Es gibt keine wissenschaftlichen Revolutionen!

von philohof E-Mail

Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1999 (1976).

Auf Seite 133 ist mir der Knopf aufgegangen, und ich habe geschnallt, worum es in diesem Buch eigentlich geht: Es geht nicht in erster Linie darum, dass Kuhn die Wissenschaft als ein Unternehmen beschreiben würde, das von Paradigmen geleitet ist, die bisweilen in die Krise kommen, wodurch Perioden von Normalwissenschaft und wissenschaftliche Revolutionen einander ablösen. Es geht darum, dass Kuhn selbst mit seinem Konzept von Paradigma und wissenschaftlicher Revolution der Wissenschaftstheorie ein neues Paradigma vorschlagen wollte, hinter der eine philosophische Erkenntnistheorie steckt. Dieses neue erkenntnistheoretische Paradigma besteht darin, dass der Wissenschaftler nach einem Paradigmenwechsel die gleichen Erkenntnisgegenstände anders sieht und ihm ist, als wäre er in einer anderen Welt.

Ich habe diese Erfahrung in meinem Buch Einladung zur Odyssee. Eine erkenntnistheoretische Reflexion über die „epische Seite der Wahrheit" als die „Unverständlichkeit des Lernvorgangs" bezeichnet: Wenn der Mensch kleine Sachen lernt, dann genügt es, wenn er sie dazulernt; aber wenn es sich um etwas Komplexeres und Schwierigeres handelt, dann muss er gleichsam zu einem anderen Menschen werden, um jemand zu werden, der diesen Gegenstand verstehen kann. Das ist der Grund, warum Lernen ein so schwer zu fassender Vorgang ist.

Kuhn sah nun in seinen wissenschaftshistorischen Studien, dass etwas Ähnliches in der Geschichte der Wissenschaft stattfand. Aber er hätte sich wohl besser überlegen sollen, ob sich auch die Wissenschaft selbst so beschreiben würde. Immerhin hat sie ihn ernst genommen, und sein Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen ist viel diskutiert und zitiert worden. Ein Achtungserfolg. Ich glaube dennoch nicht, dass sich die Wissenschaft auf diese Weise lernend oder in der Erkenntnis fortschreitend sehen kann. Sie kann das aufgrund ihrer eigenen Ideologie nicht, welche besagt, dass ihr Fortschritt linear und kumulativ zu sein hat.

Jetzt ist wichtig, was aus meinem Gedanken folgt: Es gibt keine wissenschaftlichen Revolutionen! Es mag vielleicht Revolutionen in der Wissenschaft gegeben haben (vielleicht hat Kuhn ja recht gehabt). Aber da sich die Wissenschaft selbst nicht gern als etwas sieht, das Revolutionen durchlebt und sich nur in der Normalwissenschaft wohlfühlt, hat sie auch keine Revolutionen durchlebt, selbst wenn es wahr sein sollte, dass sie welche durchgemacht hat. Was ich damit sagen will, ist, dass Kuhn sich nicht um die Perspektive der Wissenschaft gekümmert hat und nicht genügend berücksichtigt hat, was sie selbst über sich sagen würde. Anstatt dessen hat er gesehen, dass es in der Geschichte der Wissenschaft Revolutionen gegeben hat, und weil er das für wahr gehalten hat, hat er daraus geschlossen, dass es wissenschaftliche Revolutionen geben müsse.

Aber wenn es Revolutionen in der Wissenschaft gibt, muss es deshalb noch lang keine wissenschaftlichen Revolutionen geben. Man kann ja auch sagen, dass die Wissenschaft zwischen zwei Phasen der Normalwissenschaft für kurze Zeit aufgehört hat zu existieren. Oder eben: dass die revolutionären Phasen in der Geschichte der Wissenschaft philosophische Phasen waren. Von Kuhns gesamter Lagebeschreibung her würde diese Interpretation gut passen: In Phasen der Normalwissenschaft spezialisieren sich die WissenschaftlerInnen sehr stark; die Ausbildung ist eng und rigide, und die wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich auf die Lösung sehr spezieller Rätsel auf der Basis des gültigen Paradigmas. Mit einem Wort, das ist alles, was Philosophen nicht besonders attraktiv finden. In Zeiten von Revolutionen in den Wissenschaften hingegen wird die Problemauffassung wieder breiter, die WissenschaftlerInnen fangen wieder an, miteinander und auch mit Leuten, die nicht vom Fach sind, zu diskutieren. In dieser Zeit, in der die PhilosophInnen munter werden, weil sie endlich wieder die Freiheit genießen, nachzudenken und zu diskutieren, leiden die WissenschaftlerInnen wie Hunde, weil sie das Gefühl haben, nichts weiterzubringen und dass es keinen Fortschritt in ihrem Fach gibt. Freilich gibt es keinen Fortschritt, wenn wieder alles zur Diskussion steht, ebenso wie es keine philosophische Diskussion gibt, wo nur Detailprobleme bearbeitet werden – Wissenschaft und Philosophie schließen einander eben wechselseitig aus.

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So in etwa könnte die gegenwärtige Situation aussehen

 

"In den heutigen biologisch-medizinischen Wissenschaftslandschaften hat die paradigmatische Normalwissenschaft eine immer größere Dominanz gewonnen. Sie verspricht mehr und mehr, brennende, ungelöste Probleme der Existenz des Menschen – so z.B. Krankheiten wie Umweltprobleme – mit ihrem ständig wachsenden Wissen lösen zu können. […] Die Protagonisten der „Entdeckungs-getriebenen“ Forschung wähnen sich sicher, dass ihre Wissenssammlungen keine Paradigmenwechsel mehr bewirken. Sie erwarten, dass diese Informationssammlung so umfangreich, ja allumfassend betrieben werden kann, dass dieses sogenannte „Entdeckungs-getriebene“ Ordnen des Wissens – auf neu-deutsch „discovery-driven research“ – die Wahrheit der physischen Existenz des Menschen und seiner Umgebung völlig erklären wird. […] Ihre Resultate werden in immer mehr Publikationen dokumentiert, die immer weniger gelesen werden können. Aus einer Zeitschrift „Nature“ sind einundzwanzig, aus einer Zeitschrift „Cell“ elf geworden. […] Mit der immer größeren Zahl von Wissenschaftler(innen), und der ihrer Verwalter(innen) und Publizist(inn)en, wird die Tendenz immer stärker und stärker, als Paradigma zu erhalten, was so viele so gut und bequem leben lässt. […] Eine paradigmatische Änderung der Forschung wird immer unwahrscheinlicher, weil sie auf vielen Ebenen organisationsgefährdend ist.“

 

Fritz Melchers: „Wa(h)re Wissenschaft und Wa(h)re Wissenschaftler“, in: Wa(h)re Forschung? Science – Change of Paradigms? Symposium 20.-21. Mai 2010. Anlässlich der Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Hg. vom Präsidium der Österreichischen Gesellschaft der Wissenschaften. Wien 2011. S. 6-18. Hier: S. 7.


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Aber es bleibt noch etwas Wichtiges zu sagen. Thomas Kuhn erklärt nämlich gut, wie die Wissenschaft zu ihrer linearen und kumulativen Sicht der eigenen Entwicklung kommt: durch Geschichtsfälschung. Auf Seite 178 schreibt er, dass der Eindruck keineswegs ganz unangemessen wäre, wenn man meinte, das Mitglied einer reifen wissenschaftlichen Gemeinschaft sei wie die Hauptfigur in Orwells „1984" „das Opfer einer von den derzeitigen Machthabern neu geschriebenen Geschichte". Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung funktioniert nämlich so, dass sie sich nur die Erfolge merkt. Die „Geschichte rückwärts schreiben" nennt Kuhn das (S. 149), und das ist an sich auch dasjenige, das mich an der Geschichtsschreibung stört, weil auch Staaten und Nationen immer die Tendenz haben, ihre Geschichte als Erfolgsgeschichte und als Entwicklung nach vorne und oben darzustellen. Das Glück bei der Historie ist, dass das nicht immer möglich ist: Man wird sicher nicht die Entwicklung Österreichs von der Donaumonarchie und vom Land, in dem die Sonne nicht untergeht, zum heutigen Zustand ohne Einschränkungen als Erfolgsgeschichte verkaufen können. Bei der Wissenschaft als einem Erkenntnis sammelnden Unternehmen sollte das aber durchaus schon möglich sein – wer sollte sich auch dadurch eingeschränkt fühlen, dass die Wissenschaft Erkenntnisse sammelt?

Dennoch war es auch in der Geschichte der Wissenschaft immer wieder nötig, dass die Wissenschaft sich zurechtdefinierte, damit sie eine Erfolgsgeschichte blieb. So hat man etwa einfach alle möglichen Disziplinen, deren Wissen keinen Fortschritt zeigte – Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte usw. – einfach aus der Wissenschaft hinausdefiniert. Man sollte begreifen, dass die Wissenschaft nicht bloß deshalb so erfolgreich ist, weil sie tatsächlich so erfolgreich wäre, sondern dass das umgekehrt funktioniert: Sie hat die erfolgreichsten Wissensgebiete als Wissenschaft definiert; auch so kann man erfolgreich sein.

Warum das wichtig ist? Das ist deshalb von Bedeutung, weil es mit dem Paradigma zusammenhängt, das Thomas S. Kuhn der Wissenschaft vorschlagen will, weil er glaubt, dass es die Wahrheit besser trifft als ihr eigenes ideologisches Konzept vom linearen und kumulativen Fortschritt. Was ist denn das eigentlich für ein Konzept, das Kuhn mit seinem Paradigmenbegriff vorschlägt und welche philosophische erkenntnistheoretische Vorstellung steckt darin? Um es kurz zu sagen, was Kuhn, angeregt durch seine wissenschaftshistorischen Studien, versucht hat, ist, eine Geschichte zu erzählen, während man drin steckt. Also nicht von ihrem Ende her, so wie die Siegergeschichten erzählt werden und wie sich auch die Wissenschaft selbst ihre eigene lineare Geschichte zimmert, sondern er hat die Werke von Aristoteles, Priestley, Lavoisier und Anderen gelesen und dann versucht, sich in sie hineinzuversetzen und sich vorzustellen, was man von ihrem Standpunkt aus sehen konnte. Das Ergebnis war für Kuhn, dass sich von einem Standpunkt innerhalb des historischen Entwicklungsprozesses nicht absehen ließ, wie die Geschichte ausgehen würde, in welche Richtung sich die Wissenschaft weiterentwickeln würde, denn es gab bei einem jeden Paradigmenstreit gute Argumente für beide Seiten.

Die Frage ist nun jedoch nicht, ob diese Einsicht wahr, sondern ob sie wissenschaftlich ist? Das erkenntnistheoretische Konzept, das hinter dem Paradigmenbegriff steht, bezeichnet einen Zeitpunkt jetzt, wo man noch nicht weiß, was einem passieren wird: Wird man etwas dazulernen? Wird man mit seiner Ausgangshypothese scheitern? Oder wird man sogar eine größere Erkenntnis gewinnen, in deren Licht vieles ganz anders erscheint? Es ist das eine Konzeption von Erkenntnis, die sich gut auf das Individuum anwenden lässt. Insofern wäre sie psychologisch oder eben philosophisch, wenn man das klassische Bild vom Philosophen akzeptiert, der sich in die Einsamkeit zurückzieht, um nachzudenken. Schlechter schon lässt sie sich auf soziale Gruppen anwenden. Das funktioniert nur, wenn man den Generationenwechsel miteinbezieht, und dann hat man das Problem, dass es ja – wie Kuhn öfters wiederholt (z.B. S. 177) – gewöhnlich junge Menschen sind oder solche, die noch neu sind in einem Fach, die eine neue Idee haben und einen Paradigmenwechsel initiieren. Auf der sozialen Ebene erscheint dieses Erkenntniskonzept also weniger als eines vom Lernen denn eines, in dem sich jugendliche Unerfahrenheit und dummdreiste Unbekümmertheit gegen soziale Erstarrung durchsetzen. Nicht gerade ruhmreich.

Ob aber die Wissenschaft in dieser Weise Geschichten über sich erzählen wollen würde? Wenn sie es täte, dann würde sie Julián Marías’ Forderung entsprechen, wie man denn erzählen sollte, nämlich „von den Projekten her". Damit meint er, man solle zuerst erzählen, was etwas ursprünglich hätte werden sollen und dann: was diesen Projekten im Laufe der Geschichte zugestoßen ist. Würde die Wissenschaft in dieser Weise über sich erzählen, dann müsste sie z.B. über die Phlogistontheorie erzählen und zugeben, dass sie sich da damals ordentlich verrannt hat. Denn eine gute Geschichte (schlecht ist sie, wenn man das Ende schon im Vorhinein weiß) kann gut oder schlecht ausgehen, erfolgreich oder als Misserfolg – sie lässt sich alle Möglichkeiten offen. Die Wissenschaft aber will ihre eigene Geschichte unbedingt als Erfolgsgeschichte erzählen, sie kann also ihre Geschichte gar nicht als Geschichte ordentlich und wahrhaftig erzählen.

Warum das so ist, kann ich mit den Konzepten Kuhns erklären: Wissenschaft ist eng mit dem Begriff des Fortschritts verbunden, und der erste Fortschritt ist das wissenschaftliche Paradigma selber, das nichts anderes bedeutet, als dass die miteinander konkurrierenden Schulen verschwinden (S. 33, S. 171ff.). Das bedeutet, wenn es Menschen gibt, die über den fehlenden Fortschritt in einer bestimmten Disziplin jammern, dann sind das Wissenschaftler. Es gibt zwar auch in nichtwissenschaftlichen Disziplinen Fortschritt, aber man sieht ihn nicht, solange konkurrierende Schulen die Ziele und Methoden der je anderen in Zweifel ziehen. Erst wenn nur noch eine Schule übriggeblieben ist, wird der Fortschritt sichtbar. Damit wird auch klar, was wissenschaftlicher Fortschritt eigentlich meint: Das muss ein sichtbarer Fortschritt sein und einer für eine Gruppe – die wissenschaftliche Gemeinschaft – die sich selbst fortschreiten sieht. Wissenschaft ist also zum Erfolg verdammt, wissenschaftliche Erkenntnis ist erfolgreiche Erkenntnis. Oder: Wenn eine Erkenntnis einmal nicht erfolgreich gewesen ist, ein Fehlschlag war, ein Weg ins Nirgendwo, dann war sie nicht wissenschaftlich. Daraus folgt: Die Zurechtdichtung ihrer eigenen Geschichte gehört unabtrennbar zum Begriff der Wissenschaft.

Übrigens scheinen auch die Reaktionen auf Kuhns Buch meine Thesen zu belegen. Sie betrafen nämlich hauptsächlich den Paradigmenbegriff (der als zu unscharf kritisiert wurde) und den Inkommensurabilitätsbegriff (Kuhns Ansicht, dass zwei Paradigmen miteinander inkommensurabel, unvergleichbar seien); außerdem wurde Kuhn Relativismus vorgeworfen.

Das für mich Unverständliche an diesen Kritikpunkten ist, dass man sich offenbar keine Gedanken über den eigenen Standpunkt gemacht hat: Diese Kritikpunkte stammen deutlich aus jenem wissenschaftstheoretischen Paradigma, in welchem der Fortschritt der Wissenschaft als linear und kumulativ gesehen wird, weil ein jeder Irrweg als irrational erschiene (die Vernunft geht ausschließlich gerade Wege). Kurz, das ist eine Position, die jene Erkenntnissituation, die Kuhn vor Augen hatte – dass man wo mittendrin steckt und die Dinge kompliziert sind, sodass man nicht weiß, welche Richtung man wählen soll – für nicht real hält und für jederzeit auflösbar, wenn man sich nur zu ein bisschen mehr Klarheit bei der Behandlung der Probleme bequemt.

Aber diese Reaktion ist für mich nur unverständlich aus der Perspektive, wenn ich mir Menschen vorstelle, die Kuhns Buch gelesen und darüber nachgedacht haben. Verständlich ist für mich, dass Wissenschaftler und PhilosophInnen, die Wissenschaftstheorie betreiben, reflexartig so reagieren mussten, weil Wissenschaft als Gesamtunternehmen selbst ein Paradigma hat. Dieses Paradigma ist der erkenntnistheoretische Realismus, also: die Vorstellung, dass die Außenwelt eine Realität unabhängig von uns als Erkennenden besitzt und dass die Dinge da draußen ruhig, separat und in benennbaren Einheiten herumliegen, die nur darauf warten, dass wir sie erkennen. Wenn sich jedoch Kuhn auf Seiten 133-134 bemüht zu erklären, dass es einzelne und stabile Daten, die man interpretieren kann, nicht gebe, weil dasjenige, was man als Daten auffasst, vom Paradigma oder der Theorie, die man hat, abhänge, dann geht das in Richtung Konstruktivismus und riecht nach subjektiver Willkür. Daraus folgt für mich, dass auch in dem Fall, dass Kuhns aus der Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte gewonnenes Anliegen sachlich gerechtfertigt gewesen sein sollte, die Wissenschaft als Gemeinschaftsunternehmen in Erkenntnisangelegenheiten seine Vorschläge mit Bedachtnahme auf ihren gesellschaftlichen Ruf nicht annehmen konnte – man kann eben der Wissenschaft keine philosophische Erkenntnistheorie vorschlagen.

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