Philosophie ist der Gourmet Report
von philohof
Link: http://www.philosophie.ch/assets/files/debates/whatisphilosophy.pdf
Auf seine Webseite www.philosophie.ch hat Philipp Keller einen Text aus dem Jahr 2006 mit dem Titel: What is Philosophy? gestellt, in dem er sagt, dass man nicht danach fragen soll, was Philosophie sei, weil das eine „spurious question“ ist:
“Aside from doing better philosophy, we should also adopt a clearer view of how to improve the methodological and institutional framework for our discipline. In particular, we should stop asking spurious questions and making spurious distinctions. One of the questions we should stop asking is what philosophy is. I do not mean to say by this that methodology is unimportant,3 but with philosophical methodology, as with philosophy in general, the devil is in the details – rather than asking what philosophy is, we should ask about how best finding out about knowledge, essence or duties. “What is Philosophy?” is also a spurious question because we all know what it is – what we do, or at least, what we are supposed to do.4 Philosophy is what Aristotle, Aquinas, Hume, Kant, Frege,Carnap,Russell,Quine,Armstrong and Lewis did. It is what serious philosophy journals such as Mind, Philosophical Reviewand theAustralasian Journal of Philosophy publish and what the highly-ranked departments in the Philosophical Gourmet Report do better than their Anglo-Saxon competitors.”
Ich glaub das halt nicht, und ich glaub auch nicht, dass wir alle wissen, was Philosophie ist oder dass Philosophie das ist, was Aristoteles, Thomas von Aquin, Hume, Kant, Frege, Carnap, Russell, Quine und Lewis getan haben. Im Gegenteil: Die Philosophie ist im alten Griechenland (und vielleicht auch noch anderswo, in China?) erfunden worden, doch sie erwies sich als eine so fragile Idee, dass sie sofort wieder in Vergessenheit geriet. Die nachfolgenden Generationen oder PhilosophInnen aus anderen Epochen schlossen dann irgendwie an an die Texte ihrer VorgängerInnen, aber sie taten das aus einem völlig anderen Weltbild heraus und mit einer völlig anderen Interessenlage, sodass sich daraus weniger eine Geschichte der Philosophie ergab, denn eine Geschichte von Missverständnissen. So ist etwa das Philosophiekonzept von Thomas von Aquin ein ganz anderes als das von Aristoteles oder auch als das von Carnap. Viele Philosophinnen kamen auch und sagten (weil sie den Antrieb ihrer VorgängerInnen nicht verstanden): Das ist Blödsinn, was bisher unter dem Titel Philosophie gemacht worden ist; wir machen jetzt alles ganz neu! Das heißt, sie wandten sich gegen das, was bisher als Philosophie galt und verneinten es völlig.Aus diesen Gründen glaube ich, dass eine jede neue Generation und ein jeder Mensch für sich neu erfinden muss, was Philosophie ist oder sein könnte – vielleicht in einem gewagten Schluss darauf, was ursprünglich damit einmal intendiert gewesen ist. Und daraus entstehen dann Kriterien, die es einem erlauben, das eine der Philosophie zuzuordnen und das andere der Nicht-Philosophie.Zu sagen, was im Philosophical Gourmet Report gelobt wird, sei Philosophie, ist zwar für einen erfolgsorientierten akademischen Philosophen eine recht pragmatische Herangehensweise – und als solche auch sinnvoll (Warum soll man sich nicht an den Leuten orientieren, von denen man eine Stelle bekommen kann?), aber sie drückt sich halt vor der Frage.Nein, sie drückt sich nicht nur vor der Frage, sondern sie sagt: Andere sollen entscheiden, was Philosophie ist; die, die etwas zu sagen haben, sollen es entscheiden, die Peers unserer Disziplin. Nur, da höre ich schon wieder Sokrates (fiktiv natürlich) mit seiner scharrenden Stimme in meinem Ohr kratzen, wie er sagt, dass wir uns zusammensetzen wollen, um das Problem, das wir uns vorgenommen haben, gemeinsam zu prüfen. Dass man als „Gerechtigkeit“ akzeptiert, was die anderen und die Mächtigen im Staat dafür halten, bevor man es mit seiner Vernunft selbst genau philosophisch geprüft hat, hätte Sokrates ja auch nicht zugelassen.
7 Kommentare
Es wird immer schwerer, den Begriff "Philosophie" noch einmal neu zu interpretieren. Er stirbt mit seinen Fachinterpreten. Das war für mich ein Grund, die "Philosophische Praxis" nicht weiter zu verfolgen und es bei ihrer Gründung zu belassen: Sie führt eben auch diesen überaus dämlichen und durch Jahrhunderte heruntergewirtschafteten Begriff, der ausdrücken soll, dass man selbst schlauer ist als andere.
Das war man aber nie!
es freut mich, dass Sie meinen Blogeintrag mit einem Kommentar beehren.
Was Ihre Ansicht betrifft, dass Keller in seinem Text sagt, Philosophie sei eitel, langweilig und dumm, würde ich Sie bitten, diese Stellen im Text genauer zu bezeichnen, damit wir gemeinsam beurteilen können, inwiefern dort das steht, was Sie meinen, herausverstanden zu haben.
Aber das nur am Rand. Das bei weiterem wichtigere Thema kommt nachher: Sie verwenden, Herr Dill, wie mir scheint, den Begriff der Philosophie selbst in seiner heruntergewirtschafteten Form. Und Sie haben sich zudem offenbar dazu entschlossen, ihn nicht mehr zu verwenden (jedenfalls, was Ihre Philosophische Praxis betrifft), weil er so heruntergewirtschaftet ist.
Das kann ich gut verstehen. Das ist eine Option: vom Philosophiebegriff ablassen, weil er so heruntergewirtschaftet ist und heute eigentlich kaum mehr fähig ist, eine ehrliche und sinnvolle Bemühung zu bezeichnen.
Der Grund, warum ich selbst mich nicht dazu durchringen kann, ist: Mir scheint immer noch, dass mit der Philosophie etwas Einzigartiges und Wertvolles erfunden worden ist, dessen Idee nicht verlorengehen sollte. Diese Idee besteht darin, dass der Einzelne, das Individuum selbst darüber nachdenken könnte, was es denn wahrnimmt und in welcher Situation es sich befindet.
Diese Idee erscheint mir besonders heute wichtig, da in unserer arbeitsteiligen Welt ExpertInnen unsere individuellen Lern- und Erkenntnisanstrengungen - allein durch ihre Existenz und ihren sozialen Status schon - entwerten.
Das ändert freilich nichts am tatsächlich wahren Befund der Heruntergewirtschaftetheit des Philosophiebegriffs. Dies meisten, oder eigentlich alle Menschen meinen ja heute - eben so einem heruntergewirtschafteten Philosophiebegriff folgend - dass jemand, der philosophiert, meint, schlauer zu sein als die anderen. Aber genau das Gegenteil wäre zutreffend: Ein Philosophierender hat man erkannt, dass man nach wie vor ein Lernender ist, einer, der noch nicht genug weiß. Man wundert sich höchstens über die anderen, weil sie es sich leisten können, nicht mehr zu philosophieren - offenbar wissen sie viel mehr als man selber!
Herzliche Grüße
philohof
Es gehört seit Sokrates zum Habitus der Philosophie, sich als vor- und nichtwissende Neugierde zu verkleiden - um dann um so vehementer ihr Besserwissen zu verkaufen.
Philosophie hat sich einst auf einem Wissensmarkt gegen die Theologie dadurch behauptet, dass sie dem emotional besetzten Glauben eine rationale Vernunftinquisition gegenübersetzte.
Ihre Beobachtung, dass die spezialisierten Expertenmafias an der Entwertung unseres Allgemein- und Ganzwissens arbeiten, finde ich sehr zutreffend.
Umso weniger kann eine dümmliche, angelsächsische Fachphilosophie selbst das Wissen der Wissenschaften reflektieren. Sie kann nichts über Wissen wissen, sondern nur endlos weiteres Wissen behaupten und sozusagen philosophischen Vernunftspam in die Mailaccounts des Allgemeinwissens einschleusen.
Also: Ich stimme zu, dass Allgemeinwissen gegen die Wissenschaften wieder erobert werden muss, halte aber die Philosophie seit sie selbst als Wissenschaft auftritt nicht für dieses Unterfangen geeignet.
Die Theologie aber steht durch die Erkenntnis, dass es wahrscheinlich 100 Mio Welten wie die Erde gibt, vor dem Ende ihres Offenbarungswissens.
Sie hätte aber etwas zum Status des "wissenschaftlichen" Wissens zu sagen, denn Theos als Gegen- und Aussenpunkt zum Wissen wäre eigentlich sehr aktuell.
Herzlicher Gruss Ihres Alexander Dill
danke für Ihren Kommentar, dem ich weitgehend zustimme.
Sie schreiben:
"Umso weniger kann eine dümmliche, angelsächsische Fachphilosophie selbst das Wissen der Wissenschaften reflektieren. Sie kann nichts über Wissen wissen, sondern nur endlos weiteres Wissen behaupten und sozusagen philosophischen Vernunftspam in die Mailaccounts des Allgemeinwissens einschleusen."
Ob die angelsächsische Philosophie dümmlich ist, darüber will ich mir kein Urteil anmaßen, aber es gibt ja auch hier auf philosophieblog.de einige, die der Philosophie eine solche Rolle zutrauen, in welcher sie, die anderen Wissenschaften wissenschaftstheoretisch reflektierend, sich in gewisser Weise über sie stellt oder auch interdisziplinär zwischen den einzelnen Fächern vermittelt. Das kann sie wohl versuchen, ich glaube nur nicht, dass die anderen Einzelwissenschaften ihr eine solche Rolle, gleichsam eine Priesterrolle mit hohen Würden, zugestehen werden. Diese Denkrichtung ist also ein dead end, eine Sackgasse für mich.
Luhmann hätte diesen Sachverhalt wahrscheinlich so bezeichnet, indem er gesagt hätte, dass man es der Philosophie heute nicht mehr zugestehe "das Ganze im Ganzen zu repräsentieren" - denn nichts anderes ist es, wenn Philosophie das Wissen der Wissenschaften reflektiert: Sie spricht dann über dieses Wissen und macht sich zu derem Sprecher, sie beansprucht also, der Öffentlichkeit gegenüber dieses Wissen kompetent repräsentieren zu können.
Warum ich das erwähne: Ich glaube, es ist kein Zufall, dass Sie dann auf die Theologie zu sprechen kommen und den Begriff "Gegen- oder Aussenpunkt" verwenden: Eine Angelegenheit, die man nicht länger von innen repräsentieren darf, der muss man sich von außen entgegenstellen (weil es keinen anderen verfügbaren Standpunkt mehr gibt). Das heißt bei Luhmann "diabolische Beobachtung": Also der Engel, der Gott beobachtet, muss dies vom Standpunkt des Bösen aus tun, denn Gott zu betrachten, bedeutet immer, Gott von dem zu unterscheiden, was nicht Gott ist. Also muss man gleichsam das Böse herzitieren, um einen Kontrast zu haben, um Gott überhaupt sehen zu können.
Wahrscheinlich haben wir mit der Wissenschaft ein ähnliches Problem: Wenn sie uns philosophierenden oder nachdenkenden Menschen in ihrem Inneren nicht mehr genug Freiraum zugesteht, um uns realisieren zu können, dann müssen wir uns notgedrungen außerhalb ihrer aufstellen, einen Gegenstandpunkt einnehmen - mit der notwendigen Folge, dass wir in einer Gesellschaft wie der unseren, welche die Wissenschaft verehrt, böse, aber ziemlich böse ausschauen.
(Dabei wollen wir ihr doch gar nichts Böses, sondern uns nur die Möglichkeit zu philosophieren erhalten.)
Gut, jetzt noch kurz zu Ihrem Vorschlag, vom Wort "Philosophie" abzulassen. Durch welchen Begriff würden Sie es ersetzen wollen? Mir fällt höchstens ein Wort ein: "Selbstkultivierung" - nur scheint mir dieses Wort in Zeiten von Kulturwissenschaften und Interkultureller Kommunikation den Menschen noch ferner zu stehen als Philosophie. Es scheint den Menschen heute selbstverständlich zu sein, dass Kultur eine Eigenschaft von Gruppen oder Gesellschaften ist und nicht einzelnen Menschen zugeschrieben werden kann. Also kann der einzelne Mensch sich auch nicht selbst kultivieren, kann nicht an sich arbeiten und die eigenen inneren Möglichkeiten entwickeln.
Deshalb scheint es mir noch relativ einfacher, um den Begriff der "Philosophie" zu kämpfen. Selbst wenn man ihn dadurch nicht zurückgewinnt, nimmt man allein dadurch schon einen Außenstandpunkt (gegenüber der szientifischen Philosophie) ein und zeigt mit dem Finger auf die inneren Widersprüche im Philosophiebegriff, welche ihm durch die heutige Gesellschaftsorganisation aufgezwungen sind.
Mit besten Grüßen
philohof
Das Fundament des ganzen bietet die Frage selbst. Sich zu fragen, wieso etwas so ist wie es ist und es mit Hilfe von Logik und Vorstellungskraft zu lösen - ist doch irgendwie philosophisch. Natürlich und eben ausschließlich Fragen, die sich wissenschaftlich nicht beantworten lassen. Oder habe ich mich gerade selbst disqualifiziert =/ ?
wieso solltest du dich selbst disqualifiziert haben? Ich bin doch derjenige, der hier Außenseiteranschauungen vertritt.
Und meine Anschauung über Philosophie besteht eben darin, dass ein jeder Mensch selbst bestimmt, was er darunter verstehen will. Wenn du nichts Interessantes unter Philosophie verstehst, wird dich das Philosophieren nicht interessieren und es wird (wieder) einen weniger geben, der philosophiert.
So reim ich mir das halt zusammen, und ich tue das deswegen, weil ich glaube, dass man die Hypothese wagen kann, dass Philosophie in einem Zeitalter der Individualisierung entstanden ist, im griechischen Altertum, und dass es selbst als eine Art Individualisierungsprogramm gedacht war. Individualisierungsprogramm in dem Sinne, dass der Mensch sagt: "Ich will das Allgemeine verstehen." (Es bleibt zwar das Allgemeine, aber ICH will es verstehen; ICH lasse mich dadurch nicht selbst ins Allgemeine auflösen.)
Jetzt hast du sicher recht, dass die Wissenschaft oder auch die Mathematik der Philosophie Fragen wegschnappt, indem sie sie löst. Gut so, warum sollten sie das auch nicht tun? Aber ich würde jetzt halt meinen: Dadurch ist das philosophische Grundproblem nicht gelöst, nämlich dass der einzelne Mensch vor einer großen, komplexen, wunderbaren und beängstigenden Welt dasteht und das, was er wahrnimmt, irgendwie verstehen will.
Die Wissenschaft gibt zwar sicher richtige Antworten auf viele Fragen, aber es gehört nicht zu ihren Anliegen, die Fragen des Einzelmenschen zu beantworten, der sich von der Fülle der Wirklichkeit überwältigt fühlt.
Und insofern glaube ich auch nicht, dass Philosophie nur dazu da ist, um Fragen zu beantworten, die wissenschaftlich noch ungelöst sind, denn: Der Einzelmensch, der Fragen hat, ist ja nicht einmal auf dem Forschungsstand der heutigen Wissenschaft. Aber was heißt "nicht einmal" - er ist weit entfernt davon. Er könnte es bis zum Forschungsstand der heutigen Wissenschaft in einzelnen Gebieten bringen, wenn er bereit ist, Spezialwissen zu lernen und zum Fachspezialisten zu werden. Aber als allgemein interessierter Mensch kann er nicht einmal bis zum Forschungsstand der heutigen Wissenschaft aufschließen.
Will dieser allgemein interessierte Mensch dann trotzdem etwas lernen, tut er es völlig ohne wissenschaftliche Absicherung. Im Grund ist es unwissenschaftlich, was er tut, weil er oft das Rad zum zweiten Mal erfindet und selbst Ideen hat, die es in der Wissenschaft schon gibt. Aber was sollte er tun: So ist es eben, das Lernen!
Trotzdem philosophiert dieser Mensch natürlich, zumindest nach meinem Philosophieverständnis, weil ich Philosophie als individuelle Bemühung um Welterkenntnis ansetze.
Wenn du, Xeon, ein anderes Philosophieverständnis habe, dann akzeptiere ich das natürlich. Und sage dazu, dass so ziemlich alle professionellen Philosophen auch ein anderes Philosophieverständnis haben als ich.
Nur hoffe ich dann eben für dich, dass dein Philosophieverständnis für dich auch interessant ist (so wie meines für mich), so dass du dranbleiben und dich weiterhin philosophisch mit der Welt beschäftigen möchtest. Wenn es nicht interessant ist, so hättest du ja auch keine Veranlassung, es für dich aufzubewahren.
Liebe Grüße
philohof
Gewiss, oh Zeon, denket ein jeder auf seine Weise wiewohl sich das Denken der Vielen ähnelt. So kommt es, dass es weniger einzelnes Denken gibt als die Vielzahl der Denkenden und Sprechen uns erwarten läßt.
Du, oh Xeon, zählest zu jenen, die den Verstand noch nicht in der Kneipe des Akademos abgegeben haben.
Zeius sei mit Dir. Dein Alexander

18.02.11 15:04:00, 