Ich bin ein völlig unwissenschaftlicher Mensch

von philohof E-Mail

Ich bin ein völlig unwissenschaftlicher Mensch. Ich bemühe mich in meinen Forschungen, der objektiven Wahrheit möglichst nahe zu kommen und habe eine große Scheu davor, auch nur eine Zehenspitze in das Territorium der Esoterik zu setzen. Ich lasse mithin also keine andere Art von Wahrheit gelten als jene, die auch die der Wissenschaft ist.

Doch ich tue es immer für mich. Wenn ich etwas erforsche, dann gewöhnlich einfach deshalb, weil ich es wissen will. Ich gebe nicht an, in welcher Weise meine Forschung ein Beitrag zur Wissenschaft sein könnte und wo, zu welchem Teil der Wissenschaft. Es interessiert mich nicht. Ich sehe darin auch kein Problem: Sollen sie sich doch selber den Kopf darüber zerbrechen, wozu mein Beitrag ein Beitrag sein könnte. Aber genau hier liegt das Problem: Das wollen sie nicht. Nicht ich habe ein Problem mit der Wissenschaft, die WissenschaftlerInnen haben eines mit mir.

Das ist etwas, das gerade heute einmal ganz klar gemacht werden muss: Wenn es heute darum geht, was wissenschaftlich ist und was unwissenschaftlich, so ist nicht in erster Linie eine Frage dessen, ob jemand derselben Art von Wahrheit anhängt wie die Wissenschaft. Der wissenschaftliche Mensch unterscheidet sich also nicht in erster Linie vom unwissenschaftlichen dadurch, dass er sagt: „Ich halte die objektive Wahrheit hoch, die rationalisierbare und falsifizierbare, die intersubjektiv argumentierbare!“ – während der unwissenschaftliche Mensch Ansichten vertritt, die sich letztlich nicht begründen lassen und die man nur glauben kann. Die wahre Unterscheidung zwischen dem wissenschaftlichen und dem unwissenschaftlichen Menschen ist heute die, dass der wissenschaftliche Mensch bei einer jeden seiner Forschungen sagt: „Ich möchte einen Beitrag leisten zu (dieser oder jener Forschungsrichtung in diesem oder jenem Fach).“, während der unwissenschaftliche Mensch sagt: „Ich möchte einfach wissen, wie es ist.“

Nein, das muss noch stärker formuliert werden: Der wissenschaftliche Mensch ist nicht derjenige, der sagt „Ich möchte einen Beitrag leisten…“ während der unwissenschaftliche Mensch sagt: „Ich will’s einfach wissen.“, sondern der wissenschaftliche Mensch sagt sein: „Ich will einen Beitrag leisten zu dieser oder jener etablierten Forschungsfrage.“ – indem er aufgehört hat zu sagen: „Ich will dieses oder jenes wissen“ – oder auch: „Dadurch habe ich dieses oder jenes gelernt."

Wenn ich also sage: „Ich habe dieses oder jenes wissen wollen.“ – oder auch: „Ich habe dieses oder jenes erfahren.“ – oder: „Ich habe dieses oder jenes gelernt.“, dann hören die WissenschaftlerInnen aus diesen Sätzen heraus: „Aha, er will also gar keinen Beitrag zur Wissenschaft leisten.“ Und deshalb bin ich – aus ihrer Sicht – ein unwissenschaftlicher Mensch. Ein wissenschaftlicher Mensch umgekehrt hat gelernt, nichts mehr für sich zu wollen. Er (oder sie) gibt alles der Wissenschaft hin.

Dadurch enthüllt sich uns auch der wahre Sinn von bekannten Sätzen in wissenschaftlichen Texten wie: „Das ist ein Beitrag zur …-Forschung.“ – oder: „Dieser schließt eine Forschungslücke in der …-Forschung.“ Diese Sätze wollen eigentlich sagen: Die Forschungen von WissenschaftlerInnen erschöpfen sich darin, Beiträge zu sein zum Gebäude der Wissenschaft. Sie sind nichts mehr darüber hinaus und wollen es auch gar nicht sein. Vor allem sind sie keine Beiträge zur Erkenntnis des Wissenschaftlers (der Wissenschaftlerin), der (die) diese Forschungen durchführt. Denn anstatt dessen sind sie ja Beiträge zur Wissenschaft. Analog gilt auch, dass sie keine Beiträge zur Erkenntnis der LeserInnen dieser wissenschaftlichen Schriften sind, sein wollen oder es auch nur ertrügen zu sein, denn sie wurden nicht geschaffen, um das Wissen irgendeines Menschen zu vermehren, sondern um das der Wissenschaft zu vermehren.

Bitte, da will ich nicht mit. Das interessiert mich nicht. Es interessiert mich deshalb nicht, weil ich mich, seitdem ich mich erinnern kann, immer nur für pädagogische Fragen interessiert habe. Und zwar in gleichem Maße dafür, wie man anderen etwas beibringen kann, wie auch dafür, wie man selber etwas lernen kann. Für mich ist Erkenntnis immer ein Lernen und Wahrheit immer ein Erlernen der Wahrheit. Wie sollte ich mit einer Wissenschaft wie der heutigen etwas anzufangen wissen, die die Verbindung zwischen der Erkenntnis und dem Lernen, zwischen der Wahrheit und ihrer Aneignung durch die Menschen gekappt hat?

Im Wiener NIG, dem Neuen Institutsgebäude, steht am Stiegenaufgang der Spruch: „Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei.“ Ich glaube nicht, dass die Wissenschaft eine Lehre hat. Wissenschaft ist Wissenschaft genau dadurch, dass sie niemandem eine Lehre anzubieten hat. Wissenschaft ist Antipädagogik, weil sie sagt: „Alles, was ihr erforscht, hat Teil von mir zu sein; aber wenn ihr dadurch etwas lernt, dann ist das nicht Wissenschaft, dann hat das nichts mit Wissenschaft zu tun!“

Ich möchte etwas lernen. Das ist das einzige, was mich interessiert. Deshalb bin ich ein unwissenschaftlicher Mensch. Nicht grundsätzlich, aber heute schon, gemäß der heutigen Konzeption von Wissenschaft.

9 Kommentare

Kommentar von: philatte [Besucher]
Hallo philohof.
Oi,mein “gewollt verwissenschaftlicht” hat aber nichts mit deiner/ Ihrer Verteidigungsrede zu tun, oder? Wenn täte es mir leid. Ich wollte das nicht als
Angriff, sondern als Hinweis anmerken.

Wahrheit? Naja, was ist Wahrheit? Eine individuell empfundene Wahrheit besitzt jeder, denke ich. Ein Kollektiv kann auch etwas für sich zur Wahrheit erklären, dann ist es ein mehrheitsfähiger Konsens, auf den man sich geeinigt hat. Wahrheit auf Logik zu beziehen, damit tue ich mich allerdings schwer.
Wahrheit wird durch Emotion erlebt, unser Wille ist auch involviert, aber ob jetzt der Gedanke nicht bloß der Emotion anhängt, da muss ich noch mal
drüber nachdenken.
Wissenschaft sucht Erkenntnis. Erkenntnis ist – soweit du/ Sie mich fragst/ fragen - nicht mit Wahrheit gleichsetzbar, da Wahrheit meist mit einem Absolutheitsanspruch verbunden ist, während Erkenntnis auch bloßes Registrieren, oder eine vorläufige Bewertung darstellen kann.
Grüße,
philatte
30.01.11 @ 05:07
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo philatte,

wir können ruhig per du sein, wenn wir schon miteinander kommunizieren. Ansonsten herrscht hier ohnehin, wie mir scheint, zumeist bleiernes Schweigen. Ich weiß nicht, trauen sich die Leute nicht, was potentiell Konfliktives zu äußern (also: an einer Diskussion teilnehmen) oder werden sie ganz klein vor lauter Achtung vor der Philosophie...?

Nein, philatte, dieser Blogeintrag ist in keiner Weise eine Verteidigungsrede oder eine Reaktion auf deinen Kommentar auf meine Frage nach dem Denken. Ich habe dort nur deshalb nicht auf deinen Kommentar reagiert, weil ich mich gar nicht betroffen fühlte; er schien mir mehr dem Herrn Maier zu gelten als mir.

Nun zu deinem Kommentar hier. Es fällt mir schwer, dir darauf zu antworten, weil mir aus ihm nicht klargeworden ist, wo du stehst und was du von deinem Standpunkt aus erreichen willst. Ein paar Beispiele gefällig?

Du schreibst:
"Wahrheit? Naja, was ist Wahrheit? Eine individuell empfundene Wahrheit besitzt jeder, denke ich."

Gut, das mag inhaltlich richtig sein. Aber über das Inhaltliche will ich gar nicht reden. Die Frage ist die danach, welchen Sinn dieser Satz überhaupt hat? Wen er wovon zu überzeugen sucht. Du weißt sicherlich genausogut wie ich, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der so etwas wie ein Kampf um die Wahrheit tobt. Allgemein gesagt, darf derjenige, der wahres Wissen besitzt über das Thema, in dem er sich auskennt, reden, während anderen Menschen die Kompetenz, darüber zu reden, abgesprochen ist. Zum Teil sind solche Vorrechte auch gesetzlich festgeschrieben, im Gewerberecht z.B.: Zur Ausübung vieler Berufe braucht man spezielles Wissen und ein Zertifikat über den Besitz dieses wahren Wissens. Wenn du also schreibst, dass ein jeder Mensch seine individuell empfundene Wahrheit besitze, dann ist das zwar sehr schön gedacht und irgendwie auch sehr human und einfühlsam, aber es ändert an der Welt, in der wir leben, nichts. Es ändert jedoch nicht nur nichts an ihr, sondern es gibt sie nicht einmal korrekt wieder: Dort, wo Kämpfe toben, dort, wo Herrschaft ist, tust du, als wären Friede und Gleichheit. Deine Sätze sind ein bisschen wie Schlagertexte, die von einer Welt erzählen, in der es nur Liebe und Glück gibt, während wir alle wissen, dass unsere Welt so nicht ist. Du kannst ruhig so weiterschreiben, ich lese deine Sachen gerne - aber ich schaue mir im Fernsehen auch gerne die Biene Maja an, und in genauso ein "unbekanntes Land vor gar nicht allzulanger Zeit" wie das, in dem die uns wohlbekannte Biene lebt, fühle ich mich versetzt, wenn ich solches lese.

Du schreibst:

"Ein Kollektiv kann auch etwas für sich zur Wahrheit erklären, dann ist es ein mehrheitsfähiger Konsens, auf den man sich geeinigt hat."

Ich denke, das wäre zu hinterfragen. Der Satz kommt mir vor wie die liberalen Vertragstheorien aus der Staatslehre. Da wird auch immer von einem Übereinkommen gesprochen, in dem wir uns alle verpflichtet hätten, das Gewaltmonopol an den Staat abzugeben. Tatsächlich habe ich kein solches Übereinkommen erlebt; der Staat war schon da, als ich auf die Welt kam. Bei der Wissenschaft scheint es mir ähnlich zu sein: Die zurzeit geltende Wahrheit war schon da, als wir aufwuchsen und sie erlernten. Ich habe eine solche Konsensierung der Wahrheit auch nie gesehen. Warum sich eine bestimmte Überzeugung durchsetzt und dann eine Zeitlang als Wahrheit gilt, scheint andere Gründe zu haben als einen Konsens unter Wissenschaftlern. Aber das nur nebenbei.

Du schreibst:

"Wahrheit auf Logik zu beziehen, damit tue ich mich allerdings schwer.
Wahrheit wird durch Emotion erlebt, unser Wille ist auch involviert, aber ob jetzt der Gedanke nicht bloß der Emotion anhängt, da muss ich noch mal
drüber nachdenken."

Das ist wieder so eine Geschichte, wo ich nicht weiß, wo du stehst. Wieder will ich nicht inhaltlich darüber reden, sondern nur soviel sagen: Warum es seinen Gegnern unnötig leicht machen? Du weißt genau, dass die Erwähnung des Worts "Emotion" für viele der Menschen, die an wissenschaftstheoretischen Diskussionen beteiligt sind, genügt, um dir ihr Ohr zu verschließen und sich abzuwenden. "Schon wieder so eine Gefühlsduselei!", werden sie sagen. Warum also äußerst du solche Sachen? Willst du möglichst viele Eigentore schießen? Oder spielst du ganz ein anderes Spiel?

Du schreibst:

"Wissenschaft sucht Erkenntnis. Erkenntnis ist – soweit du/ Sie mich fragst/ fragen - nicht mit Wahrheit gleichsetzbar, da Wahrheit meist mit einem Absolutheitsanspruch verbunden ist, während Erkenntnis auch bloßes Registrieren, oder eine vorläufige Bewertung darstellen kann."

Wiederum der gleiche Fall: Wo will dieser Satz hin? "Erkenntnis" ist deiner Meinung nach nicht mit "Wahrheit" gleichsetzbar. Du weißt genau, dass wir in einer Welt leben, in der die Wissenschaft sehr viel Ansehen genießt, weil ihre Erkenntnisse von allen die wahrsten sind und weil sie sich technisch in neue Produkte umsetzen lassen. Viele Menschen haben in der Wissenschaft deshalb einen Arbeitsplatz, weil ihre Erkenntnisse der Gesellschaft als Wahrheit erscheinen. Viele Stipendien und Forschungsgelder fließen aus diesem Grund. WissenschaftlerInnen werden vom Fernsehen oder von Zeitungen und Zeitschriften aus diesem Grund zu Interviews eingeladen, während du, die du deiner Meinung nach auch Wahrheit besitzt, nicht eingeladen wirst.

Beantworte mir doch mal die Frage: In welcher Welt argumentierst du eigentlich? Ich meine: Deine Argumentation kommt mir so ein bisschen vor wie: "Ich male mir die Welt, wie ich sie mir wünsche."

liebe grüße
philohof
30.01.11 @ 18:24
Kommentar von: philatte [Besucher]
Hallo Philohof.
Gut.
Nicht so vorschnell. Würde ich etwas zu Gleichheit und Freiheit schreiben wollen, hätte ich Bezug darauf genommen.
Ich wollte aufzweigen, worin ich die bestehende Diskrepanz zwischen dem Für-wahr-halten, der Wahrheit und Richtigkeit sehe. Dass jeder Mensch eine individuell empfundene Wahrheit (= Überzeugung) besitzt, bedeutet nicht, dass er sie auch bereit ist anderen Leuten zu zugestehen. Gerade, weil er
sie als so wahrhaft empfindet, sie für wahr hält, müssen ihm andersartige Wahrheiten (= Überzeugungen) häufig falsch vorkommen. (Wenn er sich
nicht mit dieser Diskrepanz auseinander gesetzt hat und ihm dieser Vorgang bewusst ist.) Intersubjektiver Geltungsanspruch. Gut beobachtbar z.B.
in leidigen pro/contra – diese – jene Religion – pro/contra Atheisten -Debatten.

Wie will Wahrheit ohne Konsens für eine Gruppe bindende Gültigkeit für dieses Kollektiv erlangen? Beispiel: Wenn wir uns einigen, dass die Hose
von dem Mann XY olive-grün ist, ist diese Aussage für uns wahr. Wenn ich die Hose als matschbraun erachte, ist die Aussage nur für Dich wahr.
Demnach bleibt die Wahrheit, wenn sie nicht durch Zustimmung legitimiert wird, die Wahrheit des Einzelnen.
Zur Politik: Man wählt. Wenn einen etwas stört, begehrt man auf, oder wird selbst politisch aktiv. Sonst zählt´s als Einverständnis. So läuft das in Deutschland. (Verfallsform des Staates eben.)

Was Wissen von Wahrheit trennt,abgesehen davon, dass Wahrheit sprachlich meist im Bezug zu Überzeugungen gesetzt wird und Wissen eher mit Richtigkeit, ist der in ihr enthaltene Absolutheitsanspruch. Heutiges Wissen (Erkenntnis) kann jedoch – theoretisch - künftig falsch sein.
Mittels faktischen Wissens über die Wirklichkeit kann der Mensch eine “relative Wahrheit” erlangen, doch keine objektive (absolute) Wahrheit.

Emotion als Aspekt des Wahrheitsanspruchs ohne Prüfung abzutun, wäre übereilt. Ob man nun diesen Aspekt anschließend verneint, oder bejaht!
Es kommt – meiner Erfahrung nach - seltenst vor, dass Philosophen das Diskussionsthema Emotion mit einer charakterlichen Selbstbeschreibung des Redners verwechseln. Aber der Umstand, dass Emotion – als ebenso innerer Vorgang wie das Denken – in der Lage ist, als Gesprächsthema eine solch unterschiedliche Wertung zu erfahren, ist ungemein spannend.

Ein Dialog basiert auf dem Konsens wie man sich begegnen möchte. Vielleicht schreckt die Leute weder Thema, noch Philosophie. Vielleicht stimmen sie möglichen Form des Dialoges nicht zu. Ein paar Anmerkungen deinerseits entlehnt, schließe ich darauf, dass deine Argumentation schnell persönlich wird/
werden kann.
Manchmal geht ein Dialog dadurch unter, dass beide den Beitrag des Gegenübers auf Mängel abklopfen, um sie dem Anderen vorzuhalten und sich selbst dadurch auf eine höhere Stufe zu stellen. Und der Dialog verkommt zu einem Gefecht der Monologe. Selbst, falls die Befürchtung unbegründet sein sollte,
schrecken viele Leute davor zurück, weil sie in ihrer Freizeit eher konstruktive, nicht destruktiv geartete Gespräche suchen.
Wäre ich z. B. studierte Philosophin und zudem noch mit nem dünneren Fell ausgestattet, hätte ich mich über die Biene Maja Bemerkung vielleicht ärgern können. Solltest du bedenken, wenn du mal ner echte Philosophin antwortest. :) So aber muss ich mich die ganze Zeit fragen: auf welchem Programm läuft heutzutage noch Biene Maya???
DA STAND NICHT, DASS EINE INTERESSIERTE LAIIN NICHT KOMMENTIEREN DARF.

Weshalb philosophieren? Ich will bloß nicht in der Philosophie aufgehen, dann würde ich als Individuum in der Masse verschwinden. Ich will auch nicht überzeugen. Vor allem, soll bloß niemand unreflektiert meine Sichtweise annehmen, weil es ja meine Sichtweise wäre und nicht die des Gegenübers. Mein relatives Wissen erweitert sich, wenn ich es dem Wissen von Anderen gegenüber stelle. Und – ich schreibe es tatsächlich: Ich habe Spaß daran, Dinge anders zu denken, Bestehendes zu analysieren etc. und dafür schäme ich mich kein Bisschen! :)

Schöne Grüße,
Philatte
01.02.11 @ 19:42
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo philatte,

habe in letzter Zeit nicht viel Zeit, daher bitte entschuldige die gedrängte Antwort.

Das wichtigste zuerst: Bitte nicht gleich beleidigt sein - und: freilich will ich, dass eine interessierte Laiin mitdiskutiert. Ich halte im Übrigen gar nichts davon, dass das Philosophieren Fachleute übernehmen, weil sich die individuelle Erkenntnissuche (und diese ist Philosophie nun einmal) nicht delegieren lässt.

Du hast Recht, ich werde gleich persönlich, aber in einem ganz anderen Sinn, als du meinst - und insofern hast du meine letzte Antwort ganz und gar missverstanden.

Ich werde persönlich, indem ich, wenn jemand was sagt, nicht einfach sage: "Das ist richtig." oder "Das ist falsch.", sondern indem ich zuerst herauszufinden versuche, wie denn die Person, die das gesagt hat, sich die Dinge zusammenreimt - vielleicht findet das Gesagte ja dann einen bedenkenswerten Sinn und erfährt eine geeignete Interpretation. Nichts anderes wollte ich mit meiner letzten Antwort auf deinen Kommentar erreichen als das.

Leider bin ich jetzt mit diesem Ansinnen, dich besser zu verstehen, noch nicht viel weiter gekommen, denn du schreibst:

"Ich wollte aufzweigen, worin ich die bestehende Diskrepanz zwischen dem Für-wahr-halten, der Wahrheit und Richtigkeit sehe. Dass jeder Mensch eine individuell empfundene Wahrheit (= Überzeugung) besitzt, bedeutet nicht, dass er sie auch bereit ist anderen Leuten zu zugestehen. Gerade, weil er
sie als so wahrhaft empfindet, sie für wahr hält, müssen ihm andersartige Wahrheiten (= Überzeugungen) häufig falsch vorkommen. (Wenn er sich
nicht mit dieser Diskrepanz auseinander gesetzt hat und ihm dieser Vorgang bewusst ist.)"

Na gut, dann sollte er sich eben mit dieser Diskrepanz auseinandersetzen. Da stimme ich dir ja zu. Aber meine Frage ist jetzt: Na und? Was weiter? Was folgt daraus? Wo ist der Bezugspunkt zu meinem Blogeintrag?

Liebe Grüße
philohhof
04.02.11 @ 14:43
Kommentar von: Claudia Klinger [Besucher] · http://www.claudia-klinger.de/digidiary
'Mal eine Verständnisfrage: Warum nennst Du dich im Titel und ersten Absatz einen "völlig unwissenschaftlichen" Menschen, wenn es am Ende des Absatzes dann doch heißt:

"Ich lasse mithin also keine andere Art von Wahrheit gelten als jene, die auch die der Wissenschaft ist. "

Das ist doch, wie wenn einer von sich sagt, er sei komplett unsportlich, aber ein Tag ohne Joggen sei ein verlorener Tag.

????
05.02.11 @ 10:40
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Frau Klinger,

danke für diese Frage! Sie trifft nämlich das Thema meines Textes!

Es handelt sich dabei offenbar um eine Angelegenheit, von meine Zeitgenossen sehr schwer zu überzeugen sind. Den Grund, warum sie so schwer zu überzeugen sind, sehe ich darin, dass die Menschen in ihrem Wissenschaftsverständnis der aktuellen Entwicklung der Wissenschaft um mindestens 50 Jahren hinterher sind. Also vor 50 Jahren bestimmte man noch (und damals war es vielleicht noch angebracht, das so zu bestimmen) wissenschaftliches Wissen danach, ob es wahr ist, ob es objektiv zutreffend ist. Mein Anliegen ist nun das, den Leuten zu erklären, dass die Wahrheit oder das Zutreffen von Wissen auf die Realität heute nicht mehr das Unterscheidungskriterium zwischen wissenschaftlich und unwissenschaftlich ist. Warum kann es das nicht sein? - Es kann deshalb nicht das Kriterium sein, weil die Wissenschaft nicht jede wahre Erkenntnis akzeptiert, wenn dieses nicht nach ihren Formkriterien formuliert ist und eine Antwort auf Fragestellungen aktueller Theorieanlagen verspricht. Der Unterschied zwischen wissenschaftlich und unwissenschaftlich liegt also nicht in der Art des Wissens, sondern in seiner Anordnung und Formgebung. Nicht alles, was wahr ist, kommt in ein wissenschaftliches Journal, und nur was in ein wissenschaftliches Journal kommt, ist wissenschaftlich.

Oder anders formuliert: Wissenschaft ist keine Sammlung von wahren Sätzen, sondern sie ist eine bestimmte Darstellung der Welt (oder eine Darstellung pro wissenschaftlicher Disziplin?!), die aufgrund ihres Strebens nach innerer Kohärenz wahre Sätze rauswirft oder nicht berücksichtigen kann, die aus einem anderen theoretischen Ansatz stammen.

Daraus folgt: In der Wissenschaft kann man sich nur auf eine der im Feld vorhandenen Theorien stürzen und mit ihr rennen. Nur wer seine Fragestellungen und Antwortvorschläge innerhalb bekannter wissenschaftlicher Theorien formuliert, hat eine Chance, verstanden und rezipiert zu werden.

Ich entwickle meine eigenen Fragestellungen; deshalb bin ich unwissenschaftlich. Da können meine Erkenntnisse noch so wahr sein und noch so überzeugend formuliert - sie werden dadurch nicht wissenschaftlich.

Dass es so einen Unterschied überhaupt gibt, dass es möglich ist, objektive oder zumindest intersubjektiv bestätigbare Erkenntnisse zu formulieren und TROTZDEM unwissenschaftlich zu sein, darauf wollte ich in meinem Blogeintrag hinweisen.

Wer sich am Diskurs der Wissenschaft nicht beteiligt, ist unwissenschaftlich. Denn die Wissenschaft beteiligt sich nicht an deinem Diskurs, selbst dann, wenn du Wahres und Richtiges zu bieten hättest.

Liebe Grüße
philohof
07.02.11 @ 09:37
Kommentar von: Xeon [Besucher] E-Mail · http://scythesociety.de
Ich möchte mich an dieser Stelle nicht in langen Sätzen verlieren. Aber einige Worte der Anerkennung muss ich einfach loswerden: Danke das du dir die Zeit genommen hast, das Problem so gut heraus zu formulieren. Ich selbst habe genau diese Erfahrung leider viel zu oft selbst gemacht =/
09.02.11 @ 03:32
Kommentar von: Hubert Brune [Besucher] · http://www.Hubert-Brune.de
Hier denkt keiner wirklich selbständig. Hier ist kein einziger FREIGEIST anzutreffen. Hier denkt JEDER wie die ANDEREN und KEINER wie er selbst.Das fängt schon bei der Rechtschreibung an. Keiner kennt sie, aber alle machen mit bei diesem Chaos.

Und alles schön politisch-korrekt. Geradere darin läßt sich überhaupt keine Selbständigkeit oder gar Freiheit erkennen, sondern nur das Gegenteil - genau das, was „die da oben“ wollen.

So glaubt (glaubt!) hier auch jeder, mit der Wissenschaft befreundet zu sein, und doch ist das Gegenteil richtig. Niemand bemerkt hier etwas von der Dikatur des „Man“ (Martin Heidegger), das mittlerweile totalitärer geworden ist als je zuvor. George Orwell läßt grüßen. Noch nie waren wir weiter vom „Freigeist“ (Friedrich Nietzsche) entfernt als heute.

So, meine lieben InnenInnen, dann denktInnen, nein glaubtInnen mal schön weiter.

Und immer schön weiter EnglischInnen lernInnen. Sonst seid ihr nicht inInnen. ihr Politisch-KorrektInnen, also SklavInnen.

12.04.11 @ 18:45
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Vorsicht, Herr Brune,

nicht das Kind mit dem Bade ausschütten!
13.04.11 @ 17:12

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