Mögliche Gründe, warum die Philosophie als Lebensform verschwunden ist

von philohof E-Mail

Link: http://www.amazon.de/Philosophie-als-Lebensform-Exerzitien-Weisheit/dp/3596155177

Zuletzt habe ich in den Texten „Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (1-6)“ darüber nachgedacht, wie es eigentlich dazu gekommen ist, dass wir heute einem Menschen nicht mehr weiterhelfen wollen, wenn er uns von den Vorstellungen erzählt, die er sich gemacht hat, um irgendeine bestimmte Angelegenheit zu verstehen. Wenn wir in eine solche Situation kommen, in der uns ein Mensch mitteilt, was er sich ausgedacht hat, indem er sich mit einer bestimmten Fragestellung beschäftigt hat, dann reagieren wir heutigen Menschen gewöhnlich so darauf, dass wir seine Ideen so auffassen, als wären es nicht seine Ideen. Anstatt dessen behandeln wir das Gesagte als eine Aussage mit Anspruch auf objektive, universelle Gültigkeit – also als etwas, das nichts mehr mit dem Menschen zu tun hat, der es uns erzählt hat.

Dadurch, dass wir so vorgehen, verunmöglichen wir es, dass uns irgendjemand noch seine (oder ihre) Ideen erzählt. Das ist es, was ich mit den Ausdrücken „Verlust der Ideen“ und mit dem „Unverständlich-Werden, was Ideen sind“ zu erfassen versucht habe. Denn irgendwann einmal verstand man doch unter einer Idee die Idee eines Menschen! Freilich wurde auch schon vor langer Zeit der platonische Ideenhimmel geschaffen, wo die Ideen rumstehen wie nicht abgeholte Möbel in einem großen Möbellager. Aber abgesehen von philosophischen Abstraktionen dieser Art verstand man doch sehr wohl unter einer „Idee“ einen Einfall, den ein Mensch gehabt hat. Wie konnte es also dazu kommen, dass wir heutigen Menschen Ideen so behandeln, als wären sie frei schwebende Inhalte ohne Bedeutung und Relevanz für irgendeinen Menschen?

Auch die Philosophie ist zu einer rein theoretischen Angelegenheit geworden. Sie ist heute ein Gebilde von Theorien und Aussagen, die nur eine Funktion haben: wahr zu sein, zuzutreffen. Hingegen kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass ein Mensch sich zum eigenen Gebrauch mit Philosophie beschäftigt. Sich für Philosophie zu interessieren, weil man einen Bedarf an Orientierung für das eigene Leben spürt – undenkbar! Was ist das überhaupt: Ein Mensch, der sich lernend mit Inhalten beschäftigt und dann zu einem Menschen wird, der diese Inhalte in sich aufgenommen hat, der durch diese Inhalte in gewissem Ausmaß zu einem anderen Menschen geworden ist? Ist das nicht unvorstellbar? Speichern wir das Wissen in unseren Gehirnen denn nicht wie Computer und können es jederzeit wieder löschen, ohne dass irgendein anderer Teil von uns dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird?

Es gab allerdings einmal eine Zeit, da wurde der Philosophie der Zweck zugeschrieben, dass der Mensch mit ihrer Hilfe eine geistig-seelische Haltung erlangen könnte, mit der es sich leichter leben lässt. Damals war also Erkenntnis nicht folgenlos. Sondern sie schrieb sich in Gestalt einer Haltung in den menschlichen Körper ein. Der Mensch und seine Haltung einerseits standen der philosophischen Erkenntnis andererseits gegenüber. Und die philosophischen Einsichten wurden zur geistigen Haltung des Menschen, mit der er sein Leben bestritt. Das war sogar das Ziel des Philosophierens: eine geistige Haltung hervorzubringen. Durch ihre Verkörperung in Gestalt der geistigen Haltung war die Erkenntnis damals Erkenntnis für den Menschen – und nicht bloß: Erkenntnis, um wahr zu sein. Das Wissen war Wissen für den Menschen. Es war nicht dazu da, um einmal kurz gespeichert oder angewendet, sein Zweck war, den Menschen in seinem Denken, Fühlen und Wahrnehmen zu verändern.

Ja, über solche Dinge muss ich ganz langsam und ausführlich sprechen und darf dabei nichts voraussetzen. Denn die Vorstellung, dass sich ein Mensch mit etwas beschäftigt, weil er hofft, dass es ihm persönlich etwas bringt, erscheint in unserer heutigen Zeit als sehr merkwürdig. Wenn ich ein Bild für meinen Eindruck bezüglich des heutigen Verhältnisses des Menschen zum Wissen zu finden versuche, dann fällt mir Gore Tex dazu ein: Wir scheinen heute zu meinen, dass wir durch eine undurchdringliche Schicht vom Wissen getrennt leben, dergestalt dass es uns nicht einmal dann berührt oder verändert, wenn wir es durch Lernen in uns aufnehmen.

Philosophie als Lebensform – das gab es wirklich einmal!

Daran, dass das einmal anders war, daran erinnert sich Pierre Hadot in seinem Buch Philosophie als Lebensform. Antike und moderne Exerzitien der Wahrheit. Fischer, Frankfurt/Main 2011, 3. Aufl. (1981).

„Alle vorausgegangenen Beispiele machen uns die veränderte Perspektive deutlich, die bei der Interpretation und Lektüre der antiken philosophischen Werke die Bemühung schafft, diese Werke unter dem Blickwinkel der Vertrautheit mit den geistigen Übungen zu betrachten. Die Philosophie erscheint sodann in ihrer ursprünglichen Gestalt, nicht mehr als eine theoretische Konstruktion, sondern als eine Methode der Menschenformung, die auf eine neue Lebensweise und ein neues Weltverständnis abzielt, als eine Bemühung, den Menschen zu verändern.“ (S. 45)

Das gab es also wirklich mal: Eine Suche nach Erkenntnis, die nicht damit endete, dass die Erkenntnis richtig wahr, wahr war und mit der äußeren Realität übereinstimmte, sondern eine solche Suche nach Erkenntnis, die ein besseres Weltverständnis zum Ziel hatte, wodurch auch der philosophierende Mensch selbst zu einem anderen Menschen wurde.

Ich sage das jetzt einfach mal so dahin, denn ich denke mir ja: Wie stellt man sich das eigentlich heute vor: Worin sollte denn der Reiz der Philosophie liegen, wenn Philosophie sich darin erschöpft, dass man die Wahrheit findet und sie dann ganz einfach nur hat? Worin sollte ihr Reiz liegen, wenn die Wahrheit keine verändernde Kraft auf den Menschen ausübt, wenn die von ihr aufgefundene Wahrheit bloß eine Aussage bleibt, die mit der äußeren Realität eben halt mal so übereinstimmt? Wenn das so wäre, müsste auch ich den vielen Menschen zustimmen, die sagen, Philosophie erscheine ihnen als ein sinnloses und uninteressantes Unternehmen.

Aber früher einmal bot sie dem einzelnen Menschen die Möglichkeit, zu einer persönlichen Haltung der Welt gegenüber zu finden, mit der er besser leben konnte. Ich betone das so, denn ich stelle mir vor, wie die heutigen Menschen fragen: Was ist das, „eine persönliche Haltung gegenüber der Welt finden“, mit der man besser leben kann? Ich würde durchaus vermuten, dass das etwas ist, was sie gar nicht für möglich und wirklich halten, sodass es also für sie gar nicht existiert. Und insofern es für sie nicht existiert, insofern sie es also gar nicht für möglich halten, dass man sein Denken über eine bestimmte Frage ändert und dadurch seine Haltung zu ihr, existiert für sie auch die Philosophie in einer bestimmten Gestalt – nämlich als Philosophie der Lebensform – nicht.

Damit will ich sagen: Im Grunde hätte man die moderne wissenschaftliche, akademische Philosophie nicht erfinden müssen, wenn man nicht zuvor vollständig vergessen hätte, was Philosophie früher einmal gewesen ist. Wenn man nicht vollständig das Verständnis dafür, was Philosophie früher einmal gewesen ist, verloren hätte, sodass einem die Zeugnisse der alten Philosophie als hohl, sinnlos und nicht der Mühe wert erschienen, hätte man die Aufgabe der Philosophie nicht in einem völlig anderen Projekt suchen müssen. Man hätte also die gegenwärtige akademische Philosophie nicht erfinden müssen, wenn man noch etwas mit den Gedanken hätte anfangen können, dass philosophische Einsichten die geistigen Haltungen von Menschen beeinflussen sollen und dass die Formung geistiger Haltungen bei einzelnen Menschen eine sinnvolle Aufgabe ist.

Pierre Hadots Erklärung für den Niedergang der Philosophie als Lebensform

Was aber war denn nun eigentlich der Grund für das Verschwinden der Philosophie als Lebensform. Pierre Hadot hat dafür seinen eigenen Erklärungsansatz:

„Erinnern wir uns kurz daran, wie diese Vorstellung [von der Philosophie als einem rein theoretischen und abstrakten Vorgang, Anm. philohof] entstehen konnte. Allem Anschein nach ist sie das Ergebnis des Aufgehens der philosophia im Christentum. Schon in den ersten Jahrhunderten stellt sich das Christentum selbst als philosophia dar, indem es sich die traditionelle Praxis der geistigen Übungen aneignete. Dies trifft vor allem für Clemens von Alexandria, Origenes, Augustinus und das Mönchswesen zu. Mit dem Aufkommen der mittelalterlichen Scholastik jedoch werden theologia und philosophia ganz deutlich voneinander unterschieden. Die Theologie wurde sich ihrer Eigenständigkeit als höchster Wissenschaft bewußt, und die Philosophie, ihrer geistigen Übungen beraubt, die von nun an zur Mystik und zur christlichen Moral gehörten, wurde zur „Dienerin der Theologie“ erniedrigt und hatte der Theologie begriffliches, also rein theoretisches Material zu liefern. Als die Philosophie in der Neuzeit ihre Autonomie zurückeroberte, behielt sie dennoch viele von der mittelalterlichen Auffassung ererbte Züge bei, vor allem ihren rein theoretischen Charakter, der sich sogar stetig weiter in Richtung auf eine immer größere Systematisierung entwickelte. Erst mit Nietzsche, Bergson und dem Existentialismus wird die Philosophie wieder bewußt zu einer Lebensform und einer Weise, die Welt zu sehen, zu einer konkreten Haltung.“ (S. 45, ebd.)

Ich wiederhole den Inhalt in vereinfachter Form: Im Mittelalter wurde die Philosophie von der Theologie aufgeschnupft, die geistigen Übungen – der Kern der antiken Philosophie – wanderte zur christlichen Mystik, und die Philosophie wurde auf die Funktion der Lieferantin theoretischer Rechtfertigungsargumente für religiöse Glaubensinhalte reduziert. In der Neuzeit entkam die Philosophie der Zange der Theologie, aber ihre Funktionsbeschränkung auf die Theorie blieb ihr.

Diese Erklärung finde ich plausibel und nachvollziehbar. Aber sie überzeugt mich nicht. Sie überzeugt mich deshalb nicht, weil es zwar sehr gut der Fall sein mag, dass es sich wirklich so zugetragen hat, wie Pierre Hadot das beschreibt, aber das erklärt nicht, warum die Wiedererweckungsversuche der Philosophie der Lebensform durch Nietzsche, Bergson und den Existenzialismus nichts fruchteten.

Andere Erklärungsansätze – erstens: Objektivität

Wenn man das Buch von Pierre Hadot liest, dann drängt sich einem noch ein weiterer Erklärungsansatz für das Verlustiggehen der Philosophie als Lebensform auf: das Streben nach Objektivität:

„Für Platon ist die Übung im Sterben eine geistige Übung, die darin besteht, die Perspektive zu wechseln, nämlich von einer von den individuellen Leidenschaften beherrschten Sicht der Dinge zu einer Weltanschauung überzugehen, die von der Universalität und Objektivität des Denkens bestimmt wird. Es handelt sich hier um eine Umkehr (metastrophe), die sich unter der Beteiligung der ganzen Seele verwirklicht. In dieser Perspektive des reinen Denkens erscheinen die „menschlichen, allzu menschlichen“ Dinge sehr geringfügig.“ (Pierre Hadot: Philosophie als Lebensform, S. 32)

Aus dem Zitat wird deutlich – und das wissen wahrscheinlich viele Leute heute nicht – dass Objektivität früher einmal als Lebensform gedacht war. Und das funktioniert so: Man bläst sich selbst, indem man den Standpunkt des Universums einnimmt, zu universaler Größe auf und dann schaut man auf sich selber hinunter. Und dann sagt man aus dieser Vogelperspektive über sich selbst: „Ist das wichtig, was sich dieser kleine Wicht sich wünscht? – Nein! Wäre es schade um ihn, wenn er stürbe? – Nein!“ Die Perspektive der Universalität und Objektivität einzunehmen, ist Teil jener Exerzitien, die zum Ziel haben, sich im Sterben zu üben, d.h. sich darin zu üben, „in seiner Individualität und in seinen Leidenschaften abzusterben“ (ebd., S. 30). Und die Einnahme dieses universalen Standpunkts, von dem aus man selber und alles Menschliche sehr klein erscheint, hat man in der antiken Tradition (paradoxerweise) „Seelengröße“ (megalopsychia) genannt (ebd., S. 33). (Man müsste sie im Gegenteil wohl eher Seelenverkleinerung nennen, denn man schaut von oben auf sich herab und macht dadurch die eigene Seele klein.)

Allein schon deshalb, weil es ursprünglichen Sinn von „Objektivität“ enthüllt, macht es Spaß, dieses Zitat zu bringen. Wir heutigen Menschen glauben ja, Objektivität sei Voraussetzung für objektive, also wahre Erkenntnisse und dass wir also bloß der wahren Erkenntnisse wegen danach streben, objektiv zu sein. Weit gefehlt, der ursprüngliche Sinn der Objektivität bestand darin, eine objektive Haltung gegenüber sich selbst einzunehmen, das heißt, sich zu entselbsten, von oben auf sich hinunterzuschauen und sich selbst geringzuschätzen. Und ihr eigentliches Ziel bestand darin, den subjektiven Standpunkt zu bekämpfen, also die Wünsche und Ängste, die sinnlichen Wahrnehmungen und Genüsse, die den Mensch als organisches Lebewesen ausmachen, zu übersehen, sie nicht ernst zu nehmen und ihnen keine Existenzberechtigung zuzugestehen. Die objektive Haltung hielt man für nötig, weil man meinte, die subjektive Sichtweise beunruhige den Menschen nur, sie mache ihn parteiisch und seelisch unfrei, indem sie ihn seinen Leidenschaften ausliefere. Daher übte man sich Sterben, um die Leidenschaften abzutöten – und das Streben nach Objektivität war eine Übung im Rahmen dieses Versuchs der Selbstabtötung. Mir scheint aber nun nicht, dass meine Zeitgenossen dasselbe Ziel verfolgen, wenn sie heute die Objektivität hochhalten.

Mein Punkt ist nun der, dass man Objektivität zwar gemäß der platonischen Tradition als Lebensform (also als Übung der Selbstabtötung) pflegen kann, man kann sich in ihr aber genauso gut auch ohne Lebensform üben. Vielleicht ist es ja sogar die Überzeugung, dass alles Wissen, wenn es denn wahr sein soll, objektiv sein muss, die uns heutige Menschen davon überzeugt, dass es unmöglich ist, den Dingen gegenüber eine Einstellung anzunehmen, weil man – anstatt dessen, anstatt einer (subjektiven) Einstellung oder Haltung – objektives Wissen haben muss.

Mit Platon und Sokrates hat die Philosophie als Streben nach Objektivität begonnen, aber wahrscheinlich hat sich die Philosophie damit selbst ein Ei gelegt. Denn man kann zwar versuchen, objektiv zu sein, indem man den Standpunkt des Universums einnimmt (Thomas Nagels „view from nowhere“) und auf sich selbst hinunterschaut; aber viel eher verführt der Anspruch der Objektivität doch dazu, dass der Mensch zwar wahres Wissen für objektiv hält (denn sonst könnte es nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen), sich selbst aber für nicht zum Wissen fähig (denn sonst müsste er seine Subjektivität aufgeben und den Standpunkt des Universums einnehmen). Das Resultat dieses Zwiespalts ist, dass man als Einzelmensch das Wissen der Wissenschaft als Organisation überlässt (denn diese ist größer und mächtiger und für diese Aufgabe besser geeignet als der einzelne Mensch) und für die eigene Person in der Funktion als WissenschaftlerIn nur beruflich und ausschnittweise (innerlich der eigenen fachlichen Spezialisierung) am objektiven Wissen teilnimmt.

Ebendiese Schizophrenie scheint mir am ehesten das zu beschreiben, was wir heute praktizieren: Wir gehen in die Wissenschaft hinein und legen dabei den Alltagsmenschen in uns ab; dann kommen wir aus der Wissenschaft wieder heraus, trinken unser Bier und pflegen unsere Freundschaften, und dabei legen wir den Wissenschaftler in uns wiederum ab wie einen Arbeitsmantel. Das objektive Wissen ist zwar etwas, an das wir heutige Menschen zutiefst glauben und das auch unser Leben bestimmt, das aber nicht mehr unsere Lebenseinstellung bestimmt.

Andere Erklärungsansätze – zweitens: fehlende Incentives (Handlungsanreize) von gesellschaftlicher Seite

Diese Erklärung mag etwas für sich haben, denn sicherlich glauben wir heute so sehr an Objektivität, dass das Streben nach der richtigen Haltung oder Einstellung zu einer Sache keinen Sinn mehr für uns macht. Alle Haltungen und Einstellungen sind letztlich subjektiv, deshalb bemühen wir uns, das objektiv Notwendige ohne Haltung (d.h. neutral) zu tun: Objektivität passt für uns besser mit „keine Haltung haben“ zusammen als mit „eine objektive Haltung“ (= den Standpunkt des Universums) einnehmen.

Die von mir selbst Erklärung für den Niedergang der Philosophie als Lebensform ist bislang nach wie vor diejenige, dass den Menschen die sozialen Anreize dafür fehlen, sich in eine Lebenseinstellung einzuüben oder sonst auf irgendeine Weise etwas für sich zu tun.

Menschen streben sehr oft nach dem, wofür ihnen die Gesellschaft Anreize oder Belohnungen anbietet. Doch wenn ein Mensch philosophisch an sich selbst arbeitet, indem er seine Persönlichkeit weiterbildet, ist das für soziale Anreizsysteme mit einer Reihe von Schwierigkeiten verbunden. Die erste Schwierigkeit besteht darin, dass man die philosophische Formung der einzelmenschlichen Persönlichkeit nicht objektiv beurteilen kann, weil sie im Inneren des Menschen stattfindet, man sie also nicht ordentlich sehen und objektiv messen kann.

Zweitens ist es vom Standpunkt der Nachhaltigkeit her gesehen problematisch, Anstrengungen in Menschen zu investieren, die als biologische Lebewesen gerade mal 80 oder 90 Jahre alt werden. Aus diesem Grund investieren wir lieber in Organisationen wie Goldman Sachs, die Harvard University oder den Österreichischen Gewerkschaftsbund, weil diese älter werden können als der Einzelmensch. Aus diesem Grund ist auch das wissenschaftliche Wissen lieber als das Wissen, das vom Einzelmenschen erlernt wurde, denn der Einzelmensch stirbt, doch das publizierte Wissen bleibt erhalten.

Drittens beurteilen wir heutzutage die Menschen mehr aus dem Blickpunkt von Organisationen als die Organisationen aus dem Blickpunkt ihrer Nützlichkeit für die Menschen. Diese Tendenz entsteht von alleine dadurch, dass wir in unserer Funktion als ArbeitnehmerInnen Anstellungen in Organisationen innehaben. Die Bedeutung unseres Arbeitsplatzes lässt uns alle jene Aspekte unseres Lebens, die für unser berufliches Leben nicht essenziell sind – gemeint sind alle Fortbildungstätigkeiten, die keine vorzeigbaren Zeugnisse und Zertifikate einbringen – als wertlos erscheinen.

Es mag noch weitere Ursachen dafür geben, warum die Philosophie als Lebensform verschwunden ist. Aber ich denke, alle Ursachen oder Begründungen, die man dafür vorbringt, werden Eines erklären müssen, nämlich: Warum die heutigen Menschen denken, dass die Beschäftigung mit dem Thema der Philosophie als Lebensform keine sinnvolle Aufgabe darstellt.

Das ist ja auch der Grund, warum mir Pierre Hadots Erklärung für den Niedergang der Philosophie als Lebensform plausibel aber nicht ausreichend erscheint. Letztlich geht es hier um die Frage, was die antiken Menschen an der Philosophie als Lebensform gefunden haben und warum die heutigen Menschen es nicht mehr finden oder vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen können.

2 Kommentare

Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo,

der von Ihnen gemachte 3. Erklärungspunkt scheint was meine persönliche Erfahrung angeht am plausibelsten zu sein - auch wenn er mit dem 1. (materielle Anreize vs. Sichtweise(n) von Organisationen) doch sehr stark verwoben zu sein scheint.

Ich habe mich heute noch mit Freunden über das Thema "Mitarbeiterloyalität" unterhalten. Also insbesondere dem Umstand, dass ein Mitarbeiter, sofern er denn in einer Organisation beschäftigt sein möchte und durch sie einen finanziellen Vorteil erhalten möchte, sich vertraglich dazu verpflichtet, der Organisation gegenüber keinerlei negativen Äußerungen oder Kritk oder Firmeninternes an Außenstehende weiter zu geben.
Was mich dabei beunruhigt hat war nicht der Umstand, dass dieses Vorgehen allgemein als Vernünftig angesehen wurde, sondern dass niemand am Tisch durch die Klausel in irgend einer Weise beunruhigt schien. Beunruhigend deshalb, weil eine unterschriebene Klausel wie "Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber" in einer Weise wie eine Drohung auf mich wirkt: "Wage es nicht, in deinem persönlichen Umfeld (negativ) über die Arbeit zu sprechen!"
Ich selbst bin kein Arbeitnehmer. Wenn es aber so ist, Arbeitnehmern dies zur Auflage gemacht wird, wundert mich nicht, dass auch das eigene Denken irgendwann vom Denken der Organisation geprägt wird, der ich mich verpflichte.
Denn bei jeder Äußerung die ich im persönlichen Gespräch mit einer unternehmensexternen Person tätige bin ich angehalten zunächst einen Filter - dieser Filter ist jedoch nicht mein eigener.
Dieser Umstand wird sogar noch verstärkt, wenn man die materiellen Abhängigkeiten (gewissermaßen Ihr Punkt 1.) bedenkt, in denen wir alle leben. Ich glaube es ist nicht etwa so, dass wir uns heute Organisationen hingeben, weil Menschen Organisationen toll finden. Eher geben wir uns Organisationen hin, weil sie uns materielle und somit auch soziale Wünsche erfüllen können. Also aus einer gewissen Pragmatik heraus.

Und die Philosophie als Lebensform? Also ich für meinen Teil bin schon sehr froh, wenn trotz aller Umstände noch Kritisch und Offen diskutiert werden kann - egal wo. Wenn das auch dazu zählt, haben wir vielleicht sehr ähnliche Ziele.

Ihr Vogt
31.05.15 @ 23:19
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Lieber Vogt, danke für Ihren Kommentar!

Ob jetzt die Tatsache eine Rolle spielt, dass wir manchmal für unseren Arbeitgeber eine solche Klausel unterschreiben müssen? Naja, vielleicht zum Teil. Aber ich glaube, der Grund liegt tiefer.

Und hier liegt eigentlich der Hund begraben oder der Hase verscharrt, denn diejenigen, die von Philosophie als Lebensform nix halten, könnten es uns ja sagen. Die wissen es ja, warum sie nichts davon halten.

Obiger Text ist ja nur Ausdruck davon, dass ich nicht in ihre Köpfe schauen kann.

Abgesehen davon ist das Organisationen-über-Menschen-Stellen natürlich immer noch hoch in Mode. Der Fehlschluss hier besteht darin, dass man glaubt, noch mehr für Menschen getan zu haben und es noch wirksamer getan zu haben, wenn man es für Organisationen tut. Während man umgekehrt zu denken scheint, es wäre Verschwendung oder gar Korruption, wenn man es einzelnen Menschen zugute kommen lassen würde anstatt der Organisation.

Das ist ein bisschen so, wie das Pferd und der Esel sich in Animal Farm von George Orwell damit abrackern, diesen absurden Turm zu bauen, der niemandem etwas bringt, aber der für das gemeinsame Projekt der Gemeinschaft steht.
03.06.15 @ 16:29

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