Normatives und idealistisches versus realistisches Wissenschaftsbild

von philohof E-Mail

Manchmal macht es auch bei mir „klick“ und das Denken bewegt sich einen Schritt nach vorne. So geschehen unlängst bei einer Diskussion mit Besucher Johannes hier auf philosophieblog.de. Ich fand mich nämlich mit ihm darüber diskutieren, wie Wissenschaft einer Idealvorstellung nach sein sollte und wie sie in Wirklichkeit halt manchmal oder auch öfter leider nicht ganz ist. Dem Ideal nach sollten alle beherzt rationale Diskussionen führen, in Wirklichkeit diskutieren sie bisweilen nicht. Und ich sah mich in der Situation, dass ich mich auf den Bereich einer realistischen Sicht der Wissenschaft zurückgezogen hatte, während ich meinem Diskussionspartner freie Hand ließ im Feld, wie Wissenschaft sein sollte. Bis es dann eben „klick“ machte – und der Gedanke, den ich dann hatte, besagte: Man kann doch heute gar nicht mehr Wissenschaft, wie man sie sich im abstrakten Raum oder auf dem weißen Papier vorgestellt hatte, dass sie sein sollte, mit dem vergleichen, wie sie ist und dem Idealbild leider nicht 100prozentig entspricht, weil: Von dem, wie man sich vorstellen könnte, dass Wissenschaft sein sollte, kann man nie zu dem kommen, wie Wissenschaft heute in der Realität tatsächlich ist. Da führt keine Brücke hinüber, da ist ein Abgrund dazwischen. Das ist der eigentliche Grund, warum man heute zuerst einmal die Wissenschaft betrachten muss, wie sie real ist, um nämlich eine Antwort auf die Frage zu finden, was Wissenschaft heute überhaupt ist – weil das, was Wissenschaft heute ist, kaum mehr was mit dem zu tun hat, was man sich ehedem darunter vorstellte oder was man sich überhaupt vom Stand weg oder in einem leeren Denkraum unter Wissenschaft vorstellen könnte.

Irgendwann früher einmal stellte man sich unter Wissenschaft die Suche nach wahren und gehaltvollen Erklärungen vor. Aber diese Vorstellung beinhaltet ja z.B. nicht, dass derartige Erklärungen heute neu sein müssen, weil Wahrheit allein nicht genügt. Wenn eine Wissenschaftstheorie sich also in der Hauptsache damit beschäftigt, wie man Erkenntnisse macht, die dann auch wahr, objektiv überprüfbar und gehaltvoll sein sollen, dann geht sie zumindest schon zur Hälfte an der Sache vorbei, um die es eigentlich geht. Denn Wissenschaft interessiert sich nicht für wahre Erkenntnisse, wenn diese nicht neu sind (sie interessiert sich übrigens auch nicht für alle neuen). Dann das ganze impact-Punkte- und Zertifizierungswesen, das gab es ja früher nicht. Alles muss sich heute vor der Gesellschaft rechtfertigen und wird in seinem Wert und seiner Bedeutung quantifiziert und hierarchisiert. Diese neue Einrichtung hat mit Wissenschaft als Idee von vornherein einmal unmittelbar nichts zu tun, aber sie ist heute bestehende, waltende Realität, und sie wirkt zurück auf die Wissenschaft, indem sie ihren Charakter verändert, und zwar verändert sie diesen Charakter so stark, dass aus der Wissenschaft selbst etwas qualitativ ganz Anderes und ganz Neues geworden ist.

Hier liegt der Grund, warum es mich müde macht, beim Thema Wissenschaft über Rationalität, Intersubjektivität, Wahrheit, geeignete Methoden, gehaltvolle Erklärungen und die Öffentlichkeit wissenschaftlicher Auseinandersetzungen zu diskutieren. Alle diese Punkte sind in Wirklichkeit schon lang gegessen und stellen keinen sinnvollen Gegenstand der Diskussion mehr dar. Sie sind gegessen, weil sie zu jenem schönen, aber überkommenen Vorstellungsuniversum gehört, in welchem die Wissenschaft nach wahren, objektiven Erkenntnissen sucht und zufrieden gestellt ist, wenn diese Erkenntnisse sich auch tatsächlich als wahr erweisen. Aber dieser Vorstellungshorizont hilft uns kein bisschen dabei zu verstehen, was jetzt gerade in der Wissenschaft abläuft und wozu Wissenschaft heute geworden ist. Es hilft uns nichts dabei, diese große soziale Maschine Wissenschaft zu verstehen, wie sie in den letzten 100-150 Jahren gewachsen ist und die in den letzten Jahrzehnten in ihren Größendimensionen geradezu explodiert ist.

Der größte Fehler der herkömmlichen Wissenschaftsmodelle liegt wahrscheinlich darin, dass sie von einem Individuum ausgehen, welches mit sich durch Überlegen zu einer Entscheidung kommt, welche Option nun der Wahrheit entspricht und dann von einer kleinen Gruppe (Intersubjektivität!), in welcher Leute gleichsam um einen Tisch sitzen und sich rational darüber verständigen, welcher Erkenntnis das Privileg zukommen darf, als wissenschaftlich wahr zu gelten. Der Unterschied zur heutigen Situation liegt darin, dass heute die Größendimensionen wissenschaftlicher Forschung, also die schiere Riesenzahl der Forscher, Verständigung unmöglich macht, weil es so viele Stimmen gibt, dass die einzelne nicht mehr gehört werden kann. Die Impact-Punkte, die Reihung von Zeitschriften etc., all das sind bereits Versuche, um auf diese Situation zu reagieren, um Mittel zu finden, um mit ihr zurechtzukommen. Es können eben nicht mehr alle Stimmen gehört werden, sondern nur noch einige wenige, das sind jene, die in den am höchsten bewerteten Journalen publizieren dürfen. Man ist gezwungen, die Meinungsvielfalt und die inhaltliche Vielfalt zu reduzieren. Dadurch verliert die einzelne Stimme an Wert: Es wird ihr nicht mehr zugehört, weil sie Stimme ist und meint, etwas zu sagen zu haben, sondern weil sie dort und dort jenen privilegierten Publikationsraum sich errungen hat. Die Vorstellung, dass heute in der Wissenschaft oder in der Philosophie noch diskutiert wird, haben wir, scheint mir, doch nur daher, dass es einige prominente Wissenschaftler gibt, die auch in den nichtwissenschaftlichen Medien vorkommen und die uns den Eindruck vermitteln, dass im Grunde die Stimme des Menschen noch zählt, dass der Mensch von seinen Mitmenschen auch heute noch gehört wird. Aber das Wesentliche der Moderation der wissenschaftlichen Diskussion durch die scientific community besteht ja gerade darin, der menschlichen Stimme ihren Wert zu nehmen und Diskussion und Verständigung zu ersetzen durch etwas, an dem mehr Personen teilnehmen können und das mechanischer, mathematischer abläuft als Verständigung. Das gilt auch für das Ergebnis dieses Prozesses: Stand am Ende eines Verständigungsprozesses Einsicht bei den Beteiligten, so ist es heute das pure Faktum des sich Durchgesetzt-Habens im großen internationalen Publikationsprozess, welches eine Erkenntnis zur wissenschaftlich erwiesenen Erkenntnis nobilitiert.

Das alles schreibe ich nur, um damit zu sagen: Es ist mein Sinn, die Fehler der Wissenschaft zu suchen, wenn ich mich auf ein realistisches Wissenschaftsbild konzentriere. Es geht mir nicht darum, Flecken auf dem Gewand der Wissenschaft zu finden, indem ich sage: Immer behaupten die Wissenschaftler so sehr, rational zu sein, und hier zeigt sich, dass noch ganz andere, nicht rationale Aspekte im Wissenschaftsbetrieb eine Rolle spielen. Es geht mir also nicht darum, normatives oder idealistisches und realistisches Wissenschaftsbild gegeneinander zu halten – sondern es geht mir darum zu sagen, dass wir von der heutigen Wissenschaft, so wie sie ist, zu normativen oder idealistischen Wissenschaftsvorstellungen gar nicht zurückkönnten. Da führt kein Weg zurück. Und aus dem Grund sind die Ungereimtheiten in der Wissenschaft oder ihre Ungerechtigkeiten gegenüber einzelnen ForscherInnen, wie ich sie bisweilen in meinen Texten darstelle, auch keinerlei Defekt der Wissenschaft. Es geht darum zu begreifen, dass wir heute mit einer jeden Vorstellung von der Art: Wissenschaft sollte rational, sollte objektiv, sollte intersubjektiv, sollte öffentlich, sollte wertfrei etc. sein auf dem Holzweg sind, weil alle diese Adjektive die Größendimensionen von heutiger Wissenschaft und die inneren Strukturen ihrer Organisation nicht mehr fassen und auch nicht mehr zum Ausdruck bringen können. Es geht heute nicht mehr um die Frage: Wie macht man es, damit eine Erkenntnis wahr und objektiv und nicht verbohrt oder esoterisch ist – das ist eine triviale Frage. Die eigentliche Frage der Wissenschaft ist: Wie komme mich mit meiner Erkenntnis (von der wir mal ausgehen wollen, dass sie objektiv und wahr ist) in ein angesehenes wissenschaftliches Journal hinein? Hier wird sich zeigen, dass Wahrheit und Objektivität der Erkenntnis nur ein Kriterium unter vielen weiteren ist.

Also nochmal: Beim Thema der Wissenschaftlichkeit von objektiver Wahrheit, von wissenschaftlichen Methoden oder auch von der Intersubjektivität und Öffentlichkeit wissenschaftlicher Diskussionen zu sprechen, lenkt nur vom Thema ab, um das eigentlich ginge: Was ist dieser gesellschaftliche Moloch Wissensschaft, und was will er (außer, dass er wahre, gehaltvolle Erkenntnisse will, was, wie ich ausgeführt habe, für unsere Diskussion nicht weiter interessant ist)?

22 Kommentare

Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Lieber Herr Hofbauer, solange Sie nicht wissen, was Wissenschaft 'eigentlich ist', d. h. sein SOLL, haben Sie keinen Grund (!), von dem aus Sie die Alltagsrealitäten des Wissenschaftsbetzriebs KRITISIEREN dürften; noch einen Blickpunkt, von dem aus Sie die Realursachen für die regelmäßigen Abweichungen von der 'Norm' überhaupt ERKENNEN können.

Beide Male ist das Schüsselwort ÖFFENTLICHKEIT; sowohl für die Norm als auch für die Quelle ständiger Abweichungen.
25.02.10 @ 09:47
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
nein, das halte ich nicht für richtig, was Sie da schreiben. Im Gegenteil, es kommt mir in höchstem Grade platonisch vor: Ich soll also auch eine jede schöne Frau, ein schönes Gemälde, eine schöne Landschaft von der Idee des Schönen her betrachten, denn sonst hätte ich ja keinen Maßstab, um das Schöne auffassen und beurteilen zu können? Und so auch bei der Wissenschaft: Ich brauche also zuerst einmal eine Idee der Wissenschaft?

Aber hier liegt ja das Problem mit der Wissenschaft: Was Wissenschaft ist, ist unverständlich geworden. Die alten Kategorien, mit denen wir sie zu fassen suchten, beschreiben sie nicht mehr ausreichend, ja sie scheinen sogar zum Teil irreführend zu sein. Wir haben also ein Gebilde vor uns, das aufgrund seiner Tradition noch immer "Wissenschaft" heißt, von dem wir aber im Grunde gar nicht wissen, was es ist. Deshalb geht es zuerst einmal darum, danach zu fragen, was es denn sein könnte - und nicht darum, die Wissenschaft zu kritisieren. Aber freilich kann man schon während man versucht aufzufassen, was dieses Gebäude, das "Wissenschaft" heißt, ist, feststellen, welche Funktionen es gegenüber der Gesellschaft oder gegenüber dem Individuum erfüllt oder nicht erfüllt. Z.B. belehrt die heutige Wissenschaft das Individuum immer weniger.

Mit Ihrem Begriff der Öffentlichkeit fange ich leider gar nichts an, weil ich mir schwer tue, eine solche Spezialöffentlichkeit, wie sie in der Wissenschaft herrscht, als Öffentlichkeit anzuerkennen. Öffentlichkeit ist für mich etwas, das sowas wie den Fall der Berliner Mauer bewirken kann, also etwas, von dem überhaupt irgendeine Wirkung ausgeht. Nun geht aber von wissenschaftlichen Diskussionsbeiträgen keine Wirkung aus, die zu irgendeiner Veränderung führen könnte. Noch nicht einmal von den Sendungen von Radio Ö1, das in Österreich angeblich 8% der Bevölkerung erreicht, geht irgendeine Wirkung aus. Die großartigsten Sendungen sind einfach in den Wind hinausgespochen. Dabei wäre ich bei Ö1 noch bereit, seinen Sendungen Öffentlichkeit zuzuschreiben. Aber bei dieser umhegten Öffentlichkeit wissenschaftlicher Diskurse, in welcher Leute publizieren, die einander ohnehin kennen und die keinen reinlassen, der nicht schon von vornherein angepasst ist und aufgrund dieser Angepasstheit ohnehin nicht in der Lage ist, was Neues zu sagen... Da müsste ich den Begriff der "Öffentlichkeit" schon bis zur Unkenntlichkeit deformieren, damit ich in der wissenschaftlichen Diskussion auch eine Öffentlichkeit sehen könnte.
Was mir also unverständlich ist, ist, wie Sie es zusammenbringen, an Öffentlichkeit in der Wissenschaft glauben zu können?
Mit besten Grüßen philohof

P.S.: Aber ich würde natürlich Paul Feyerabends Idee begrüßen, die Wissenschaft für Laien zu öffnen, damit Öffentlichkeit in sie überhaupt mal reinkäme. Aus meinen bisherigen Erfahrungen mit Organisationen neige ich durchaus zu der Ansicht, dass alle Organisationen von außen geprüft werden müssen, weil sie sonst dazu tendieren, Unsinn zu machen. Und auch die Wissenschaftler darf man nicht sich selbst überlassen. Was sie machen, gehört ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt, und das bedeutet, dass sie verpflichtet sein sollten, nicht nur ihre FachkollegInnen, sondern auch ganz gewöhnliche BürgerInnen zu überzeugen.
25.02.10 @ 10:13
Kommentar von: [Mitglied]
Ihr Beitrag läuft aus meiner Sicht auf den folgenden Befund hinaus:

Alle möglichen Gegenstände von Diskussionen können durch unterschiedliche "Brillen" gesehen werden. Also auch die Wissenschaft. Politiker tragen in diesem Sinn eine andere "Brille" als Techniker, Investoren eine andere als Gymnasiasten usw. Dieses "Schauspiel" kann auch oft in Personalunion ablaufen, indem etwa ein Physiker zugleich Leiter einer Max-Planck-Gesellschaft - also Wissenschaftspolitiker - ist; oder zugleich Aktionär; oder zugleich Hochschullehrer.

Sie sprechen die Wissenschaft als "gesellschaftlichen Moloch" an. In dieser Gestalt kommt sie weniger einem Architekten, einem Unternehmer oder einem Arzt vor Augen (vor die "Brille"), mehr einem Kulturhistoriker oder einem Apokalyptiker. Nichts gegen "Brillen", auch gegen solche nichts. Beobachter von allen Seiten - mit verschiedenen "Brillen" - gehören zu einer offenen sozialen Welt. "Offen" im Sinne eines zivilisatorischen Spielraums, wo Entwicklungen optimal ausgewertet werden können.

Die Rede von der Wissenschaft als gesellschaftlichem Moloch will offenbar eine Fehl-Entwicklung bezeichnen. Derartige kulturkritische Diagnosen sind freilich nicht neuartiger als wissenschaftstheoretische "Logiken der Forschung". Als Philosophierender (noch so ein "Brillenträger"!) möchte ich hinzufügen: diese logische Facette der Wissenschaft ist so wenig "gegessen" wie jene kritische. Nur das eine oder andere Interesse am Fortgang der jeweiligen offenen Diskussion kann derart "gesättigt" sein.

Zu bedenken geben möchte ich Ihnen mithin, dass Sie eigentlich nicht von einem Durchbruch "nach vorne" berichten, sondern von einer Abschweifung, von einem Wechsel der Perspektive, von der Ersetzung der für Sie uninteressant gewordenen epistemologischen "Brille" durch die für sie interessantere eschatologische - "Moloch" steht ja unter anderem für die verschlingende Macht der Endzeit.

Das Anliegen meines Kommentars ist gar nicht, dieses Interesse abzuwerten, mich von Ihrer neuen Warte zu distanzieren. Lediglich um deren Einordnung ist es mir hier zu tun. Alle "Brillen" tragen zur "realistischen Sicht" der Dinge bei, indem sie den Blick für Gesichtspunkte schärfen, die sonst unterbelichtet wären. Hauptsache, man behält das Zusammenspiel der Sichtweisen im Sinn - unter Philosophen zumal.

25.02.10 @ 10:41
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Allmann,
ich bin mit allem einverstanden, was Sie schreiben. Ich meine, erkannt zu haben, dass man neue Beschreibungsweisen für die Wissenschaft finden muss, weil diese sich gewandelt hat und die alten nicht mehr ausreichen. Das mit dem "Moloch", das ist eher ein stilistischer Griff oder auch Missgriff, ein "Kraftausdruck" jedenfalls, um hier in der Kommunikation im Blog die gefühlte Dringlichkeit meines Anliegens zum Ausdruck zu bringen.
Herzlichst Ihr philohof
25.02.10 @ 11:19
Kommentar von: [Mitglied]
Nach meinem Verständnis war, ist und bleibt Wissenschaft eine Reihe von Sätzen, die sich durch eine bestimmte Charakterisierung von anderen Sätzen abheben. Kurz: Wissenschaft ist ein Theorienkomplex.

Was hat sich daran gewandelt über die Vermehrung und Neufassungen wissenschaftlicher Aussagen hinaus? Oder meinen Sie mit "Wissenschaft" den Wissenschaftsbetrieb, das ganze Drumherum, den Umgang mit ihr in der übrigen Gesellschaft? Wollen Sie das Augenmerk darauf lenken, wie sich Wissenschaft heute auswirkt? Meinen Sie das mit "reale Wissenschaft"? Das wäre dann genau das Missverständnis, dem ich begegnen wollte.

Wollen Sie eine Gefahr beschreiben, die von der Wissenschaft ausgeht - auch wenn Sie den Kraftausdruck Moloch zurücknehmen? Ist es vielleicht nur die unübersichtliche Lage der "wissenschaftlich-technischen" Welt, die es adäquater auf den Begriff zu bringen gilt?

Was genau also in oder an der heutigen Wissenschaft macht Ihr Anliegen so "dringlich"?
25.02.10 @ 12:05
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Allmann,
zuerst einmal möchte ich Ihnen danken für Ihr Interesse an meinem Problem - das ist ja auch nicht selbstverständlich.

Ja, ich möchte darauf die Aufmerksamkeit lenken, was Sie im zweiten Absatz Ihres letzten Kommentars zu meinem Blogeintrag anführen: den realen Wissenschaftsbetrieb, das ganze Drumherum usw. Aber ich möchte es tun, ohne in unfruchtbare Diskussionssituationen zurückzufallen, wie ich sie schon hatte. Diese hatten die Form: Es gibt eine Wissenschaft, wie sie sein sollte (das normative oder ideale Bild der Wissenschaft) und die tatsächlich praktizierte Wissenschaft im Wissenschaftsbetrieb entspreche der Norm oder dem Ideal eben nicht immer, weil es überall menschelt, wo Menschen arbeiten.

Ich wollte demgegenüber zum Ausdruck bringen, dass man, wenn man von herkömmlichen wissenschaftstheoretischen Vorstellungen wie Rationalität, Objektivität, Wertfreiheit, Wahrheit, Streben nach Erkenntnis etc. ausgeht, ja gar nie zu dem kommen kann, was Wissenschaft heute realiter ist.

Wenn ich z.B. davon ausgehe, dass Wissenschaft objektive Erkenntnis liefert oder auch, dass Wissenschaft gehaltvolle Erklärungen anbietet, dann muss ich danach fragen: Wer strebt denn heute eigentlich noch nach Erkenntnis? Oder wer wünscht sich Erklärungen? Und dann sehe ich, dass niemand (oder fast niemand) nach Erkenntnis oder Erklärungen strebt - also muss diese Maschine der Wissenschaft von anderen Motiven und Zielen angetrieben werden.

Dasselbe gilt übrigens auch für den für Herrn Ebmeier wichtigen Begriff der Öffentlichkeit: Dass Wissenschaft die Funktion hätte, in der Öffentlichkeit Dinge klarzustellen und Fragen zu entscheiden, das sehe ich nicht. Wohl mag sie das im Einzelfall immer wieder tun, aber das ist nicht das, was das ganze Werkel antreibt.

Sie schreiben, nach Ihrem Verständnis sei Wissenschaft eine Reihe von Sätzen oder ein Theorienkomplex. Es fällt mir schwer, auf so eine Minimalbestimmung zu reagieren. Natürlich ist sie ein Theorienkomplex - und in diesem Wort finde ich schon mal eine wichtige Bestimmung der Wissenschaft aufgehoben, nämlich dass es die einzelne wahre Erkenntnis in der Wissenschaft nicht gibt: Alles hält zusammen in einem Erkenntnisverbund.

Aber die Wissenschaft ist nun nicht allein ein Theorienkomplex. Die Wissenschaft hat z.B. auch Postadressen, das wären etwa die von Universitäten und Forschungsinstituten. Wissenschaft, das sind Arbeitsstellen, die vom Staat oder von privaten Einrichtungen bezahlt werden. Wissenschaft, das ist auch der Zusammenhang aller dieser einzelnen Forschungseinrichtungen etwa durch ein System von Zeitschriften, die in ihrer Wertigkeit hierarchisiert sind, und einem zweiten System von wissenschaftlichen Konferenzen und Tagungen, wo sich WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Ländern treffen.

Womit ich allerdings jetzt ein Problem hätte, wäre, wenn Sie sagten: Ja, aber das ist ja nur der reale Körper der Wissenschaft, dasjenige, wie versucht wird, die Idee der Wissenschaft umzusetzen, während das eigentliche Wesen der Wissenschaft in ihrer Idee liegt. Der Wissenschaftsbetrieb ist nämlich nicht nur der Realkörper, welcher die Idee der Wissenschaft zu verwirklichen versucht, sondern er trägt selbst in sich normative und ideale Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit, was der oder die NachwuchswissentschaftlerIn etwa dann erfährt, wenn seine oder ihre wissenschaftliche Arbeit von einem sozialen "Agenten" des Wissenschaftsbetrieb in ihrer Wissenschaftlichkeit beurteilt wird.

Es geht nicht an, dass wir diesem Phänomen gegenüber in die alte philosophische Gewohnheit zurückfallen und uns zuerst einmal (d.h. als Einzelmenschen) eine Idee von der Wissenschaft machen, um sagen zu können: "Unter Wissenschaft verstehe ich...", um dann den Wissenschaftsbetrieb mit meinem Wissenschaftsverständnis als Maß zu beurteilen. Denn das, was Wissenschaft ist, das wird mir der Wissenschaftsbetrieb schon sagen: Er wird meine Vorstellung von Wissenschaft beurteilen (weil er viel mächtiger ist als ich), nicht ich die seine. Das ist wohl überhaupt der erste geistige Schritt, um Zugang zu finden zu diesem Problem: einzusehen, dass ich mir keine Vorstellung von Wissenschaftlichkeit machen darf, weil Wissenschaft eine Art erkenntnistheoretischer Entmächtigung individuellen Erkennens ist. Kants Gerichtshof der eigenen Vernunft (welcher die Grundlage allen Philosophierens ist) wird ersetzt durch den Gerichtshof der scientific community, was bedeutet: Nicht ich habe über die Wissenschaft zu bestimmen, sondern die Wissenschaft bestimmt über meine Wissenschaftlichkeit (oder Unwissenschaftlichkeit, wenn sie mich ausschließen will).

Ob ich eine "Gefahr" beschreiben wollte, die von der Wissenschaft ausgeht? Nein. Ich glaube zwar, dass viele Gefahren von der Wissenschaft ausgehen, bin aber ihnen gegenüber ratlos, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass irgendein Vorsichtsprinzip, wie es etwa Hans Jonas vorschlug, auf gesellschaftlicher Ebene wirken könnte. Ich muss aber auch dazu sagen, dass es nicht unbedingt mehr im Wesen meines Denkens liegt, die Menschen vor Gefahren zu warnen, die die gesamte Gesellschaft betreffen. Lassen Sie es mich so formulieren: Zwar fürchte ich den Weltuntertang, doch schaue ich um mich und empfinde das Meiste, was die Menschen hervorbringen, als so unsympathisch, dass die Welt ihren Untergang durchaus verdienen würde.

Wenn es also nicht das ist, was meine Wissenschaftskritik motiviert, muss es was anderes sein? Richtig. Wissenschaft ist für den heute philosophierenden Menschen vor allem eines, eine unmittelbare Denkbehinderung. In unserer wissenschaftlichen Welt philosophieren zu wollen, ist so ähnlich wie mit zusammengeketteten Beinen laufen zu wollen. Dabei geschieht diese Behinderung philosophischen Denkens von seiten der Wissenschaft in weitgehendem Unverständnis derselben für die Unterschiedlichkeit der Aufgaben und Ziele von Philosophie und Wissenschaft. Hat Wissenschaft etwa das Ziel, gemeinsames Wissen für alle Menschen zu sammeln und aufzubewahren, so hat Philosophie dieses Ziel nicht. Sondern Philosophie hat etwa das Ziel, das individuelle Sich-Wundern und Nachdenken bei den Menschen in Gang zu bringen, womit nun wiederum die Wissenschaft rein gar nichts anfangen kann.

Der Grund nun, warum ich mich als heute Philosophierender so intensiv mit dem Thema Wissenschaft auseinandersetze liegt darin, dass die Gesellschaft für Wissenschaft eine große Anzahl bezahlter Arbeitsstellen reserviert hat, und zwar aus dem meiner Meinung nach irrigen Glauben heraus, die Wissenschaft sei die einzige Institution in der Gesellschaft, die wahre und objektiv richtige Erkenntnisse hervorbringt. Ich glaube, man müsste einen Weg finden, den Menschen zu erklären, dass die Wissenschaft zwar wahre und objektiv richtige *** (ich weiß nicht, welches Wort ich hier einsetzen soll) hervorbringt und dass diese Errungenschaften der Wissenschaft auch in technische Produkte umgesetzt funktionieren, dass das aber keine Erkenntnisse sind. Denn Erkenntnis meint einmal grundsätzlich, dass ein Mensch nun etwas verstanden hat, was er vorher nicht verstanden hat. Die Wissenschaft aber kümmert sich bloß um die Vergrößerung des insgesamt der Menschheit zur Verfügung stehenden Wissens, sie verbindet aber kein Anliegen damit, dass irgendein konkreter Mensch etwas versteht, also eine Erkenntnis macht. Wenn die Menschen das einsehen könnten, dann würde die Bedeutung der Wissenschaft in unserer Gesellschaft wieder auf ein normales Maß sinken (heute sind wir ja eher in Dimensionen religiöser Heilserwartungen), und die einzelnen Menschen könnten wieder initiativ werden und sich auf die Suche nach Erkenntnissen für ihr eigenes Leben machen (der derzeitige Zustand ist ja eher der, dass sie in angsterfüllter Passivität verharren, denn bei jedem Schritt, den sie wagen, könnte ein Wissenschaftler und Experte über sie urteilen, dass sie etwas falsch machen).

In der Hoffnung, Ihnen durch diese Ausführungen einen Zugang zum Universum meiner Gedanken eröffnet zu haben, Ihr philohof
25.02.10 @ 14:54
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
"Vom Schönen gibt es keine Wissenschaft, sondern nur Kritik", sagt Kant. Ihr Vergleich ist eine Finte, und ich fürchte, Sie wissen das.
25.02.10 @ 17:53
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
nein, mein Vergleich ist keine Finte. Aber wie kommen Sie jetzt auf den Spruch, vom Schönen gebe es keine Wissenschaft? Ich wollte doch sagen, vom Schönen habe ich keine (vollständige) Idee und von der Wissenschaft natürlich auch nicht. Denn Sie machten mir ja den Vorwurf: "Lieber Herr Hofbauer, solange Sie nicht wissen, was Wissenschaft 'eigentlich ist', d. h. sein SOLL, haben Sie keinen Grund (!), von dem aus Sie die Alltagsrealitäten des Wissenschaftsbetzriebs KRITISIEREN dürften." Und das stimmt eben nicht, dass ich das nicht darf, solange ich nicht weiß, was Wissenschaft 'eigentlich ist', denn unser Schicksal als Menschen besteht darin, zum Halbwissen verdammt zu sein. Wir denken und handeln, indem wir Halbwissen gebrauchen. Und wer das von sich nicht zugibt, der ist nicht ganz rechtschaffen. Und während wir denken und handeln und uns mit einer bestimmten Sache auseinandersetzen, wird unser Bild von ihr vielleicht ein bisschen richtiger. Und dann denken wir erneut über diese Sache nach und handeln wieder, aber im Grund ist unser Bild von, ist unsere Vorstellung von der Sache immer noch falsch.
Nein, wenn Sie verlangen, zuerst müsste man ganz richtige Vorstellungen von den Dingen haben, und dann dürfte man sie erst beurteilen, dann ist das platonisch. Und sokratisch auch, denn ich vernehme schon Sokrates reden, wie er sagt: "Na, und wen fragen wir da am besten, was das Schöne oder was die Wissenschaft ist?" - Richtig, die Fachleute fragen wird da, diejenigen, die bewandert sind in der Kunst, das ist immer Sokrates' erster Vorschlag. Doch was habe ich getan, wenn ich die Fachleute gefragt habe: Ich habe damit mein eigenes Urteil aufgegeben.
26.02.10 @ 01:55
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
"Vollständige" Ideen gibt es nicht. Die Idee ist im Unterschied zum Begriff ein 'unendlicher' Gedanke, der sich durch Begriffe gerade nicht 'umfassen' lässt. Sie ist überhaupt nicht 'positiv', sondern ein Problem, eine (in jedem Moment neu) zu bewältigende Aufgabe; und als solche 'gibt' es sie.

Freilich erst in der Reflexion. Unmittelbar wird das (jeweils als gegeben vorkommende) Schöne als ein solches lediglich ANGESCHAUT - ein Problem wird erst im Nachhinein daraus, für die Überlegung. Die 'Idee', vom Schönen bedürfte es zuerst einer 'Idee', um ein jeweils einzelnes Schöne anschauen zu können, wäre eine Schnapsidee.

Die Idee des Wahren ist ebenfalls eine - Idee. Eine Aufgabe, die immer wieder neu zu bewältigen ist. Und ipso facto KEIN Gegenstand der Wissenschaft.

Das sagt die Philosophie.

Die real existierenden Wissenschaften sind eben darum KEINE Philosophie, weil sie (ihrer Bestimmun nach: im Öffentlichen Raum ein Feld des Einverständnisses erzwingen zu könen) POSITIV sein müssen. Sie müssen also in ihrer Praxis notwendig davon ausgegehen, dass ein Wissen da ist, das (öffentlich) GEGEBEN (und nicht erst noch aufgegeben) ist: "Stand der Wissenschaft". Insofern verfährt jede reale Wissenschaft (vorläufig) 'dogmatisch', wie Herr K. sagt. DogmaTIStisch wäre sie, wenn sie vergäße, dass das gültige Wissen, von dem sie ausgehen muss, nur eine einstweiliges ist - und jederzeit von den Resultaten DER WISSENSCHAFTLICHEN PRAXIS (und von nichts anderem) 'aufgehoben' werden kann.

Die Geschichte der Wissenschaften ist die Geschichte ihres Herausfallens aus der Philosophie (Galilei bis Newton): eine Scheidung, die zugleich zur Selbstbereinigung der Philosophie (Kant) gewesen ist.

Eine Finte, weil ich Ihnen nicht glauben werde, dass Sie nicht wussten, dass Sie mir mit Birnen kamen, wo ich von Äpfeln redete.
26.02.10 @ 10:23
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
... NUR als solche 'gibt' es sie.

...die zugleich zur Selbstbereinigung der Philosophie GEWORDEN ist.
26.02.10 @ 10:27
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
da bin ich mit allem einverstanden, was Sie zuletzt schrieben - über die Idee, über die Wissenschaft, über die Philosophie. Und gerade deshalb bin ich mir jetzt nicht sicher, ob wir einander verstehen oder nicht.

Aber ich hoffe, es wird ja in Hinkunft Gelegenheiten zu diskutieren und die Anschauungen des jeweils anderen besser kennen zu lernen.

Ich weiß wirkich nicht, ich kann zu diesem Thema (Idee, Philosophie und Wissenschaft) jetzt eigentlich nur noch soviel sagen: Ich habe eine Idee von Philosophie. Ich habe mir eine gemacht, weil Philosophie für mein persönliches Leben wichtig ist, für den Lebensvollzug wichtig ist und auch deshalb, weil ich weiß, dass meine Idee von Philosophie jedenfalls für mich Geltung haben wird, auch und selbst wenn ich mich einmal von der Welt zurückziehen und in der Abgeschiedenheit leben würde. Von der Wissenschaft hingegen habe ich keine Idee. Ich hatte früher mal eine, solange ich noch frohen Mutes war und hoffte, dass auch meine Stimme in der Diskussion um die Wissenschaft zählen würde. Mittlerweile habe ich eingesehen: Was Wissenschaft ist, bestimmen immer ausschließlich andere als ich. Es macht daher keinen Sinn für mich, mir eine Idee von der Wissenschaft zu machen, mehr noch zudem, weil ich sie ja auch für mein Privatleben nicht brauche, was bei der Philosophie nicht der Fall ist.
So lebe ich ohne Idee von Wissenschaft - und hoffe, dass mich das ein bisschen besser dazu befähigt, objektiv (gefühlsneutral) die Ideen von anderen über Wissenschaft zu sehen und zu bewerten.
Mit bestem Gruß
helmut hofbauer
27.02.10 @ 01:03
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Von der Philosophie habe ich, anders als Sie, keine Idee, sondern einen Begriff. Ich sage: Philosophie ist, sofern sie Wissenschaft sein kann (oder will), lediglich negativ und kritisch. Das Feld des Positiven hat sie den Realwissenschaften (zu) überlassen - seit Kant.

Sie leistet aber damit nicht das, wofür sie vor zweieinhalb tausend Jahren erfunden worden ist: den Sinn des Lebens entdecken. Sondern nur dies: immer und immer wieder neu darzulegen, dass der Sinn des Lebens (oder "der Welt" oder wie man das immer nennen will) aus keinerlei positivem Befund heraus zu lesen ist, sondern als Problem, als Aufgabe, als Frage der praktische Lebensführung anheimgegeben ist.

Letztere Formulierung wird der eine ohne andere mit "existenzialistisch" beschreiben wollen, und das wollte ich nicht einmal zurückweisen. Zurückweisen würde ich allerdings, wenn er das nutzt für den Folgegesatz: "Das ist doch aber auch Philosophie!"

In einem strengen, und das heißt: wissenschaftlichen Sinn ist das keine Philosophie. 'Wissenschaftlich' bedeutet nicht: Gegenstand + Methode. Die sind beide sekundär, ABGELEITET nämlich aus der wesentlichen Bestimmung: Wissenschaftlich ist das Verfahren, das nur die Bestimmungen GELTEN lässt, die auf die Tragfähigkeit ihrer GRÜNDE erfolgreich geprüft wurden. Darin hat Plato die Anstrengungen seiner griechischen Vorgänger zusammengefasst ('êpistêmê' versus 'dóxa').

Überprüfen der Gründe, das ist KRITIK, und die radikale, weil unendliche Kritik ist ÖFFENTLICHKEIT. (Das ist ganz wurscht, ob die Wissenschaftler selber diesen 'kritischen' Begriff von Wissenschaft haben; denn KRITISIEREN werden sie den lieben Kollegen so wie so.)

Der springende Punkt: Eine wie immer geartete Aussage über den Sinn der Welt, des Lebens, der... wird nie zu BEGRÜNDEN sein, denn dann müsste sie irgendwann auf einen LETZTEN Grund stoßen, der seinerseits nicht mehr BEGBRÜNDET ist; der aber aus eben demselben 'Grund' nicht GELTEN kann - weil er eben nicht... begründet ist.

Langer Rede kurzer 'Sinn': Der Sinn der Welt pp. kann nicht (wissenschaftlich) BEWIESEN, sondern allenfalls (sofern man ihn will!!) BEHAUPTET werden. Das geeignete Medium seiner Darstellung ist nicht der (Begriffe folgernd miteinander verknüpfende) Diskurs, sondern die bildliche Anschauung: ist nicht Logik, sondern Ästhetik. (Lässt sich noch VIEL weiter ausführen...)

Ob dieses Genre, zu dem ich auch einiges beizutragen hätte, dann "Lebensphilosophie", "Philosophie der Tat" oder ähnlich genannt werden darf, ist einen Streit nicht wert. Entscheidend ist. Es entscheidet allerdings darüber, welchem Zweck die Philosophie, 'sofern sie wissenschaftlich ist', nämlich die KRITISCHE, eigentlich dient; d. h. welchen 'Sinn' sie hat. Es ist, wie immer die Antworten jeweils ausfallen, META-Philosophie - ein Denken, Reden, Meinen ÜBER die Philosophie.

Als MOTIV liegt sie der Philosophie 'zu Grunde'. AUSFÜHREN lässt sie sich allerdings erst, wenn die Philosophie ihre wissenschaftliche, weil kritische Arbeit vollendet hat. Der Anfang muss sich als Ende behaupten.

*

Sowas habe ich vermutet: Ihre verbitterten Sätze über die Wissenschaft stammen nicht ihrerseits aus wissenschaftlicher Kritik, sondern aus persönlichen Erlebnissen mit dem gegenwärtigen akademischen Wissenschaftsbetrieb. Ich werde nicht ein xstes vergebliches Mal versuchen, Ihnen den Unterschied zu erläutern. Ich will nur Sie (und die Leser) bitten, sich diese Ihre Aussage recht zu Gemüte zu führen.

27.02.10 @ 19:04
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier, vielen Dank für Ihren letzten Blogkommentar: Nun verstehe ich Ihr Denken in mehreren wichtigen Punkten viel besser.

Und auch die Unterschiede in unseren Entwürfen von Philosophie treten nun mit großer Schärfe hervor:

Sie schreiben: "Das Feld des Positiven hat sie den Realwissenschaften (zu) überlassen - seit Kant." Sie sehen die Philosophie als ein Ding, das sich als ganzes im Laufe der Geschichte fortentwickelt hat, weshalb man seit Kant nur noch kritisch philosophieren dürfe. Meinem Philosophieentwurf zufolge dürfte man von einer "Philosophie seit Kant" strenggenommen nicht sprechen, weil Philosophie mit einem jeden Menschen geboren wird und stirbt. Ich will damit nicht leugnen, dass sie eine Tradition hat, sehe aber nicht ihren Sinn in dieser Tradition. Sondern meine, dass wir uns von den Gedanken früherer Philosophen inspirieren lassen können oder sie uns aneignen können, um sie dann selber in unserem eigenen Denken zu verwenden (oder auch nicht zu verwenden). Sie haben also eher einen Philosophiebegriff, in welchem Philosophie als ein Fach erscheint, während in dem meinen Philosophie eine persönliche Disziplin, eine persönliche Übung des Denkens ist, so ähnlich wie auch Ethik die persönliche Übung (der Umgang mit sich selbst) ist, welcher das Ziel hat, das Gute zu tun:

Sie schreiben: "In einem strengen, und das heißt: wissenschaftlichen Sinn ist das keine Philosophie." Tut mir leid, aber dass etwas im wissenschaftlichen Sinn Philosophie sein könnte, ist im Rahmen meines Philosophieverständnisses eine Un-Vorstellung. Wenn man die Gründe einer Behauptung streng prüft, dann kann das höchstens philosophisch sein, aber nicht wissenschaftlich. Von einer "Philosophie im streng wissenschaftlichen Sinn" zu sprechen, bedeutet für mich, in die Philosophie Kriterien von außen hereinholen, die mit dem Wesen und Sinn der Philosophie nichts zu tun haben. Und wenn Sie sich dabei auf Platon berufen, dann ist das ein historischer Willkürakt: Warum gerade Platons Wissenschaftsvorstellung zum Ausgangspunkt machen, die doch mit der heutigen wenig bis gar nichts zu tun hat?

Sie schreiben: "Eine wie immer geartete Aussage über den Sinn der Welt, des Lebens, der... wird nie zu BEGRÜNDEN sein, denn dann müsste sie irgendwann auf einen LETZTEN Grund stoßen, der seinerseits nicht mehr BEGBRÜNDET ist; [...]
Langer Rede kurzer 'Sinn': Der Sinn der Welt pp. kann nicht (wissenschaftlich) BEWIESEN, sondern allenfalls (sofern man ihn will!!) BEHAUPTET werden." - An diesem Punkt zeigen sich meiner Meinung nach die Grenzen Ihrer Wissenschafts- und Philosophiekonzeption. Die Tatsache, dass Sie beide jeweils als Fach sehen, das sich über die Jahrtausende erstreckt, verführt Sie zu dem Gedanken, dass der "Sinn der Welt" oder der Sinn des Lebens etwas ist, das ein für alle Mal festgestellt werden könnte, wenn das nur ginge, was leider nicht möglich ist. Ihrem Konzept von Philosophie fehlt aus meiner Sicht die Dynamisierung, welche es erlaubt, Sinn nicht als etwas zu sehen, um das man sich einmal kümmert und das einem dann für immer bleibt, sondern als etwas, das es täglich zu erringen gilt und wofür es eine Philosophie als persönliche Disziplin des Lebens braucht.

Trotz all diesen Unterschieden finde ich es erstaunlich, dass wir beide zu ähnlichen Ergebnissen kommen, was die Überzeugung betrifft, dass Philosophie heute ihre ehemaligen wissenschaftlichen Träume aufgeben muss und in irgendeiner Form eine "Philosophie der Lebenskunst" werden muss.

Noch ein wichtiges Wort zum Abschluss Ihres Blogkommentars. Sie schreiben: "Sowas habe ich vermutet: Ihre verbitterten Sätze über die Wissenschaft stammen nicht ihrerseits aus wissenschaftlicher Kritik, sondern aus persönlichen Erlebnissen mit dem gegenwärtigen akademischen Wissenschaftsbetrieb." - Erstens, meine "verbitterten Sätze": Die Einsicht, dass die Welt schlecht ist, gibt uns nicht das Recht, über sie verbittert zu sein; auch ich bin es nicht. Meine Sätze drücken also nicht mehr aus, als dass die Welt schlecht ist, dass sie eine "mean ole world" ist, was eine Einsicht übrigens ist, die schon viele gehabt haben. Die Methode, meine Gedanken durch den Vorwurf der Verbitterung zu diskreditieren, führt zu Denkverboten von der Art, wie ich sie in diesem Blog schon einmal beschrieben habe (Siehe: http://philosophieblog.de/blognews/denkverbote-beim-philosophieren-vor-dem)

Zweitens, darüber dass meine Sätze nicht aus wissenschaftlicher Kritik stammen, sondern aus persönlichen Erlebnissen mit dem Wissenschaftsbetrieb. Zu diesen persönlichen Erlebnissen ist zweierlei zu sagen: zum einen sind sie nicht nur persönlich - ein jeder kann hingehen und vergleichbare Erfahrungen im Wissenschaftsbetrieb machen. Auch die Diskreditierung meines Philosophierens durch das Wort "persönlich" funktioniert also nicht, denn Philosophie ist diejenige Disziplin, welche argumentativ die Brücke zu schlagen versucht zwischen dem, was persönlich ist und dem, was für die anderen auch gilt. Das Zweite, was zum Wörtchen "persönlich" noch unbedingt zu sagen ist, ist, dass es nicht nur keine Bezeichnung für einen Makel einer Philosophie ist, sondern sogar eine Auszeichnung: Jedes Philosophieren, das gut ist, hat von persönlichen Erfahrungen auszugehen, andernfalls hat es die Form: "Diese Aussage betrifft alle Menschen, aber mich nicht." - und wird dadurch irrelevant. Es ist übrigens mein Eindruck, dass die heutige Philosophie oft schal wirkt, weil sie mit zuwenig persönlichem Engagement verbunden ist: Man liest etwa ein philosophisches Buch, in dem fortwährend die Rede ist von dem, wie etwas ist oder nicht ist und stellt sich die viel wichtigere Frage, von der im Buch keine Rede ist: Was will er denn, was hat er denn?

In diesem Sinne hoffe ich nun auch, mich Ihnen besser erklärt zu haben. Herzlichst Ihr philohof


28.02.10 @ 10:37
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Ich bin freilich der Meinung, dass die Philosophie mit der "Kritischen" alias Tranzendentalphilosophie (Kant bis Fichte) ihrem Umfang nach 'abgeschlossen' ist; nämlich nur als KRITIK besteht an allen ('metaphysischen') Versuchen, aus reinen Denkbestimmungen Aussagen über das Wirkliche destillieren zu wollen. Mit dem 'Umfang' ist allerdings nicht ihr 'Stoff' erschöpft; denn die Versuchung, aus einem (postulierten) 'Sinn' auf ein (vorfindliches) 'Sein' zu schließen, tritt tagtäglich im Alltagsverständnis wie im Wissenschaftsbetrieb in Gestalt ihrer Umkehrung immer wieder an das Denken heran: nämlich aus einem (zuvor klammheimlich mit 'Sinn' aufgeladenen)
Sein (zirkulär) auf (dessen und meinen) Sinn zu schließen.

Ihre Sache ist es, das Feld des Denkens zu bereinigen.

Das schließt offenkundig die Möglichkeit AUS, 'Sinn' als ein Objektivum aufzufassen. Ich meine also das Gegenteil von dem, was Sie bei mir verstanden haben; nämlich "dass der Sinn des Lebens (oder 'der Welt' oder wie man das immer nennen will) aus keinerlei positivem Befund heraus zu lesen ist, sondern als Problem, als Aufgabe, als Frage der praktische Lebensführung anheimgegeben ist." Sein Leben kann jeder nur selber führen. Und welchen Sinn sein Leben hatte, stellt sich am Ende als der rote Faden heraus, den er hindurchgesponnen hat. Der eine spinnt ihn bewusster ("Lebensphilosophie"), der andere intuitiver: je von Entscheidung zu Entscheidung. Über die "Richtigkeit" ist damit nichts gesagt. Mit andern Worten - ob ihm die Lehren der Kritischen Philosophie bei seiner Lebensführung geholfen haben oder nicht, steht ganz in den Sternen und ist seinem eigenen Urteil unterworfen. Dasselbe gilt für die diversen konkurrierenden Weisheitslehren, die er privatim für sich wählen mag oder auch nicht, und für die er niemandem (und das heißt: nicht öffentlich) Rechenschaft zu geben hat.

Ihre Erlebnisse mit dem Wissenschaftsbetrieb nenne ich deshalb privat, weil irgendein Anderer ganz andere Erlebnisse haben kann. Ich selber habe nie einen Posten im akademischen Betrieb bekleidet, weil ich nie einen erstrebt habe. Ich muss daher auch nicht verbittert sein. Dass ich meinen Bemühungen im Feld des Denkens eine größere Resonanz wünsche, als sie tatsächlich haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Nämlich auf dem Blatt, wo eingetragen ist, dass diese Bemühungen nicht im Geist der Zeit liegen. Das könnte ich ja ändern, wenn ich wollte, aber ich will es nicht.

Stattdessen bediene ich mich eines Mediums, das neu ist und dem die akademische Zunftphilosophie auf die Dauer nicht standhalten wird: des Internets.

Nota: Allerdings ist der Gedanke, dass nur das für wahr gelten soll, was zuvor von der Vernunft auf die Tragfähigkeit seiner 'Gründe' geprüft wurde, von Plato in die Philosophie eingeführt worden. Wir sind uns einig (oder nicht?), dass die realen Wissenschaften (insofern sie nämlich solche sind - und nicht bloß Ansammlungen aporetischen Handwerkerwissens) aus der Philosophie entstanden sind. Nämlich in dem Moment, als Galileo gegen die arstotelische Tradition der Scholastik auf Plato zurückgegriffen und dessen "Ideen"-Lehre zur Lehre von den "Naturgesetzen" umgeformt hat. ERST DANK DIESER WENDUNG hatte die Forschung einen Maßstab, an dem sie GEPRÜFT und ipso facto ÖFFENTLICH werden kann; nicht durch persönliche Einweihung offenbart, sondern durch allgemein kritisierbare Arbeit erworben.
28.02.10 @ 12:32
Kommentar von: tripo [Mitglied] E-Mail
Herr Hofbauer, haben Sie sich die Alternative "normativ/idealistisch versus realistisch" gut überlegt? In Ihrem Artikel beschreiben Sie die Wissenschaft nicht durchgehend wertneutral, sondern zum Teil durchaus kritisch, etwa wenn Sie von exklusiven, führenden Wissenschaftlern vorbehaltenen Journalen sprechen.

Wer einen Gegenstand kritisch betrachtet, legt an ihn Kriterien an, bewegt sich also auf einer normativen Ebene. Sonst müsste er ihn völlig unkritisch abhandeln und einer Identität des Faktischen mit dem Normativen sich ergeben. Dieser Ergebenheit verfallen Sie offenbar nicht.

Mit dem, was Sie als Wissenschaft vorfinden, sind Sie nicht einverstanden. Abgesehen davon, dass mir dieser Standpunkt sympathisch ist, tun Sie damit etwas, das nicht nur dem philosophischen Denken, sondern dem Verstandesgebrauch überhaupt eigentümlich ist: Sie demonstrieren produktive Unzufriedenheit.

Einerseits idealisieren Sie die Wissenschaft zwar nicht, aber andererseits geht Ihr Realismus nicht so weit, dass Ihnen keine Differenz des heute vorherrschenden Wissensfortschritts zu redlicheren Bemühungen um Wissen vorschwebte. Demnach ist eigentlich beides für Sie real: das Faktische, das Sie nicht verklären wollen, und das Normative, das Sie genau davor, vor Verklärungen, bewahrt. Als Erkennender haben Sie das Eine sozusagen vor Augen, das andere sozusagen im Sinn. Und beides ist sozusagen der Fall.

Das spricht, denke ich, gegen das "versus" in der Überschrift Ihres Artikels. Es ist zu platt.
01.03.10 @ 12:36
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Zum Kommentar von Herrn Ebmeier,
tut mir leid, dass ich nicht sogleich Zeit gefunden habe zu antworten, aber abgesehen von der Arbeitslast, der ich mich zur Zeit ausgesetzt sehe, habe ich den Eindruck, dass es bisweilen auch besser ist, etwas einmal ein-zwei Tage wirken zu lassen, bevor man darauf reagiert. Man antwortet dann bisweilen anders als man es im ersten Reflex getan hätte.

Außerdem erscheint es mir - heute - so, dass die Weise, wie Sie sich die Dinge auseinandergelegt und die Philosophie zurechtgelegt haben, gar nicht einfach zu verstehen zu sein. Zum Beispiel verstehe ich nicht, wenn ich es einmal patzig und undifferenziert ausdrücke, wie eine rein Kritische Philosophie einem Menschen bei der Aufgabe seiner Lebensführung helfen könnte. Kritik kann schon helfen, aber Kritik nimmt ja nur weg, sie gibt einem nichts.

Aber nun mal langsam und der Reihe nach. Sie schreiben: "Ich bin freilich der Meinung, dass die Philosophie mit der "Kritischen" alias Tranzendentalphilosophie (Kant bis Fichte) ihrem Umfang nach 'abgeschlossen' ist; nämlich nur als KRITIK besteht an allen ('metaphysischen') Versuchen, aus reinen Denkbestimmungen Aussagen über das Wirkliche destillieren zu wollen." - Darauf können wir uns inhaltlich durchaus einigen, wenn ich es nicht philosophiehistorisch akzeptieren muss. Wie Sie wissen, habe ich die Tendenz, mich von philosophiehistorischen Bestimmungen (die ein für allemal festsetzen, wie etwas ist, zu distanzieren, um mir so den Freiraum zu schaffen, die Dinge auch wieder anders zusammendenken zu können, wenn es mir sinnvoll oder notwendig erscheint.

Damit ist aber noch lange nicht klar, dass ich ich verstehe, was Sie meinen, wenn Sie Philosophie ausschließlich als Kritik bestimmen. Irgendwo scheint mir da bei ihnen so etwas wie eine Warntafel vor dem naturalistischen Fehlschluss mit im Spiel zu sein. Ich bin zwar nun auch kein Metaphysiker, der sich die Welt im Kopf ausdenkt und aus diesem Ausgedachten, einen Lebenssinn herausdestilliert, der dann vielleicht gar auch noch für alle Menschen gültig sein soll. Aber ich glaube - mit Fernando Savater - (ich schreibe das, weil Sie vom "klammheimlich mit Sinn aufgeladenen Sein" schreiben), dass Sinn, also Lebenssinn von nirgendwo anders herkommen kann als vom Sein. Mit dem Sollen sollen sie zum Teufel gehen, sagt Fernando Savater, aber dass sie uns nur das Sein dalassen.

Und jetzt ist es aber so, dass solcherart aus dem Sein denkerisch herausgearbeiteter Sinn sich nur ein Stück weit argumentativ befestigen lässt und letztendlich in einer persönlichen Entscheidung seine Ursache und Grundlage hat. Und hier scheint mir - heute - der Hauptunterschied zwischen uns beiden zu sein: Sie sind offenbar ein "Unbedingter" und meinen, was man nur ein Stück weit rationalisieren kann, bei dem soll man den Versuch, es zu rationalisieren und zu argumentieren gleich ganz unterlassen.

Und das meine ich eben nicht. Vielleicht streiten wir uns deshalb über den Gegensatz von öffentlich und privat. Ich meine eben, dass der Mensch, welcher philosophiert, ein Bedürfnis hat, seine Gedanken über das Leben und sein Handeln auch zu äußern und sich mit anderen darüber auszutauschen. Wenn Sie hingegen schreiben, dass Sie meine Erfahrungen im Universitätsbetrieb für privater Natur halten, dann klingt das Wort "privat" danach, als ob ich sie besser nicht äußern sollte, weil sie im öffentlichen Raum (dieses Blogs hier z.B. keinen Platz haben).

Umgekehrt kann ich, wie Sie bereits mitbekommen haben, nichts mit ihrem Wort "öffentlich" anfangen, denn für mich ist Philosophie etwas, das den Austausch mit anderen Menschen verlangt, und zwar durchaus in einem größeren Umfang als dem bloß privaten, aber ohne dass sie deshalb in dem Sinn öffentlich wäre, dass sie allgemeine Geltung beansprucht.

Zum Beispiel: Sie schreiben: "Dasselbe gilt für die diversen konkurrierenden Weisheitslehren, die er privatim für sich wählen mag oder auch nicht, und für die er niemandem (und das heißt: nicht öffentlich) Rechenschaft zu geben hat." - Das ist ein Satz, der aus meiner Philosophiekonzeption heraus jedes Sinns entbehrt. Wieso sollte man sich vor der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen? Gewöhnlich philosophieren wir, um zu sehen, dass die anderen anders denken, anders leben, dass das auch geht - und dann gehen wir wieder auseinander und ziehen dennoch eine bestimmte Befriedigung aus dem Gespräch, welche darin ihre Wurzeln hat, dass wir uns nun in einem Feld von Möglichkeiten verorten können.

Also noch einmal: Für Sie scheint es entweder nur konkurrierende Weisheitslehren zu geben, die jemand privatim für sich annimmt, was mitbedeutet, dass er sich darüber auszuschweigen hat - und der Diskussion über wissenschaftliche Themen, die deshalb öffentlich ist, weil man in ihr der Öffentlichkeit Rechenschaft geben muss. Ich will nun zwischen diesen beiden von ihnen aufgestellten Polen - öffentlich und privat - in der Mitte durch, deshalb wissen Sie nicht, was Sie mit mir anfangen sollen.

Übrigens haben Sie recht, dass meine Erlebnisse im Wissenschaftsbetrieb persönlich sind (privat würde ich sie nicht nennen), weil ein anderer andere Erfahrungen machen kann als ich. Was auch tatsächlich geschieht, weil der andere Mensch einen anderen Charakter hat und andere Wahrnehmungsschwerpunkte setzt als ich. Aber sie sind eben nicht nur persönlich, weil ich sie ein Stück weit rationalisieren und nachvollziehbar machen kann, sodass auch derjenige, der dasjenige, was mir den Zahn zieht, vielleicht nicht als so gravierend empfindet, zugeben wird: Ja, das gibt es. Diese Erfahrungen existieren im Wissenschaftssystem - und zwar für alle.

Zum Schluss noch über Platon: Ich bin mir nicht sicher, ob Platon die Überprüfung der Tragfähigkeit der Gründe in die Philosophie eingeführt hat. Wie Sie wissen, gibt es bei Platon ja immer die Frage: Was stammt von Platon, was von Sokrates. Und hier schien mir immer Sokrates derjenige zu sein, der der Kritischere, Prüfendere war. Was an sich belanglos wäre, wenn Platon nicht der Touch des oft unkritischen Dogmatismus anhängen würde. Ich bin nun keine Philologe und habe Platon auch nicht in Griechisch gelesen. Aber wenn wir z.B. annehmen, dass "Der Staat" ein Werk ist, in dem mehr Platon als Sokrates steckt, dann würde ich doch sagen, in ihm hat sich Platon als ziemlich unkritischer Philosoph gezeigt.
Meint zumindest Ihr Philohof


02.03.10 @ 16:39
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Zum Blogkommentar von tripo,
haben Sie vielen Dank für Ihre Reaktion und auch Ihnen gegenüber dieselbe Entschuldigung wie gegenüber Herrn Ebmeier!

Zuerst einmal, verfallen Sie, bitte, nicht zu schnell in die Meinung, mich verstanden zu haben. Ich selber meine: Das ist alles sehr schwierig.

Z.B.: wenn Sie schreiben: "Wer einen Gegenstand kritisch betrachtet, legt an ihn Kriterien an, bewegt sich also auf einer normativen Ebene. Sonst müsste er ihn völlig unkritisch abhandeln und einer Identität des Faktischen mit dem Normativen sich ergeben. Dieser Ergebenheit verfallen Sie offenbar nicht." - Nein, das ist absolut nicht so: Um etwas kritisieren zu können, muss man nicht fertige, abgeschlossene normative Kriterien haben; man braucht dafür nur provisorische Gegenbilder - und mehr habe ich auch nicht. Ich habe keine definitive und umfassende Vorstellung davon, wie es sein sollte.

Das gilt auch für den nächsten Satz von Ihnen: "Mit dem, was Sie als Wissenschaft vorfinden, sind Sie nicht einverstanden. Abgesehen davon, dass mir dieser Standpunkt sympathisch ist, tun Sie damit etwas, das nicht nur dem philosophischen Denken, sondern dem Verstandesgebrauch überhaupt eigentümlich ist: Sie demonstrieren produktive Unzufriedenheit." - Das stimmt schon, aber nur zur Hälfte. Ich bin vielleicht mit der Wissenschaft zufrieden, weil ich nicht sehe, wie ich in ihr leben könnte und weil ich mir aufgrund ihres Bildes in der Gesellschaft etwas anderes erwartet habe. Aber, und das ist jetzt das große ABER: Ich weiß auch nicht, wie die Wissenschaft wirklich sein sollte. Es geht ja darum: Wenn man Veränderungsvorschläge macht, sollten diese auch umsetzbar sein. Und ich sehe die Wissenschaft heute in einer so dichten gesellschaftlichen Verflochtenheit und so viele gesellschaftliche Funktionen erfüllen, dass ich nicht wüsste, wie sie da rauszukriegen wäre, damit man sich überhaupt einmal überlegen könnte, wie die Wissenschaft sein sollte. Vielleicht kann also mein Ziel in gar nicht mehr bestehen, als zu erkennen, wie die Wissenschaft in der Realität heute tatsächlich ist und das zu akzeptieren. Nicht alles kann man verändern.

Warum ich mir kein normatives Bild von der Wissenschaft mache: Das hat einfach den Grund, dass ich mir wohl eines machen könnte, aber: Der existierende Wissenschaftsbetrieb hat ja auch so eines. Und wer, glauben Sie nun, wird wohl stärker sein mit seinem normativen Wissenschaftsbild? Ich oder der Wissenschaftsbetrieb? Ich denke, die Antwort ist eindeutig. Letztlich beruht meine Weigerung diesbezüglich wohl auf der tiefen Einsicht, dass man manchmal mit Argumenten nichts ausrichten kann, nämlich dort, wo sie auf Macht stoßen.

Sie meinen, meine Überschrift sei zu platt. Nun, ich weiß wirklich nicht: Ich habe diese Überschrift gewählt, weil ich mich durch den Austausch mit Bloggern hier in diesem Blog in diese Diskussion gedrängt gefühlt habe, in welcher es so aussah, als wollte ich immer die Wissenschaft beschmutzen, in dem ich nicht ganz lupenreine Praktiken aus dem Alltag des Wissenschaftsbetriebs als Argumente in Anschlag brachte. Es wurde geäußert, dass diese Beispiele aus dem Sein der Wissenschaft gar nichts zur Sache täten gegenüber dem Sein-Sollen, welches wirklich bestimmt, wie die Wissenschaft ist. Und hier dachte ich mir einfach: Warum, zum Teufel, bin ich der einzige, der die Wissenschaft in ihrem realen Bestehen und Funktionieren überhaupt wahrnimmt? Warum schweben alle anderen in den luftigen Höhen von Wissenschaftstheorie und philosophiehistorischen Bestimmungen, die sie mit leichter Hand verallgemeinern? Hat das, wie Wissenschaft real funktioniert denn nichts damit zu tun, was Wissenschaft ist. Ich meine, selbst wenn sie sich was Schönes ausdenken, muss es doch auch real funktionieren. Und wenn Sie es sich schön ausdenken und dann funktioniert es in der Realität hässlich, dann wird es doch wohl auch in Wahrheit eher hässlich sein - und Sie werden nicht sagen, es sei gut, nur weil es im Raum der Gedanken schön aussieht. Sie werden nicht sagen, die Realität hätte über die Norm in der Gedankenwelt nichts zu sagen. Wenn sie sich ein Auto ausdenken, und es verwirklichen, und es fährt nicht, dann, tut mir leid, dann ist es kein gutes Auto.
Herzliche Grüße philohof
02.03.10 @ 17:02
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
„Der Staat“ ist weniger unkritisch, als Sie glauben. Zwar apodiktisch (nicht-kritisch) vorgetragen, aber höchst oppositionell gegen den (demokratischen) Geist der Zeit. Plato gehörte der aristokratischen Minderheitspartei in Athen an, und „Der Staat“ ist eine Art Programmschrift.

Wer hat was…? Sagen wir mal so: Der Sokrates, den Sie kennen, stammt von Plato. Das bisschen, das man sonst von ihm weiß (Xenophon), ähnelt nicht sehr dem S. der platonischen Dialoge.

Und nun zur Sache. „Man kann leben und vielleicht der Vernunft ganz gemäß leben, ohne zu spekulieren; man kann leben, ohne das Leben zu erkennen. Aber man kann das Leben nicht erkennen, ohne zu spekulieren. Also – kein Satz einer Philosophie, die sich selbst kennt, ist in dieser Gestalt, noch verlangt zu sein, ein Satz für das wirkliche Leben. Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch. Sie hat die Bestimmung, die gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen. Mittelbar, d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die Menschen bilden müsse, um moralische, echtreligiöse, legale Gesinnungen in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu machen. Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse. – Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal lediglich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt.“ So sagt mein Gewährsmann.* Ich könnte es nicht besser.

Ganz entschieden: Die Sinnsuche kann man auch „ein Stück weit“ nicht wissenschaftlich betreiben. Was an ihr ‚rational’ sein mag, hat vor ihr stattgefunden: Das Austreiben aller metaphysischen Sparren. Und nachdem die alle vom Tisch sind, steht der Mensch nackt und bloß da und hat nichts, woran er sich halten kann: in die Existenz „geworfen“. Ja und ? Schwimmen lernt man im See. Man muss es mal drauf ankommen lassen. Nein, man muss nicht, man kann auch hinterm Ofen bleiben. Aber dann darf man auch das Maul halten.

Doch wer gesprungen ist, muss sich nicht ausschweigen darüber, wie es ihm beim Schwimmen ergangen ist. Er darf ruhig andern was davon erzählen, und sei’s nur, um sich Luft zu machen. Aber eben ERZÄHLEN. Das ist Dichtung. Das darf jeder. Er darf es sogar Philosophie nennen, nämlich vorm großen Publikum. Aber für die Philosophie selber ist es ohne Belang.

Und – nehmen Sie’s mir nicht krumm – Ihre Erzählungen von Ihren Schicksalen im akademischen Betrieb waren bislang so karg, dass es auch nicht viel anders ist, als hätten Sie es unterlassen. Als Erzählung sind sie nicht besonders, und zur Sache tragen sie nichts bei.

PS. Kennen Sie übrigens Alice Schwarzers Kriegsruf „Das Private ist politisch“? Gemeint ist natürlich: Wir wollen das Politische zu unserer Privatangelegenheit mach. Doch mit dem Politischen ist es wie mit der Wissenschaft: Sie sind ihrem Wesen nach öffentlich. Und so die Philosophie, sofern sie Wissenschaft ist. Sofern sie es aber nicht ist… (usw.)

Beste Grüße, J. E.

*) http://jogofichte.wordpress.com/ruckerinnerungen/
02.03.10 @ 23:26
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Ja, und nun noch zu Ihrem ewigen Lamento über den Alltag der Wissenschaften. Ich habe es Ihnen schon einmal geschrieben, aber Sie haben es nicht beantwortet: Was dieser oder jener Wissemnschaftler, was dieses oder jenes Institut, was diese oder jenes Jahrzehnt sagt, tut, meint oder taugt, ist völlig wurscht. Sie mögen dogmatische Scheuklappen haben oder kritische Frohgemüter sein - kritisieren werden sie den lieben Kollegen in jedem Fall, schlimmsten Falls hintenrum, und irgendwann kommt jeder faule Trick raus.

Suchen Sie bei Google unter Climagate, IPCC, Rajendra Pachauri, Phil Jones, Gletscherschmelze, University of East Anglia!

Sie machen nicht mich, sondern sich lächerlich, wenn Sie von einem Johannes erzählen, der auf diesen Seiten die Wissenschaften idealisiert hätte.
02.03.10 @ 23:36
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
mit Ihnen zu diskutieren ist ein bisschen so wie abwechselnd heiß und kalt geduscht zu werden. Hatte ich bei ihrem vorvorletzten Kommentar zu meinem Blogeintrag den Eindruck, dass Sie mich für einen Idioten halten, schien es in ihrem vorletzten Blogkommentar so, als hätten Sie dieses Urteil auf "halber Idiot" reduziert, während Ihre letzte Reaktion wieder die volle Stärke eines negativen Urteils über mich und mein Denken durchscheinen lässt. Aber sei das, wie es sei...

Nun zum Inhaltlichen, wobei ich mich wirklich nur auf die Beantwortung derjenigen Aspekte konzentrieren möchte, die im Rahmen der Diskussion zwischen uns beiden wesentlich zu sein scheinen.

1. Sie haben eingentümlich verkehrte Wertungen. Dass Platon ein apodiktisches Werk in einer Zeit geschrieben hat, die eine seiner eigenen aristokratischen politischen Haltung entgegengesetzte demokratische Anschauung hatte, macht dieses Werk noch nicht kritisch. Es bleibt ein apodiktisches, recht dogmatisches Werk und vor allem eines, dass sich eine recht dogmatische, verschlossene und unfreie Gesellschaft wünscht. Die Rede soll aber hier nicht von Platon sein, sondern von Ihnen, Herr Ebmeier: Ich halte mich doch für einen Philosophen, für den das Fragen im Mittelpunkt des Philosophierens steht und wenn ich erlebe, wie Sie Wahrheiten (die zum Teil durchaus auch richtig sind und denen ich teilweise auch zustimmen würde) verkünden, dann muss ich doch sagen, dass ihnen das Wesentliche fehlt, dass sie zur Philosophie macht: Es ist das das Vorsichtige, das Leise, das Fragende, das Kritische. Paradox ist dabei, dass Sie selbst das Kritische für Ihre Art des Philosophierens in Anspruch nehmen, aber da muss ich sagen: Der Ton Ihres Philosophierens ist nicht kritisch, sondern dogmatisch. Es ist ein Ton, der darauf aus ist, sich durchzusetzen und der es nicht zulässt zu hören, wahrzunehmen, was andere Stimmen sagen.

2. Sie haben ein reduziertes Philosophiebild. Warum sie dieses reduzierte Philosophiebild haben und wozu, weiß ich ja nicht. Tatsächlich beschreibt das Zitat von Fichte, das Sie bringen, ja recht gut die Realität: Die meisten Menschen können leben ohne nach Erkenntnis zu streben. Gleichzeitig ist aber genau dieses Phänomen eines, dem der philosophische Mensch immer mit Unverständnis und mit Verwunderung gegenübersteht: Wie kann man nur so leben? Sie, Herr Ebmeier, scheinen davon auszugehen, dass man so leben kann. Also dient Philosophie nur mehr, um die metaphysischen Sparren wegzuräumen und dem Menschen zu zeigen, dass er nackt ist. Ich würde ja nicht sagen, dass das nicht stimmt. Aber getan ist damit noch nichts. Damit ist nur ein Ausgangspunkt erreicht, von dem ausgehend man dann anfangen könnte zu philosophieren.

3. Philosophieren ist tatsächlich ERZÄHLEN! Sie schreiben: Doch wer gesprungen ist, muss sich nicht ausschweigen darüber, wie es ihm beim Schwimmen ergangen ist. Er darf ruhig andern was davon erzählen, und sei’s nur, um sich Luft zu machen. Aber eben ERZÄHLEN. Das ist Dichtung. Das darf jeder. Er darf es sogar Philosophie nennen, nämlich vorm großen Publikum. Aber für die Philosophie selber ist es ohne Belang." Ich weiß nicht, warum das für die Philosophie ohne Belang sein sollte. Fernando Savater sagt: Wenn das, was der Philosoph erzählt, gilt, also wenn er es wirklich ernst meint, dann ist Philosophie freilich eine Erzählung. Ich verstehe nicht, warum Sie der Philosophie den größten Teil abschneiden, um nur einen Stummel stehen zu lassen.

4. Sie schreiben: "Ihre Erzählungen von Ihren Schicksalen im akademischen Betrieb waren bislang so karg, dass es auch nicht viel anders ist, als hätten Sie es unterlassen. Als Erzählung sind sie nicht besonders, und zur Sache tragen sie nichts bei." - Tut mir leid, aber hier muss ich Ihnen einen Vorwurf zurückgeben: Das ist nun wiederum Ihre ganz persönliche und subjektive Meinung. Diese Meinung hängt davon ab, wie Sie Wahrnehmungsvermögen perspektiviert und schwarfgestellt haben und hat sehr wenig mit meinen Geschichten aus dem akademischen Betrieb zu tun.

5. Und jetzt kommen wir noch einmal zu einem Punkt, der wichtiger ist, weil er den Hintergrund und die tieferen Ursachen unserer unterschiedlichen Grundeinstellungen thematisiert: Es ist Ihnen offenbar wichtig - und deshalb reklamieren Sie es auch, dass ich zuletzt einmal nicht darauf geantwortet hatte - dass auch im realen Wissenschaftsbetrieb Mechanismen existierten, die bewirken, dass nach Jahrzehnten die Wahrheit ans Licht kommt, dass Irrtümer korrigiert und Betrügereien aufgedeckt werden. Es stimmt: Dieser Punkt ist aus meiner Perspektive nicht so wichtig, weil es mir ja nicht so sehr um die Wahrheit in absolutem Maß geht, die dann vor die Menschheit hingestellt wird, sondern darum, ob das menschliche Leben gelingt (ich bin ein ethischer Denken). Na, und wenn es Jahrzehnte dauert, bis so etwas korrigiert wird, dann ist bis dahin oft ein Menschenleben schon verpfuscht. Ich versuche immer wieder, meinen Mitmenschen diesen Unterschied klarzumachen, aber es gelingt mir offenbar nur schwer: Wenn die Wissenschaft einen Menschen kaputt macht, ihm das Leben zerstört, ist das aus meiner individualistischen Perspektive ein Totalverlust, ein Verlust von 100%; aus der Perspektive der Wissenschaft oder der Gesellschaft ist es jedoch nur einer weniger, der mitmacht, und die Situation wird erst dann gravierend, wenn zuviele nicht mehr mitmachen und man Probleme hat, die vorhandenen offenen Stellen mit Nachwuchs zu besetzen. Für Sie, Herr Ebmeier ist also von größter Wichtigkeit, dass sich im Wissenschaftssystem mit der Zeit trotzdem alles wieder einrenkt. Ich weiß nicht, warum das für Sie das Wichtigste ist. Für mich ist das Wichtigste oder wäre das Wichtigste, dass man den Menschen ernst nimmt, deshalb kann ich die Anschauung, wonach die wissenschaftliche und für alle gültige Wahrheit das Wichtigste ist, nicht teilen.

6. Ich erfinde keinen Johannes, Sie können ja selber nachlesen, mit wem ich in bei meinem letzten Blogeintrag, in dem ich das Beispiel aus dem Marketing brachte, diskutiert habe. Im Übrigen würde ich ja auch Sie und unseren Kollegen, Herrn Heichele, zu denjenigen zählen, die eine normative Sicht der Wissenschaft hochhalten. Ihre Verachtung meines "Lamentos über den Alltag der Wissenschaften", beruht wie ich vermute, auf einem Missverständnis und darauf, dass Sie das dahinterstehende Problem noch nicht tief genug durchdacht haben. Sie meinen wohl, es ginge mir allein um gelegentliches unsauberes Verhalten, wie es in der Praxis des Wissenschaftsbetriebs vorkommt. Es geht mir aber um eine größere Frage, nämlich darum, wozu dieser große gesellschaftliche Wissenschaftsbetrieb eigentlich gut ist. Und hier zeigt sich, dass er nicht in erster Linie ein Instrument ist, um die Wahrheit von einzelnen Aussagen über die Wirklichkeit zu bestätigen, sondern dass er eine gewaltige Maschine zur umfassenden Sammlung von Erkenntnissen ist. Wenn ich diese Einsicht ernst nehmen, dann folgt daraus, dass die Funktion der Wissenschaft die Wahrheit zu erkennen (oder durch die Feststellung einer wahren Aussage eine Erkenntnis hervorzubringen) in den Hintergrund tritt gegenüber dieser gewaltigen Sammlungs- und Aufbewahrungswut von Wissensbausteinen. Hieran schließt sich die Frage: Für wen und für was wird da gesammelt und aufbewahrt? Naheliegend ist die Antwort: für die Gesellschaft. Für die Wirtschaft ist sicher auch richtig, denn alljährlich hören wir, dass mehr für Forschung und Entwicklung investiert werden soll, damit das Wirtschaftswachstum zumindest 3% erreiche. Und vor diesem Hintergrund nun frage ich mich: Wer will heute noch irgendetwas wissen? Hat Wissenschaft heute überhaupt noch irgendein Interesse daran, einen Wissensdurst zu befriedigen? Will sie noch in irgendeiner Hinsicht Erkenntnis sein, also jemandem einen Zusammenhang aufhellen und diese Person oder Gruppe dadurch dahin zu führen, insgesamt mehr von der Welt zu verstehen? Sind die Ziele der Wissenschaft eigentlich noch wissenschaftlich motiviert, nämlich in dem Sinne, dass man sagt: Das und das zu untersuchen würde ausgehend von unserem bisherigen Wissen über die Realität Sinn machen? Oder arbeitet sie nur blind vor sich hin, indem einfach alles beforscht wird, wofür die Gesellschaft und die Politik bezahlte Stellen einrichtigen.

Aber Sie scheinen alle diese Fragen ja für unwichtig zu halten, Herr Ebmeier, fürchtet Ihr philohof!
03.03.10 @ 11:34
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Herr Hofbauer, Sie haben mich in allem richtig verstanden. Persönliche Befindlichkeiten intertessieren mich bei Leuten, zu denen ich persönliche Verhältnisse unterhalten. Bei anderen nicht. Ich kann einen philosophischen Belang darin nicht erkennen.

Aber da Sie nun eben so darauf beharren, will ich Ihnen schließlich meinen persönlichen Eindruck von Ihren persönlichen Leiden sagen: Sie erinnern mich an den Fuchs, der meinte, die Trauben seien viel zu sauer.

Dass der Philosoph auf Filzpantoffeln durch die Gemeinde schleichen sollte, meine ich tatsächlich nicht, auch da verstehen Sie mich richtig. Und ich bin froh sagen zu können, dass sich keiner von den Philosophen, von denen ich irgend etwas halte, sowas nachsagen lassen musste. Das Wahre ist etwas, das zu erkämpfen ist - wenn man irgendwas Wahres über das Wahre sagen kann, dann ist es das. Und wirklich interessiert mich am Fragen nur die aufzufindende Antwort, interessiert mich am Anfangen nur das Resultat. Wie sich wer dabei fühlt, ist mir restlos wurscht. Ich bin weder Seelsorger noch Therapeut.

Übrigens - Kritik kommt von gr. 'krínein': das heißt 'urteilen'. Das gr. Wort 'krísis' heißt Entscheidung. So wird es auch von den Ärzten gebraucht. Kritik ist nicht die Praxis des Lamentierens vor dem Spiegel, sondern die Praxis des Trennens der Spreu vom Weizen. Meines Wissens spielt dabei der Dreschflegel eine primordiale Rolle.


03.03.10 @ 20:37
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
was Sie zuletzt schreiben, erscheint mir als geeignetes Schlusswort für diese Debatte. Andere Debatten zu anderen Themen mögen ruhig kommen. Das Einzige, was ich zu Ihrem letzten Blogkommentar noch anmerken möchte, ist, dass die Wahrnehmung und das Ernstnehmen der Befindlichkeit einer anderen Person aus meiner Sicht nicht nur im seelsorgerischen und im therapeutischen Kontext Platz hat. Sondern für mich gehört die emotionale Dimension mit zur Wahrnehmung eines Menschen als Menschen, zu seiner Wahrnehmung als ganzer Person. Sie ist somit essentiell für Philosophie.
03.03.10 @ 23:00

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