Gedanken bei der Lektüre eines Aufsatzes von Richard Rorty

von philohof E-Mail

Heute habe ich gelesen: Richard Rorty: „Die moderne analytische Philosophie aus pragmatischer Sicht“, in: Mike Sandbothe (Hg.): Die Renaissance des Pragmatismus. Aktuelle Verflechtungen zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2000. S. 78-95.

Folgende Zitate aus dem Text erscheinen mir relevant:

ATOMISMUS SCHAFFT EINEN VORTEIL IN DER PROFESSIONALISIERUNG VON PHILOSOPHIE

„13. These: Die Professionalisierung verschafft den Atomisten einen Vorteil gegenüber den Holisten und somit einen Vorteil für die Repräsentationalisten gegenüber den Nichtrepräsentationalisten. Philosophen mit Theorien über die Elementarteilchen der Sprache oder des Denkens und die Zusammensetzung dieser Teilchen wirken nämlich systematischer und daher auch professioneller als Philosophen, die behaupten, alles sei kontextrelativ. Nach Ansicht dieser letzteren sind die sogenannten Elementarteilchen ihrer Gegner nichts weiter als Knoten in Gespinsten wechselseitiger Beziehungen.“ (S. 94)

Atomisten = Philosophen, die alle Probleme in ihre kleinstmöglichen Teile zerlegen

Holisten = Philosophen, die philosophische Probleme vor ihrem Hintergrund, in ihrem Kontext, beurteilen.

Repräsentationalisten = Philosophen, die glauben, dass unsere Erkenntnisse reale Dinge in der Außenwelt repräsentieren (oder dass unsere Aussagen über unsere Erkenntnisse Stück für Stück reale Gegenstücke in der nichtmenschlichen Realität haben).

„Repräsentationalisten sind mit Notwendigkeit Realisten, und das Umgekehrte gilt ebenfalls. Denn Realisten glauben, daß es nur eine einzige Art des Soseins der Welt an sich gibt…“ (S. 80)

Nichtrepräsentationalisten = Philosophen, die das nicht glauben.

Anmerkung von mir dazu: Die Professionalisierung in der Philosophie verschafft den Atomisten einen Vorteil gegenüber den Holisten oder, wie der zweite Satz des Zitats es ausdrückt, die Atomisten wirken professioneller: Wenn Philosophie sich professionalisiert, wie das in der akademischen Philosophie der Fall ist, dann ist es vorteilhafter ein repräsentationalistisch gesinnter Atomist zu sein als ein nichtrepräsentationalistischer Holist. Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Der erste ist, dass es sehr genau und methodisch und systematisch aussieht, wenn man alle Fragen in ihre kleinsten Teile zerlegt. (Außerdem führt es dazu, aber das sei nur nebenbei gesagt, dass es durch die Vereinfachung sehr schnell wiederum abstrakt und dadurch auch kompliziert wird, wodurch Außenstehende den Einblick verlieren und nicht mehr mitreden können.)

  2. Der zweite Grund dafür ist, dass im Atomismus das Versprechen liegt, dass man am Ende der Wahrheit auf den Grund kommen wird und wahre Erkenntnisse bringen wird können.

EXPERTENTUM

„Die These, Philosophen sollten eine eigene Expertenkultur bilden, besagt etwas ganz anderes als der Vorschlag, sie sollten nicht wie Juristen verfahren, sondern wie Mathematiker bzw. nicht so wie Historiker, sondern wie Mikrobiologen. Man kann eine Expertenkultur haben, ohne über ein allgemein anerkanntes Verfahren zur Schlichtung von Meinungsstreitigkeiten zu verfügen. Beim Expertentum kommt es darauf an, daß man sich mit dem Gang des bisher geführten Gesprächs auskennt, nicht darauf, dieses Gespräch durch allgemeine Einigkeit zum Abschluß zu bringen.“ (S. 92)

Anmerkung zu diesem Zitat von Rorty: Es löst einen Denkfehler auf, einen Fehler in unserer Erwartungshaltung: Die Menschen meinen, wenn die Philosophen Experten werden, würde Philosophie wissenschaftlich werden (und zwar so wie die „harte“ Wissenschaft der Mathematik oder der Naturwissenschaften). Aber, schreibt Rorty, zum Expertentum gehöre nur, dass man die bisher geführte Diskussion kenne, nicht aber, dass irgendwelche Ergebnisse rauskommen wie in der Naturwissenschaft.

Rorty zitiert Arthur Fine, der schrieb:

„der erste falsche Schritt, den man in diesem ganzen Bereich tun kann, liegt in der Vorstellung, die Wissenschaft habe eine Sonderstellung, und das wissenschaftliche Denken sei von jeder anderen Art des Denkens grundverschieden.“ (S. 88)

Rorty zitiert Fine zustimmend: Die Wissenschaft sollte keine Sonderstellung in der menschlichen Kultur haben. Damit wird er sich aber in Gegensatz zu all jenen gesetzt haben, die schon haben wollten, dass die Wissenschaft eine solche Sonderstellung haben sollte.

Was mich wundert an diesem gesamten Artikel von Rorty, ist, dass er darin die Vorstellung von der Wahrheit oder von der äußeren Realität kritisiert, ohne dabei den Begriff der Macht auch nur einmal zu erwähnen, der sich doch aus der Wahrheit speist: Wer weiß, wie es ist, kann richten unter den Menschen und, noch dramatischer, wer weiß, wie etwas unabhängig von uns in der äußeren Realität ist, der kann sogar unparteiisch urteilen, sodass kein Vorwurf auf ihn fallen wird.

Element 1: Der Wahrheitsanspruch erzeugt Macht bzw. zieht Ressourcen an, wenn man die Gesellschaft davon überzeugen kann, für diese Wahrheitssuche zu bezahlen.

Was erzeugt noch Macht? – Natürlich eine Gemeinschaft, die Posten und Ressourcen zu verteilen hat. Daran erinnert das erste der drei Zitate: Wenn man alles in kleine Teile zerlegt, um es besser zu verstehen, wird bald notwendig Teamwork daraus werden, weil man viele Teile in Händen hat. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als dass die gemeinschaftliche Verfasstheit akademischen philosophischen Arbeitens vorgibt, auf welche Weise philosophiert und wo nach Erkenntnis gesucht wird. Die gemeinschaftliche Verfasstheit akademischen Philosophierens hat also durchaus auch einen inhaltlichen Einfluss auf die Philosophie und bestimmt, was beforscht wird und was als Ergebnis gilt.

Es wird ja immer gesagt, wissenschaftliche Erkenntnis unterscheide sich von anderen Arten von Erkenntnis in erster Linie dadurch dass sie rational sei (und nicht emotional), aber Rationalität ist nicht das wesentliche Kriterium. Das wesentliche Kriterium ist Gemeinschaftlichkeit. Die Gemeinschaftlichkeit bewirkt, dass wir jene Vorgangsweise bevorzugen, in der alle Probleme in ihre kleinsten Teile zerteilt werden, damit es für viele Menschen Arbeit gibt.

Ein nichtrepräsentationalistischer Holist legt hingegen eine Beschreibung der Wirklichkeit vor, die interessant sein kann oder auch nicht, aber sie erzeugt nicht in dem Ausmaß Arbeit für hoffnungsvolle Nachwuchsakademiker wie der repräsentationalistische Atomismus.

Der philosophische Atomismus entspricht schon an und für sich dem Begriff vom Teamwork, weil er an vielen Punkten Probleme schafft, die von einzelnen Philosophen gelöst werden können. Noch deutlicher ist die Bezogenheit auf die Gemeinschaft jedoch beim Expertentum: Hier kommt es nicht darauf an, die Wahrheit zu wissen, sondern darauf, die bisherige Diskussion im Fach zu kennen und an sie anzuschließen. Das ist ein Ausschlussmechanismus, der verhindert, dass Menschen, die außerhalb der Expertengemeinschaft an einer ähnlichen Fragestellung arbeiten, mit den Mitgliedern der Gemeinschaft in einen Austausch treten können. Die Gemeinschaft schützt sich gleichsam gegen Eindringlinge, indem sie von einem jeden fordert, ihre interne Diskussion fortzusetzen, wenn er an dieser teilnehmen möchte. Dieser Aspekt verweist jedoch ebenfalls wiederum zurück auf die professionalisierte Philosophie, in der philosophischer Atomismus Spezialprobleme produziert, deren Geschichte und Stand der Diskussion man kennen kann.

Am Schluss habe ich das Zitat von Arthur Fine gebracht, wonach die Wissenschaft keine Sonderstellung haben sollte. Wieder wundert mich die Blauäugigkeit, mit der Rorty das vorbringt. Er hätte genauso gut schreiben können, die akademischen Philosophen sollten ihre Stellen an den Universitäten verlieren oder man sollte ihnen das Gehalt streichen. Meiner Meinung nach verdienen Wissenschaftler an Universitäten deshalb Geld, weil Wissenschaft in unserer Gesellschaft eine Sonderstellung hat. Hätte sie diese nicht, würden Staat und Gesellschaft die Wissenschaft und ihre Institutionen nicht so großzügig fördern und dann wäre kein Geld da, um die akademischen Philosophieprofessoren zu bezahlen.

Es stört mich also an Rortys Aufsatz, dass er sagt, er habe einfach Recht, der Repräsentationalismus und Realismus sei nicht zu halten und deshalb sollte die Wissenschaft keine Sonderstellung haben. Wir reden ja schließlich nicht nur über das, was wahr ist, sondern auch über die Machteinbußen, die diese Überzeugung zur Folge hätte, wenn sie sich durchsetzte: Zahlreiche Menschen würden ihre Jobs und ihre soziale Bedeutung verlieren.

Halten wir daher fest, der akademische Philosoph bezieht seine Wahrheit daraus, dass er

  1. Einen Wahrheitsanspruch erhebt (das Wahrheitsversprechen kann sich auch auf die Zukunft beziehen) – dadurch mobilisiert er gesellschaftliche Ressourcen, die ihm zur Verfügung gestellt werden.

  2. Behauptet, die Wahrheit findet man durch philosophischen Atomismus, also durch die Zerteilung aller Probleme in kleinstmögliche Fragestellungen – dadurch gliedert er sich ein in eine Gemeinschaft, die ihn stärkt, abschirmt und schützt.

  3. Behauptet, die Wissenschaft habe eine Sonderstellung in der Kultur, weil nur sie die Fragen methodisch und systematisch bearbeite – die Sonderstellung in der Kultur macht aus der wissenschaftlichen Wahrheit eine unique selling proposition der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Sie ermöglicht der Wissenschaft ein Monopol auf Wahrheit und infolge der Monopolstellung kann sie hohe Preise für die wissenschaftliche Wahrheit verlangen.

Richard Rorty glaubte offensichtlich nicht mehr an die Wahrheit und an ihrer Stelle versprach er eine „humanistische Kultur“, die „erst dann zum Vorschein kommen wird, wenn wir die Frage „Kenne ich den wirklichen Gegenstand oder nur eine seiner Erscheinungen?“ verwerfen und durch folgende Frage ersetzen: „Bediene ich mich hier der bestmöglichen Beschreibung der Situation, in der ich mich befinde, oder kann ich eine bessere zusammenschustern?“ (S. 84) Das Versprechen einer humanistischen Kultur hört sich recht humanistisch an, aber eigentlich hätte er wohl sagen müssen: „Ich bin grausam, ich nehme euch Philosophen euer bisheriges Geschäftsmodell weg! Lasst uns überlegen, womit ihr künftig Geld verdienen könnt, wenn das Versprechen der Wahrheit nicht mehr zieht! An den Verlust eurer sozialen Anerkennung gewöhnt ihr euch besser gleich, denn ohne das Versprechen der Wahrheit seid ihr ganz normale Menschen wie alle anderen auch und nicht mehr länger akademische Halbgötter!“

Das hat er aber nicht gesagt, und deshalb erscheint mir auch das in diesem Aufsatz Gesagte als wirkungslos. Man kann an manchen Stellen erahnen, dass es weitreichende Konsequenzen haben würde, wenn man es beim Wort nähme. Aber Rorty nimmt es nicht beim Wort. Er sagt nur, wir hätten es bisher so gemacht und wir müssten es in Zukunft anders machen, und es wäre dann eine menschenfreundlichere Zukunft; aber er sagt nicht, welchen Umbau in der Gesellschaft das erfordern würde und wie die akademischen Philosophen den damit verbundenen Machtverlust überstehen könnten. Für mich ist das eine wolkige Philosophie.

Über Wahrheit oder über ihre Abschaffung kann man nicht sprechen, ohne gleichzeitig über Macht und sozialen Einfluss zu sprechen. Und so kommt es, dass sich in Rortys Aufsatz bloß nebenbei Passagen finden, die zeigen, wie Macht im Wahrheitsversprechen entspringt, über den repräsentationalistischen Atomismus in das Expertentum mündet, über die fachliche Zusammenarbeit an spezialisierten Detailproblemen zur wissenschaftlichen Gemeinschaft anschwillt, welche gegenüber der Gesellschaft für die Wissenschaft eine Sonderstellung beansprucht, die ihrerseits mit dem Anspruch auf Förderungen und Zuwendungen verbunden ist.

Ein Philosoph, der da als nichtrepräsentationaler Holist außerhalb dieser Gemeinschaft steht, wird nichts abbekommen vom Kuchen. Ob er dabei Recht hat mit Frege, der gesagt hat, dass Wörter nur im Zusammenhang eines Satzes Bedeutung haben (=dass es ein Irrtum ist, nach kleinsten bedeutungstragenden Einheiten zu suchen), ist gegenstandslos, weil er keine Gemeinschaft hat, die ihm was abgibt. Rein aus dem Willen zum Überleben sollte er seine Überzeugungen abwerfen und zum repräsentationalen Atomisten werden, der sich gut in die philosophische akademische Gemeinschaft einfügt.

Denn in unserer gegenwärtigen Gesellschaft ist Philosophie ein akademisches Fach und wem es nicht gelingt, sich Zutritt zu ihm zu verschaffen – was bedeutet: aufgenommen zu werden von den akademischen Philosophen – kann nicht empfangen, was das Fach an materiellen und immateriellen Gütern zu verteilen hat. Auch kann er letztlich nicht Recht behalten, weil die Gesellschaft das akademische Fach nach der Wahrheit fragen wird und nicht ihn. In Summe: Die Wahrheit kennen hilft nichts, denn niemand wird dich anhören; in die Gemeinschaft reinkommen und in ihr groß werden, ist alles, was zählt.

8 Kommentare

Kommentar von: Christian Landschuetzer [Besucher]
Selbst wenn es einem gelänge, in die Gemeinschaft reinzukommen, vermute ich, dass man wohl keinerlei oder fast keine Gelegenheit erhalten würde, eine wirklich eigene selbständige Position zu vertreten.
Ich meine, dass das möglich sein sollte, aber meiner Erfahrung nach funktioniert das aus ganz simplen Gründen nicht: Es sind nicht alle gleich gut und alle und haben eigene Interessen. Das übliche halt ...
24.04.16 @ 11:04
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Lieber Christian,

danke für deinen Kommentar!

Ich kann mir nicht vorstellen, was du mit "das übliche halt" meinst, aber hast du Folgendes schon bedacht:

"Position" und "selbstständige" sind Gegensätze!

Ich habe das auch lang nicht begriffen. Erst als ich häufiger beim Wittgenstein Symposium war, wo sich ja die analytischen und also besonders wissenschaftlichen Philosophen treffen, ist mir ein Licht aufgegangen:

Eine Position bezeichnet einen bestimmten Punkt auf einer geistigen Landkarte. Wenn man davon spricht, dass jemand eine Position vertritt, dann meint man, dass er sich auf die Positionen anderer Philosophen durch Anlehnung/Abgrenzung bezieht.

In der klassischen deutschen Philosophie war das ganz anders, da hatte ein jeder sein "System", also seinen großangelegten Entwurf, und das System Kants stand gegen das von Fichte und das wieder gegen jenes von Hegel oder von Husserl oder Heidegger.

Wenn man sich darauf geeinigt hat, jetzt von Positionen zu sprechen, dann bedeutet das, dass man sich darauf geeinigt hat, nicht mehr so zu philosophieren wie Kant, Fichte, Hegel, Husserl, Heidegger etc.

Man hat sich darauf geeinigt, dass man nicht mehr große Entwürfe vorlegen will, sondern Detailprobleme innerhalb eines größeren Forschungsfelds lösen will.

Wenn das so stimmt und tatsächlich der Fall ist, dann ist auf jeden Fall eines verboten: eine neue Diskussion anfangen. Denn das würde bedeuten: ein neues Forschungsfeld eröffnen. Es gilt, bestehende Diskussionen immer fortzuführen solang, bis sie sich endgültig erschöpfen.

Die Forderung an den Einzelnen ist also, eine Postion in einem Feld einzunehmen, welches von der Gemeinschaft geschaffen worden ist, nicht aber die Dinge von Grund auf neu zu hinterfragen.

Liebe Grüße
Helmut
24.04.16 @ 15:43
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

zu bedenken ist ja auch wenn Sie schreiben,

"Wenn man sich darauf geeinigt hat, jetzt von Positionen zu sprechen, dann bedeutet das, dass man sich darauf geeinigt hat, nicht mehr so zu philosophieren wie Kant, Fichte, Hegel, Husserl, Heidegger etc."

dass die philosophischen Systeme von Kant, Hegel usw. zu Positionen ja gerade deshalb vereinfacht werden, damit es überhaupt möglich ist, dass da auf einmal ein "Kantianer" gegeben einen "Hegelianer" ins Wortgefecht ziehen kann.

Mir gefällt Ihre wirtschaftliche Sprache an der Stelle

"[...] die Sonderstellung in der Kultur macht aus der wissenschaftlichen Wahrheit eine unique selling proposition der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Sie ermöglicht der Wissenschaft ein Monopol auf Wahrheit und infolge der Monopolstellung kann sie hohe Preise für die wissenschaftliche Wahrheit verlangen."

deshalb sehr, weil hier ein Aspekt deutlich wird, wie genau das System der Wirtschaft sich das System der Wissenschaft aneignet. Wissenschaft als Dienstleistung aufgefasst lässt sich ja wunderbar in den Wirtschaftskreislauf integrieren und gewinnt damit (neben der Monopolstellung "Suche nach der Wahrheit") eine zusätzliche, gesellschaftliche Legitimation. Mit der Wissenschaft als Dienstleistung kann man dann sogar von so etwas wie einem "wirtschaftlichen Nutzen von Wissenschaft" reden.

Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die Wirtschaft wächst und sich wie ein Kraken in immer mehr Lebensbereiche versucht auszudehnen. Auch deshalb bin ich gespannt zu beobachten, wie die weitere Entwicklung der Strukturen und Machtgefüge innerhalb der Wissenschaft ablaufen wird.

Liebe Grüße
Ihr Vogt
24.04.16 @ 19:37
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Lieber Vogt,

danke für Ihren Kommentar! Allerdings möchte ich Sie vor einem Denkfehler bewahren.

Sie schreiben:
"deshalb sehr, weil hier ein Aspekt deutlich wird, wie genau das System der Wirtschaft sich das System der Wissenschaft aneignet. Wissenschaft als Dienstleistung aufgefasst lässt sich ja wunderbar in den Wirtschaftskreislauf integrieren und gewinnt damit (neben der Monopolstellung "Suche nach der Wahrheit") eine zusätzliche, gesellschaftliche Legitimation."

Die Tatsache, dass es in der Wissenschaft um die Wahrheit und nicht - wie in der Wirtschaft - ums Geld geht, bedeutet nicht, dass es nicht auch in der Wissenschaft ums Geld geht.

Auch das ist eine Sache, die ich lange nicht verstanden habe: Wenn in einem bestimmten gesellschaftlichen Bereich gesagt wird, dass es hier nicht ums Geld geht, sondern um irgendwelche andere hehren Ideale (Wahrheit, Gesundheit, Gerechtigkeit, Bildung), dann heißt das nicht, dass es in diesen Bereichen NICHT UMS GELD geht, sondern DASS ES IN IHNEN UM BESONDERS VIEL GELD geht.

Und auch wenn ein Philosophieprofessor sagt, dass es ihm nicht ums Geld geht, sondern ein teures Rennrad das einzige ist, was er sich leistet, glaube ich ihm kein Wort.

Liebe Grüße
philohof
24.04.16 @ 20:18
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

da missverstehen Sie mich etwas. Natürlich ist es so, dass

"Die Tatsache, dass es in der Wissenschaft um die Wahrheit und nicht - wie in der Wirtschaft - ums Geld geht, bedeutet nicht, dass es nicht auch in der Wissenschaft ums Geld geht." .

Nur stellt sich ja die Frage, WARUM es denn in der Wissenschaft um so viel Geld geht und was Wissenschaft an Voraussetzungen hierzu erfüllen muss, um gegenüber dem ganzen Rest der Gesellschaft überhaupt zahlungsfähig zu sein. So kann man (bei allen Wissenschaftlern die gerne suggerieren es gehe nur um die Suche nach Wahrheit) wenigstens erklären, warum es doch auch um wirtschaftliche Interessen, und damit insbesondere um Geld geht.

Liebe Grüße
Ihr Vogt
25.04.16 @ 11:05
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Vogt,

ich glaube nicht, dass ich Sie missverstehe. Es ist einfach ein großes und recht undurchsichtiges Thema, dass Sie da anschneiden.

Und ein Teil des Problems sind manche Wissenschaftler, die suggerieren, es gehe bei der Wissenschaft nur um die Wahrheit. (Ich erinnere mich an die Studentenproteste in Wien in den 1990er Jahren, da wurde viel über die Ökonomisierung von Wissenschaft und Studium diskutiert.)

Was man sagen kann, ist, dass die heutige Wirtschaft hauptsächlich auf Wissen basiert. Aber wenn man das so hinsagt, ist das noch nicht mehr als eine Binsenweisheit.

Interessanter wäre, wie viele Patente existieren. Mittelgroße Unternehmen halten zum Teil hunderte Patente und große tausende. Und diese Patente, gleichwohl sie Vorteile bringen, kosten auch Gebühren und bringen den staatlichen Patent Offices eine Menge Geld ein.

Abgesehen von Patenten leben wir in einer hoch arbeitsteiligen, hoch technisierten Gesellschaft. D.h. wenn Sie irgendetwas am Markt anbieten wollen, stellt sich zuerst die Frage, ob Sie das überhaupt wissen und können. Wissen ist eine primäre Markteintrittsbarriere. In Wien gibt's, sagt man, doppelt so viele Taxis wie nötig. Ich stelle mir vor, der Grund ist, dass die Leute Taxifahren können, aber nichts Schwierigeres als Taxifahren können.

Kurz, ich sehe keine große Notwendigkeit zu erklären, warum es in der Wissenschaft um Geld geht. Die Wissenschaft ist die Grundlage unserer wissensbasierten Wirtschaft. Es sei denn, Sie wollen noch irgend etwas anderes erklären?

Liebe Grüße
philohof
26.04.16 @ 07:08
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

alles richtig, was Sie da schreiben.

Aber wenn das alles wirklich so einsichtig und klar ist, warum die Wissenschaft Teil (oder sogar Grundlage) unserer Wirtschaft ist, warum schaffen es dann Menschen (Wissenschaftler) andere Menschen von diesem Gedanken abzulenken?

Beim Nachdenken darüber kommen wir dann an weiteren kuriosen Dingen vorbei. Wenn man sich anschaut, wie Marketing und "Public Relations" so funktioniert, dann fällt doch auf, dass sich Wirtschaftsunternehmen gerade NICHT als Wirtschaftsunternehmen darstellen wollen. Sondern sie wollen sich doch viel lieber als Unternehmen darstellen, welche den Endpunkt Ihrer Arbeit in den Bedürfnissen der Menschen sehen, und nicht im zeitweisen Erwirtschaften von Zahlungsfähigkeit.
Ich glaube, hier sind ganz ähnliche Ursachen am Werk wie wenn Wissenschaftler suggerieren wollen, es gehe bei ihnen nicht wesentlich ums Geld.

Man könnte meinen, dass sich die Menschen einfach zu gerne hinters Licht führen lassen. Aber bevor ich zu solchen schnellen Urteilen komme, sollte ich vielleicht gründlicher über die Mechanismen von Wirtschaft nachdenken. Und ich glaube, dass mir Systemtheorie hier durchaus weiterhelfen kann.

Oder was meinen Sie?

Liebe Grüße
Ihr Vogt
27.04.16 @ 12:40
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Lieber Vogt,

danke für Ihre Nachricht. Ich glaube, wir müssen aufpassen, dass wir uns da nicht in etwas verheddern:

Also ich würde weder glauben, dass es Wissenschafltern "wesentlich ums Geld geht", noch, dass Wirtschaftsunternehmen "sich NICHT als Wirtschaftsunternehmen darstellen wollen".

Eher erscheint mir plausibel, dass es Wissenschaftlern nicht mehr und nicht weniger um Geld geht als anderen Menschen auch und dass Wirtschaftsunternehmen möglicherweise schlechter wirtschaften werden, wenn sie sich in erster Linie aufs Geldverdienen konzentrieren statt auf die Bedürfnisse von Menschen. Ein Unternehmen verkauft nämlich wenig, wenn es die Bedürfnisse der Menschen nicht trifft, da ist also nicht unbedingt Verstellung oder Heuchelei mit drin bei der Sache.

Wenn Sie mich danach fragen, warum (oder wie) es den Wissenschaftlern gelingt, die Menschen davon abzulenken, dass Wissenschaft mit Wirtschaft zusammenhängt, dann möchte ich sie auf mein Buch "Einladung zur Odyssee. Eine erkenntnistheoretische Reflexion über die "epische Seite der Wahrheit"" (2008) hinweisen. In diesem Buch habe ich zum ersten Mal meine Wissenschaftstheorie entwickelt und ausformuliert.

Ihre Frage würde ich in folgender Weise kurz beantworten: Die Wissenschaftler können uns deshalb davon überzeugen (oder sie machen es deshalb, weil) Wissenschaft so eine Art weltliches Mönchstum ist. Es geht also auch hier nicht um bewusste Täuschung, sondern um eine Haltung und um ein Verhalten, das aus der Dynamik der Sache selbst, also der Wissenschaft selbst, resultiert.

Diese Dynamik habe ich in meinem Buch so beschrieben, dass man Erkenntnis von Anfang an in der Geschichte "rein" haben wollte. "Schmutzig" machen sie die Sinne und natürlich auch die Interessen. Also stellt man sich einen über den Wassern schwebenden Geist als ideales Erkenntissubjekt vor.

Ohne Sinne lässen sich aber nur Rationalismus und Mathematik oder Logik entwickeln. Zur Entwicklung der Naturwissenschaft muss man auch die Sinne zulassen, aber das tut man nur in einer sehr eingeschränkten und kontrollierten Weise. Also schafft man eine Gemeinschaft von Menschen, die sich verpflichten, nur in sehr kontollierter, methodischer Weise Erkenntnis zu suchen.

Das müssen sozusagen Menschen sein, die außer wissenschaftlichen Interessen keine anderen Interessen haben; denn alle anderen Interessen gefährden potenziell das wissenschaftliche Projekt. Wenn nun die Gesellschaft rund um die wissenschaftliche Gemeinschaft sich so umbaut, dass sie das wissenschaftliche Wissen zur Grundlage ihres Wirtschaftssystems macht - dafür kann die Wissenschaft doch nichts.

Natürlich erwartet man von heutigen Wissenschaftlern nicht mehr, in der Weise "Mönche des Geistes oder der Erkenntnis" zu sein, wie ich das beschrieben habe. Obwohl: Ein bisschen erwartet man es doch. Und eine Selbstdisziplinierung wird auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs von der wissenschaftlichen Gemeinschaft abverlangt. Schließlich spielt die Selbstdiziplin, die Strenge mit sich selbst, die Zurückhaltung - und also auch die Distanz von anderen, wissenschaftsfremden Interessen - immer dann eine Rolle, wenn die Wissenschaft ihre Sonderstellung in der Gesellschaft betonen will.

Und wegen dieser Sonderstellung wird sie von der Gesellschaft mit viel Geld gefördert.

Liebe Grüße
philohof
28.04.16 @ 18:35

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