Ein Wort zur Leistungsgesellschaft

von philohof E-Mail

Link: http://www.gabarage.at

Am 27. 4. 2016, um 19 Uhr, besuchte ich in der gabarage Michael Musaleks Vortrag „Scham in einer schamlosen Gesellschaft“

Musalek sagte in seinem Vortrag zwar auch allerhand Interessantes über das Phänomen der Scham, in diesem Blogbeitrag möchte ich allerdings eine Bemerkung von ihm über das Wesen unserer Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen:

Musalek sagte, man könne häufig lesen, dass unsere Gesellschaft charakterisiert werde als:

  • Leistungsgesellschaft

  • Informationsgesellschaft

  • Genussgesellschaft

Das entspreche jedoch nicht der beobachtbaren Realität

Auf Leistung, so Michael Musalek, komme in unserer Gesellschaft es überhaupt nicht an: Solang Sie Erfolg haben, wird Ihnen Leistung angedichtet. Wenn Sie keinen Erfolg mehr haben, wird Ihnen gesagt: "Sie leisten zuwenig!" Es wird auch Leistung nicht honoriert, sondern es wird nur der Erfolg honoriert.

Wir seien, so Musalek, leider auch keine Informationsgesellschaft, sondern bestenfalls eine Infotainment-Gesellschaft. Infotainment, das kennen Sie am besten, von manchen Radiosendungen: Viel Musik und ein bisschen Information dazwischen. Das sei es, was heute zählt: Großartige, lange Diskussionen sollen nicht sein; kurz, prägnant, durchaus ein bisschen öfters, aber dazwischen was Lustiges.

Wir befänden uns, so Musalek, auch nicht in einer Genussgesellschaft, sondern in einer Spassgesellschaft. Das heißt, es gehe um diesen raschen Dopaminanstieg, wo wir uns kurzfristig wohlfühlen, wo danach gleich die postkoitale Tristesse folgt, um danach wieder zu einem Anstieg zu kommen. Das habe mit Freude und Genuss, die beide wunderbare Plateauerlebnisse sind, nicht viel zu tun.

Wir leben also, so die Diagnose Musaleks, in einer

  • Erfolgsgesellschaft

  • Infotainment-Gesellschaft

  • Spassgesellschaft

Über diesen Befund könnte man jetzt nachdenken bzw. diskutieren.

Ich möchte etwas anderes an ihm bemerken: Mir erscheint er als ein gutes Beispiel für Philosophie, für das, was ich mir unter Philosophie vorstelle. Dazu zeichnen ihn folgende Aspekte aus.

-Musalek beschäftigt sich hier mit etwas Bekanntem, mit etwas, das wir alle kennen – nicht mit unbekannten Phänomenen, wie das die Wissenschaft häufig tut.

-Dieses bekannte Phänomen vergleicht er mit seiner eigenen Wahrnehmung der Realität. Das bedeutet, wir befinden uns hier innerhalb der Lebenswelt – auch das unterscheidet Philosophie von Wissenschaft, die sich häufig mit Phänomenen weit außerhalb der von den meisten Menschen erlebbaren Welt (Lebenswelt) beschäftigt.

-Dieses bekannte, lebensweltliche Phänomen lässt er durch den Filter seiner individuellen Reflexion laufen. Das bedeutet: Es geht nicht darum – wie in der Wissenschaft – gemeinsame Wahrheiten herzustellen und zu befestigen, sondern ganz im Gegenteil darum, sich gemeinsame Wahrheiten noch einmal vorzunehmen und sie als Individuum, als der Mensch, der man ist, noch einmal zu bearbeiten.

Einen Menschen, der selber nachdenkt, erkennt man daran, dass er manchmal zu allgemein anerkannten Überzeugungen seine eigene, abweichende Meinung oder Interpretation hat. Andernfalls würde er ja nur geistig mit der Masse mittreiben. Und Philosophieren ist ja nichts anderes als selber nachzudenken. Ich glaube, das sage ich oft genug, dass ich unter Philosophieren nicht die Kenntnis von bekannten Philosophen und ihrer Werke verstehe.

1 Kommentar

Kommentar von: Mindweller [Besucher]
Da ich leider gerade keinen Desktop Pc bzw Laptop hier habe, sondern nur mein Tablet, wird meine Antwort sehr kurz ausfallenmüssen: Die Beschreibung der Thematik hat mich aufgrund deiner Ausdrucksweise und ihrer selbst gefesselt. So einfach und simpel manchmal bestehende Ausdrücke (Leistungsgesellschaft etc) richtig- oder gar die Realität in möglichst treffendem, weiteren Sinne dar-gestellt werden kann, so sind dazu die Gedanken auf bereits bestehende, aber alltägliche "Dinge" zu richten. Ebenso banal wie die Konklusion des letzten Satzes.
Desweiteren meine ich zu wissen, dass im altertümlichen Athen derjenige als "gebildet" galt, der im Kopf beweglich ist, neue ideen und Argumente entwickeln kann und mit eben solchen und anderen spielerisch umzugehen weiß, statt sie stumpf zu wiederholen.
Letzteres ist mir persönlich oft in der Schule aufgefallen, besonders (!) in der Oberstufe. Das Problem ist sicherlich nicht unbekannt, wenn auch traurig, dass es Lehrern nicht auffällt oder gar zufriedenstellt, wenn wenigstens dies ein Unterrichtsbeitrag darstellt.
30.12.16 @ 20:39

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