In der Arbeit muss sich der Mensch zurückhalten - es geht nicht anders!

von philohof E-Mail

In Der neue Chef. Suhrkamp, Berlin 2016. charakterisiert Niklas Luhmann das Arbeitsleben in Organisationen folgendermaßen

Die Arbeitswelt: soziale und emotionale Entbehrungen. Jede Organisation besteht aus Handlungen. Kein Mensch kann aber handeln, ohne selbst dabei zu sein. Er bringt sich selbst, seine Persönlichkeit, mit an die Arbeitsstelle. Die Organisation fordert ihm jedoch nur spezifische Leistungen ab. Seine Gefühle und seine Selbstdarstellungsinteressen werden dabei kaum beansprucht. Sie lungern während der Arbeit funktionslos herum und stiften Schaden, wenn sie nicht unter Kontrolle gehalten werden.

Die Arbeit selbst ist rational organisiert. Aber ihre Konsequenz ist nicht die innere Konsequenz des persönlichen Lebens. Daher bleibt der Arbeitende mit dem, was er gerne möchte, oft ungehört; in dem, worin er sein Eigenstes darstellt, ungesehen. Die kühle Indifferenz der Aufnahme wird ihm als Mangel an Gelegenheit und an Erfüllung bewußt. Unter dem Stichwort „Entfremdung“ findet man eine ausgedehnte sozialkritische Literatur, die Ar-[S. 44]beitsorganisationen nach Symptomen für soziale und emotionale Entbehrungen absucht. Neuere empirische Forschungen über Zufriedenheit am Arbeitsplatz ergeben zwar insgesamt ein erfreulicheres Bild, als man erwarten konnte; aber es läßt sich nicht verkennen, daß hier Gewöhnung eine Rolle spielt, und daß mancher nur deshalb zufrieden ist, weil er einen Fernsehapparat und keine anderen Hoffnungen mehr hat.“ (S. 43-44)

Und Jürgen Kaube fügt im Nachwort desselben Bands hinzu:

„Daß Luhmann wiederholt auf Takt, Selbstdisziplin, die Bereitschaft, Gefühle für sich zu behalten, und wechselseitige Achtung als Elemente kollegialen Verhaltens zu sprechen kommt, berührt insofern auch die notwendigen Bedingungen für sachbezogene […] Kommunikation in Organisationen.“ (S. 119)

Das sehe ich alles ein: Im Arbeitsleben muss man sich zurückhalten; im Arbeitsleben kann man nicht seine ganze Persönlichkeit ausleben, sondern nur einen Teil davon. Sonst funktioniert es nicht.

Umso wichtiger wäre es, dass der Mensch noch ein Leben neben der Arbeit hat.

Da ich kein politischer Mensch bin, geht es mir mehr um Vorstellungen als um Forderungen: die Vorstellung etwa, dass ein erwachsener Mensch in der Arbeit, in seinem Berufsleben seine Identität und Erfüllung finden müsste.

Diese Vorstellung ist immer noch weit verbreitet. Und sie ist so stark, dass man sich eines Hangs zur Faulheit verdächtig macht, wenn man ihr nicht begeistert zustimmt, wann immer sie geäußert wird.

Aber wer nachdenkt und die Sache möglichst realitätsgerecht zu betrachten versucht, bemerkt: Das geht nicht. Man kann im Arbeitsleben immer nur einen Teil seiner Persönlichkeit, seiner Talente, Motivationen und Eigenschaften einbringen. Deshalb erscheint es akzeptabel, dass der Mensch seinen Dienst tun muss, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber leben kann er in der Arbeit nicht. Er kann sich dort nicht ausleben, sondern muss sich zurücknehmen, dem reibungslosen Ablauf der Arbeitsorganisation zuliebe.

Deshalb: Der Mensch muss neben der Arbeit noch ein anderes Leben haben. Aber kein Privatleben in dem Sinn von „privat“, der mit diesem Wort „bedeutungslos“ meint, sondern ein bedeutungsvolles Leben.

Damit einher geht natürlich auch die Notwendigkeit, dass es für dieses zweite Leben ausreichend freie Zeit geben muss, damit es sich entwickeln und manifestieren kann.

 

1 Kommentar

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Ja, der gute Niklas Luhmann. Aus meinem persönlichen Umfeld kannte ich bisher immer nur die Einstellung, die in vielen Gesprächen um den Arbeitsplatz mitschwang: Da ist der Chef, und der hat die Macht! Gerade seit dem Kapitel über die "Kunst der Unterführung" ist mir wohl klarer, dass es damit auf der Seite des Chefs doch dann nicht ganz so leicht ist. Und das Bewusstsein um diese Problematik gibt mir wiederum in der Rolle des Untergebenen die Möglichkeit, auf die Notwendigkeiten der Chefrolle zu reagieren, ja diese sogar etwas vorauszusehen und ggf. Gelassenheit vor Gereiztheit anbringen zu können.

Mich wundert ja schon, wie es trotz dieser "Indifferenz" von Möglichkeiten zur Persönlichkeitsentfaltung am Arbeitsplatz überhaupt zu der Vorstellung kommen kann, man könne am Arbeitsplatz zu seiner eigenen Identität, oder Selbstverwirklichung kommen.
Der Mangel an Alternativen zur Arbeitswelt, ihre institutionelle Form und hierdurch: Ansprechbarkeit im sozialen Umgang, erwecken vielleicht jedoch den Schein, als könne diese Welt mehr für den Einzelnen tun als das tatsächlich der Fall ist.

Ihnen noch einen schönen Spätsommer!


Liebe Grüße vom
hobbyphilosophischen Vogt
29.08.16 @ 22:49

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