Jean Piaget: "Weisheit und Illusionen der Philosophie"

von philohof E-Mail

Das Buch, das ich gerade lese – Jean Piaget: Weisheit und Illusionen der Philosophie (Suhrkamp, Frankfurt/Main 1974 (1. Aufl. 1965) – gibt mir Gelegenheit, meine Einstellung zur Wissenschaft zur überdenken:

 

Piagets Grundthese halte ich für richtig:

„die Philosophie führt zu „Einsichten“ (sagesse), auf die vernunftbegabte Wesen wie die Menschen für die Koordinierung ihrer verschiedenen Tätigkeiten angewiesen sind, aber nicht zu dem eigentlichen, durch Kontrollverfahren überprüfbaren Wissen, das wir „Erkenntnis“ nennen. (S. 7)

 

Zwei Dinge bleiben mir trotzdem zu diesem Buch zu sagen:

 

1)      Piaget kämpft (ab Kapitel III, S. 103) gegen etwas, das er „suprawissenschaftliche Erkenntnis“ nennt. Er meint damit „bestimmte Philosophien“, die ab dem 19. Jh. entstanden, welche meinen, der Wissenschaft an Dignität gleichwertige oder sogar überlegene Wahrheitsaussagen liefern zu können und die sich dabei bloß auf die Reflexion und die Intuition als Erkenntnisquellen stützen. Piaget wendet sich insbesondere gegen die philosophischen Psychologien von Maine de Biran, Bergson, Sartre und Merleau-Ponty, erwähnt aber auch Husserl, Heidegger und andere. Ich denke, Piaget ist darin Recht zu geben, dass Philosophie keine wesensmäßig andere Erkenntnisart als Wissenschaft ist und diese Philosophen daher ein unrechtmäßiges und auch ein aussichtsloses Projekt verfolgten. Allerdings meine ich auch, dass sie dabei in einer Art „Notwehr“ gegenüber der Wissenschaft handelten: Der gesellschaftliche Erfolg der Einzelwissenschaften zwang sie, wenn sie in der Öffentlichkeit Gehör finden wollten, zu Wahrheitsbehauptungen auf derselben Anspruchsebene, auf der sich auch die wissenschaftlichen Wahrheitsbehauptungen bewegten. Da sie aber als Individuen nicht ebensoviel leisten konnten wie die Wissenschaften, die in Teamarbeit verfuhren, waren sie gezwungen, durch die Behauptung einer anderen Erkenntnisweise einen Erkenntnisvorsprung zumindest vorzutäuschen. Was wäre nämlich passiert, hätten sie es nicht getan? Es wäre offenbar geworden, wie ungenügend sie über den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt in den einzelnen Disziplinen auf dem Laufenden waren. Was ich daraus folgere: Ist Philosophie, so wie Piaget sie definiert „eine vernünftige Einstellung zur Totalität des Realen“, dann schließt sie also die gesamte Bandbreite des Realen ein und geht damit weit über die beschränkten Arbeitsfelder von EinzelwissenschaftlerInnen hinaus. Und war es am Ende des 19. Jhs. schon unmöglich für Intellektuelle und Vielleser, sich über die Fortschritte der einzelnen Disziplinen informiert zu halten, dann ist das heute noch viel unmöglicher. Das hat zur Folge, dass, wenn heute jemand sich ein Herz nimmt zu philosophieren, er/sie unvermeidlicherweise soviel Blödsinn über einzelne wissenschaftliche Problemstellungen oder Erkenntnisse sagen wird, dass es den WissenschaftlerInnen die Schamesröte ins Gesicht treibt. Aber: Wir können nur entweder das akzeptieren oder andernfalls die Konsequenz ziehen, dass Philosophieren und Denken heute unmöglich geworden sind, weil die Wissenschaft in jeder Frage höchstwahrscheinlich alles besser weiß als wir Individuen. Aber das wäre gewissermaßen der soziale Tod des Menschen.

2)      Jean Piaget wirft den Philosophen aber nicht in erster Linie vor, dass sie uninformiert seien. Das tut er zwar auch, aber der Hauptvorwurf lautet dahingehend, dass sie nicht bereit seien, ihre durch Reflexion und Introspektion gewonnenen Erkenntnisse mittels geeigneter Prüfverfahren zu objektivieren und zu Tatsachenerkenntnissen zu erhärten. Und hier fand ich besonders die Seiten 206-207 interessant, auf denen mir Piaget ungefähr Folgendes zu sagen scheint: Er, Piaget, sei bereit, einen jeden Gesprächsteilnehmer ernst zu nehmen, welcher seine persönlichen Beobachtungen oder Ideen durch rationale und für alle einsichtige Beweise untermauere. (Piaget zitiert zustimmend den Psychologen Th. Flournoy, der für seine wissenschaftliche Arbeit zwei Prinzipien hatte: „1. Alles ist möglich („es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als in der gesamten Philosophie“); 2. Das Gewicht der Beweise muß der Befremdlichkeit der Tatsachen angemessen sein (ich würde hinzufügen: sowie dem mehr oder weniger persönlichen Charakter ihrer ersten Beobachtung).“ (S. 207) Bei der Lektüre dieser Stelle fiel mir ein, dass meine eigene „Abwendung“ von der Wissenschaft (ohne dass damit eine Entscheidung verbunden gewesen wäre, unwissenschaftlich zu werden) durch Erlebnisse während meines Studiums an der Universität verursacht worden war, die mir SOGAR DAS noch verboten: Ich durfte nicht länger selber beobachten und eigene Gedanken entwickeln, denn beides, so lehrte man mich, sei subjektiv und methodisch unkontrolliert. Anstatt dessen hätte ich meine Forschungshypothesen von vornherein in eine bestehende allgemeine Theorie einzubetten (z.B. in die Psychoanalyse, in die Wissenssoziologie oder in die Systemtheorie) und von dieser auszugehen. Es versteht sich von selbst, dass man mir dadurch genau jene Wurzel abschnitt, aus der mein Interesse an der wissenschaftlichen Arbeit seine Energien bezog. Fazit: Mit WissenschaftlerInnen vom Schlage Piagets hätte ich offenbar noch gekonnt, denn er hätte es mir erlaubt, meine subjektiven Eingebungen nachträglich durch rationale Beweise und empirische Prüfverfahren zu bestätigen – mit heutigen WissenschaftlerInnen ist das jedoch nicht mehr möglich. Diese Entwicklung steht vermutlich in einem größeren Zusammenhang, in welchem heute zunehmend empirische Wissenschaft durch Evidenzwissenschaft ersetzt wird. Hinter diesen beiden für den Uneingeweihten Beobachter harmlosen Begriffen verbirgt sich der Vorrang, welchen man heute den Ergebnissen von organisierten Studien (ohne deren Inhalt und Machart nachzuvollziehen) der konkreten Beobachtung von Fakten gegenüber einräumt. Es wird einem also heute in der Wissenschaft das Schauen und das Denken verboten (wohingegen das blinde Für-Wahr-Halten von Ergebnissen von Studien, welche man inhaltlich nicht einmal nachvollzogen hat, durchaus in Ordnung zu sein scheint). Das also ist der eigentliche Grund für meine „Abwendung“ von der Wissenschaft: nicht meine Weigerung, mich mit Tatsachen auseinanderzusetzen (was das ist, was Piaget an den Philosophen kritisiert), sondern - genau umgekehrt - meine Begierde nach der Auseinandersetzung mit Tatsachen, die mir jedoch in verschiedenen Seminaren wiederholt verboten worden war.

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