Perfekte soziale Mimikry

von philohof E-Mail

Angesichts der Tatsache, dass unsere heutige Gesellschaft (wieder) eine solche ist, die von ihren Mitgliedern absolute Anpassung fordert, war es für mich interessant zu erfahren, dass Wittgensteins Philosophie zu seiner Zeit einen Fall von perfekter Mimikry darstellte.

In ihrer 1973 erschienen Studie Wittgenstein’s Vienna (Elephant Paperbacks, Chicago 1996) erklärten Allan Janik und Stephen Toulmin Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus als den ersten Teil eines Werks, von dem der zweite, wichtigere, ungeschrieben blieb und ungeschrieben bleiben musste.

Der zweite Teil handelt von Ethik, Ästhetik und den Werten, und er musste ungeschrieben bleiben, weil er nach Wittgenstein dasjenige enthielt, was unsagbar ist oder sich nur auf indirektem Wege zum Ausdruck bringen lässt; beispielsweise durch ethische Fabeln, wie Tolstoi es gemacht hat.

Aber er musste nicht nur ungeschrieben bleiben, sondern Wittgenstein durfte nach Janik und Toulmin nicht einmal offen sagen, worauf sein Tractatus hinauswollte, weil es sich dabei um ein Projekt der Abgrenzung von innen nach dem Vorbild der Kantschen Kritik der reinen Vernunft handelte.

In dieser Kritik grenzte Kant das Gebiet dessen, was für die menschliche Vernunft zugänglich und prozessierbar ist, ab von dem, worüber keine vernünftigen Aussagen gemacht werden können – und Kant bewerkstelligte dies durch eine Darstellung der Mittel, die der menschlichen Vernunft zur Verfügung stehen, also durch eine Kritik der Vernunft.

Etwas Vergleichbares machte Wittgenstein im Tractatus durch eine Kritik der Sprache, doch mit einem wichtigen Unterschied in der Zielsetzung: Während Kant erreichen wollte, dass man sich doch endlich mit denjenigen Inhalten beschäftige, die der Vernunft auch wirklich zugänglich sind, war Wittgenstein der Ansicht, dass dasjenige, „worüber man nicht sprechen kann“, das eigentlich Wichtige sei.

 

The book’s point is an ethical one. I once meant to include in the preface a sentence which is not in fact there now, but which I will write out for you here, because it will perhaps be a key to the work for you. What I meant to write, then, was this: My work consists of two parts: the one presented here plus all that I have not written. And it is precisely this second part that is the important one. My book draws limits to the sphere of the ethical from the inside as it were, and I am convinced that this is the ONLY rigorous way of drawing those limits.” (S. 192, Wittgenstein in einem Brief an Ludwig von Ficker, den Herausgeber des “Brenner”)

 

Und er meinte offenbar auch, dass Andere ebenfalls zu diesem Schluss kommen mussten, wenn sie den Tractatus nur aufmerksam läsen und genau durchdächten. Das war aber nicht der Fall: Bertrand Russell hielt Wittgenstein für seinen Schüler und verschaffte ihm in Cambridge eine Professur, und der Wiener Kreis verwendete den Tractatus als Grundlage für den Logischen Positivismus.

Dass Wittgenstein Carnap Gedichte von Tagore vorlesen wollte, anstatt über technische Details des Tractatus zu diskutieren, irritierte die Mitglieder des Wiener Kreises; aber Wittgenstein hatte ja bereits eine Anstellung in Cambridge.

 

„At Schlick’s request, Wittgenstein agreed to meet Carnap and some of the other members of the Vienna Circle, but it immediately became apparent that their intellectual positions were far apart – perhaps, unbridgeably so. To begin with, Wittgenstein was unwilling to discuss technical points in philosophy with the members of the Vienna Circle, and he insisted rather on reading poetry to them, especially the poems of Rabindranath Tagore.” (S. 215)

 

Es ist nun nicht so, dass ich nicht glauben würde, einem Wittgenstein, dem Sohn eines großen Stahlmagnaten und eines der reichsten Männer der Habsburgermonarchie, wäre es nicht ohnehin offengestanden, seinen Tractatus zu veröffentlichen und Philosophie zu unterrichten, wenn er das wollte; ich denke nur, dass Wittgensteins Philosophie von der Form her ein interessanter Fall von Mimikry ist.

Es scheint, als wäre es Wittgenstein gar nicht bewusst gewesen, dass man seinen Tractatus dazu verwenden würde, um daraus den Logischen Positivismus des Wiener Kreises und den Logischen Empirismus der Analytischen Philosophie zu entwickeln – ebenso wie Janik und Toulmin zufolge Armin Schönberg und Adolf Loos Revolutionäre wider Willen waren und sich mit dem, was ihre Schüler aus ihren Thesen machten, nicht identifizieren konnten. Dabei hätte ihnen doch bewusst sein müssen, wohin das alles führt.

Das war aber nicht der Fall: Während Wittgenstein nach exakter philosophischer Analyse der Sprache glaubte, die Leiter wegwerfen zu können, auf der er hochgestiegen war, um sich nun Fragen der Ethik zuwenden zu können, meinten die Anderen, er habe die Grundlage für eine Philosophie als wissenschaftlicher Disziplin geschaffen.

Dass er das nicht gemacht hat, hat seinen Grund darin, dass Wittgenstein in seinem Tractatus nichts über das Verhältnis zwischen Logik und Welt gesagt hatte. Dass hier tatsächlich ein Problem liegt, ist ihm in der Folge bewusst geworden, und er hat ihm den gesamten zweiten Teil seiner Philosophie gewidmet.

Wittgenstein glich einem Durstigen, der mit keinem Wort das Wasser erwähnte. Er tat dies, um für Ethik und Kunst, die ihm wichtig waren, einen Bereich abzugrenzen, aus dem Wissenschaftler und Philosophen ausgeschlossen waren.

Leider hatte Wittgenstein kein Interesse an soziologischen Zusammenhängen. Sonst hätte ihm wie Janik und Toulmin auffallen können, dass er seinen Tractatus unter dem Eindruck der sklerotisierten Gesellschaft der Habsburgermonarchie formulierte, welche aufgrund der Künstlichkeit ihrer Umgangsformen keine öffentliche Diskussion moralischer Fragen zuließ.

Der eigentliche Inhalt des Tractatus ist damit: der Rückzug ins Private. Und sein Auslöser war eine Gesellschaft, in der junge Leute die Erfahrung machten, dass alles Fassade war, künstlich und falsch und sie ihre eigenen Ziele und Ideale im öffentlichen Leben nicht artikulieren konnten.

Mit dem ersten Weltkrieg zerfiel diese versteinerte Gesellschaft, und es folgte eine kurze Periode relativer Freiheit. Dann organisierten sich die einzelnen Disziplinen in Kunst und Wissenschaft und schufen ihre Standards für gute künstlerische Produktionen und gute wissenschaftliche Arbeit.

Damit wurde, nach Janik und Toulmin, ein „single-headed despotism [replaced] by a Hydra-headed one“ (S. 275) und also dieselbe Situation, die Karl Kraus und Wittgenstein eine strikte Trennung von Fakten und Werten fordern ließ, in neuer Gestalt reproduziert.

Noch kein Feedback

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
Bitte schreiben Sie "Philosophie" (ohne Anführungszeichen)
antispam test