Generalverdacht gegen alle Institutionen des Vernünftigen

von philohof E-Mail

Link: http://derstandard.at/1268700792956/Kremsmuenster-Keine-Barmherzigkeit-fuer-die-Peiniger

Ich habe heute in der österr. Tageszeitung „Der Standard“ (und dann auf www.derstandard.at) mehrere Artikel über die persönlichen Erfahrungen von ehemaligen Schülern in Klosterschulen gelesen. Da war zuerst der Artikel von Guido Tiefenthaler über Kremsmünster, danach las ich jenen von Wolfgang Rosenthaler über das Stiftsgymnasium Seitenstetten, dann den von Walter Wick über das Franziskanerkonvikt Steyr (Aussagekräftiger Untertitel: „Sprechen verboten, Schlagen erlaubt“) und schließlich noch jenen von zwei ehemaligen Zöglingen Peter Schallhart und Gunter Jürschik über das Bundeskonvikt in Lienz, Osttirol. Das alles sind offenbar Reaktionen auf den Artikel (den ich auch noch las) von Josef C. Aigner (auch über Kremsmünster), der vor einer Woche im „Standard“ erschien und sich darüber beklagte, dass in der augenblicklichen öffentlichen Diskussion in Österreich über sexuellen Missbrauch durch Geistliche immer der Sex so sehr im Mittelpunkt stehe, es habe doch auch andere Formen von Gewalt gegeben.

Tatsächlich hat Aigner Recht, wenn einem büschelweise Haare ausgerissen werden, so ist das auch nicht nett. Am schlimmsten ist es aber wahrscheinlich, vor der Gewalt durch Autoritätspersonen oder Mitschüler Angst haben zu müssen – und in der Folge jene Verhaltensweisen sadomasochistischer Art, welche sich aus dieser Angst heraus entwickeln.

Mich haben diese Erfahrungsberichte sehr betroffen gemacht. Ich musste daran denken, dass ich schon als Kind die nüchterne, rationale und spaßlose Welt der Erwachsenen nicht begreifen konnte, welche mir die Kehle zuschnürte, sodass ich keine Luft bekam. Immer fragte ich mich: Wie können die Erwachsenen leben in dieser freudlosen Welt, die sie sich geschaffen haben und die sie uns Kindern als hehres und für uns unerreichbares Ideal hinstellten? Nun wahrscheinlich dadurch, indem sie sich bisweilen die gestrenge Krawatte abnahmen oder aus dem streng aussehenden Habit schlüpften und sich Erleichterung verschafften, durch sexuellen Missbrauch im schlimmsten Fall, durch sadistische Verhaltensweisen gegenüber Zöglingen oder Schülern im Normalfall.

Nach dieser Einleitung kann ich die Art meiner Bestürzung, die mich bei der Lektüre dieser Erfahrungsberichte beschlich, nun auch genauer kategorisieren: Es ist die Bestürzung über das, was man zu sehen bekommt, wenn man hinter die Fassade von Vernunft und Normalität blickt bzw. wenn etwas, so wie es jetzt gerade der Fall zu sein scheint, diese Fassade in einem bestimmten Bereich sprengt und man auch unfreiwillig zu sehen bekommt, was sich dahinter verbirgt. Was sich aber dahinter verbirgt, das sind nicht rohe ungehobelte Triebe, das ist nicht einfach Freuds chaotischer Druckkochtopf des „Es“, sondern es ist ein perfides und ausgeklügeltes System von Sadismus, von Leiden und Leiden machen. Und hier setzt mein – und deshalb schreibe ich diesen Text hier ja überhaupt – Verdacht gegenüber der Vernunft, gegenüber allem Vernünftigen, Ordentlichen, Statthaften, Normalen, Gesunden und Rechtschaffenen an, der bittere Verdacht, dass es (oft) nur dazu da ist, um etwas zu verbergen, um etwas Fürchterliches zu verbergen, so wie der Ruf dieser angesehenen Schulen und Internate offenbar dazu diente, um die fürchterlichen Vorgänge, die in ihnen Tag für Tag vor sich gingen, zu verbergen. Es sind aus dieser Überlegung her alle Einheiten und Institutionen, die sich selbst für vernünftig halten, unter Generalverdacht zu stellen, angefangen mit der Philosophie, der Wissenschaft, dem Staat, der Justiz und dem Schulwesen. Ebenso ist jeder zu verdächtigen, der selbst im Namen der Vernunft spricht. (Es mag ja sein, dass er wirklich im Namen der Vernunft spricht, aber woher wollen wir das wissen, ohne es überprüft zu haben?) Die Philosophie (als Institution, als akademisches Fach), die Wissenschaft, der Staat etc. – das sind alles Institutionen, die von sich selber behaupten, vernünftig zu sein und die bei den Menschen die Reaktion auslösen, in passiven Respekt zu verfallen, weil diese hochnoblen Einheiten doch sicher viel vernünftiger und auch intelligenter sind als wir Individuen. Doch es ist gefährlich, die Vernunft zu achten, weil man glaubt, dass sie vernünftig ist; die Anständigkeit zu ehren, weil man glaubt, dass sie anständig ist. Es gibt in der ganzen Welt keine Vernunft außer dort, wo wir sie selbst überprüft haben und eingesehen haben und zugestehen, dass es dort Vernunft gibt. Und daher gibt es auch auf der ganzen Welt keine größere als die von uns Individuen. Und das gilt selbst dann, wenn es eine größere Vernunft gibt als die unsere (z.B. in Gestalt der Wissenschaft, die es schafft ihre Leistungsfähigkeit ungemein durch ihre Organisation zu erhöhen), aber wir können uns einfach in dieser Menschenwelt auf nichts verlassen als auf uns selber. Wir sind allein wie Internatsschüler in Kremsmünster, wenn die Nachtruhe kommt und damit das Sprechverbot.

8 Kommentare

Kommentar von: johannes [Besucher]
Sie haben da schon recht, mit Ihrer Darstellung von einem sadomasochistischen Gewalt- und Quälsystem. Ich war selber mal auf einem Internat und kann das durchaus nachvollziehen. Ich glaube nicht, dass Internate/Heime etc. die einzigen Orte sind, die von so einer menschen- und jugendfeindlichen, individualitätszerstörenden strukturellen Gewalt durchzogen sind. Die Art und Weise wie unsere Schulen aufgebaut sind kommt aus dem Militärbereich. Es geht da nicht um Wissensvermittlung.

Aber deswegen die Vernunft an sich zu verurteilen... Nein. Ihr Fazit finde ich wieder gut: "Es gibt in der ganzen Welt keine Vernunft außer dort, wo wir sie selbst überprüft haben und eingesehen haben und zugestehen, dass es dort Vernunft gibt." Vernunft ist ja keine Frage der Autorität.
19.03.10 @ 22:33
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Johannes,
danke für Ihren Kommentar!
"Aber deswegen die Vernunft an sich zu verurteilen..." - schwierig, schwierig: Wie soll man das ausdrücken, was ich sagen will: Die Wörter sind in dem Bereich so zweideutig.

Also erstens mal kann ich die Vernunft ja nicht ganz verurteilen, ist sie doch selbst mein Instrument, mit dem ich umgehe, um andere zu zerpflücken, um mich geistig zu wehren auch gegen intellektuelle Zumutungen. Aber diese Erfahrung kennen Sie doch vielleicht auch: Wenn jemand die Vernunft so im Munde führt, sich auf die Vernunft beruft - und zwar in dem Fall auch nicht auf die Vernunft, sondern auf DIE Vernunft, so als ob das eine in sich geschlossene Einheit außerhalb unser wäre. Und er hat zu dieser Vernunft Zugang. No, warum? Nun, weil er Wissenschaftler ist, z.B., oder auch Bildungspolitiker und - warum nicht - Abt oder Prälat von einem Kloster. Diese Leute vertreten doch auch nach außen hin eine gewisse Art von vernünftiger Ordnung. Es ist das diese schwere Welt der Tradition und des Bestehenden, die sie uns zur Übernahme anempfehlen, weil sie angeblich vernünftig ist. Und was sie dann von uns wollen, ist nicht, dass wir mit unserer je individuellen Vernunft uns dranmachen, diese Einheiten und ihre Gesetze und Überlieferungen mal auseinanderzunehmen und zu befragen daraufhin, ob sie was taugen, sondern nein, sie wollen, dass wir das ganze Ding ungeschaut schlucken, nicht wahr? Weil es nämlich vernünftig ist. Und dadurch täten wir dann auch zu einem Teil der vernünftigen Welt werden, dadurch dass wir eben annehmen und übernehmen, was in der Welt als vernünftig gilt. Aber nicht dadurch, dass wir es prüfen. Durchs Prüfen machen wir uns nur unbeliebt - da gelten wir dann nicht als vernünftig, sondern da gelten wir als Querulanten, als Unzufriedene, als Nörgler, Zukurzgekommene etc. Und trotzdem müssen wir prüfen, meine ich, und selbst mit unserer Vernunft ran, denn sonst stecken wir schon in einem sadomasochistischen System drin und wissen nicht, wie uns geschieht. Und das betrifft meiner Meinung nach nicht nur Klosterschulen und Internate, sondern auch die Arbeitswelt und auch die wissenschaftliche Arbeitswelt ist voll von solchen unmenschlichen Beziehungssystemen zwischen Menschen, die zum Himmel schreien. Fast müsste man also fragen, wo es nicht so ist? Aber wie auch immer, so gut wie immer wird sich eine solche Einheit oder Institution selbst als vernünftig präsentierten. Das, was sich als vernünftig präsentiert also, ist unter Generalverdacht zu stellen, nicht das Vernünftige selber. Aber so wollte ich es vielleicht auch nicht sagen, weil ich meinte: Überall, wo man etwas Vernünftiges findet in der Welt, zuerst einmal verdächtigen - dass ist der sicherere Weg für die psychische Gesundheit. Also nicht schätzen, die Vernunft, sondern zuerst mal hinhauen. Schätzen kann man es später immer noch, wenn man herausfindet, dass es wirklich vernünftig ist.
19.03.10 @ 22:52
Kommentar von: Martin Schmidt [Besucher]
Hallo Helmut!
Du wirst Dich vielleicht nicht mehr daran erinnern, aber ein guter Teil Deiner WrBlätter-Kollegen hatte genau diese Sozialisation in Kremsmünster genossen ...
Und als "Insider" darf ich Dir sagen: die Wahrheit ist noch viel banaler. Die Vernunft bestand darin, dass Lehrer (im Stift) vom Staat bezahlt werden - inkl. Versorgungin der Pension. Und da die Ordensleute an sich ja kein eigenes Geld haben, und "Gewinn" beim Kloster bleibt, waren Lehrer und Erzieher in diesem System vor allem eines: Einkommen. Ökonomische Ressourcen. Basta. Ganz banal.
Sollte man also einen Pädophilen oder Sadisten nicht in den Dienst als Erzieher schicken, bzw. ihn entfernen, wenn es wenig Alternativen im Personal gibt? Ja, das klingt zynisch und ziemlich banal. Aber hier liegt der Schlüssel für das, was real geschehen ist.
Vernunft? Ja, und wie!
LG, Martin
20.03.10 @ 02:41
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Martin,
du liest in Philosophieblogs? Du verblüffst mich immer wieder!

Klar weiß ich, dass ihr Kremsmünsterer seid. Ihr habt das ja auch öfters erwähnt, und nicht ohne Stolz, wie mir erschien.

Danke jedenfalls für die Einsicht, die du gewährst als Insider. Das ist eine naheliegende und plausibel wirkende Erklärung: Ordensleute als Erzieher, weil sie der Schule nichts kosten. Es ist wohl auch so ein bisschen ähnlich wie bei den Priestern: Wo wird man denn nicht Pädophile Priester werden lassen, wenn es Priestermangel gibt.

Aber jetzt als "Erklärung" für das Problem, das ich aufgeworfen habe, oder für die Erfahrung, die ich kommunizieren wollte, taugt deine Einsicht nichts. Du reduzierst das auf einen einzigen ökonomischen Grund, und - stimmt schon- der mag ein wichtiger Faktor sein, der auf der Sachebene 80 bis 90% des Phänomens erklärt.

Aber was mich beschäftigt hat oder wovon ich beeindruckt war beim Lesen der Lebensberichte im "Standard", ist welche Abgründe da sichtbar werden, wenn sich die Decke der Vernunft oder der Altehrwürdigkeit von irgendeinem Teil der Realität mal abhebt und man die Gelegenheit hat, mal kurz darunterschauen zu dürfen. Da ist nicht einfach das Chaos der Triebe drunter, habe ich geschrieben, sondern ein bestimmtes komplexes System von Verhaltensweisen, das überall (in Kremsmünster, in Steyr, in Seitenstetten, in Lienz) ganz ähnlich ist, das unmenschlich ist und das aber in der Öffentlichkeit als vernünftig gilt. (Also ganz ehrlich habe ich mir bei der Lektüre gedacht, dass Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek die österreichische Realität ganz richtig beschrieben/beschreiben und dass ich gespannt bin, was Jelinek aus der gegenwärigen Affäre künstlerisch machen wird.)

Und dann gibt es, das ist sozusagen der zweite Bezugspunkt meines Kommunikationsanliegens, vor allem unter Philosophen Menschen, die fortwährend die "Vernunft" im Munde führen. Diese Weise der Kommunikation ist sozusagen Realitätsverweigerung pur. Denn man findet sich durch sie auf eine logische Kommunikationsebene gehoben, von der aus der ganze Unsinn, den die Realität macht, nicht mehr zugänglich und beschreibbar ist. (Innerhalb der Vernunft gibt es ja gar keinen Unsinn, keine Unvernunft - wie könnte man also innerhalb der Vernunft über den Unsinn oder das, was falsch läuft reden?) Aber diese Haltung gegenüber der Vernunft, welche die logischen Philosophen, die exakten Mathematiker oder die Naturwissenschaftler, die nur die Rationalität gelten lassen, an den Tag legen - und hier kommen wir dem Kern dessen, was ich äußern wollte, näher - sind doch in einer bestimmten Hinsicht beteiligt als Rechtfertiger der Vernünftigkeit einer Institution wie der Schule in Kremsmünster. Du weißt ja, ich bin kein Klosterschüler gewesen und auch kein Internatschüler, aber auch das Gymnasium in Horn hat, als ich dort als 10-Jähriger eintrat, "mitgenascht" an der Vernünftigkeit der Naturwissenschaften und am Prestige des Lateinischen wie des Griechischen. Es hat lange gedauert, bis ich in der Lage war zu sehen, dass das Gymnasium in Horn weniger von der Vernunft und den Wissenschaften als, ganz simpel, von kleinstädtischen Verhaltensweisen geprägt war.

Also, wenn du die Erklärung der Vorgänge in Kremsmünster auf eine simple ökonomische Ursache reduzierst, dann spricht daraus natürlich das Weltbild eines entzauberten Menschen, der die Dinge nüchtern sieht, so wie sie sind. Das ist mir aber ein Schritt zu weit, weil ich feststelle, dass die Welt nach wie vor verzaubert ist, weil die Vernunft, die Altehrwürdigkeit, die Anständigkeit usw. die Menschen mit ihrem Schein betören. Wie man umgeht mit diesem betörenden Schein und mit den vom Schein betörten Menschen, das ist mein Problem.

liebe Grüße
helmut
20.03.10 @ 11:42
Kommentar von: Andreas Fink [Besucher] · http://www.etopia.info
Also ich weiß warum ich auf das Lesen der Tageszeitung bewusst verzichte...
23.03.10 @ 00:45
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Herr Fink!
Ja, und warum lesen Sie keine Tageszeitungen? Weil man aus ihnen negative Dinge erfährt, unter Umständen? Auf Ihre Rumpf- oder Stumpfkommunikation kann ich Ihnen leider nicht mehr antworten.
23.03.10 @ 14:17
Kommentar von: nikola [Besucher] · http://www.axellauer.de
Ich habe die Institutionen schon lange im Verdacht, ihre eigenen Zwecke zu zerstören...ins Auge sticht das bei so Extrembeispielen wie Kirche oder Universität. Ersteres kann der Tod der Spiritualität, zweiteres der Tod des Geistes bedeuten.
30.04.10 @ 13:43
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Nikola bzw. Herr Lauer,
danke für Ihren Kommentar! Es stimmt schon, den Verdacht gegen Institutionen möchte ich auch erwecken - aber vielleicht nicht immer und unbedingt den Verdacht gegen die Institution selbst, also gegen das Bestehen von Institutionen an sich und überhaupt. Im Gegensatz dazu geht es mir um eine weit verbreitete Grundhaltung der Menschen, nämlich die, bei Institutionen von vornherein zu sagen, die werden schon Recht haben und zwar ganz einfach deshalb, weil sie viel größer und mächtiger sind als wir Individuen. Demgegenüber käme es darauf an, regelmäßig zu überprüfen, ob Institutionen eigentlich auch das einlösen, was sie zu tun behaupten. Heute prüfen ja fast ausschließlich Institutionen Individuen - denken Sie an den ganzen Fortbildungs- und Zertifizierungswahn. Institutionen müssen aber auch von Individuen überprüft werden, damit sie gute Institutionen bleiben. Die Überprüfungsbedürftigkeit von Institutionen und Organisationen bestätigt ohnehin bereits die Existenz von solchen Einheiten wie Rechnungshof, Verbraucherschutzorganisationen, Patientenanwälten etc. Mit einem Wort, es ist einfach nicht alles gut, was eine Institution ist, sondern Institutionen müssen offenbar gepflegt und regelmäßig geprüft werden, damit wir in guten Institutionen (oder inmitten guter Institutionen) leben können.
01.05.10 @ 11:14

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