Heute begegnete ich zum ersten Mal einer Anhängerin der analytischen Philosophie!
von philohof
Ja, ich bin immer noch ganz verblüfft und außer Atem.
Am meisten verblüfft hat mich, dass diese Leute offenbar wirklich eine vollkommen naive Vorstellung von der Wahrheit hochhalten. Das ist etwas, das man mit Argumenten gar nicht erreichen kann, weil es gewissermaßen in einem idealistisch sauberen Kästchen von der Welt abgeschottet aufbewahrt wird. Also mit anderen Worten: ein Glauben, ein tiefer Glauben, der sinnstiftend wirkt und den sie deshalb mit Zähnen und Klauen verteidigen.
Auch meine Gesprächspartnerin wurde ganz fuchsig, als ich ihr von meinen Fragen an die Wissenschaft erzählte. Sie behauptete, es seien soziologische Fragen, aber keine philosophischen. Ich frage mich, wenn die soziologischen Fragen an die Wissenschaft nun aber die richtigen und adäquaten Fragen an die Wissenschaft wären, wären sie dann nicht auch die eigentlich philosophischen Fragen?
Doch das wollte sie nicht einsehen, dass Wissenschaft auch etwas mit ihrer Verwirklichung in der Gesellschaft zu tun hat. Also fragte ich sie, ob sie glaube, dass Robinson Crusoe allein auf seiner einsamen Insel Wissenschaft treiben könne – was sie bejahte! Da knallten mir fast alle Sicherungen durch. Wie sie sich denn vorstelle, dass Robinson Crusoe in einem Peer reviewed-Journal publiziert oder den Nobelpreis erhält, fragte ich sie. Doch sie blieb bei ihrer Meinung und warf mir vor, ihr keine Argumente vorzulegen.
Dann warf sie mir auch noch weitere Dinge vor: Ich könne nicht sagen, weil manche Politiker korrupt seien, sei die gesamte Politik korrupt. Sie sagte das im Anschluss an eine Geschichte, die ich ihr erzählt hatte, von einer Person, die mit einem sehr idealistischen Bild in die Wissenschaft hineingegangen war und dann feststellen hatte müssen, dass die Praxis doch nicht ganz so dem Ideal entspricht. Aber das ist Humbug, ich hatte kein grobes Fehlverhalten in der Wissenschaft beschrieben, sondern ganz normale Verhaltensweisen, wie sie eben im Sozialsystem Wissenschaft den sozialen Gesetzmäßigkeiten folgend entstehen. Das Sozialsystem Politik bringt ja auch nicht nur Politiker hervor, die dem höchsten Ideal entsprechen – und trotzdem kann man diese Politiker doch nicht einfach korrupt nennen!
Dann sagte sie noch etwas, das mich aufhorchen ließ: Ob es nicht in meinem Land auch so eine Sendung gebe, wo Laien im Fernsehen um die Wette singen? Ja, freilich, sagte ich. Na, bei den Teilnehmern dieser Sendungen gebe es doch auch immer große Enttäuschungen, weil manche von ihnen glauben, singen zu können, aber in Wirklichkeit können sie es nicht. Wisst ihr, was sie tat: Sie verglich die Person, von der ich ihr erzählt hatte, mit diesen SängerInnen und sagte somit implizit, dass sie wohl nicht intelligent oder talentiert genug für die Wissenschaft gewesen war. Dabei hatte ich ihr noch erklärt, dass dieser Mensch sich sehr für die Forschung interessiert hatte, aber erkennen hatte müssen, dass er durch den Eintritt in dieses Institut nicht nur die Wissenschaft wählte, sondern zugleich damit ein ganzes Lebenskonzept bestehend aus den einzelnen Schritten wissenschaftlicher Karriere, die dieser Mensch aber nicht haben wollte: Er wollte ja nur einfach forschen!
Doch das verstand sie nicht. Aber ich verstand etwas. Am Anfang des Gesprächs war mir ja nur der Vergleich der analytischen Philosophen mit Don Quijote eingefallen. In einem Ort in La Mancha, an dessen Name ich mich nicht erinnere, heißt es zu Beginn des Romans, ist Don Quijote über dem Lesen von Ritterromanen verrückt geworden, weil ihm das Hirn ausgetrocknet ist. Und genau so ein Bild wie Don Quijote vom Rittertum machen sich die analytischen Philosophen von der Wahrheit.
Aber dann die Geschichte mit dem Singen im Fernsehen, da dachte ich: Wenn man die Wurst der Wahrheit als Ideal so hoch und unerreichbar an den Sternenhimmel hängt, dann sieht man, wer am höchsten nach ihr springt. Ich meine: Im Prinzip ist es ja absurd, was sie da machen. Man kann die Wahrheit doch nicht von der Weise trennen, wie sie aufgefunden wird. (Das tat meine Gesprächspartnerin aber: Ich hatte über die Wissenschaft gesprochen, und sie antwortete, dass das doch nur für die Praxis der Wissenschaft gelte, nicht aber für die Wissenschaft selber – bis mir der Kragen platzte und ich sagte: Aber die Wissenschaft ist ihre Praxis, es gibt keine Wissenschaft außer der Praxis der Wissenschaft!) Ja, und wenn sie jetzt also Wissenschaft von sozialer Kooperation trennt und behauptet, Wissenschaft könne man allein tun, warum bei diesem Schritt stehenbleiben? Warum geht sie nicht einen Schritt weiter und sagt: Wissenschaft ist auch unabhängig von der sinnlichen Wahrnehmung. Und noch einen Schritt: Wissenschaft ist auch unabhängig vom Denken?
Dann wären wir wieder bei dem Punkt angekommen, an dem eine Philosophie, die sich weigert anzuerkennen, dass Wissenschaft ganz wesentlich auf sozialer Kooperation beruht, ankommen muss – Wissenschaft und Wahrheit sind dann ein Ideal, das recht schön glänzt – und an das man eigentlich nur glauben kann.
Von dem Gesichtspunkt aus ist ihr Wahrheitskonzept also absurd: Weil nämlich eine Wahrheit, die ich nicht erkennen kann, keine Wahrheit ist. Sobald ich sie aber erkenne, „verunreinige“ ich sie schon. Ich „verunreinige“ sie durch mein Denken und Erkennen, die halt nun einmal weltlich sind und nicht so göttlich rein wie die ideale Wahrheit. Oder wenn ich einen anderen Menschen brauche, der mit hilft, oder einen Laborplatz, damit ich forschen kann, dann kommt die gesamte soziale Dimension ins Spiel und verunreinigt die Wahrheit noch mehr. Insofern ist diese Wahrheitskonzept also absurd, weil es nämlich einfach nicht funktioniert.
Aber nicht absurd ist es in dem Sinn, dass es dem angelsächsischen Hang zu ‚competition’ entspricht. Erkläre jemandem eine Methode und lobe ihn, wenn er sie richtig ausführt – da ist doch nichts dabei, das können alle durchschnittlichen Menschen. Aber lass sie nach einem unerreichbaren Ideal hüpfen, dann siehst du ‚excellence’.
3 Kommentare
"Wie beneidenswert erscheinen uns, den Armen im Glauben, jene Forscher, die von der Existenz eines höchsten Wesens überzeugt sind! Für diesen grossen Geist hat die Welt keine Probleme, weil er selbst alle ihre Einrichtungen geschaffen hat. Wie umfassend, erschöpfend und endültig sind die Lehren der Gläubigen im Vergleich mit den mühseligen, armseligen und stückhaften Erklärungsversuchen, die das Äusserste sind, was wir zustandebringen!..."
[Sigmund Freud, Der Mann Moses, aus gesammelte Werke, Sechzehnter Band, Suhrkampf, 1965]
ja, das war die Niederschrift eines Erlebnisses; Das kann freilich nicht wissenschaftlich sein. Muss es aber auch nicht.

18.03.11 00:31:08, 