Meine Meinung über die Wissenschaft

von philohof E-Mail

In letzter Zeit bin ich von Freunden und Bekannten wieder einmal nach meiner Meinung über die Wissenschaft angesprochen worden; aus dem Grund will ich meine Überlegungen zu diesem Thema hier noch einmal zusammenfassen.

1. Wissenschaft ist eine soziale Organisation. Es gibt freilich auch Menschen, für die Wissenschaft durch die wissenschaftliche Erkenntnismethode bestimmt ist. Mit diesen Menschen kann ich mich nicht über Wissenschaft verständigen, da ich nicht glaube, dass es Wissenschaft ist, wenn jemand in seinem stillen Kämmerchen wissenschaftlich arbeitet, ohne je etwas davon zu publizieren. Aber überzeugen kann ich diese Menschen nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie irgendwann die Diskrepanz zwischen dem, was sie für Wissenschaft halten, und dem, was im wissenschaftlichen Betrieb abläuft, bemerken. (Bisweilen habe ich ja den Eindruck, dass sich manche Menschen ihre Meinungen danach aussuchen, wie sehr sie durch sie verletzt werden können. Sie legen sich Ansichten zu, mit denen sie gleichsam sagen: „Hier hast du meine Brust; wenn du willst, stich mir ins Herz!“)

2. In der Wissenschaft geht es strenggenommen nicht um die Gewinnung von Erkenntnissen, sondern um den Kampf um die Anerkennung von bereits gewonnenen Erkenntnissen durch andere Menschen. Das folgt aus Punkt 1, wonach die Wissenschaft eine soziale Organisation ist; aber diesen Schluss sehen viele Menschen nicht. Wenn ich mit mir allein und mein eigener Herr bin, kann ich mich darauf konzentrieren, Erkenntnisse zu gewinnen. Aber wenn ich Teil einer größeren Organisation bin, verlagert sich der Schwerpunkt darauf, andere Menschen von meinen Erkenntnissen zu überzeugen. Damit ich meine Erkenntnisse niederschreiben und publizieren kann, muss ich sie allerdings vorher schon haben.

3. Definieren würde ich Wissenschaft als Organisation sozialer Exklusion, die unter dem Vorwand der Erkenntnisgewinnung für die Gesellschaft arbeitet. Diese Funktion der Produktion von vertrauenswürdigem Wissen erfüllt die Wissenschaft tatsächlich; das würde ich ihr gar nicht absprechen. Allerdings ist die Gewinnung von Erkenntnis ja nur die Rechtfertigung, welche die Wissenschaft der Gesellschaft gegenüber vorbringt, um von dieser Mittel zu erhalten. Intern geht es in der Wissenschaft darum, dass viele Menschen ausgeschlossen werden, damit einige wenige sich um den Futtertrog scharen können. Das Ziel eines Wissenschaftlers/einer Wissenschaftlerin ist nicht Erkenntnis, sondern eine Festanstellung an einer Universität.

4. Im Unterschied zur Wissenschaft kann ich beim Philosophieren schon selbst entscheiden, wann ich einen Erkenntnisfortschritt gemacht beziehungsweise etwas gelernt habe. Der Grund dafür liegt darin, dass ich beim Philosophieren niemanden von meinen Einsichten überzeugen muss, weil die Philosophie ihr Ziel bereits darin erreicht, dass ich überhaupt eine neue Erkenntnis habe. Aber die eigentliche Einsicht, die ich in meinem Buch Einladung zur Odyssee (http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Daps&field-keywords=einladung+zur+odyssee) formuliert habe, lautet: Damit der Mensch etwas lernen kann, muss es neben der Wissenschaft jedenfalls noch etwas anderes geben, denn die Wissenschaft ist nicht dazu gemacht, damit Menschen etwas von ihr lernen. Man könnte diese weitere Tätigkeit – mit einem Kunstwort – auch Maukerln nennen. Ich selbst bin halt geneigt, sie Philosophieren zu nennen, weil ich immer der Meinung war, Philosophieren bestehe darin, dass ein Mensch sich selbst klar werde darüber, was er bezüglich einer bestimmten Sache selber für wahr hält (vgl. Markus Arnold: Die Erfahrung der Philosophen. Wien 2010, S. 8ff). (Selbstredend gilt diese Definition von Philosophie nicht für die akademische Philosophie, die ja Wissenschaft ist.)

5. Wissenschaftliche Erkenntnis ist immer ein Beitrag zu einem Fach. Vielen Menschen fällt es schwer, mein Argument, die Wissenschaft sei nicht dazu gemacht, dass wir etwas von ihr lernen, nachzuvollziehen. Sie mögen sich Folgendes vergegenwärtigen: Von wissenschaftlicher Erkenntnis wird immer verlangt, dass sie einen Beitrag zum jeweiligen Fach oder zur wissenschaftlichen Disziplin leiste. Die Darstellung des Wissens wird sich folglich immer nach den Bedürfnissen des Faches richten, nicht aber nach meinen Wissens- und Lernbedürfnissen. Klar, es wird ja auch keinem Wissenschaftler honoriert, dass er einen Beitrag zu meiner persönlichen Erkenntnis geleistet hat, dass er mich in meiner Erkenntnis der Welt vorangebracht hat. Man kann sich vorstellen, dass die fachoptimale Wissensdarstellung nicht zugleich auch die vom pädagogischen oder lernpsychologischen Gesichtspunkt aus gesehen optimale sein wird.

6. Im Grunde basiert die Wissenschaft auf dem Volksglauben, wonach wir etwas wissen, sobald es die Wissenschaftler herausgefunden und publiziert haben. Diese Meinung wird auch in wissenschaftlichen Arbeiten oft unbedacht in der Phrase „Wir wissen heute, dass…“ wiederholt. Ich glaube aber nicht, dass wir etwas bereits wissen, sobald es die Wissenschaft herausgefunden und publiziert hat. Damit eine publizierte Erkenntnis gewusst wird, müssen die Bücher und Zeitschriften zuerst (und dann immer wieder erneut) von vielen Menschen gelesen und verstanden werden. Die Wissenschaft tut so, als sei dieser Lernschritt von Individuen für das Gewusstwerden wissenschaftlichen Wissens nicht nötig. Man geht so vor, als könne das Wissen wie in einem Computernetzwerk einfach auf die Festplatten der peripheren Rechner überspielt werden. Das erklärt das Desinteresse der Wissenschaft an der pädagogischen Darstellung von Wissen.

7. Gegenbeispiele: Auch in der Wissenschaft bestätigt die Ausnahme die Regel. Wenn ich gesagt habe, die Wissenschaft sei eine Maschinerie sozialer Ausschließung, so ist das ein Aspekt, den die Wissenschaft natürlich in der Öffentlichkeit nicht zugeben kann. Dagegen muss sie, um sich die Öffentlichkeit geneigt zu erhalten, den Anschein erwecken, für alle vernünftigen und willigen Menschen offen zu sein. Wie bewältigt sie diese widersprüchlichen Anforderungen? Nun, so wie andere soziale Organisationen auch: Sie fordert beispielsweise von jungen Menschen jahrzehntelang unbezahlte oder kaum bezahlte Vorleistungen und die Erfüllung von Formalvorschriften. Erst wenn sie diese „Prüfungen“ ihres Charakters erfolgreich abgelegt hätten, verspricht man diesen jungen Menschen, würden sie in der Wissenschaft ernst genommen werden. Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen, die diese Leistungen nicht erbringen mussten. Wittgenstein, zum Beispiel, hat nie Literaturlisten umformatieren müssen. Er hat in seinem Leben ein wissenschaftliches Werk – den Tractatus – veröffentlicht, der nicht den akademischen Konventionen entspricht. Mit solchen Ausnahmen als Beispielen kommt man mir dann immer wieder, um dafür zu argumentieren dass in der Wissenschaft etwas auch dann angenommen wird, wenn sich jemand nicht vollständig anpasst, solang die vorgebrachten Inhalte nur richtig und wichtig sind. Aber diese Gegenbeispiele akzeptiere ich nicht, weil ich glaube, dass Wittgenstein mit seinem Lebenslauf, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, nicht einmal Universitätsassistent geworden wäre, geschweige denn Professor. Beliebt ist auch, mir als Beispiele für Wissenschaftlichkeit, die geeignet sich, ein idealisiertes Bild der Wissenschaft zu unterstützen, Newton oder Galilei herbeizuzitieren. Doch auch mit diesen beiden Herren kann man sich nicht vergleichen, da sie in einer Zeit lebten, in der sie noch nicht die Anforderungen heutiger Wissenschaft erfüllen mussten.

8. In einer wissenschaftlichen Arbeit wird Wissen so dargestellt, dass in erster Linie die Rechte des Fachs auf dieses Wissen verteidigt werden. Das heißt, wissenschaftliches Wissen hat nicht die Funktion, sich lernwilligen Menschen gegenüber zu öffnen, sondern, ganz im Gegenteil, unliebsame Eindringlinge abzuhalten. Natürlich kann man, wenn man das kann, aus wissenschaftlichem Wissen auch etwas lernen. Aber warum will man ausgerechnet uns gerade jene Texte zum Lernen empfehlen, die sich am meisten von allen gegen das Gelernt- und Verstandenwerden wehren? (Auch mit diesem Thema habe ich mich übrigens schon auseinander gesetzt: http://www.philohof.com/philosophie/philosophische_wissenschaftsforschung/arbeitsblatt%20wann%20ist%20ein%20gegenstand%20vom%20fach%20her%20dargestellt.pdf)

9. Schluss aus alledem: Wer seine Erkenntnis in der Öffentlichkeit durchsetzen und für sie Anerkennung gewinnen will, der muss Wissenschaft treiben, weil wissenschaftliches Wissen als einziges heute allgemeine gesellschaftliche Anerkennung genießt. Dasselbe gilt natürlich für denjenigen Menschen, der in der Wissenschaft etwas werden will oder der in einem Beruf etwas werden will, der stark von der Wissenschaft abhängig ist. Wer sich hingegen für Erkenntnis und Lernen interessiert, der darf gar nicht wissenschaftlich arbeiten, denn es gibt eigentlich keine erkenntnisfeindlichere und antipädagogischere Veranstaltung als die Wissenschaft. Wenn es uns gelingen würde, das wissenschaftliche Arbeiten von der Bildung zu trennen und den Unterricht nach pädagogischen Gesichtspunkten durchzuführen, statt nach wissenschaftlichen, dann wäre für die Bildung viel gewonnen. Außerdem wäre es dann bei vielen Menschen, die sich nur einfach ein bestimmtes Wissen aneignen, nicht aber sich wissenschaftliche damit auseinandersetzen möchten, nicht länger nötig, sie mit Wissenschaft zu belästigen.

2 Kommentare

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Lieber philohof,

vielen Dank für Ihre Ausführungen.
Ich denke vieles von dem hier geschriebenen lässt sich noch etwas besser verstehen, wenn man klarer die Unterscheidung von „Wissen“ und „Verständnis“ in Betracht zieht (wie Sie es ja auch in Ihrem Arbeitsblatt „Grundelemente der Wissenschaftstheorie (2)“ darstellen). „Wissenschaft schafft Wissen, nicht Verständnis“, schreiben Sie hier. Wenn ich also weiß, dass mein Handy so und so funktioniert, muss ich nicht unbedingt verstanden haben, warum genau es nun so und so funktioniert. Also die Diskrepanz zwischen dem bloßen hinnehmen einer als wahr angenommenen Gegebenheit (Wissen) und dem durchdringen und geistigen Umfassen eben jener Gegebenheit (Verständnis).
Wenn man nun Erkenntnis als eher letzteres ansehen würde, dann haben Sie sicher mit Ihren Beobachtungen aus meiner persönlichen Perspektive recht.

Auf der Ebene des Wissens braucht die Wissenschaft sicher auch nicht um Anerkennung kämpfen – falls sich eine neue Information als Wissen bewahrheiten soll, steht ja im Moment Ihrer Formulierung schon fest, ob Sie sich in die bestehenden Theoriegebäude eingliedern kann oder ob sie zum Beispiel stark genug ist, diese einzureißen. Das müssen dann sicher alle der Logik mächtigen Menschen anerkennen. Ob Sie es allerdings auch auf der Ebene des Verständnisses anerkennen können, ist dann schon eine viel schwierigere Frage.

„Das Ziel eines Wissenschaftlers/einer Wissenschaftlerin ist nicht Erkenntnis, sondern eine Festanstellung an einer Universität.“
Ich denke es ist vielleicht nicht „das Ziel“, aber sicher eines der Ziele eines Wissenschaftlers. Allein deshalb vielleicht, weil sich Wissenschaft an keinem anderem Ort so gut zum Beruf machen lässt, wie an einer Universität. Warum „ich weiß viel“ oft als „ich habe viel verstanden“ interpretiert wird, kann ich allerdings auch nicht sagen. Vielleicht hängt es auch mit den Hoffnungen vieler, in der Öffentlichkeit stehenden Menschen zusammen, was Wissenschaften leisten (sollten).

„[...]Dagegen muss sie [die Wissenschaft], um sich die Öffentlichkeit geneigt zu erhalten, den Anschein erwecken, für alle vernünftigen und willigen Menschen offen zu sein.“
Ich würde es so formulieren: „[...] für alle wissbegierigen und willigen Menschen offen zu sein“. Sofern dieser Mensch dann auch noch jemand ist, der das Wissen nicht nur aufsaugt, sondern in Klausuren oder Publikationen wieder ausspucken kann, kann dieser Mensch sogar sehr erfolgreich dort sein.
Ich habe persönlich (in den Naturwissenschaften) noch nie einen Angestellten der Universität getroffen, der wirklich vernünftige Gründe für das erstreben eines bestimmten Wissens angeben konnte, oder es zumindest versucht hat. Mir scheint es daher eher so zu sein, als verhalte man sich in der Wissenschaft viel lieber neutral gegenüber der Frage, ob etwas vernünftig sei – der Begriff taucht nicht einmal ansatzweise auf. Somit stellt man eher das Wissen einfach nur ohne jede Wertung oder pädagogische Aufbereitung dar, dann ist man auch gefreit von jeglicher Frage nach der Vernunft, die bleibt ja dem „Anwender“ des Wissens überlassen.

Ich habe mich seit Beginn meines Studiums immer gefragt, warum Studium und Wissenschaft so eine leidenschaftslose Angelegenheit für viele ist. Ist doch der Erwerb von Wissen nicht oberstes Ziel für einen gebildeten Menschen? Wenn ja - warum begeistert das (wissenschaftliche) Studium der Dinge eigentlich so wenige Menschen? Die deutlichen Worte im oben genannten Arbeitsblatt und diese Diskussion hier konnten mir jedenfalls bereits enorm in dieser Frage weiterhelfen.

Ihr Vogt
13.01.15 @ 17:18
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Lieber Vogt,
danke für Ihren Kommentar. Bin mit allem einverstanden.

Als ich Promotion hatte, habe ich meinen Vater durch die Uni Wien geführt und wir sind auch in den Hörsaal 32 rein, weil das ein großer Hörsaal mit Balkon ist. Von diesem Balkon herab hat mein Vater einen Prof. gesehen, der mehr zur Tafel als zu den Studenten gesprochen hat - und war von diesem ersten Eindruck von der Universität enttäuscht.

Ich denk mir auch: Wenn man erklären kann, warum dieser Professor sich nicht seinen Studenten zuwendet, dann kann man besser begreiflich machen, was Wissenschaft ist, als wenn man Wissenschaftstheorie wälzt oder danach fragt, wann eine Erkenntnis wirklich gewiss ist.
15.01.15 @ 01:30

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