Ist José Ortega y Gassets Thema seiner Zeit auch das Thema unserer Zeit?

von philohof E-Mail

„El tema de nuestro tiempo consiste en someter la razón a la vitalidad, localizarla dentro de lo biológico, supeditarla a lo espontáneo. Dentro de pocos años parecerá absurdo que se haya exigido a la vida ponerse al servicio de la cultura. La misión del tiempo nuevo es precisamente convertir la relación y mostrar que es la cultura, la razón, el arte, la ética quienes han de servir a la vida.”

[Das Thema unserer Zeit besteht darin, die Vernunft der Lebendigkeit zu unterwerfen, sie innerhalb des Biologischen zu lokalisieren, sie vom Spontanen abhängig zu machen. Innerhalb von wenigen Jahren wird es absurd erscheinen, dass vom Leben verlangt wurde, der Kultur zu dienen. Die Mission der neuen Zeit besteht genau darin, dieses Verhältnis umzukehren und zu zeigen, dass es die Kultur ist, die Vernunft, die Kunst und die Ethik, die dem Leben dienen müssen.]

Jóse Ortega y Gasset: El tema de nuestro tiempo. Editorial Espasa-Calpe, Madrid 1993. S. 99.

Nach dem Besuch des Wittgenstein Symposiums (9.-15. August 2015) habe ich mich entfremdet gefühlt. Von den Vorträgen, die ich gehört hatte, habe ich ungefähr die Hälfte nicht verstanden und von der anderen Hälfte habe ich die Relevanz oder den Sinn des Ausgesagten nicht verstanden. Also selbst bei den Vorträgen, die ich verstand, habe den Eindruck gehabt, nichts aus ihnen gelernt zu haben. Sodass ich mich frage: Wovon reden diese Philosophen überhaupt? Worum geht es denen?

Weshalb ich das Bedürfnis hatte, wieder einmal Ortega y Gasset zu lesen. Sozusagen, zu meiner philosophischen Heimat zurückzukehren. Um mich daran zu erinnern, was denn ich dort zu finden glaube. So habe ich Ortegas y Gassets Buch El tema de nuestro tiempo [Das Thema unserer Zeit] (1923) gelesen.

Nach der Lektüre muss ich sagen, dass ich zwar schon denke, dass Ortegas Thema seiner Zeit auch ein wichtiges Thema unserer Zeit ist, aber ich glaube nicht, dass ich seine Worte einfach zitieren und erwarten kann, dass man sie heute versteht. Ich werde also ein bisschen übersetzen müssen.

Was hielt Ortega denn für das Thema seiner Zeit? Nun, Formulierungen dafür, denen man immer wieder begegnet, sind, dass er es für an der Zeit hielt, die reine Vernunft durch eine lebendige Vernunft zu ersetzen und dass die Menschen nicht länger für die Kultur da sein sollten, sondern von jetzt an die Kultur für den Menschen.

Das hört sich ziemlich abstrakt an, und ich würde nicht erwarten, dass irgendjemand von meinen Zeitgenossen mit diesen Formulierungen irgendwelche konkreten Vorstellungen verbinden kann. Ich selbst kann damit für mich und mein eigenes Leben aber schon sehr konkrete Vorstellungen verbinden. Zwar glaube ich nicht, dass meine Vorstellungen hundertprozentig mit dem übereinstimmen, was Ortega sagen wollte. Aber, was Ortega sagte, kommt von allem, was ich bei Philosophen in meinem Leben bisher gelesen habe, meiner eigenen Problemwahrnehmung am nächsten.

Worum geht es mir also? Es geht mir darum, dass uns im öffentlichen Leben (dieses kann man auch „Kultur“ nennen) Angelegenheiten vor Augen gestellt werden, die angeblich vernünftig, wahr und richtig sind, und mit diesen Eigenschaften der Angelegenheiten verbunden ist der Anspruch an uns, sich für sie zu interessieren, sie lernend aufzunehmen und im Handeln umzusetzen.

Zum Beispiel in der Schule. (Bitte, ich glaube nicht, dass bis jetzt schon klar ist, wovon die Rede ist, aber mit diesem Beispiel wird es vollends klar.) In der Schule setzt man uns Unterrichtsgegenstände wie Mathematik, Latein, Geschichte, Biologie und Physik vor, die angeblich vernünftig und auch nützlich für das Leben der Schüler sind und erwartet aufgrund der genannten Eigenschaften dieser Unterrichtsgegenstände, dass die Schüler sich für sie interessieren. So zeigt sich für mich der Vernunftglaube, oder Ortegas reine Vernunft. Vernunftglaube ist, wenn man sich für etwas interessieren soll, weil es vernünftig ist und nicht deshalb, weil man sich dafür interessiert. Reine Vernunft ist Vernunft ohne lebendige Vernunft.

Noch einmal: Wie viele andere auch, so habe auch ich als Schüler in meiner Schulzeit die Erfahrung gemacht, dass man in der Schule der Meinung ist, Lernen funktioniere ohne Interesse auch. Es sei nicht nötig, für Lerninhalte das Interesse der Schüler zu gewinnen. Allein die Tatsache, dass die Inhalte vernünftig seien und Schulstoff der jeweiligen Klasse, muss genügen, damit sich die Schüler mit ihnen anfreunden. Das ist für mich so eine Manifestation der reinen Vernunft in unserer gegenwärtigen Sozialwelt: Das man also der Meinung ist, es genüge, dass die Dinge vernünftig seien (reine Vernunft); dass man auch ein lebendiges Interesse für sie hege (lebendige Vernunft), sei hingegen nicht notwendig.

Das Resultat dieses Glaubens an die reine Vernunft war für mich als Schüler äußerst schmerzhaft: Lernen fühlte sich an, als müsste ich Asche vermischt mit Reißnägeln essen. Es machte keinen Spaß. Es erschien wie ein Folterinstrument für sadistische Lehrer, um ihre Schüler damit zu quälen. Und ich lernte eigentlich immer gegen den größtmöglichen – oft sogar überflüssigen – Widerstand. Denn ein bisschen Anregen des Interesses, ein bisschen Aufzeigen der Relevanz des Gelernten für uns Schüler durch die Lehrer hätte die Energie in uns Schülern erhöht und das Lernen für uns dramatisch erleichtert.

Aber an exakt diesem Punkt liegt ein Denkfehler vor. Und das ist auch der Grund, warum ich hier mit Ortega y Gasset so tief ins Prinzipielle hinabsteige. Es ist nämlich so, dass derjenige Mensch, der an die Vernunft glaubt, damit zugleich zutiefst davon überzeugt ist, Interesse sei nicht nötig. Ja schlimmer noch: Interesse sei schädlich. Darin besteht nämlich sein Vernunftglaube: zu glauben, dass die Vernunft sich selbst genüge und durch nichts anderes verunreinigt werden sollte.

Diesen Punkt zeigt Ortega sehr gut auf. Etwa wenn er sagt, dass das Erkenntnissubjekt sich möglichst transparent machen müsse, wenn es das Erkenntnisobjekt in sich aufnimmt, um es nur ja nicht zu verunreinigen oder es in irgendeiner Weise verzerrt erscheinen zu lassen.

Und ich möchte nun darauf aufmerksam machen, dass dieser sehr tiefe Glaube an die Vernunft auf der anderen Seite sehr konkrete und spürbare Auswirkungen hat: also z.B. in der Schule die Meinung, dass Lernen ohne Interesse genauso geht. Mit der reinen Vernunft meine ich eine Vernunft, die sich selbst genügt. Diese braucht kein Interesse, denn sie braucht nichts, was selbst nicht Vernunft ist. Im Gegenteil, allein dadurch, dass die Vernunft da ist, erhebt sie Anspruch auf unser Interesse. Und wir müssen nun unser Interesse in Gestalt einer Vernunftentscheidung ankurbeln. Das heißt, da wo kein Interesse ist, müssen wir die Luft anhalten und die Pobacken zusammenkneifen und durch einen reinen Willensakt Interesse für den Lernstoff aus dem Nichts erschaffen. Wenn wir das nicht schaffen, „fliegen wir durch“. Das ist es, was die Schule so unangenehm macht. Und das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum viele Menschen auch nach der Schule noch mit dem Lernen Schmerz und Qualen verbinden: Wir werden in der Schule dazu konditioniert, mit dem Lernen eine sinnlose Selbstquälerei zu assoziieren.

„Pienso lo que pienso, como transformo los alimentos o bate la sangre mi corazón. En los tres casos se trata de necesidades vitales. Entender un fenómeno biológico es mostrar su necesidad para la perduración del individuo, o, lo que es lo mismo, descubrir su utilidad vital. En mí, como individuo orgánico, encuentra, pues mi pensamiento su causa y justificación; es un instrumento para mi vida, órgano de ella, que ella regula y gobierna.”

[Ich denke, was ich denke, wie ich Nahrungsmittel verdaue oder wie mein Herz das Blut pumpt. In den drei Fällen handelt es sich um Notwendigkeiten des Lebens. Ein biologisches Phänomen zu verstehen, bedeutet, seine Notwendigkeit für das Fortbestehen des Individuums aufzuzeigen, oder, was dasselbe ist, seine Nützlichkeit für das Leben zu entdecken. In mir, als einem organischen Individuum, findet mein Denken seine Ursache und seine Rechtfertigung; es ist ein Instrument für mein Leben, ein Organ des Lebens, welches von ihm reguliert und regiert wird.]

Jóse Ortega y Gasset: El tema de nuestro tiempo. Editorial Espasa-Calpe, Madrid 1993. S. 80.

Um es noch einmal auf eine Formel zu bringen: Der Glaube an die Vernunft bewirkt also, dass man glaubt, auf das Interesse könne man verzichten. Oder, wenn wir das übersetzen in die Begrifflichkeit von Antriebskräften und Steuerung: Der Glaube an die Vernunft beinhaltet die Überzeugung, dass die Vernunft Antriebskraft und Steuerung zugleich sei und dass man auf alle weiteren Antriebskräfte (Interesse, Spiel, Lust, Gewohnheit etc.) verzichten könne.

In der Ethik ist das Pendant zum Lernen ohne Interesse die Vernunftentscheidung. Also man tut etwas rein deshalb, weil es vernünftig ist. Nicht deshalb, weil man es will, weil es Spaß macht, weil man Lust darauf hat. Ehrlich gesagt, ich glaube nicht an Vernunftentscheidungen. Für mich sind das Entscheidungen von Personen, die sich selbst nicht spüren. Von Menschen, die ihren Bezug zu sich selbst verloren haben. Damit will ich auch andeuten: dass ich die reine Vernunft für zutiefst unvernünftig halte.

Und in der Politik? Das ist nun wieder Ortega y Gassets bevorzugter Themenbereich. Ich habe an der Politik nicht so großes Interesse. Ortega zeigt, dass die Vernunft in der Politik bevorzugt zu Revolutionen führt. Das hat seinen Grund darin, dass Menschen, die in der Politik vernünftig sein wollen, Lösungen erdenken, die für alle Zeiten gelten sollen. Denn das verlangt ja die Vernunft: Entweder etwas entspricht der Vernunft oder es entspricht ihr nicht. So wie Kant Prolegomena für jede künftige Metaphysik schrieb. Also vernünftig ist es nicht, schrittweise etwas zu verbessern, sondern alles von Grund auf neu und vernünftig zu machen. Die dabei erhobenen Ansprüche sind natürlich für gewöhnlich zu hoch, und die Realität wehrt sich gegen sie. Aber der reine Vernunftmensch möchte nicht die Gesetze der Realität akzeptieren, sondern ihr die Gesetze der Vernunft vorschreiben. Was in der Folge gewöhnlich zu schlimmen Blutbädern führt und zu politischen Maßnahmen, die in der Realität nicht funktionieren, weil sie keinen Halt in ihr finden können.

Ein Hindernis für die Rezeption von Ortega mag darin bestehen, dass er sich in erster Linie für Politik, Geschichte und Kunst interessiert hat und weniger für Mathematik, Physik und Logik. Seine Beispiele stammen daher auch zumeist aus der Geschichte und erlauben dem naturwissenschaftlich orientierten Menschen die Ausrede, dass sich die Sache anders verhalten würde, wenn es, statt um die Französische Revolution, um ein technisches Gerät ginge, das funktionieren müsse. Denn dafür sei die Vernunft unerlässlich.

Auf diesen Einwand würde ich mit „Ja, aber…“ reagieren wollen. Denn ich sehe schon ein, dass sich das Funktionieren technischer Geräte in sehr objektiver Weise beschreiben lässt. Gleichzeitig habe ich an dem Punkt aber einen anderen Einwand. Einen, der von einer anderen Seite kommt: Wenn nämlich die (reine) Vernunft sich in der Schule in einer Praxis zeigt, in der man meint, die Schüler müssten auch ohne Interesse am Lernstoff in der Lage zu sein, diesen zu erlernen, so habe ich in der Wissenschaft den Eindruck, sich der Glaube an die Vernunft manifestiert sich hier in der Meinung, es müsse möglich sein, mit den zahlreichen Erkenntnissen der Wissenschaft zurechtzukommen, ohne sich zwischen ihnen orientieren zu müssen.

„La ciencia es el entendimiento que busca la verdad por la verdad misma. No es la función biológica del intelecto que, como todas las demás potencias vitales, se supedita al organismo total del ser viviente y recibe de él su regla y módulo.”

[Die Wissenschaft ist jenes Erkenntnisvermögen, das die Wahrheit um der Wahrheit selbst willen sucht. Sie ist keine biologische Funktion des Intellekts, die sich, so wie alle übrigen Lebenskräfte, dem Organismus des Lebewesens unterwirft und von ihm seine Regel und sein Maß erhält.“

Jóse Ortega y Gasset: El tema de nuestro tiempo. Editorial Espasa-Calpe, Madrid 1993. S. 108.

Denn das ist ja auch Vernunft: dass man meint, etwas sei schon allein deshalb relevant und wichtig, weil es wahr und vernünftig ist. Dieser Glaube scheint mir gegenwärtig in der Wissenschaft zu herrschen. Und er scheint mir bei der immer mehr zunehmenden Anzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Orientierungslosigkeit zu führen. Das Ergebnis von Wissenschaft wäre dann nicht Wissen sondern Orientierungslosigkeit. Und das, obwohl alle ihre Erkenntnisse wahr und richtig sein mögen.

Ich weiß nicht, warum das so ist, aber niemand spricht eigentlich gegenwärtig über Orientierungslosigkeit in der Wissenschaft oder im bereits existierenden Wissen. Für mich ist das ein heißes Thema, weil es folgende Konsequenz hat: Wenn wir Wissen und Orientierung benötigen, dann bedeutet das, dass Wahrheit allein nicht genügt. Wir brauchen also Wahrheit und noch etwas anderes dazu, um uns im Wissen orientieren zu können. Möglicherweise benötigen wir zur reinen Vernunft also noch die lebendige Vernunft dazu, damit die lebendige Vernunft uns hilft, in der unüberblickbaren Masse des von der reinen Vernunft geschaffenen Wissens unseren Weg zu finden.

Dieses Thema der Orientierung im Wissen ist nun wiederum für mich persönlich von allergrößter Wichtigkeit. Mir scheint, dass das Problem der Wahrheit oder Falschheit von Erkenntnissen – ob sich die Erde um die Sonne dreht oder die Sonne um die Erde – möglicherweise früher von größerer Bedeutung war als heute. Heute, in einem funktionierenden Wissenschaftssystem, vertraue ich den Wissenschaftlern im Allgemeinen bei dem, was sie herausgefunden haben – persönlich nachprüfen kann ich es in den allermeisten Fällen ohnehin nicht – und mein größtes Problem ist, was ich mir denn von all den Informationen nun merken soll. Denn alles kann ich mir nicht merken, ich muss also auswählen.

Nun ist es aber so, dass die Darstellung von wissenschaftlichen Erkenntnissen auch heute noch ausschließlich vom Glauben an die (reine) Vernunft geleitet ist. Das heißt, wissenschaftliche Autoren überlegen sich im Allgemeinen nicht, was einen Leser ihrer Werke als Individuum und lebendiger Mensch an denselben interessieren könnte. (Das mag mit ein Grund sein, warum ich selbst bei jenen Vorträgen beim Wittgenstein Symposium, die ich verstanden habe, nicht den Eindruck hatte, aus ihnen etwas gelernt zu haben.) Das hat zur Konsequenz, dass man mir in der Regel einen gelehrten Ziegel hinknallt, der sich gegenüber meinen Erkenntnisbemühungen hermetisch verschließt, indem er es meinem Interesse verwehrt, Halt zu gewinnen. Da die Menge des Wissens heute viel größer ist als sie es im Jahr 1923 war, würde ich annehmen, dass das Thema von Ortegas Zeit umso mehr das unserer Zeit sein müsste.

Wenn man nun Ortega danach fragt, was er denn eigentlich mit seiner lebendigen Vernunft meint, so erscheint mir folgende Formel dafür als die griffigste: Kant hat in seiner Kritik der reinen Vernunft festgehalten, dass unser Erkenntnisvermögen von bestimmten allgemeinen Bedingungen abhängt, die darin ihre Ursache haben, wie unser Erkenntnisapparat gebaut ist. So sehen wir z.B. die Dinge räumlich, in zeitlicher Abfolge etc. Ortegas Vorstellung – und diese hat er von Wilhelm Dilthey – ist, dass das menschliche Erkenntnisvermögen nicht von festen Bedingungen irgendwelcher Art abhängt, sondern, dass diese veränderlich seien. Er meinte also, dass wir zu einer bestimmten Zeit irgendwelche Vorstellungen und Ideen hätten und diese wirkten wie eine Brille, mit der wir die Welt sehen. Dann lernen wir neue Vorstellungen dazu und haben neue Ideen (und die alten relativieren sich durch die neuen) und damit haben wir eine neue, bessere Brille.

Die Idee der „lebendigen Vernunft“ fußt also auf einer dynamisierten Konzeption von Erkenntnis. Man könnte auch sagen: Wenn man zu Kants statischer Vorstellung von den ewig gleichen Bedingungen menschlicher Erkenntnis die Dialektik Hegels hinzumischt, dann ergibt sich dieses dynamisierte Modell von Erkenntnis, in dem Erkenntnis nicht zu jeder Zeit oder in jeder Epoche das gleiche ist, sondern in dem menschliche Erkenntnis zu jeder Zeit und in jeder Epoche andere begriffliche Ausgangsbedingungen hat und damit jeweils andere Aspekte der Realität wahrnimmt.

Das Konzept der lebendigen Vernunft ist also vernunftwidrig im Sinne der reinen Vernunft. Denn vernünftig wäre es zu fragen: Wie ist Erkenntnis? Dann anzunehmen: Sie ist so oder so. Und von den ausgesagten Bedingungen oder Eigenschaften der Erkenntnis („So ist sie!“) anzunehmen, dass sie nicht nur heute oder morgen so sind, sondern immer. Ortega packt nun die Erkenntnis in ein Entwicklungsmodell eines Erkenntnissubjekts hinein, woraus folgt: Was für dieses jeweils Erkenntnis ist, hängt davon ab, wo es gerade steht.

Das ist mir sehr sympathisch, bedeutet es doch: Erkenntnis ist nicht einfach nur Wahrheit und Wissen. Denn Wahrheit und Wissen ist für mich ja nur der Treibsand von unzähligen wahren aber nutzlosen Informationen, in dem ich mich nicht zurechtfinde und unterzugehen drohe. Sondern Erkenntnis für mich ist jeweils dasjenige Wissen, das mir in meiner konkreten Situation, in der ich mich gerade befinde, weiterhilft – sei es dadurch, dass es mir zu Orientierung im Wissen verhilft oder sei es dadurch, dass es mir erlaubt, Wissen im Handeln anzuwenden etc.

Leider ist es aber so, dass der Orientierungsbedarf des Individuums nicht im Zentrum von Ortegas Interesse stand. Er interessierte sich mehr dafür – das Wort „Epoche“ deutete es schon an, was die Griechen dachten, was die Römer und welche Gedanken für die Menschen der Renaissance denkbar waren und welche nicht. Das bedeutet, er ist ein Denker, der immer auf der kollektiven Ebene bleibt – und das ist tatsächlich etwas, was mich von ihm trennt. Denn ich meinte, das Konzept der „lebendigen Vernunft“ könnte ja nicht nur ein Modell für die Geschichtswissenschaft sein, sondern auch eines für die individuelle Vernunft. Schließlich besteht der Grundgedanke der lebendigen Vernunft ja darin, dass die Erkenntnisfähigkeit eines Erkenntnissubjekts an sein Entwicklungsstadium zurückgebunden wird. Und nun ist es zwar sicherlich auch so, dass ich die Gedanken meiner (historischen) Zeit und Epoche denke und im Großen und Ganzen nicht in der Lage bin, über sie hinauszudenken, weil ich, ebenso wie meine Zeitgenossen, in ihrem Entwicklungsstadium verhaftet bin. Ich laufe aber auch selbst meine eigene Entwicklung durch, indem ich zuerst Kind bin und die Welt zum ersten Mal erfahre, dann erwachsen bin und schließlich alt werde.

„La “razón pura” no es el entendimiento, sino una manera extrema de funcionar éste. Cuando Robinson aplica su inteligencia a resolver los urgentes problemas que la isla desierta le plantea, no usa de la razón pura. [...] La razón pura es, por el contrario, el entendimiento abandonado a sí mismo, que construye de su propio fondo armazones prodigiosas, de una exactitud y de un rigor sublimes. En vez de buscar contacto con las cosas se desentiende de ellas y procura la más exclusiva fidelidad a sus propias leyes internas.”

[Die „reine Vernunft“ ist nicht das Erkenntnisvermögen selbst, sondern eine extreme Funktionsweise desselben. Wenn Robinson seine Intelligenz anwendet, um die dringenden Probleme zu lösen, welche die unbewohnte Insel ihm bereitet, verwendet er nicht die reine Vernunft. […] Die reine Vernunft ist, ganz im Gegenteil, das Erkenntnisvermögen, das sich selbst überlassen bleibt, das aus seinem eigenen Vermögen heraus mit sublimer Genauigkeit und Strenge erstaunliche Gestelle konstruiert. Anstatt den Kontakt mit den Dingen zu suchen, wendet es sich von ihnen ab und betreibt die allerexklusivste Treue zu seinen eigenen internen Gesetzen.]

Jóse Ortega y Gasset: El tema de nuestro tiempo. Editorial Espasa-Calpe, Madrid 1993. S. 162.

Aber diese individuelle Entwicklung der Erkenntnis interessiert Ortega leider nicht. Wenn sie ihn interessierte, dann hätten wir folgendes interessante Thema gemein: Es scheint ja nun nicht so zu sein, dass sich Schule und Wissenschaft gegen alle Menschen in der gleichen Weise versündigen wie gegen mich. Es gibt nämlich Menschen, die so sind wie ich, die also nicht ganz dumm sind und die durchaus imstande sind, beispielsweise etwas auszurechnen, wenn man ihnen zeigt, wozu das gut ist und was sie davon haben. Kurz, wenn man ihrem Interesse erlaubt, Halt daran zu finden. Menschen wie ich sind aber so gut wie völlig unfähig, an Mathematik im allgemeinen Interesse zu finden, also an Mathematik, die sich nur mit reinen Zahlen spielt und keinerlei Interesse hat, irgendetwas auszurechnen, was für ich persönlich von Nutzen sein könnte. Aber es scheint da auch noch eine andere Sorte von Menschen zu geben.

Diese andere Sorte von Menschen wird nicht dadurch zum Lernen neuer Inhalte motiviert, indem sie erkennt, wie sie diese in ihre Lebenswelt integrieren und ihre Lebenswelt durch sie bereichern kann, sondern ganz im Gegenteil: Sie ist von weltfremder Wesensart, und ein Stück Wissen kann ihr gar nicht weltfremd genug sein. Möglicherweise mühen sich Wörter wie „Freaks“, „Autisten“ oder „Nerds“ damit, zum Ausdruck zu bringen, was den Charakter dieser Menschen ausmacht. Mir scheint bloß naheliegend zu sein, dass in einer Welt zunehmender Spezialisierung die gemeinsame Lebenswelt, in der man einander begegnen kann, zunehmend verlorengeht. Übrig bleiben dann nur noch die einzelnen fachlichen und inhaltlichen Spezialisierungen gleichsam als Realitätsinseln, auf denen man sein Leben einrichten muss. Deshalb passt in unsere Zeit eine Figur wie die des Computernerds, der sonst kein anderes Leben hat und deshalb tagein tagaus von früh bis spät vor dem Computer sitzt. (Das bedeutet natürlich nicht, dass unsere Zeit es dem Computernerd verbieten würde, Sport zu treiben und auf Partys zu gehen; aber die Logik der Spezialisierung verlangt vom Menschen, in einem Bereich außerordentlich gut zu werden, und das ist nur möglich durch große Zeitinvestition.)

Was ich damit sagen will, ist, dass es eine Sorte von Menschen gibt, für die das Lernen nicht leichter wird dadurch, dass man es interessant gestaltet. Diese Menschen finden Interesse an einem Wissensgebiet, weil es sich dem menschlichen Interesse verschließt, weil es abseits liegt und weil sie sich wie Könige eines eigenen Inselreichs fühlen, wenn sie es beherrschen. Ich glaube, das sind die Menschen, denen unsere heutige Zeit gehört: Sie haben den Antrieb durch das eigene Interesse nicht nötig, sie sind begabt zur reinen Vernunft.

Es wäre nun verfehlt zu behaupten –wie ich das früher gemacht habe – die heutige Schule und Wissenschaft wären inhuman, sie entsprächen den Lernbedürfnissen der Menschen nicht. Das stimmt so nicht, den Bedürfnissen mancher Menschen entsprechen sie durchaus; und diese wären dumm, wenn sie ihren spezifischen Vorteil gegenüber den übrigen Menschen aufgeben würden, indem man den Lehrstoff didaktisch verbessert. Nein, das Wissen soll durchaus ein Garten mit Dornenranken sein, in denen sich diejenigen verheddern, die zwar nicht die am wenigsten Intelligenten sind, aber denen die Fähigkeit zum interesselosen Lernen fehlt.

Aus meinen Überlegungen ergibt sich ein völlig anderes Bild der lebendigen Vernunft als es Ortega y Gasset in El tema de nuestro tiempo zeichnet. Denn dort erscheint es so, als wäre die lebendige Vernunft eine historische Notwendigkeit, als müsste die sie 1923 nun endlich anfangen, nachdem die letzten 200 Jahre zuvor bereits von der reinen Vernunft beherrscht gewesen waren und diese Entwicklung sich irgendwie zu Tode gelaufen hatte. Tatsächlich ist ja auch nicht passiert, was Ortega erwartet hat; anstatt dessen ist mit der Analytischen Philosophie am Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue Welle der reinen Vernunft entstanden, die sich bis heute fortsetzt.

Aus dem Grund würde ich nicht so sehr die lebendige Vernunft der reinen Vernunft entgegensetzen, so wie Ortega das getan hat, als die individuelle Vernunft der kollektiven. Aber das ist nun tatsächlich bereits nicht mehr Ortega, sondern das ist meine Version vom „Thema unserer Zeit“: Mir scheint, dass Wissenschaft kollektives Wissen generiert und Schule kollektives Wissen lehrt (um mit Wissenschaft und Schule nur zwei Bereiche der Kultur zu erwähnen), und das menschliche Individuum, um überhaupt etwas davon aufnehmen zu können, sich jene Stückchen daraus herausbrechen muss, die es als Individuum verdauen kann.

In dieser Version kehrt für mich Ortegas Thema von der Kultur, die nicht für den Menschen da ist, sondern sich gegen ihn wendet, wieder: Überall ist der Mensch heute von Wissen umgeben (und ich habe mal gelesen, eine Wochenendausgabe der New York Times enthalte mehr Wissen als ein Mensch des 18. Jahrhunderts in seinem ganzen Leben gelernt habe), und die Vernunft behauptet, dadurch dass dieses Wissen entdeckt, erwiesen und dargestellt worden ist, sei die Aufgabe der Vernunft erledigt. Und dennoch finde ich mich vor eine neuerliche Aufgabe gestellt vor: Nämlich mich in diesem Wissen zu orientieren, dasjenige, was ich davon brauchen kann, von demjenigen zu scheiden, das nur sinnloser Ballast für mich ist. Denn ich merke, wie ich tumb und blöd werde, wenn ich die Inhalte in der Anordnung zu lernen versuche, wie sie dargestellt werden.

Ortegas Thema seiner Zeit ist für mich daher das Thema meines Lebens. Für Menschen, die so ähnlich funktionieren wie ich, müsste es auch das Thema unserer Zeit sein. Da es aber auch ausreichend Menschen gibt, die anders funktionieren und keiner Orientierung bedürfen noch auch des Antriebs durch das lebendige Interesse, ist Ortegas Thema nicht das Thema unserer Zeit. Weiterhin dominiert die reine Vernunft, und die Nichtnerds sind einfach die Verlierer im sozialen Wettkampf um Posten und Ehren.

Ich weiß aber auch: Wenn mir in meinem Leben einmal etwas gelingt, dann nur deshalb, weil es mir gelungen ist, meine lebendige Vernunft als Turbo zu gebrauchen. Daher sollte ich die lebendige Vernunft auch nie vergessen und immer wieder innehalten, um über sie nachzudenken – schon allein, weil es für mich eine Frage des geistigen Überlebens ist. Und falls sich doch einmal jemand dafür interessieren sollte, warum wissenschaftliche Werke und der Lehrstoff in der Schule so unverdaulich sind, so möge er oder sie Ortega lesen und zu begreifen suchen, wie sich die reine Vernunft in ihnen austobt.

5 Kommentare

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

das ist wirklich eine Informationsbombe mit vielen Aspekten, Ihr Blogeintrag. Ich bin ja manchmal erstaunt, wie viel Distanz sie zu manchen gesellschaftlichen Vorgängen gewonnen haben (immerhin sind Sie ja auch zur Schule gegangen, haben danach auch noch studiert und sogar promoviert...), um diese kritisch zu betrachten. Denn wenn man diese ganzen Institutionen durchläuft, ist eine derart kritische Geisteshaltung meiner Erfahrung nach eher hinderlich als förderlich. Wenn Ihnen also Schule schon derart schmerzhaft in Erinnerung geblieben ist - dann muss das Studium doch die Hölle gewesen sein?

Ich persönlich gehöre wohl zu den Menschen, die gelernt haben, Wissen als Schutzschild um sich herum aufzubauen und dann (um es mit Ihren Worten zu sagen) mit Hilfe der reinen Vernunft argumentieren können. Das habe ich mir allerdings deshalb angeeignet, weil mir das Sozialverhalten einiger meiner Mitmenschen in meiner Jugend sehr auf den Senkel ging, und man mit Wissen auf eine andere Art und Weise gesellschaftlichen Zugang in bestimmten Organisationen finden konnte. Was ich damit sagen will: Die reine Vernunft hat sehr viele interessante soziale Funktionen, die Sie nur am Rande erwähnen. Funktionen wie gesellschaftlichen Einstieg für den Einzelnen, und Abgrenzung aus Perspektive der Gesellschaft. Das scheint mir für viele Menschen keine Bagatelle, sondern essentiell um nicht zu sagen lebenswichtig. Oder um es kurz zu sagen, die Notwendigkeit zur Etablierung der sozialen Identität steht wohl für viele höher als lebendige Vernunft, ein lebendiges Geistesleben.

Aber nicht nur das. Ertappen wir uns nicht manchmal selbst dabei, am liebsten eine reine Vernunft heraufbeschwören zu wollen, wenn uns etwas vollkommen gegen den Strich geht? Wenn wir jemanden leidenschaftlich vom Gegenteil überzeugen wollen, aber es doch nicht schaffen?


Liebe Grüße
Ihr Vogt


26.08.15 @ 12:56
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Vogt,
vielen Dank für Ihren - ergänzenden - Kommentar.
Ich kann Ihnen nur in allen Punkten zustimmen.
Allerdings fragt sich: Wenn Sie so sehr auf der Seite der reinen Vernunft stehen - wie konnten Sie dann meinen Blogeintrag interessant finden?
Ist das ein Zeichen einer gespaltenen Persönlichkeit?

Liebe Grüße
philohof
28.08.15 @ 11:31
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

"Wenn Sie so sehr auf der Seite der reinen Vernunft stehen[...]"

Also ich stehe nicht auf der Seite der reinen Vernunft, wenn Sie so wollen. Ich benutze diese mehr oder weniger bewusst als Werkzeug, um soziale Ziele zu erreichen. Das bedeutet aber nicht, dass ich die reine Vernunft als Lebensprinzip zelebriere. Die reine Vernunft ist dann ein eher notwendiges Übel in einer Welt, in der Menschen nach Halt und Orientierung suchen (und sich daraufhin Sachen wie reine, oder absolute Vernunft ausdenken).

Liebe Grüße
Ihr Vogt
28.08.15 @ 12:04
Kommentar von: cey [Besucher]
Generell: Ich freue mich immer, wenn es Einträge auf Ihrem Blog gibt. Speziell: Ich bin mir nicht sicher, ob "Nerds" tatsächlich so unterschiedlich zu werten sind und dass deren Antrieb nicht aus eigenem Interesse resultiert. Es ist vielleicht weltfremd sich zu freuen, wenn eine html-Struktur schön und sauber dasteht, aber reine Vernunft? Ich würde eher sagen die reine Vernunft instrumentalisert die Nerds, weil deren gesellschaftlicher Aufwind einhergeht mit dem Aufwind technologischer Paradigmen. Wer aber ist da die reine Vernunft wenn weder die Nerds noch die Nichtnerds sie beherrschen sondern je nach sozialer Konstellation beherrscht werden? Insofern gefiele mir Ihre kollektive Vernunft recht gut, um dies zu erklären.
Abschließend nochmal Danke für ein Stück individueller Vernunft im Netz.
Mit besten Grüßen
cey

04.09.15 @ 08:42
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo cey,

vielen Dank für Ihren Kommentar!
Ihre Fragen sind schwierig, aber es lohnt sich, über sie nachzudenken.
a) "nerds" von autistischer Wesensart - ich glaube auch, dass ihr Antrieb authentisch ist und von ihnen selber kommt. Es gibt wohl einen Unterschied zwischen jenen Nerds, die ich hier meine, und jenen anderen, die dann in Sillicon Valley das nächste Startup mit Milliardenbewertung aufstellen: Grundsätzlich ist die charakterliche Einschränkung auf die reine Vernunft als ein Mangel an praktischer Vernunft zu sehen. Ich denke also an solche Nerds, die hochqualitative Arbeit abliefern, ohne dass sie selbst imstande wären, alle Vorteile daraus zu ziehen, die möglich wären. Solche Menschen werden dann vielleicht "instrumentalisiert" - wenn man das so nennen will in einer Gesellschaft, in der ein jeder froh ist, wenn er oder sie Arbeit hat.
b) Wer ist die reine Vernunft? - Ich bin mir nicht sicher, dass irgendjemand die reine Vernunft tatsächlich ist. Vielleicht wäre eine bessere Frage: Aus welchen Quellen schöpft die reine Vernunft ihre soziale Macht? Hier ist als Erstes zu nennen: Sie gewinnt daraus ihre Macht, dass man sich auf sie berufen kann. Die objektive Wahrheit gilt nach wie vor als ein unhintergehbarer und nicht auf Macht basierter Punkt der Berufung, wenn es um Ansprüche welcher Art auch immer geht. Als nächstes ist zu erwähnen, dass die reine Vernunft von konkreten Menschen repräsentiert wird, nämlich von den UniversitätsprofessorInnen, die den Auftrag haben, ihr jeweiliges Fach zu repräsentieren. Dann gibt es Institutionen (Hochschulwesen, Rechtssprechung), welche die reine Vernunft repräsentieren oder in denen (Bildungswesen, Gesundheitswesen) sie zumindest hochgehalten wird. Ich will damit sagen: Ich glaube nicht, dass hinter der reinen Vernunft nur Interessen der reinen Vernunft stehen. Aber diejenigen Menschen, die sich zu Repräsentanten der reinen Vernunft machen lassen, müssen zumindest die Fähigkeit haben, diese Rolle glaubhaft zu spielen. Die beste Voraussetzung dafür, ist auch tatsächlich an sie als an unsere einzige Rettung zu glauben, was sicherlich auch viele von ihnen mit ehrlicher Überzeugung tun.
Das wären Stoffe für weitere Untersuchungen und Texte.
c) Wie kann die "kollektive" Vernunft hier zu einer Erklärung beitragen? Mir scheint, wenn man Wissen als eine Art kollektiven Besitz ansieht, dann äußert sich die reine Vernunft darin insofern, als sie zwischen Bereichen des Wissens Grenzen zieht, die vor den meisten Menschen Anerkennung finden. Also die zwischen Fächern, zum Beispiel. Diese Schaffung von virtuellen Ländereien, die dann als Besitztümer auf Zeit verteilt werden können, stellt sicher für viele Menschen ein Motiv dar, um sich eher auf die kollektive als auf die individuelle Vernunft zu konzentrieren. Der dahinterstehende Mechanismus ist derselbe wie beim Geld: Wenn man etwas besitzt, dem alle Menschen Wert zugestehen, besitzt man etwas von Wert. In vergleichbarer Weise hat man sich einen Wert angeeignet, wenn man zum offiziellen Repräsentanten eines oder zum anerkannten Experten für ein Fachgebiet geworden ist, dessen Existenz im kollektiven Bewusstsein besteht. Gegenüber solchen Wertschöpfungen durch kollektive Setzungen sind individuelle Wertungen kraftlos, weil sie sich nicht mit anderen Menschen handeln lassen. Etwas gefällt einem, und es gefällt nur einem selber. Es hat nur Wert für einen selber, und man bleibt allein damit oder findet gerade noch ein paar Freunde mit ähnlichen Vorlieben. Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist, dass man auch selber weiß, was man wertschätzt.
Kurz, die reine Vernunft, also diejenige Vernunft, die einzelmenschlichen Interessen nicht unmittelbar zugänglich ist, kann sich vom Einzelmenschen lösen und damit zu einem gemeinsamen Bezugspunkt für alle Menschen werden. Als gemeinsamer Bezugspunkt gewinnt sie einen Tauschwert, den sich einzelne Menschen dann wiederum aneignen können, indem sie Wissenskompetenzen aufbauen. D.h. das einzelmenschlichen Interessen entzogene Wissen wird auf Umwegen wiederum einzelmenschlichen Interessen zugänglich. Nur sind das nun nicht mehr dieselben Interessen wie zuvor: Im Falle der "lebendigen" oder "individuellen" Vernunft interessiert einen etwas, weil man ein lebendiges Interesse, eine persönliche Neugier diesbezüglich hat. Im Fall der "kollektiven" Vernunft hat man Interesse an etwas, das einen persönlich vielleicht gar nicht interessiert, weil es sich im Berufsleben dafür einsetzen lässt, dass man seinen Lebensunterhalt damit verdienen kann. Und seinen Lebensunterhalt kann man deshalb damit verdienen, weil es sich bei diesem Wissen um einen kollektiven Referenzpunkt handelt, um etwas, das für alle Menschen gilt oder das von allen für gültig angesehen wird.
Auch über dieses Thema lässt sich noch weiter nachdenken. Aber ich glaube, bei der Frage, was sich als Wissen in der Gesellschaft konstituiert - oder warum hier das die reine Vernunft einen Vorteil gegenüber der lebendigen hat - sind Mechanismen am Werk die ähnlich sind wie jene, die bei der Schaffung anderer (kollektiver) virtueller Werte wie Währungen oder Bitcoin mitspielen.

Was meinen Sie dazu? Sie sagen ja auch in Ihrem Kommentar, der Begriff der "kollektiven Vernunft" könnte als Erklärungsansatz dienen - nur haben Sie nicht ausgeführt, in welcher Hinsicht.

Mit freundlichen Grüßen
philohof
05.09.15 @ 11:05

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