Probleme ein, die Widmers Visionen entgegenstehen (es bemerkt nur manchmal, dass wir „noch weit von der Umsetzung der Erkenntnis entfernt“ seien (S. 6)), es referiert keine Gegenpositionen, und es nimmt auch keinen Bezug auf meine Lebenserfahrungen, womit kein gemeinsamer Ausgangspunkt für das Nachdenken entsteht. (Widmer hätte ja die eine oder andere seiner eigenen Erfahrungen referieren können, wodurch sich – bei zufällier Übereinstimmung derselben mit einer Erfahrung des einen oder anderen Lesers – ein gemeinsames Thema ergeben hätte.)

 

Überhaupt wünschte ich mir so etwas wie eine Gebrauchsanweisung für dieses Buch: Wer soll das lesen und was soll die jeweilige Person dann mit den Inhalten anfangen, nachdem sie sie gelesen hat?

 

Was für mich bleibt, ist ein schönes, aufwändig gemachtes Buch und eine gewisse Art von Feedback darüber, wie manche Menschen die Aufgabe der Philosophie auffassen. Inhaltlich bietet mir dieses Buch nichts Greifbares, weil es – obwohl es behauptet, auf dem festen Boden der wissenschaftlichen Erkenntnis zu stehen – sich in schönen Phrasen erschöpft und in die Niederungen der täglich erfahrbaren Realität nicht hinabsteigt. Worüber also könnte ich sprechen, wenn ich nach dem philosophischen Gehalt dieses Buchs Auskunft geben sollte? Nun, das einzige Erwägbare darin ist wohl, dass hier jemand meint, wissenschaftliche Erkenntnisse in ihrer schieren Unmöglichkeit und Unübersichtlichkeit ließen sich zusammenfassen und in ein neues philosophisches Programm mit Namen „Konsequenter Humanismus“ destillieren. Aber da bin ich sehr skeptisch: Ich glaube eigentlich nicht, dass bei der Zusammenschau aller verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse mehr als Verwirrung im Kopf eines Menschen entstehen kann.

 

Erschwerend kommt dazu, dass Widmer die Auswahl seiner bevorzugten wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht rechtfertigt und auf etwaige Gegenentwürfe nicht eingeht. Er stellt nur ein philosophisches Programm vor, zitiert eine Anzahl von wissenschaftlichen Theorien zur Unterstützung herbei und behauptet, die philosophische Theorie sei wissenschaftlich ausreichend unterstützt. Daher komme ich zu dem Schluss, WissenschaftlerInnen sollten entscheiden, ob sie das tatsächlich ist. Ich selbst sehe mich nicht in der Lage, das Buch zu Ende zu lesen, denn bei seiner Lektüre fühle ich mich wie zwischen Schlagwörtern hin- und hergeworfen und ohne Kontakt zu einer mir irgendwie greifbaren Realität, die mir dabei helfen könnte zu entscheiden, wo Widmer recht hat und wo er irrt. Es ist schon merkwürdig, dass jemand Lust hat, ein solches Buch zu schreiben!

 

1 Kommentar

Kommentar von: Burobedarf Darmstadt [Besucher] · http://buerobedarf-darmstadt.de/
Das Buch ist zwr nicht die spannedste Literathur, aber irgendwie hat es Sinn gemacht.
21.02.14 @ 12:19

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