Philosophie ist nicht wissenschaftlich und nicht unwissenschaftlich
Eine Erkenntnis wird mir in der letzten Zeit immer deutlicher: dass ich nicht in die Wissenschaft gehöre.
Denn mit welchen Einsichten aus meinem philosophischen Nachdenken auch immer, mit denen ich komme, begegne ich bei Wissenschaftlern und wissenschaftlich orientierten Philosophen immer zumindest zwei kommunikativen Ansprüchen. Sie fahren mir ins Gesicht mit der Frage, ob das, was ich vorbringe, Neuigkeitswert hat für die Menschheit und implizieren damit zugleich den Anspruch, man müsse in einer wissenschaftlichen Kommunikation gleichsam alle übrigen Denker und Forscher überholen, um überhaupt etwas sagen zu dürfen.
Der eine Anspruch also ist „neues Wissen für die Menschheit“, den anderen nenne ich „Weltmeisterei in der Erkenntnis“. Beide sind gegenüber einer philosophischen Kommunikation an sich nicht gerechtfertigt – nur scheint das heute niemand mehr zu bemerken.
Ich produziere kein neues Wissen für die Menschheit, das weiß ich. Und wenn ich es dennoch tue, dann höchstens akzidentiell, niemals substantiell. Der Vorwurf, den ich also bisweilen schon erlebt habe, dass das, was ich vorbringe nicht neu sei, geht völlig an mir vorbei. Er geht völlig an meinem Anspruch beim Philosophieren vorbei, und er geht, wie ich meine am Anspruch der Philosophie insgesamt vorbei. Denn warum sollte es nicht Philosophie sein, z.B. einen Gedanken von Platon, Descartes oder Nietzsche zu wiederholen, ihn noch einmal zu denken und ihn dadurch erneut zum Leben zu erwecken? Das bringt vielleicht der Menschheit nichts oder (unmittelbar) noch nichts, dem philosophierenden Individuum aber kann das alles bringen. Und der Standpunkt der Menschheit ist ja auch nicht der der Philosophie, sondern jener des Individuums: Man nennt das den existentialistischen Standpunkt.
Genau dasselbe gilt für die Weltmeisterei: Warum sollte ich nur dann etwas sagen dürfen, wenn ich etwas weiter, genauer und besser erkannt habe als alle anderen Menschen? Einem Menschen, der heute versucht, sein philosophisches Nachdenken fruchtbar zu machen, wird in der Kommunikation häufig implizit unterstellt, er wolle sich mit seiner Mitteilung an die Weltspitze stellen oder beanspruche einen der vordersten Plätze in der Wissenschaft. Dieser Anspruch ist absurd, weil es beim Philosophieren in erster Linie um die Tätigkeit des Philosophierens geht und erst in zweiter Linie um deren Ergebnisse. Anstatt also ihn zu fragen: „Was ist das Neue an deiner Erkenntnis und was ist seine Relevanz für die ganze Gesellschaft?“ – sollte man ihn lieber fragen: „Welche Bedeutung hat dieser Gedanke für dich und welche Fortschritte ermöglicht er in deinem persönlichen Denksystem?“ Denn die Relevanz für die Gesellschaft oder für die ganze Welt ist völlig gleichgültig für die Philosophie, wenn nicht durch das Philosophieren im Individuum ein eigenes Denksystem, eine persönliche Denklandschaft entsteht. Das Nichtentstehen einer solchen persönlichen Denklandschaft, also das Nichtentstehen von Philosophie im individuellen Menschen würde bedeuten, den existentialistischen Standpunkt zu verfehlen, welcher der philosophische Standpunkt ist.
Ich glaube, die hohe Wertschätzung der Wissenschaft heute beruht auf folgendem Denkfehler: der Meinung, dass die Gesellschaft wir alle sind. Genauer: dass etwas, was der Gesellschaft nützt, unmittelbar und in genau demselben Ausmaß auch den Individuen hilft, welche Mitglieder dieser Gesellschaft sind. Aber diese Meinung ist falsch: Was der Gesellschaft nützt, kann unter Umständen auch nur sehr mittelbar oder sogar gar nicht dem einzelnen Individuum nützen, um das es uns beim Philosophieren geht. Aus dieser Meinung über die Identität der Nutzenstiftung für Gesellschaft und Individuum folgt die Haltung: Wenn uns die Wissenschaft rettet, brauchen wir uns nicht zu retten (Wenn die Wissenschaft erkennt, brauchen wir nicht zu erkennen; wenn die Wissenschaft denkt, brauchen wir nicht zu denken etc.). Die Wissenschaft ist damit keine kleine Gefahr für die individuelle Erkenntnis, was im Übrigen Kant schon angemerkt hat in seinem Aufsatz über die Aufklärung: Wenn ein Buch für mich weiß, wenn ein Arzt für mich die Diät bestimmt, wenn ich mich Fachwissen anvertraue, ohne zu versuchen, es selbst mit meinem Verstand zu durchdringen, bin ich unmündig.
Um es mit einem noch drastischeren Beispiel zu sagen: Wenn Jürgen Habermas (um nur irgend einen bekannten Superdenker zu nehmen) eine tolle philosophische Erkenntnis macht, von der alle denken, dass sie die Menschheit um einen Schritt voranbringt, muss man diese philosophische Meisterleistung dann als solche wertschätzen? Ich würde sagen: Nein! Denn ob die Erkenntnis von Habermas die Philosophie (als Disziplin) insgesamt oder die Menschheit vorangebracht hat, ist kein Maßstab für ihre philosophische Qualität. Damit, dass man die Menschheit rettet, rettet man keine einzige menschliche Seele – und nur um Letzteres kann es beim Philosophieren gehen, andernfalls verfehlt man den existentialistischen Ausgangspunkt allen Philosophierens. Wenn andererseits Habermas’ philosophische Meisterleistung irgendeinen anderen Menschen dazu bringt, mit dem Philosophieren aufzuhören, weil er sich denkt, er selbst sei kein so guter Philosoph und man solle das Philosophieren den philosophischen Weltmeistern überlassen, dann ist der Schaden, den Habermas in der Philosophie angerichtet hat, absolut. Denn Philosophie wird aus dem Blickwinkel des Individuums betrachtet, und wenn ein einziger Mensch zu philosophieren aufhört, weil er durch seine Mitmenschen entmutigt ist, so ist das ein Verlust von 100%, Totalschaden.
Philosophie ist also nicht wissenschaftlich, kann nicht wissenschaftlich sein, weil es ihr um etwas ganz anderes geht als der Wissenschaft. Während Wissenschaft darin ihr Ziel erblickt, neues Wissen für die Menschheit zu gewinnen, ist das Ziel der Philosophie, im Menschen etwas zu erwecken, das man „Geistesleben“ nennt und das ihm hilft, die Welt und sein Leben bewusst wahrzunehmen. Philosophie darf/sollte meiner Meinung nach aber auch nicht unwissenschaftlich sein, also mit keinem Schritt in das Gebiet von Esoterik und blinden Glauben an Wunderheilungen oder irgendwelche geheimnisvollen Kräfte eintreten, weil man sich dadurch ja genau das wiederum selbst benimmt, was man durch das Philosophieren eigentlich erreichen wollte: sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen.
Damit stehe ich vor dem großen Problem, wie man Erkenntnisse nennen soll, die nach wissenschaftlichen Kriterien wahr sind, aber weder einen Neuigkeitswert haben noch die Menschheit vom jetzigen Ausgangspunkt einen Schritt voranbringen (und ihren Entdecker dadurch zu einem wissenschaftlichen Star machen)??? Um solche Erkenntnisse geht es mir nämlich beim Philosophieren. Bislang hätte ich ja gedacht, dass sie zumindest auch nicht unwissenschaftlich sind. Aber wenn die Ansprüche wissenschaftlicher Kommunikation auf Schritt und Tritt Neuigkeitswert und Weltmeisterei fordern, dann sind wissenschaftliche Wahrheiten, die nicht neu sind, offenbar doch keine wissenschaftlichen Wahrheiten, oder? Es ist nur die Frage, was sind sie dann? Müssen wir zwischen „wissenschaftlich“ und „nichtwissenschaftlich“ eine dritte begriffliche Alternative bilden, um ein Wort zu haben für alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, die nicht mehr brandneu sind?
Tatsache ist, dass man heute einen rational denkenden und nicht zur Esoterik neigenden Menschen in der wissenschaftlichen Diskussion nicht mehr mitmachen lässt. Man lässt ihn nicht mehr mitmachen, weil man ihn mit Neuheits- und Weltmeistereiansprüchen konfrontiert, denen zu entsprechen dieser nicht im Entferntesten die Absicht hat. Schon eigenartig, oder? Sind wir etwa in einer neuen irrationalen Epoche angekommen? Da hilft auch alles Erklären nichts. Es hilft zum Beispiel nichts, den Leuten zu erklären, dass eine wissenschaftliche Erkenntnis, die bereits gemacht worden ist, deshalb noch lange nicht „existiert“ und problemlos verfügbar ist, weil Wissen, das in wissenschaftlichen Büchern oder Artikeln vorhanden ist, deshalb noch lange nicht in den menschlichen Köpfen ist (wo es einmal hinmuss, um überhaupt „Wissen“ sein zu können). Es hilft auch nichts, die Funktion von Philosophie zu erklären, welcher in ihrer Gestalt als tätige Philosophie (Philosophieren als Philosophieren) immer wieder der Vorwurf gemacht wird, „bloß therapeutische Interessen zu verfolgen“, indem man den Leuten erklärt, dass „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“ ganz einfach eine Grundfunktion des menschlichen Lebens ist, die ausgeführt werden will, egal ob sie jetzt therapeutisch heilsam ist oder nicht so sehr heilsam ist. Sie erkennen im „Sich-seines-eigenen-Verstandes-Bedienen“ ganz einfach keinen Sinn und sind daher nur bereit, dem Nachdenken Sinn zuzugestehen, wenn es Neuheitswert für die ganze Welt hat und Weltmeisterei ist.
Wie ich das sehe, ist der rationale Diskurs zwischen vernünftigen Individuen heute eigentlich durch überzogene kommunikative Ansprüche von Seiten der Wissenschaft unmöglich geworden – und das ist der Grund warum ich nicht in die Wissenschaft gehöre. Ist nur das Problem, wo ich sonst hin soll – in der Esoterik und der Religion werden sie mich auch nicht nehmen.
5 Kommentare
kennen wir uns, sind wir gemeinsam am Lagerfeuer gesessen? Aber mal Spaß beiseite: Zu sagen, dass Philosophie heute in der institutionellen Organisation unserer Gesellschaft und in der öffentlichen Diskussion keinen Platz mehr hat und dass man das auch an den Kommunikationsansprüchen, mit denen man misshandelt wird, wenn man eine philosophische Aussage zu treffen wagt, erkennen kann, ist nicht larmoyant, sondern das ist ganz einfach eine sachliche Aussage. Vorwerfen könntest du mir höchstens, dass das eigentlich so offen sichtbar ist, dass es schon fast eine Banalität ist. (In dem Fall wäre aber die Frage, warum es nicht thematisiert wird, denn es wäre aus Sicht der Philosophie das Erste, was zu thematisieren wäre.)
Was also ist dein Punkt, oxnzeam?
Ich verstehe nicht mal den Vergleich mit dem Lagerfeuer, soll wohl irgendeine Art von Abwertung der Pubertätszeit sein, oder? Aber in dem Fall sollst du wissen, dass ich diese Lebensphase anders bewerte als andere. Für mich ist die Pubertät nicht jene verrückte und dumme Zeit, für die man sich später den Rest seines Lebens lang schämt, sondern jene Zeit, in der das Denken im Menschen erwacht, die philosophischste Zeit seines Lebens, bevor es dann im Alltag des so genannten Erwachsenseins zumeist wieder einschläft und der Mensch seinen (die meisten Menschen ihren) philosophischen Tod erleiden.
""Zarathustra" im Kopf und Bukowski im Schwanz" - auch das sind wohl Andeutungen, bei denen man gar nicht mehr zu explizieren braucht, was sie bedeuten. Für mich ist Charles Bukowski eine hochphilosophische Figur, jedenfalls wenn man einen Begriff von so etwas wie "philosophischer Lebenshaltung" hat, und ich würde ihn in dieser Hinsicht durchaus in seiner Wertigkeit mit Ludwig Wittgenstein vergleichen, der ja auch nicht nur die Analystische Philosophie begründet hat, (wobei mir lieber wäre, wenn er das unterlassen hätte), sondern ein zutiefst philosophisches Leben geführt hat.
Also bitte, oxnzeam, keine Andeutungen, sondern: Was ist dein Punkt?
vielen Dank für Ihren Post mit seinem für mich sehr überraschenden Schluss! Doch vor allem hat mich bei der Lektüre gefreut, dass Sie auf meine Sachargumente eingegangen sind, dass Sie diese gesehen haben jenseits der Klage oder "Larmoyanz", die mein letzter Kommentator festgestellt hat.
Ihre Meinung haben Sie klar zum Ausdruck gebracht. Zwar ist die Themenbehandlung aus meiner Sicht diskutabel, weil sie auf eine viel liebere und nettere Welt passt als jene, in der wir leben. Aber damit will ich nicht mehr sagen, als dass ich selber seit vielen Jahren daran arbeite, eine neue Sprache zu finden, mich von oft gebrauchten Formulierungen zu lösen (z.B.: Die Philosophie ist Wissenschaft, aber mehr als Wissenschaft.), um Unterschiede deutlich zu machen. Nachdem Sie in Ihrem Posting ein diesbezügliches Zitat von mir aufgegriffen haben, scheint mir nun, dass es mir gelungen ist, was ich hauptsächlich erreichen wollte, nämlich deutlich zu machen, dass wir normalerweise immer von wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen (esoterischen, irrationalen) Erkenntnissen reden, aber dabei gar nicht berücksichtigen, dass die Wissenschaft von allen "wissenschaftlichen" Erkenntnissen doch nur jene akzeptiert, die neu und weltbewegend sind (und welche Auswirkungen das auf die wissenschaftliche Kommunikation hat).
Diese Reaktion auf Ihren Text möchte ich nun noch gern nutzen, um einen anderen Punkt deutlicher hervorzuheben, und zwar: Sie schreiben:
"Die Vorstellung einer 'persönlichen Denklandschaft' kann sehr hilfreich sein, um persönliche Probleme zu beschreiben. Dort, wo es gelingt, einen inneren Konflikt aufzulösen, weil klar geworden ist, dass manche Dinge, Überzeugungen, Ziele usw. eben nicht stimmig zusammen passen, hat persönliche Erkenntnis einen hohen Wert - auch dann, wenn es nicht um weltbewegend Neues geht."
Das ist alles sehr richtig. Nur geht es mir wiederum zu sehr in Richtung von Philosophie als Ersatz für eine Psychotherapie. Ich glaube, es geht oder ginge darum, den Menschen zu erklären, was dieser subjektive, dieser individuelle Blickpunkt überhaupt leisten kann oder was er überhaupt ist. Er ist nämlich nicht nur eine Frage des persönlichen Wohlbefindens, sondern hat einen weit höheren ontologischen Status: Er sucht nämlich immer noch die Antwort auf die von Nietzsche aufgeworfene Frage, was der Mensch (bestenfalls) sein kann? Ob man am Menschen Freude finden kann oder an ihm verzweifeln muss? Ob sich das menschliche Leben auszahlt oder ob es sich nicht auszahlt?
Ich wüsste gar nicht, wie die Wissenschaft von ihrem Ausgangspunkt her auf solche Fragen eine sinnvolle Antwort geben könnte. Daher meine Bitte: Glauben Sie bitte nicht, dass ein Mensch, der nachdenkt, um seine persönlichen Probleme zu lösen, nur daran arbeitet, seine persönlichen Probleme zu lösen - in Wirklichkeit arbeitet er an der Rechtfertigung der Welt und des Menschenlebens!
Aber noch einmal vielen Dank für Ihren Text, ich freue mich sehr darüber!
Herzliche Grüße
philohof
Herzliche Grüße
Rolf Grießhammer

16.03.10 11:49:08, 