Heute habe ich aber gelacht!

von philohof E-Mail

 Und zwar bei der Lektüre von Dan Zahavis Buch Husserls Phänomenologie (Mohr Siebeck (UTB), Tübingen 2009). 

Dabei habe ich gelesen über Husserls Gedanken zur Intersubjektivität. Darüber lacht man nicht oft. Denn normalerweise braucht man die Intersubjektivität im täglichen Leben nicht. Wenn sie aber Andere im Munde führen, dann gewöhnlich um sie gegen dich zu wenden, indem sie etwa sagen, dass das, du gesagt hast, aber keine intersubjektive Gültigkeit habe. Das bedeutet dann, dass du damit heimgehen und dich brausen kannst.

 

Aber lassen wir Husserl mal reden:

 

S. 117 „Wie Husserl in der Krisis schreibt, kann die Intersubjektivität nur durch ein radikales „Mich-selbst-befragen“ als ein transzendentales Problem behandelt werden (Hua 6/206); nur meine Erfahrung von und Beziehung zu einem anderen Subjekt, ebenso wie diejenigen meiner Erfahrungen, die den Anderen voraussetzen, verdienen es, im eigentlichen Sinne als intersubjektiv bezeichnet zu werden.“

 

Hahahaha, nur MEINE Erfahrungen verdienen es, intersubjektiv genannt zu werden!!! Der war gut, nicht wahr!

 

Wollen wir noch einen lesen? Noch einen! Einer geht noch!

 

S. 120-121 „Husserls Hauptthese ist, dass meine Erfahrung von etwas objektiv Geltendem durch meine Erfahrung der Transzendenz (und Unzugänglichkeit) eines fremden Subjekts ermöglicht wird, und dass diese Transzendenz, die Husserl als die erste echte Andersheit und als die Quelle aller wirklichen [S. 121] Transzendenz bezeichnet, der Welt ihre objektive Gültigkeit verleiht (Hua 14/277, 15/560, 1/173).“

 

MEINE Erfahrungen sind objektiv – das gefällt mir auch sehr gut. (Der Günther sagt ja immer zu mir: „Helmut, das sind deine Probleme, andere Leute haben diese Probleme nicht!“ Er sollte es besser wissen, der Günther.) Ja, und warum kann ich das Objektive erfahren? Na, weil ich in die Köpfe anderer Menschen NICHT hineinschauen kann: Das Objektive ist mir also zugänglich, weil es mir unzugänglich ist – sehr logisch, nicht wahr?

 

Einer geht noch:

 S. 121 „Nur indem ich erfahre, dass andere dieselben Gegenstände wie ich selbst erfahren, erfahre ich wirklich diese Gegenstände als objektiv und real. Erst dann erscheinen die Gegenstände mit einer Gültigkeit, die sie zu anderem und mehr macht als zu bloßen intentionalen Objekten. Nun sind sie als wirkliche (objektiv, d.h. intersubjektiv gültige) intentionale Gegenstände gegeben.“ 

Das bedeutet: Wenn Andere sich den Schädel anhauen gleichzeitig mit mir, ist mein Schädelweh wirklich. Hahaha!

 

Noch einen Allerletzten: Es ist nämlich so: Ich brauche die Anderen zur Intersubjektivität gar nicht, das kann ich auch alleine! Kann ich nicht? Na, schauen wir mal:

 

S. 125 „Da der Wahrnehmungsgegenstand sich also immer auch Anderen darbietet, gleichgültig, ob sie tatsächlich anwesend sind oder nicht, verweist der Gegenstand auf solche Andere und ist aus eben diesem Grund charakterisiert durch eine ihm innewohnende Intersubjektivität. Er existiert nicht nur für mich, sondern verweist auf eine Vielzahl möglicher Subjekte, ebenso wie meine Intentionalität es tut, wann immer ich auf diese intersubjektiv zugänglichen Gegenstände gerichtet bin. Das besagt, die Intentionalität meiner Wahrnehmung enthält einen Verweis auf andere, ohne Rücksicht darauf, ob ich diese Anderen erfahre oder nicht, und sogar ohne Rücksicht darauf, ob sie tatsächlich existieren oder nicht.“

 

Genau. Ich brauche nämlich gar keine Intersubjektivität, ich bin mir nämlich selber intersubjektiv genug! Das sagt auch das allerallerletzte Zitat:

 

S. 128 „Anders gesagt kann die transzendentale Intersubjektivität nur durch eine radikale Explikation und Analyse der Erfahrungsstrukturen des Ich zum Vorschein gebracht werden. Darin bekundet sich nicht nur die ichliche Verwurzelung der Intersubjektivität, sondern auch die intersubjektive Strukturierung des Ich.“

 

Ichlichste Grüße von meiner Euch geneigten Intersubjektivität schickt Euch philohof!

 

2 Kommentare

Kommentar von: Wolfgang Cernoch [Besucher] E-Mail
Auch mag man mit den Ausführungen Zahavis nicht immer ganz zufrieden sein können, eines geht aber deutlich hervor: Zahavi hat wenigstens Husserl so weit verstanden, daß die transzendentale Analyse die Konstitutionsstufen eines Begriffs im transzendentalen Subjekt freilegen soll. Anstatt diese Auffassung zu kritisieren, reißen Sie Satzteile sinnentstellend aus dem Zusammenhang und mokieren sich dann über den daraus entstehenden Unsinn. Sie haben nicht nur das Konzept der »transzendentalen Epoché« Husserls nicht verstanden, sondern haben auch nicht bemerkt, daß Zahavi, offenbar ohne es seinerseits zu bemerken, die Kommunikationsstruktur nach Donald Davidson bei Husserl anhand der »Intersubjektivität« fundiert hat.


08.10.11 @ 21:12
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://philohof.com
Sehr geehrter Herr Cernoch,
zu sagen, ich hätte die transzendentale Epoché Husserls nicht verstanden, erscheint mir kein philosophisches, sondern ein wissenschaftliches Argument zu sein. Wie Sie vielleicht wissen, gilt in der Wissenschaft der Hinweis auf Inhalte, die der Gesprächspartner nicht rezipiert hat, als Argument. In einer philosophischen Diskussion könnten Sie beschreiben, wie Sie die transzendentale Epoché Husserls sehen, und dann könnten wir darüber sprechen, ob ich die transzendentale Epoché Husserls akzeptieren würde bzw. warum ich sie nicht akzeptieren würde.
Transzendentale Grüße
philohof
11.03.12 @ 23:49

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
Bitte schreiben Sie "Philosophie" (ohne Anführungszeichen)
antispam test