Ist der Zweck von Allgemeinbegriffen die Gruppenbildung?

von philohof E-Mail

In der Ausgabe der Tageszeitung „Der Standard“ vom 16.-17. 2. 2013 war auf Seite 1 ein Kommentar von Hans Rauscher über das von der Österreichischen Hochschülerschaft gegründete Café Rosa zu lesen. Dieses Café, das mittlerweile in finanzielle Schwierigkeiten gekommen ist, sollte den Intentionen der ÖH und des von ihr gegründeten Betreibervereins nach

 

basisdemokratisch,

feministisch,

antisexistisch,

progressiv,

antidiskriminierend,

antirassistisch,

emanzipatorisch,

ökologisch-nachhaltig,

antifaschistisch,

antinationalistisch,

antiklerikal,

antipatriarchal,

antiheteronormativ,

antikapitalistisch und

solidarisch sein.

 

Rauscher schließt daraus: „Was die linken Sektierer in der ÖH aber wollten, war ein abgeschottetes kleines Biotop für die Gurus der reinen Lehre und ihre JüngerInnen.“

 

Das Interessante an dem Gedanken Rauschers ist: Universelle Begriffe oder solche, die universell zu sein beanspruchen, finden hier offenbar nicht die Verwendung, etwas tatsächlich Universelles zum Ausdruck zu bringen, sondern dienen ganz im Gegenteil dazu, eine Gruppe zu definieren, eine Gruppe von so spezifischer Weltanschauung, dass viele Menschen nicht Teil dieser Gruppe sein wollen.

 

Das scheint durch die Aufaddierung der Allgemeinbegriffe zu funktionieren: Bei „antifaschistisch“ sind selbstverständlich alle dabei, bei „feministisch“ gehen auch die meisten mit, bis „antikapitalistisch“ geht Hans Rauschers Bereitschaft. Aber basisdemokratisch UND feministisch UND antisexistisch Und progressiv  UND, UND, UND – man meint, keine Luft mehr zu bekommen. Jedenfalls dann nicht, wenn man nicht in diesem Klima aufgewachsen ist und darin zu atmen gelernt hat.

 

So werden diese Grundsätze von den anderen Gruppierungen denn auch nicht als allgemeingültige (oder: dass es wünschenswert wäre, dass sie allgemein gälten) aufgefasst, sondern die Opposition ist der Ansicht: „...Studierende, die den linken Grundsätzen der Kaffehaus-Betreiber [sic!] nichts abgewinnen können, würden diskriminiert“, wie es in dem Artikel „ÖH nimmt Stellung zum Café Rosa“ auf der FM4-Website (http://fm4.orf.at/stories/1695937, vom 15.3.2012) referiert wird.

 

Die ÖH sieht das naturgemäß umgekehrt: In der Zeitschrift „unique“ schrieb Maria Clar im Artikel „Das Café Rosa“ (http://www.univie.ac.at/unique/uniquecms/?p=1810 , Ausgabe 9/2011):

„Mit dem Studibeisl Café Rosa wurde ein Ort eröffnet, an welchem sich verschiedenste Leute treffen können… […]Da sich alle in dem Raum wohl fühlen sollen, sind mit den Grundsätzen des Lokals und des „Vereins zur Förderung der Emanzipation von Studierenden“ Rahmenbedingungen geschaffen, die die Möglichkeiten und Formen der Partizipation und des Umgangs miteinander beschreiben. Neben bereits angedeuteten Grundsätzen wie basisdemokratisch und feministisch geben die anderen vor, dass im Café Rosa ausgrenzendes Verhalten wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus oder Nationalismus keinen Platz haben.“

 

Also: Im Café Rosa sollen sich die verschiedensten (verschiedenartigsten?) Menschen treffen können und die Grundsätze sollen (bloß) dazu dienen, damit sie das eben tun können, indem diese Grundsätze ausgrenzendes Verhalten ausschließen. Folglich sind die oben genannten Grundsätze keine solchen, die irgendjemanden ausschließen, sondern die die größtmögliche Zahl von Menschen einschließen und die Grundlage dafür schaffen, dass diese miteinander auskommen können.

 

Aber so muss wohl jede Gruppe, Gemeinschaft, Gesellschaft oder Kultur denken: Miteinander auskommen können die Menschen nur nach meiner Manier: Nur das Partikuläre unserer Weltsicht ist allgemeingültig.

 

Besonders interessant ist der Grundsatz der „Antiklerikalität“. Es ist klar, dass er Religionsgruppen sauer aufstoßen muss. Auf der Seite der kath.net ist zu lesen:

 

Der Grundsatz „antiklerikal“ bedeute nicht, religiöse Personen zu diskriminieren, sagte Julia Kraus vom Kommunistischen Studentenverband (KSV), die zum Vorsitzteam der Studentenvertretung der Universität Wien gehört. Man trete aber gegen „religiös motivierte Ressentiments“ auf, stellte sie laut einem Bericht der Tageszeitung „Der Standard“ fest.“ (http://www.kath.net/detail.php?id=35728 , 21.3.2012).

 

Jetzt stellt sich mir die Frage, wie man denn das wissen kann oder könnte, dass sich „antiklerikal“ nicht gegen religiöse Menschen richtet oder gegen den Klerus, sondern gegen „religiös motivierte Ressentiments“. Das ist ein Begriff, der ohne zusätzlich Erklärung nicht einmal funktioniert. Trotzdem beansprucht er allein schon aufgrund seiner sprachlichen Form – Antiklerikalismus – Allgemeingültigkeit.

 

Gerade eben habe ich zwei weitere Artikel über –ismen gelesen, einen über Sexismus (Eva Linsinger und Christa Zöchling: „Berührungsängste“, „profil“ 6, vom 4. 2. 2013, S. 14-24)  und ein Interview mit Thilo Sarrazin („Ich würde manches noch verschärfen“, in „Die Presse“ vom 10. 2. 2013, in dem, wie könnte es anders sein, Rassismus thematisiert wird.

 

Im Sexismus-Artikel fiel mir auf, dass gar nicht die Frage gestellt wird – weder von den Autorinnen des Artikels, von den vielen KommentatorInnen (Anna Giulia Fink, Elfriede Hammerl, Sven Gächter und Peter Michael Lingens), noch von den Personen, von denen in dieser Titel-Geschichte berichtet wird – wie denn ein solches Verhalten gelebt werden könne, in welchem Männer sich Frauen gegenüber nicht sexistisch verhalten. Alle in dieser Zeitschriftenausgabe Publizierenden scheinen davon auszugehen, dass das ganz leicht geht. Elfriede Hammerl: „Ach, Leute. Verboten ist nicht die Lust, sondern das Erzwingenwollen der Lust. Ist doch gar nicht so schwer, erwünschte Annäherung von Belästigung zu unterscheiden.“

 

Aber was ist eigentlich „antisexistisches“ Verhalten, weiß ich doch nicht einmal, was ein Sexist ist? Zum Beispiel:

 

-         Ist ein Sexist einer, der sich einmal sexistisch verhält?

-         Der sich manchmal sexistisch verhält?

-         Oder der sich immer sexistisch verhält?

 

Im ersten Fall würde der Allgemeinbegriff so funktionieren wie „kriminell“: Du kannst dein Leben lang ein braver Bürger sein, dann begehst du ein Verbrechen und bist für den Rest deines Lebens ein Krimineller. Oder:

 

-         Ist ein Sexist jemand, der sich aufgrund von Dummheit und Achtlosigkeit sexistisch verhält?

-         Oder gehört dazu die politische Absicht im Handelnden, den Sexismus in der Gesellschaft zu verbreiten und zur Herrschaft zu bringen?

 

Funktioniert der Begriff „Sexist“ vielleicht gar so wie „Antisexist“? Man kann sich kaum unregelmäßig, beiläufig und im Stillen antisexistisch verhalten oder dies aus Motiven tun, die selbst nicht antisexistisch sind (sondern vielleicht einfach daher stammen, dass man die Grenzen anderer Menschen respektieren und auch selbst ein ruhiges Leben führen will). So macht Antisexismus keinen Sinn. Antisexismus muss laut und selbstbewusst und ausgreifend sein. Es ist eine Haltung, die man vor sich herträgt, damit jeder sie sehen kann. Es versteht sich von selbst, dass man sie folglich auch pausenlos ausüben muss und sogar jede Gelegenheit aufsuchen muss, um sie auszuüben. Ist Antisexismus vielleicht nur etwas für Extrovertierte?

 

Das hört sich nach einem selbstbewussten Antisexisten an, der weiß, was er tut. Vielleicht ist ein Antisexist aber auch ein Mann, der fortwährend Angst hat, sich einer Frau gegenüber sexistisch zu verhalten? In dem Artikel von Linsinger und Zöchling wird Parlamentspräsidentin Barbara Prammer zitiert: „Neben eindeutigen sexuellen Übergriffen gibt es den Graubereich. Niemand anderer kann beurteilen, ob sich eine Frau subjektiv belästigt fühlt“. Wenn das so ist, dann kann nur eine Frau beurteilen, wer ein Sexist ist.

 

Im Sarrazin-Interview fällt auf, dass eine Hierarchisierung der Allgemeinbegriffe versucht wird. Thilo Sarrazin ist sich bei seinen Büchern sehr stolz auf die wissenschaftliche Qualität und die genaue Recherche. Einem Kritiker warf er daher vor, „in scheinwissenschaftlicher Manier völlig abstruse Schlussfolgerungen gezogen [zu haben], indem er mir Rassismus unterstellte und diesen Begriff in einer völlig willkürlichen und unwissenschaftlichen Weise verwendete.“ Das hört sich ein bisschen an nach: „Wenn es doch wahr ist, was ich sage, dann kann man mir doch nichts vorwerfen – wissenschaftliche Wahrheit steht über Rassismus!“

 

Das hätte ich aber nicht gedacht, dass der Gedanke an eine solche Hierarchisierung auch in dem Begriff des „Rassismus“ steckt oder dass nur Unwahres rassistisch sein könne. Es hätte mir erscheinen wollen, dass sich der Begriff zuallererst auf den Inhalt von Aussagen bezieht, bevor man noch darauf achtet, ob sie wahr oder unwahr sind. Aber wie das Problem entstehen kann, ist verständlich: In einer Gesellschaft wie der unseren, in der die Wissenschaft großes Prestige hat, kann leicht jemand der Meinung verfallen, er dürfe alles sagen, solange es nur wahr ist, und man dürfe ihm dann nicht „Rassismus“ vorwerfen, weil es doch wahr ist, was er von sich gibt.

 

Die Wissenschaft ist ein gutes Beispiel für das, worum es mir geht, wenn ich über Allgemeinbegriffe nachdenke: Natürlich kann man die gesamte Realität über die Achse wahr/unwahr brechen. Doch was geht dabei verloren? Verloren gehen dabei zuallererst alle jene Phantasien, Vorstellungen und Erzählungen, deren primäre Funktion nicht darin besteht, wahr oder unwahr zu sein, sondern von uns nacherlebt zu werden, sodass wir dabei etwas über uns selbst lernen. Aber das ist noch nicht alles, was dabei auf der Strecke bleibt. Wissenschaft meint ja auch bestimmte Darstellungsformen und Weisen der Beschreibung, während andere ausgeschlossen sind. Eine mäandernde, kreisende, wiederholt abdriftende Beschreibung eines noch dazu zu umfänglich gewählten Themas kann nicht wissenschaftlich sein, weil dabei nichts so Bestimmtes fassbar wird, dass man sagen könnte: „So ist es.“ – oder: „So ist es nicht!“. Wissenschaft beschäftigt sich daher nicht nur mit dem Wahren, sondern vor allem mit dem Kleinen, mit dem, was einer Beurteilung, ob es wahr oder unwahr ist, zugänglich ist – Weltbilder andererseits sind zu groß und fallen aus der Wissenschaft tendenziell heraus. Es fällt vieles heraus, wenn man die Realität in Wahrheit/Unwahrheit zerteilt, obwohl diese Unterscheidung an und für sich alles zu umfassen scheint.

 

Was fällt denn raus, wenn man die Realität in sexistisch/antisexistisch oder in diskriminierend/antidiskriminierend zerteilt?

 

Mir sind solche Einteilungen zuletzt besonders in der Analytischen Philosophie begegnet, und da vor allem in der Epistemologie. Dort werden alle Argumente gleichsam topografisch auf einer Landkarte eingetragen, indem sie alle verallgemeinernde Namen erhalten. Das gibt es skepticism, internalism, externalism, infallibilism, reliabilism, realism, anti-realism, deflationism, essentialism, non-essentialism, contextualism, relativism, indexicalism und so fort. Ich verstehe noch nicht genau, was diese Begriffe aus dem Denken machen. Obwohl mir klar ist, dass ein Denken mit diesen Begriffen kein Nachdenken eines Menschen oder einer Person mehr sein kann, denn ein Mensch ist höchstens ein Skeptiker, gewöhnlich aber nur manchmal skeptisch. Nie aber ist er ein Skeptizist, der gleichsam mit maschinenhafter Regelmäßigkeit den skeptischen Standpunkt bekleidet.

 

Eines aber weiß ich schon: Dass einen diese Begriffe aus der Diskussion ausschließen, wenn man sie nicht kennt und (genau genug) versteht. Damit wäre dasselbe Ziel erreicht wie das des Café Rosa, falls es wirklich, wie Rauscher meint, dass es die „Anhänger der reinen Lehre“ versammeln sollte. Das ist doch merkwürdig, weil es sich doch um Allgemeinbegriffe handelt. Allgemeinbegriffe sollten uns eher einschließen als ausschließen.

 

Nun wird man einwerfen: Du könntest dir diese Allgemeinbegriffe doch aneignen, dann kannst du in der Diskussion mitmachen! Freilich könnte man… damit beginnen. Aber die Frage ist ja: Wie viele solche Allgemeinbegriffe da noch nachkommen, und ob man dann noch mit dem Lernen nachkommen wird.

 

Die Wahrheit ist, dass die Welt, in Allgemeinbegriffen ausgedrückt, in ungemein viele kleine Einzelteile zersplittert und aus dem Grund – entgegen der allgemeinen Überzeugung – nicht einmal allgemein verständlich ist, was die Allgemeinbegriffe bedeuten. Das ist deshalb so, weil eine Sprache, die Allgemeinbegriffe besonders stark entwickelt, eben dadurch eine spezialisierte und sehr spezielle Sprache ist.

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