Ist Karriere noch attraktiv?

von philohof E-Mail

Philosophie hat ja viel damit zu tun, die Wörter und Begriffe, die in der gegenwärtigen Epoche in aller Munde sind, zu reflektieren, um auf diese Weise herauszufinden, was das eigentlich für eine Zeit ist, in der wir leben, und wie sie funktioniert.

 

„Karriere“ ist so ein Wort, das heute – immer noch – in aller Munde.

Unlängst war ich bei der Career Calling 14-Messe (20.11.2014, in der Messe Wien, www.careercalling.at) und wunderte mich: Wie ist es möglich, dass man heute immer noch überzeugt ist, mit diesem deprimierenden Begriff junge, arbeitswillige Leute anzulocken? Und wie kommt es eigentlich, dass das Wort „Karriere“ in der Öffentlichkeit nirgendwo diskutiert wird? Die Zeitungen haben doch eigene Karriere-Teile – dort könnten sie das doch tun! Versagen hier die Medien völlig?

Was fällt mir ein, wenn ich an „Karriere“ denke?

  1. Unfreiheit. Wenn ich an „Karriere“ denke, dann fällt mir als erstes Unfreiheit ein. Denn Karriere bedeutet „Berufslaufbahn“. Daraus folgt, dass man in einer Karriere immer auf einer Karrieresprosse steht, die sich zwischen zwei weiteren Karrieresprossen befindet: der tieferen, die man hinter sich gelassen hat, und der höheren, auf die man zustrebt. In einer Karriere tut der Arbeitnehmer daher immer alles, um die nächsthöhere Karrieresprosse zu erlangen. Was aber, wenn er diese gar nicht erreichen will? Wenn er einfach seinen Job machen und sich dabei frei fühlen will. Also wenn er sich frei fühlen will, danach entweder im selben Beruf zu bleiben oder aber etwas anderes zu tun? Einen freien Horizont haben, das ist doch etwas Attraktives!

  2. Willkür bis hin zur Schrulligkeit, der man ausgeliefert ist. Zweitens fällt mir beim Wort „Karriere“ Willkür ein. Es ist das eine Willkür, der man ausgesetzt ist, da die meisten Karrieren entweder innerhalb eines Unternehmens oder aber innerhalb einer Berufsgruppe stattfinden. In solchen Gruppierungen kann es für die Erlangung der nächsten Karrieresprosse spleenige Prüfungen oder „Qualifikationen“ geben. Hier sagt man dir: „Spring durch einen brennenden Reifen!“ Dort sagt man dir: „Iss drei tote Fliegen!“ Und der Arbeitnehmer erfüllt diese Bedingungen, ob er ihre Sinnhaftigkeit einsieht oder nicht. Wenn ich mir das vorstelle, fällt mir zur Karriere nur ein Vergleich ein: der Alptraum.

  3. Gängelung. Drittens fällt mir beim Wort „Karriere“ Gängelung ein. Denn es gibt ja nicht nur viele Dinge, die man für die Karriere tun muss. Ebenso viele oder noch mehr Dinge gibt es, die man nicht tun darf, wenn man Karriere machen will. Diese Dinge dürfen nicht getan werden, weil das die eigene Karriere in Gefahr bringen würde. Ein Mensch, der Karriere, machen will, darf so viele Dinge nicht tun, dass er mir wie ein halber Mensch erscheint.

  4. Fremdbestimmung. Viertens fällt mir zum Begriff „Karriere“ Fremdbestimmung ein. Denn eine Karriere besteht ja darin, dass nicht ich selbst bestimme, wann ich mit mir selbst zufrieden bin, denn das bestimmt die Karriere. Wenn man als Arbeitnehmer die nächste Karrieresprosse erreicht, ist das so, als würde die Karriere – oder die Institution oder Organisation, die einem die Karriere ermöglicht – zu einem sagen: „Das hast du gut gemacht?“ Es ist eigentlich verwunderlich, dass nicht mehr Leute sagen: „Ich will mich selbst definieren! Ich will selbst entscheiden, was ich bin und auf welche meiner Leistungen ich stolz bin!“

Die vorhin genannten Aspekte sind nun erst einmal aus der Perspektive des Arbeitnehmers oder der Arbeitnehmerin gedacht, aber eigentlich ist Karriere ja auch für Unternehmen nicht etwas ungetrübt Gutes: Bei Karriere aus der Sicht von Unternehmen denke ich an steile Hierarchien; an risikoscheue Manager in den mittleren Ebenen, die „nur keinen Fehler machen wollen“; an mühsame Dienstwege für jede neue Idee und fehlende Innovationskraft des Unternehmens; an ein oberes Management, das sich abschottet und den Kontakt verliert zu dem, was „die da unten machen“.

Aber das nur als Randbemerkung: Eigentlich geht es mir ja hier um die Frage, warum eine Messe, auf der Arbeitgeber MitarbeiterInnen suchen, sich den Namen „Karriere“ in den Titel schreibt und meint, alle Menschen müssten das lustig finden und mit Freude kommen.

Mir ging es eher so, dass ich dachte: „Das ist im Grunde eine wichtige Veranstaltung, aber warum dieser unglückliche Name?“

Ich meine, warum bieten Unternehmen statt einer Karriere nicht

  • gutbezahlte Jobs an?

  • Oder berufliche Positionen mit einem interessanten Aufgabengebiet?

  • Oder Anstellungen, die nicht allzu viel an Spezialisierung verlangen, sodass die Arbeit nicht gänzlich eintönig wird?

  • Oder eine Arbeit, die einem die Menschenwürde nicht nimmt? (In Polen las ich dafür in Zeitungen öfters den Ausdruck „godna praca“ – würdevolle Arbeit, englisch: „decent work“; im Deutschen ist mir ein vergleichbarer Ausdruck nicht bekannt.)

Würde das keine fleißigen Leute anlocken? Ich glaube schon. Meine Vermutung ist, dass die meisten Leute einfach einen Job suchen? Dagegen kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendjemand tatsächlich Karriere machen will. Warum beschweren sich die Unternehmen also mit diesem unglückseligen Begriff und bieten den Leuten nicht anstatt dessen einfach das an, was sie wollen: Jobs, Anstellungen, gute Arbeitsplätze?

3 Kommentare

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo,
vielen Dank für diesen Artikel.

Mich würde vielleicht noch interessieren: Sind Sie denn mit Unternehmen ins Gespräch gekommen, was den Begriff der "Karriere" und der damit verbundenen Vorstellungen für neue Mitarbeiter angeht? Wird - und wenn ja, wie wird der Begriff von Personalbeauftragten reflektiert? Hat man da überhaupt verstanden, was Sie fragen?

Ich habe da so eine Ahnung, warum Karriere heute so selbstverständlich unreflektiert bleibt - gewissermaßen die die Diskussion der als positiv wahrgenommenen Aspekte von "Karriere", wobei Sie ja bereits einige negative diskutiert haben.

Zum einen die Arbeitnehmerperspektive: Ich fühle mich als Arbeitnehmer als Teil eines großen Projektes (das größer und edler ist in Zielen und Ansprüchen als ich selbst) und kann in diesem Projekt produktiv mitarbeiten. Zur Belohnung erhalte ich Geld und Würdigung in Form von Sprossen in der "Karriereleiter". Externe Belohnungen durch andere Menschen und Institutionen sind mir wohl vertraut, sie sind mindestens so etwas wie ein netter Zeitvertreib in meinem Leben.
Also: Karriere als Bewusstsein der (Geld-)Sicherheit zwischen den Leitersprossen und das Gefühl sagen zu können "schaut, das hab ich erreicht...".

Zum anderen die Arbeitgeberperspektive: Ich kann bereits anhand des Lebenslaufs eines Menschen erkennen, auf welcher Stufe der Karriereleiter er sich in etwa befindet - damit schon im Vorfeld vage Rückschlüsse auf seine Gehaltsvorstellungen und andere Ansprüche anstellen. Zudem habe ich eine gewisse Sicherheit, was die Erfahrung und somit auch die Produktivität eines Mitarbeiters angeht, da die Stufen der Leiter auch immer einen gewissen Aufgabenbereich eingrenzen, in welchem ein angehender Mitarbeiter bisher tätig war. Durch die Karriereleiter habe ich als Mitglied der höchsten Stufe ein Instrument der Kontrolle: Kein Konkurrent kann mir meine Position und damit mein Gehalt streitig machen, der nicht unmittelbar auf der selben oder der anliegenden Stufen sitzt - als Manager auf der höchsten Stufe ungemein komfortabel.
Die Karriereleiter also als Instrument der Kontrolle und der Kategorisierung.

Ich weiß nicht wie es Ihnen auf der "careercalling" ergangen ist,
aber mich hat mal eine Mitarbeiterin beinahe zornig mit einer Mistgabel aus dem Unternehmensgebäude verjagt, als ich als Praktikant einmal eine kritische Frage zu einem betriebswirtschaftlichen Berechnungsmodell gestellt habe. Der Kanon war wohl, wie jemand es wagen könnte, etwas derart "erfolgreiches" wie angewandte Wirtschaftsmathematik in Frage zu stellen.
Was ich damit sagen will: Offenes, kritisches Fragen über Wirtschaftszusammenhänge (also auch über den Begriff der Karriere) scheint mir bei vielen Leuten auf sehr vermintes Gebiet zu stoßen. Ich hoffe, Sie sind dort wohlbehalten wieder raus gekommen...


Liebe Grüße
01.12.14 @ 17:37
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo Vogt,
danke für Ihren Kommentar!

Was Sie darin schreiben, nehme ich hin - freilich haben Sie recht damit. Ich verstehe schon, dass die Karrierevorstellung als Orientierungskoordinatensystem den Personalern hilft, Menschen schnell von außen zu beurteilen. Aber die Frage, die ich in meinem Posting gestellt habe, war: Ist Karriere heute noch für ArbeitnehmerInnen attraktiv?

Kommen Sie gelaufen, Vogt, wenn man Ihnen eine Karriere verspricht? Oder wäre Ihnen etwas anderes lieber?

Nein, ich habe mit den Personalern dort nicht über ihr Karriereverständnis gesprochen. Ich wollte mich einfach für meine persönlichen (beruflichen) Zwecke informieren.

Ansonsten: Ich kam um ca. 17 Uhr, weil nach der Arbeit. Um 18 Uhr schloss die Messe. Als es gegen 18 Uhr ging, wollten mir viele schon lieber einen Kugelschreiber oder Textmarker schenken als eine Antwort geben.
01.12.14 @ 18:36
Kommentar von: Günter Maier [Besucher]
Ja, das Herausstellen von "Karriere" zeigt eine ungute Denkweise, die leider in unserem Wirtschaftsbetrieb immer vorherrschender wird.
16.12.14 @ 18:45

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