Moralkeulen gefällig?

von philohof E-Mail

Link: http://www.amazon.de/MoralKeulen-die-Ethik-tragen-Studien/dp/3849581217

Warum ist die Ethik zu einem reinen Moralkeulenbusiness geworden?

 

Ethik wird heute als „Reflexionstheorie der Moral“ definiert. D.h. wenn man philosophisch über Moral nachdenkt oder diskutiert, dann ist das Ethik. Die gegenwärtige Ethikdefinition weist eine vollständige Aushöhlung des ursprünglichen Ethikbegriffs zugunsten der Moral auf. In meinem neuen Buch MoralkEulen in die Ethik tragen. Über den Hang der Ethik zur Moral. (364 Seiten, 18€, tredition, Hamburg 2014) bin ich der Frage nachgegangen, warum sich das so entwickelt hat.

 

Hofbauer Moralkeulenbuch 

 

Am Anfang stand in der Ethik noch die Frage nach dem guten Leben im Vordergrund

 

Denn in der Nikomachischen Ethik von Aristoteles, dem Gründungsbuch der Ethik, waren ja noch ethische und moralische Anteile enthalten. Im Vordergrund stand die Frage nach dem guten menschlichen Leben (Ethik), zusätzlich wurde die Frage nach dem guten Zusammenleben in der Gemeinschaft (Moral) behandelt. Wobei aber die Moral im Dienste der Ethik stand: Weil Aristoteles sich ein gutes menschliches Leben nur in einer funktionierenden Gemeinschaft vorstellen konnte, war die Frage nach dem guten Zusammenleben auch relevant. Heute verhält sich die Angelegenheit ja umgekehrt: Die Menschen können sich gar nicht mehr vorstellen, was die Frage nach der eigenen Lebensgestaltung in der Ethik zu suchen hat. Müssen wir uns nicht zuerst selbst völlig aufgeben, damit wir dann (selbstlos) ethisch sein können?

 

Der Wunsch, dass Ethik ausschließlich Moral sei, könnte von bestimmten Menschen stammen, er könnte aber auch der Wunsch kollektiver Handlungssubjekte sein

 

Auf der Suche nach den Motiven für die Verdrängung der Ethik aus der Moral drängen sich natürlich in erster Linie folgende zwei Optionen auf: Zum Einen gab und gibt es Menschen, deren Bedürfnis nach Anpassung so groß ist, dass sie den Sinn eines eigenständigen Lebensentwurfs nicht einmal mehr verstehen; zum Anderen haben Organisationen und Institutionen Interesse daran, Menschen bestimmte Verhaltensweisen vorzuschreiben, um sie leichter lenken und verwalten zu können. Die Relevanz von Organisationen und Institutionen im Zusammenhang mit Fragen wie jener nach Ethik und Moral haben, wie mir scheint, viele Menschen noch nicht verstanden: Es geht im Kern darum, dass heute (viel stärker als früher) inhaltliche Anliegen in der Öffentlichkeit beinahe ausschließlich von Organisationen transportiert werden. Im Konzert der öffentlich vorgetragenen Meinungen sind immer weniger Stimmen von einzelnen Menschen vernehmbar. Organisationen und Institutionen aber werden Ethik in der Öffentlichkeit so darstellen, wie sie sie als Organisationen und Institutionen sehen und wie sie sie sich wünschen. Kurz gesagt, in dem Thema steckt der Verdacht, dass unsere Anliegen vielleicht gar nicht mehr „unsere“ sind, sondern zu Anliegen von anderen Handlungssubjekten geworden sind, für welche die Lebensprobleme von Einzelmenschen nicht mehr unmittelbar nachvollziehbar sind.

 

Freilich gibt es viel mehr Motive und Antriebe für diese Entwicklung, sogar der Testosteronspiegel könnte eine Rolle spielen

 

MoralkEulen in die Ethik tragen besteht aus vielen Einzeluntersuchungen, die auch getrennt voneinander gelesen werden können. Untersucht werden unter anderem Fragen wie, ob es Testosteronüberschuss ist, der Menschen dazu bringt, zu Utilitaristen zu werden, ob Exceltabellen dem Kantianer bei der Organisation der moralischen Imperative helfen könnten, die er sich in Anwendung des kategorischen Imperativs selbst gibt, ob Machiavelli, der überall als Exempel für einen unmoralischen Menschen dargestellt wird, nicht in Wirklichkeit eine besonders moralische Figur gewesen ist und ob der heutige Ethikboom eine Folge des Trends zum Outsourcing ist.

 

Die zwei Grundgedanken des Buchs: 1) Die Gestalt der Gesellschaft bestimmt die Gestalt der Ethik und 2) die heutige Ethik ist eher für Organisationen gemacht als für Menschen

 

Getragen wird das Buch von zwei grundlegenden Gedanken, die ich in den Einzeluntersuchungen über weitere Strecken hin verfolge. Der erste dieser beiden Gedanken ist der, dass ich annehme, dass die Gestalt einer Gesellschaft sehr stark mitbestimmt, welcher Ethik sich die Menschen in ihr anschließen. Der zweite Gedanke besagt, dass moderne Ethik eigentlich viel besser zu den Bedürfnissen und Fähigkeiten von Organisationen und Institutionen passt als zu jenen von Einzelmenschen und versucht zu ergründen, welche Eigenschaften der gegenwärtigen Ethik dafür verantwortlich sind.

Der erste Gedanke ist, glaube ich, sehr leicht nachzuvollziehen. Lebt der Mensch in einer kleinen Gemeinschaft (wie der griechischen Polis), wo er als Einzelner viel mitbestimmen kann, kann er an der aristotelischen Ethik Interesse finden; lebt er hingegen in einer großen, komplexen Gesellschaft, in der er als Einzelmensch sehr wenig zählt, so wird er sich eher für eine Ethik entscheiden, die ihn das Gefühl der Ohnmacht zu ertragen lehrt, und er (oder sie) wird sich vielleicht für die Stoa entscheiden.

 

Der Verslust der Idee der Selbstkultivierung in den Kulturwissenschaften

 

Um den zweiten Gedanken zu erklären, möchte ich auf meinen eigenen philosophischen Denkweg zurückblicken. Es ist ja nämlich so, dass ich mir analoge Fragen zu jener, warum die Ethik von der Moral verdrängt wurde, schon früher gestellt habe. So habe ich etwa in der Zeit, als ich mich intensiv mit der Frage der Kultur beschäftigt habe, wissenschaftliche Definitionen von Kultur gesammelt und darin vergeblich den Aspekt der Selbstkultivierung gesucht. Das Thema, ob ein Mensch in der Lage ist, sich selbst durch gezielten Aufbau von Gewohnheiten als Einzelmensch selbst zu kultivieren, hat mich als jemanden, der sich immer schon für Ethik interessiert hat, natürlich besonders beschäftigt. Leider musste ich feststellen, dass gegenwärtige wissenschaftliche Kulturdefinitionen ausschließlich auf die gemeinsamen Denk- und Verhaltensschemata von Mitgliedern von Gemeinschaften und Gesellschaften abstellen und dem Aspekt der Selbstkultivierung gänzlich kein Augenmerk mehr widmen. Ja, und ein Thema, über das nicht mehr geredet wird, das nicht mehr thematisiert wird, das gibt es in der Folge dann auch in gewisser Hinsicht nicht mehr. Wie also könnte der heutige Mensch auf die Idee kommen, sich selbst zu kultivieren, wenn die Idee, dass man das tun könnte, aufgegeben worden ist?

 

Heute handelt man nicht mehr ethisch, um ein guter Mensch zu werden

 

In der Ethik scheint mir etwas Ähnliches passiert zu sein. Alasdair MacIntyre hat das in folgende einprägsame Formel gefasst: Früher handelte der Mensch ethisch, um ein guter Mensch zu werden; heute sollen wir allein deshalb ethisch handeln, weil es gut und rational richtig ist, ethische Normen zu befolgen; die Idee, dass wir dadurch zu guten Menschen werden könnten (oder die Vorstellung davon, was das überhaupt sein könnte: ein guter Mensch) haben wir aufgegeben.

 

Der Verlust der praktischen Vernunft in der Philosophie

 

Mit einem Wort, es geht um die Ersetzung von praktischem durch wissenschaftliches Wissen. Oder man könnte auch sagen: Es geht überhaupt um den Niedergang der praktischen Vernunft in unserer Zeit. Neben Kultur und Ethik erleben wir ja auch in der Philosophie etwas Ähnliches: Durch die Vorstellung, dass Philosophie ein Fach sei, geht die Vorstellung davon, was philosophieren ist, verloren. Philosophieren meinte ursprünglich, dass man sich als einzelner Mensch ansieht, was Tradition und die gegenwärtig herrschenden Vorstellungen in der Gesellschaft so alles an Inhalten an einen herantragen, um sich dann zu überlegen, welche von ihnen man selbst für richtig halten will. Aber wenn Philosophie ein Fach ist, dann schließt das natürlich die Vorstellung aus, dass man beim Philosophieren selbst als Mensch irgendwas tut. Man würde sich dann ja am Fach versündigen. Aus dem Fach Philosophie zu erzählen oder sich damit zu beschäftigen, was frühere Philosophen im Fach Philosophie schon gemacht haben, ist daher die einzige Vorstellung, die das Wort „philosophieren“ gegenwärtig noch trägt.

(Deswegen verstehen mich auch so wenige Menschen: Ich philosophiere nämlich.)

 

Praktisches Wissen macht aus, dass es um den Menschen als Person herum angeordnet ist

 

Praktisches Wissen also wäre, wenn der einzelne Mensch rund um seine Person Wissen, das er brauchen kann, ansammeln würde. Demgegenüber steht wissenschaftliches Wissen, das bei jedem Problem danach fragt, wie es aus einer absoluten Perspektive am besten zu lösen wäre. Das führt in der Ethik zur Beschäftigung mit der einzelnen Handlung (oder auch: dem moralischen Dilemma), ohne dass die Frage danach gestellt würde, wie diese in den Alltag oder in das Leben des Einzelmenschen integriert werden könnte.

Und hierin liegt der Grund, warum viele Menschen heute überhaupt nicht einmal mehr verstehen, warum die Frage nach dem guten Leben in der Ethik überhaupt eine Rolle spielen sollte. Der Grund ist unser Vernunftglauben, unser Glauben an die wissenschaftliche Rationalität. Wir halten uns für in der Lage, alles zu tun, was rational richtig ist, auch wenn wir keine Kraft dazu haben, auch wenn wir erschöpft sind, auch wenn uns die Motivation dazu fehlt, wenn wir die nötigen Ressourcen dazu entbehren. Etwas zu tun, bloß weil es an und für sich richtig ist – und alle anderen Umstände dabei außer Acht zu lassen – so könnte man das Konzept der Wissenschaft zusammenfassen.

 

Die praktische Vernunft geht dadurch verloren, dass nicht mehr über sie gesprochen/geschrieben wird

 

Worum es mir dabei geht, ist, dass es heute freilich nicht verboten ist, sich Gedanken darüber zu machen, wie man sich das eigene gute Leben vorstellt. Es ist nur aus der Mode gekommen. Dass es aus der Mode gekommen ist, zeigt sich an solchen Phänomenen wie der Definition von Ethik als Reflexionstheorie der Moral oder eben auch von Kultur als den in einer Gemeinschaft oder Gesellschaft geteilten Denk- und Verhaltensschemata. Diese Definitionen verunmöglichen es, die Frage nach dem guten Leben im Rahmen der Ethik zu thematisieren oder die Frage nach der Selbstkultivierung im Rahmen der Kultur. Die Frage nach dem guten Leben und jene nach der Selbstkultivierung erleiden durch diese Entwicklung allerdings viel mehr als einen bloßen Prestigeverlust: Sie verlieren als Themen an innerem Zusammenhalt; man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass der andere Mensch auch weiß, wovon man redet, wenn man über sie spricht; die Worte, um über sie zu sprechen, gehen verloren; diese Themen als ganze werden inhaltlich und in ihrer Relevanz unkommunizierbar; am Ende isoliert man sich selbst gegenüber den anderen Menschen, indem man über diese Themen spricht.

Wenn ich zum Beispiel philosophiere und sage, was ich dabei tue, sei über die Phänomene der Welt nachzudenken, um herauszufinden, was ich selbst für richtig halte, dann versteht mich heute kein Mensch mehr. Alle werden erstaunt schauen und fragen: „Ja, aber was hat denn das mit Philosophie zu tun?“

Der Grund dafür liegt darin, dass wir heute keine Vorstellung mehr vom praktischen Wissen haben. Man versteht nicht mehr, dass der einzelne Mensch als Einzelner auf Erkenntnissuche gehen und sich Wissen erarbeiten kann. Für uns Heutige muss Wissen immer die Gestalt eines Fachs, einer akademischen Disziplin haben. Es ist kein Wunder, dass uns unter diesem Umständen das Philosophieren, die Selbstkultivierung und die Ethik als Lebensgestaltung abhanden gekommen sind, denn sie alle handeln davon, was der einzelne Mensch – wenn es die Umstände erlauben, gemeinsam mit Anderen, aber aus eigenem Antrieb – alleine und alleine mit sich selbst machen kann. Dasjenige, was der Mensch als Einzelmensch machen kann, das gibt es heute als Thema nicht mehr.

 

Veranschaulichung von relevanten Aspekten heutiger Ethik im Buch

 

Auf dieses Phänomen versuche ich in meinem Buch aufmerksam zu machen, beispielsweise indem ich etwa in der Besprechung der Deklaration von Helsinki über die Durchführung medizinischer Studien festhalte, dass eine jede klinische Studie von einer Ethikkommission bewilligt und in einer public database eingetragen werden muss und dann frage, ob wir uns in unserem Privatleben auch vorstellen könnten, dass wir eine jede unserer Handlungen von einer Kommission bewilligen und lassen und öffentlich zugänglich im Internet dokumentieren? Der Sinn dieser Normen ist bei medizinischen Studien leicht einsichtig; das Phänomen selbst erweckt allerdings schon den Verdacht, dass heutige Ethik in ihrer gegenwärtigen Gestalt sich besser für medizinische Studien als für den Gebrauch durch einzelne Menschen eignet.

 

Der Kontext der handelnden Person ist verlorengegangen

 

Auch wenn Utilitaristen in ihrem Trolleybeispiel fragen, ob man den über die Geleise hinunterdonnernden Spurwagen durch Umlegen eines Schalters auf ein anderes Gleis umlenken soll, wo er nur eine auf den Schienen festgebundene Person tötet, während er, würde er auf demselben Gleis weiterfahren, fünf auf den Schienen festgebundene Personen überrollen würde, hat man den Eindruck, man sei als Mensch gefragt und könne da was entscheiden.

Dass dem in Wirklichkeit gar nicht so ist, kann man bemerken, wenn einem klar wird, dass in diesem Beispiel der Kontext der handelnden Person fehlt. Wer ist derjenige, der den Schalter umlegt? Ist er jung oder alt, gesund oder krank, Mann oder Frau, hat er eine Familie oder lebt er allein auf der Welt, ist er ein anerkannter Professor für Ethik oder ein Bankräuber auf der Flucht, der sich unter falschem Namen versteckt? Der Verlust der Frage nach dem guten Leben und der eigenen individuellen Lebensgestaltung bewirkt, dass der Kontext der handelnden Person in moralischen Fragestellungen verlorengeht.

Ich soll also entscheiden, als wäre ich irgendwer: Es ist kein Wunder, wenn ich unter mir unter diesen Umständen nicht die Mühe mache herauszufinden, wer ich eigentlich bin und wie ich als die Person, die ich bin, handeln würde.

10 Kommentare

Kommentar von: Philip Ohnruh [Besucher] · http://phil-o.de
Ein sehr schöner Text! Der Verlust der Frage nach dem guten Leben und damit der alten Ethik geht wohl einher mit der "transzendentalen Obdachlosigkeit" (Lukacs), wodurch die Welt der Neuzeit und vor allem der Moderne geprägt ist. Diese Art der Metaphysik, wie sie in der Antike und dem Mittelalter noch betrieben werden konnte, hat einfach ihre Plausibilität verloren. So ist der hohe Anspruch der Ethik, das Gute selbst bestimmen zu können, nicht mehr haltbar - und sinkt ab zur Moral. Die Frage lautet also: Wie ist Ethik in der Moderne möglich? Man darf es sich mit der Antwort nicht zu leicht machen...
Dennoch ist es ein Problem, wenn sich die Philosophie nur noch als eine Wissensform und nicht mehr als eine Lebensform begreift. Ganz richtig ist es, dass der Philosophierende untersucht, was er selbst für richtig halten will - nur darf das eben nicht bloß normativ, sondern es sollte vielmehr deskriptiv verstanden werden, im Sinne einer "Archäologie der Werte". Die Tiefenschichten unserer Gewohnheiten und Normalitäten lassen sich nicht mal eben ändern, sie sind vor allem prärational, also gar nicht bewusst und bekannt. Dieses Unbekannte, das unseren Handlungen zugrundeliegt, gilt es durch die Philosophie sichtbar werden zu lassen. Das ist, meines Erachtens, eine wesentliche Arbeit modernen Philosophierens: Das Kennenlernen seiner selbst. Damit gelangt man nicht zurück zur Ethik, aber zu einem besseren Selbst- und Weltverständnis. Die ethische Frage nach dem guten Leben verschiebt sich hin zur Frage, warum wir eigentlich so handeln, wie wir handeln...
14.07.14 @ 09:48
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Sehr geehrter Herr Ohnruh,

vielen Dank für Ihren Kommentar, dem ich teilweise zustimmen kann.
D.h. soweit ich ihn verstehe.
Sicherlich haben Sie damit Recht, dass Ethik nicht normativ sein sollte. Woraus für mich aber noch nicht folgt, dass sie deshalb deskriptiv sein sollte. Sie sollte Rat geben - und der ist nun weder rein beschreibend noch muss er unbedingt befolgt werden. Er ist vielmehr ein Angebot.
Nur frage ich mich: Die Damen und Herren Ethikprofessoren haben die Ethik schon so stark zugespitzt auf Normativität, dass man sich fragt, wie sie da wieder rauskommen könnten. Wenn sie nun plötzlich vom Normativen abgingen, müssten sie ja geradezu zugeben, sich geirrt zu haben.
Nicht auskennen tu ich mich mit der "transzendentalen Obdachlosigkeit". Ich habe den Eindruck, die antiken Götter waren so ein wildes Volk, dass sich der antike Mensch durchaus auch "transzendental obdachlos" fühlte.
Was sie über das Prärationale und über die Tiefenschichten der Gewohnheiten sagen, gefällt mir, nur: Warum sollte das zu keiner Ethik führen. Freilich kann der Mensch sein Unbewusstes und seine Gewohnheiten auch beeinflussen, nur halt nicht auf direktem Wege. Diese Techniken des Selbstumgangs gehören meiner Meinung nach durchaus ins Nähkästchen der Ethik.
14.07.14 @ 15:59
Kommentar von: Philip Ohnruh [Besucher] · http://phil-o.de
Vielen Dank für diese schöne Antwort!
Die "tanszendentale Obdachlosigkeit" ist so ein Schlagwort, das den Umstand meint, dass die alte Metaphysik, die ja auf eine, ich sag mal, übermenschliche, ewige Ordnung und Wahrheit angewiesen ist, keine Plausibilität mehr besitzt - Die Welt ist mit Anbruch der Neuzeit einzig und allein endliche Menschenwelt geworden. Aber Ethik ist und bleibt Metaphysik. Kant versuchte die Ethik noch deontologisch zu retten, also indem er sie sinnentleerte und formalisierte. Aber so eine blutlose Ethik kann ja auch nicht die Lösung sein.
Was bleibt, ist dann nicht mehr die normative Frage, was denn das Gute ist und wie man zu leben hat, sondern die rein auf Beschreibung abzielende Frage, nach welchen Werten wir uns eigentlich bereits richten, wenn wir handeln. Diese Frage nach Selbstreflexion lässt sich nicht auf direktem Wege beantworten, sondern allein durch Distanz und auf Umwegen - z. B. auf dem Umweg der Ideen- und Geistesgeschichte. Indem wir uns nämlich unseren Selbstverständlichkeiten, Normalitäten und Gewohnheiten, die geschichtlich geworden sind, bewusst werden, modifizieren wir sie bereits ein Stück...
14.07.14 @ 20:33
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Sehr geehrter Herr Ohnruh,
es freut mich, dass Ihnen meine Antwort gefällt. Aber mit Ihrer kann ich leider nicht viel anfangen.
Ethik - wenn wir hier von der Frage nach dem guten Leben sprechen - ist keine Metaphysik, sondern ist die Frage, was ich hier und jetzt tun soll. Soll ich jetzt ein Fußballspiel schauen oder im Internet surfen oder schlafen gehen. Als solche ist sie nicht normativ, aber auch nicht rein deskriptiv, denn sie erfordert meine Handlungsentscheidung.
Und den Umweg über die Geistesgeschichte sollte ich bei meinen Handlungsentscheidungen vielleicht auch nicht jedes Mal nehmen. Es könnte sonst sein, dass ich ziemlich lange brauche, bis ich mal was tue.
15.07.14 @ 16:37
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

sie schreiben:
"Worum es mir dabei geht, ist, dass es heute freilich nicht verboten ist, sich Gedanken darüber zu machen, wie man sich das eigene gute Leben vorstellt. "
Ist das nicht ein Widerspruch zu Ihren hervorgebrachten Erkenntnissen? Sie schreiben, dass man das Gespür für die Frage nach dem (persönlichen) guten Leben verloren hätte und geben dafür plausible Gründe an. Welchen Vorteil hätte es denn dann überhaupt nach all diesen Argumenten noch, mir über
irgendein 'gutes, persönliches Leben' klar zu werden?
Wenn mein Leben zwangsläufig in einem komplexen Dschungel aus sozialen Rollen und Interessen von Organisationen abläuft - wieso dann noch viel Zeit für Gedanken über einen (vermutlich so nicht realisierbaren) persönlich guten Lebensweg verschwenden?

Müsste das Fazit nicht eher lauten wie: Wir können und sollten uns den Zwängen bewusst werden, in denen wir Leben und somit eher die Frage nach einem guten Leben ZWISCHEN Organisationen und sozialen Rollen bewusst stellen... ?

Liebe Grüße
22.07.14 @ 13:41
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo Vogt,

vielen Dank für Ihren Kommentar!

Ja, das stimmt schon, was Sie schreiben. Aber so einfach, dass man ein Fazit ziehen könnte, ist es dann auch nicht. Das Problem liegt tiefer: Inwiefern ist der einzelne Mensch in der Lage, sein eigenes Leben zu gestalten, wenn er nicht darüber mit anderen Menschen kommunizieren kann? Damit meine ich gar nicht, dass man das in die Öffentlichkeit hinauszieht. Solche Gespräche gehören in die Familie oder in den Freundeskreis. Aber wenn ich mir überlege, was ich alles an Kulturtechniken pflege (Tagebuch schreiben, Listen machen, Dinge sammeln etc.), nur weil mit meine unmittelbare mitmenschliche Umwelt in dieser Beziehung im Stich lässt. Ja, es ist ein Wahnsinn! Denn, alles, was man sich denkt oder vornimmt, vergisst man ja sofort, wenn es nicht von den Mitmenschen gespiegelt wird, man nicht ermutigt wird, man nichts hat, das man mit ihnen teilen kann.
Und dann gibt es noch die umgekehrte Seite des Problems: Was sollen wir den mitteilen in unserer objektiven, wissenschaftlichen Welt? Nun, in erster Linie gilt als mitteilenswert, was von allgemeinem Interesse ist. Das ist zumeist dasjenige, für das ich mich nicht interessiere. Also auch von den Themen her ist es so, dass das Nachdenken übers eigene Leben zwar nicht verboten ist, aber irgendwie fehl am Platz erscheint. Aus dem Nachdenken übers eigene Leben entstehen Mitteilungen an die Mitmenschen, die für diese irgendwie nicht einordenbar und daher auch nicht verständlich sind.
Tatsächlich leben sehr viele Menschen ja auch von Tag zu Tag, getragen von den Institutionen, in denen sie arbeiten.
Jetzt schreiben Sie, wenn man sich der Zwänge, denen wir ausgesetzt sind, bewusst würde, dann könnte man nach dem guten Leben zwischen den Organisationen und sozialen Rollen suchen. Ja, aber ist denn dort überhaupt etwas? Müsste man sich dazu nicht eine ganz neue Welt erschaffen? Und eine neue Sprache? Würde man damit für seine Mitmenschen nicht völlig unverständlich? Würde man sich nicht selber unverständlich?
Denn wie verstehen wir einander denn? "Da hat er sich verhalten wie ein Vater/guter Freund/loyaler Angestellter." - Wenn wir die soziale Rolle treffen, dann wird das Handeln verständlich. "Das unternimmt er, um beruflich voranzukommen." - Wenn wir allgemein anerkannte Ziele auch verfolgen, dann wird unser Handeln verständlich.
Ja, so leicht ist das alles nicht.
Trotzdem besten Dank!
22.07.14 @ 15:43
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Hallo philohof,

es tut mir leid, dass Ihre Umwelt Sie in dieser Hinsicht so im Stich lässt, wie Sie schreiben.
Ich selbst kann mich da glücklich schätzen, Menschen um mich zu haben, die mich zumindest hin und wieder verstehen. Natürlich werden längst nicht alle Gedanken verstanden, aber immerhin ist da das Gefühl, dass es auch so ist.

Vielleicht gibt es da wirklich manchmal ein Problem, wenn ein Mensch das Verhalten eines Anderen nicht in eine vorgepresste Kategorie einordnen kann. Trotzdem würde ich ihre Aufzählung gen Schluss noch erweitern mit "Er verhält sich wie jemand, der sich dafür interessiert...". Verstanden wird dieser Satz denke ich durchaus oft. Oft möchte man ihn jedoch nicht verstehen, weil es - als einzige gegebene Begründung - als egoistisch wahrgenommen wird. Was denkt der denn über sich selbst nach - der soll sich doch erstmal um seine Umwelt kümmern! Der hat wohl zu viel Zeit!

Ich glaube gar nicht so sehr, dass niemand versteht, dass man sich intensiv Gedanken über das eigene Leben macht, und dies dann kommunizieren will. Ich vermute viele machen sich ohnehin diese Gedanken, es liegt oftmals nur an der passenden Situation und der richtigen Formulierung, diese Gedanken heraus zu locken. Anders herum: Wir kommunizieren solche Gedanken heute nicht mehr sehr häufig, weil sie nicht in einer objektiven, ökonomisch ertragreichen Form vertretbar sind. Hier gibt es keinen objektiven Schutzschild. Hier sind wir als Mensch angreifbar. Das ist aber in unserer Zeit niemand mehr. Es braucht also eine Schutzhülle des Vertrauens, was nicht oft (und selbst im privaten Bereich selten) zustande kommt, um ein freies Gespräch über das eigene Leben führen zu können.

Das Wort "Fazit" war tatsächlich ein wenig schlecht gewählt, denn es sollte nicht wie ein Schlussstrich, sondern eher wie eine mögliche Folgerung erscheinen.

Sie fragen, ob es denn nun ein gutes Leben zwischen all diesen Zwängen und Schutzhüllen geben kann. Ich würde an dieser Stelle fragen: Welcher Mensch sind Sie denn?
Es gibt sicher Menschen, wie Sie auch schreiben, die sind mit Anpassung und Bevormundung durch Organisationen durchaus glücklich und zufrieden. Wohingegen derjenige, der lieber ein bewusst individuelles zu führen Versucht sicher wohl immer ein Problem haben wird.

Liebe Grüße
23.07.14 @ 23:36
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo Vogt,

vielen Dank für Ihre neuerliche Antwort.

Ich picke mir jetzt nur das heraus, was mir als das Wesentlichste erscheint. Sie schreiben:

" Ich vermute viele machen sich ohnehin diese Gedanken, es liegt oftmals nur an der passenden Situation und der richtigen Formulierung, diese Gedanken heraus zu locken. Anders herum: Wir kommunizieren solche Gedanken heute nicht mehr sehr häufig, weil sie nicht in einer objektiven, ökonomisch ertragreichen Form vertretbar sind."

Nun, dass es am Ökonomischen liegt, glaub ich nicht, aber es stimmt: Es könnte eine Kultur geben, sich über das eigene Leben Gedanken zu machen. Aber diese Kultur gibt es bei uns nicht. Deshalb ist das Nachdenken über das gute Leben sehr stark in den privaten Bereich gedrängt.

Damit will ich nicht in erster Linie sagen, dass es aus dem öffentlichen Bereich verdrängt wäre, sondern dass wir heutigen Menschen es nicht als lohnende Beschäftigung sehen.

Gäbe es eine solche soziale Kultur des Über-das-gute-menschliche-Leben-Nachdenkens, dann täten wir uns leichter, solcherart Gedanken mit unseren Mitmenschen auszutauschen.

Dass es keine solche Kultur gibt, ist sicherlich mit ein Grund, warum ich mein MoralkEulen-Buch geschrieben habe. Ich hätte nämlich gerne, dass es sie gibt.

Warum es keine solche Kultur des Über-das-gute-menschliche-Leben-Nachdenkens, oder kürzer: des ethischen Nachdenkens, gibt, ist die Frage. Aber sicherlich trägt die gegenwärtige akademische Ethik, die Ethik als Moralphilosophie definiert, und das Thema des guten Lebens damit aus der Ethik ausschließt, nicht unwesentlich dazu bei.

Das ist aber nicht das letzte Glied in der Begründungskette. Denn wodurch ist die heutige Ethik so geworden, wie sie ist? Da ist sicherlich ein wichtiger Faktor, dass die Menschen zu der Überzeugung gekommen sind, dass man über alles, was nicht objektiv mess- und darstellbar ist, nicht sinnvoll diskutieren könne. Das ist das "Über Geschmack kann man nicht streiten." Diese Einstellung führt in der Folge dazu, dass man sagt: "Ein jeder muss auf seine Weise glücklich werden." Und mit diesem "Das bleibt ihm überlassen." - meint man eigentlich: "Das ist etwas, über das man nicht sinnvoll miteinander reden kann."

Kurz: Es gibt so etwas wie eine allgemein geteilte Grundüberzeugung, dass Kommunikation über die Frage des guten Lebens nicht möglich ist.

Liebe Grüße philohof
24.07.14 @ 09:35
Kommentar von: D Ganser [Besucher] E-Mail
Was, wen man "Über Geschmack kann man nicht streiten" gleich setzt mit Toleranz.

Und Ihr "Über Geschmack soll man streiten" gleichsetzt mit Totalitarismus.

Streitet die ISIS über das gute Leben in Ihrem Sinne?
04.10.14 @ 23:26
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Warum sollte man "Über Geschmack kann man nicht streiten" mit Toleranz gleichsetzen?

Warum sollte man "Über Geschmack soll man streiten" mit Totalitarismus gleichsetzen?

Wofür oder wogegen die ISIS streitet, das weiß ich nicht.

Ich bitte um Fragen oder Kommentare, die verständlich sind.
05.10.14 @ 21:08

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