Philosophische Spannung

von philohof E-Mail

Ich habe vor kurzem zwei populärphilosophische Bücher gelesen. D.h. das eine von A.D. habe ich zu Ende gelesen (es war immerhin sehr lustig), in dem anderen von G. Sch. habe ich nur herumgelesen. Beide jedoch haben mich aus einem Grund unbefriedigt gelassen, den ich hier erörtern möchte. Ich erwähne die Namen der beiden Autoren nicht, denn es geht mir nicht darum, sie vorzuführen; auch suche ich nicht in ihrer Intelligenz den Grund dafür, dass mich ihre Bücher kalt ließen. Sondern ich würde die Ursache dafür eher in gesellschaftlichen Vorstellungen suchen, und zwar in solchen, die wir heutigen Menschen alle teilen und deren Inhalt darin besteht, dass wir ein stereotypes Bild davon haben, wie ein philosophisches Buch aussehen soll. Dieses Bild (das die Bücher fade macht), besteht aus zwei Bestandteilen:

1. (Gilt für wissenschaftliche und philosophische Bücher:) Von einem solchen Buch erwartet man, dass der Autor/die Autorin davon berichtet, wo er oder sie schon angekommen ist, also von seinem oder ihren Resultaten oder vom Wissen, das sie besitzen.

2) (Gilt für dergleichen Bücher in ihrer populären Variante:) Hier erwartet man ebenfalls, dass der Autor oder die Autorin berichtet, was er oder sie schon weiß, aber es zum besseren Verständnis für die Allgemeingebildeten in eine einfachere Sprache kleidet.

Die Konsequenzen dieser Haltung sehen folgendermaßen aus: Punkt 1 bewirkt, dass das Buch STEHT - es gibt keine Bewegung in ihm. Es ist wenig interessant, weil man schon weiß, dass man nirgendwo hinkommen wird, denn man ist ja schon von der ersten Seite an angekommen. Punkt 2 bewirkt, dass die Sprache oft flapsig wirkt und beim Leser den Eindruck erweckt, als wäre dem Autor oder der Autorin das Thema oder seine/ihre Gedanken darüber selbst nicht so wichtig.

Ich selbst gehöre nun zu denjenigen Menschen, die auch bei einem solchen Buch immerhin wissen, worum es gehen sollte, selbst wenn das Buch hingeschludert wirkt. Und ich glaube, diese Eigenschaft der Tatsache zu verdanken, dass ich in meiner eigenen geistigen Entwicklung den Ton von Philosophie vor der Philosophie selber erlernte. Und zwar geschah das bei Thomas Bernhard:

 "Ein solcher Mensch und ein solcher Charakter und eine solche Existenzbegabung wie Roithamer mußte, denke ich, an einem bestimmten Punkte seiner Entwicklung, eben an dem äußersten Punkte, aufhören, er mußte explosionsartig aufhören, zerreißen. Denn mit welcher Größenordnung habe ich es zu tun, wenn ich mich mit Roithamer beschäftige? frage ich mich, mit einem Kopfe, der alles zum äußersten zu treiben gewillt und gezwungen ist und in dieser Wechselwirkung als Geistesbeziehung zu allem, zu den höchsten Höchstleistungen befähigt ist, der seine eigene Entwicklung, die Entwicklung seines Charakters und seiner ihm vorgegebenen Geistesanlagen bis zu dem äußersten Punkte und an die äußerste Grenze und in höchstem Grade entwickelt und dazu auch noch seine Wissenschaft ebenso an die äußerste Grenze und zu dem äußersten Punkte und im höchsten Grade und dazu dann auch noch seine Idee des Baues des Kegels für seine Schwester ebenso bis zum äußersten Punkte und in höchstem Maße und an die äußerste Grenze und dazu auch noch die Erklärung zu geben gewillt ist in äußerster Konzentration und in höchstem Maße und bis an die äußerste Grenze seines Geistesvermögens und der alles das, was er schließlich ist, zu einem einzigen äußersten Punkte zusammentreiben und an die äußerste Grenze seines Geistesvermögens und seiner Nervenanspannung führen und tatsächlich an dem höchsten Grade dieser Ausdehnung und Zusammenführung und immer wieder vollkommenen Konzentration zerreißen muß." (Thomas Bernhard: Korrektur. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1988, S. 38-39)

Als ich den Anfang der Korrektur nach langer Zeit wieder las, wunderte ich mich, wie wenig da inhaltlich drinsteht. Es geht um einen Wissenschaftler, Roithamer, der - wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Wittgenstein-Parodie - für seine Schwester einen Kegel, ein perfektes Bauwerk, in der Mitte des Kobernaußerwalds errichten will. Nun gut, aber wahrscheinlich ging es mir beim ersten Mal Lesen dieses (und anderer Bücher) von Thomas Bernhard gar nicht um ihren sachlichen Inhalt, sondern eher um Folgendes: In diesen Sätzen (wie den oben zitierten) spürt man, wie JEMANDEM ETWAS WICHTIG IST! Ich meine, wo findet man das sonst in der heutigen, wahrnehmbaren Realität? Nirgends! Ich musste bis zu Thomas Bernhard kommen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie das überhaupt aussehen könnte, wenn jemandem etwas wirklich wichtig ist. Derartiges fand ich nicht in den Zeitungen, nicht im Fernsehen, nicht in den Leben der Menschen rund um mich herum, sondern erst bei Thomas Bernhard. Die Frage, die mich kitzelte, war: Wie würde das Leben aussehen, wenn man sich dazu entschlösse, etwas ernst zu nehmen?

Und diese Haltung fand ich dann auch in den Werken einzelner Philosophen wieder, solcher, die ich für gute Philosophen halte. Sie muss jedoch nicht in jedem Fall die Gestalt der Übertreibung und des wuchtigen Geschimpfes wie bei Thomas Bernhard annehmen. Aber zwei grundsätzliche Eigenschaften muss ein philosophisches Buch meiner Meinung nach schon aufweisen, damit es überhaupt interessant und spannend sein kann:

1) Der Autor/die Autorin betrachtet sich selbst noch nicht als angekommen, sondern ringt mit sich selbst um ein noch besseres Verständnis des Themas. Ein philosophisches Buch, in dem man nicht sieht, wie sein Autor/seine Autorin über das, was er oder sie schon weiß, noch hinauszugehen versucht, ist langweilig - und ich frage mich, ob es überhaupt noch ein philosophisches Buch ist, denn es verkündet Wissen, nicht Denken.

2) Der oder die Autorin bemüht sich um eine einfache Sprache, aber nicht, um sich von seinem/ihrem hohen Ross herabzulassen und einfachen Menschen schwierige Tatbestände verständlich zu erklären (die man besser und richtiger in schwieriger Sprache darstellen könnte), sondern gerade aus dem umgekehrten Motiv: weil die einfache Sprache noch deutlicher zu sehen erlaubt, wo sie mit ihrem Denken angelangt sind und welche Bedeutung ihre Gedanken haben. Ist man beim Denken ausgerutscht und mit dem Hinterteil im Dreck gelandet, lässt sich das durch eine komplizierte Sprache kaschieren, bei einer einfachen Sprache wird es offensichtlich. Nicht also, weil es einfacher ist, einfach zu sprechen, sollte man es tun, sondern weil es schwieriger ist, als schwierige Sprache zu verwenden.

Letztendlich, glaube ich, ist ein gutes philosophisches Buch ein populärphilosophisches Buch. Denn philosophische Bücher werden für die Menschen geschrieben und nicht - wie wissenschaftliche - für Fachkollegen. Wenn populärphilosophische Bücher heute Qualitätsmängel aufweisen, dann liegt der Grund dafür nicht darin, dass sie populärphilosophisch sind, sondern darin, dass es gewisse Anschauungen darüber gibt, wie populärphilosophische Bücher auszusehen haben, und diese Anschauungen haben ihren Ursprung in unserer wissenschaftlichen Kultur. So besagt die allgemeine Anschauung, dass populärwissenschaftliche Bücher so aussehen sollen wie wissenschaftliche, nur einfacher geschrieben. Dieses Schema wird dann auch auf populärphilosophische Bücher angewandt, und das Resultat ist: Anstatt dass wir einen Menschen, der an einem Thema interessiert ist, beim Denken beobachten können, bekommen wir einen Menschen zu sehen, der in seinem Denken stillesteht und die bisher angesammelten Gedanken wegwirft, als hätten sie keinen Wert. Und das wird sich wohl auch nicht ändern, solange wir nicht diejenigen Elemente, die Philosophie von Wissenschaft unterscheiden (Philosophie: die Bewegung des Denkens und der persönlicher Bezug des Individuums zum Thema stehen im Vordergrund; Wissenschaft: nur erreichtes Wissen, das nützlich ist für viele und gleichzeitig oft gleichgültig ist für den Einzelmenschen, zählt), klar herausarbeiten und allgemein bekannt machen. - Wer will dabei helfen?

Wir haben heute Anschauungen, die das, was Philosophie auszeichnet und zu etwas Besonderem macht, nicht sichtbar werden lassen, weil sie von der Philosophie gerade das fordern, was sie nicht gut kann, und dasjenige geringschätzen, was sie gut kann. Solange wir diese Anschauungen nicht aufklären, werden populärphilosophische Bücher weiterhin qualitativ zu wünschen übrig lassen, da ihre Autoren sie so schreiben, wie sie sich vorstellen, dass ein Nichtphilosoph/eine Nichtphilosophin (und natürlich der Verlag) sich ein populärphilosophisches Buch vorstellt.

Das ist mir alles klar, und dennoch täte ich die AutorInnen philosophischer Bücher ersuchen: Schreibt doch so, dass ein bisschen ein Graben, ein Suchen, ein Ringen um etwas spürbar ist, sonst werden Eure Bücher recht langweilig!

3 Kommentare

Kommentar von: phi.l [Besucher] E-Mail
lieber jemand,
ich kann dir nur empfehlen etwas von 'Heinz von Förster' zu lesen, ein ausnahmefall lebendigen schreibens in den weiten der erkenntnis - kybernetik, philosophie, neurologie, mathematik, physik, ..

ein frecher kerl, weil schlau, der sich nicht scheut festgesetzte weisheiten kräftig durchzurütteln:
'cogito ergo sumus'
ich denke also SIND WIR!
(wie du an thomas bernhard lustvoll erfahren kannst..)

lies mal rein, 'Wissen und Gewissen' gibt einen überblick über seine kurzen aber weitreichenden Arbeits-Texte.
'Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen' ist ein buch welches aus einem 7-tägigen gespräch mit ihm entstanden ist, im ausklang seines lebensabends.. ein schöner überblick über was es bedeutet verantwortung zu übernehmen über die eigene denkweise.

lg
ein suchender

25.06.10 @ 04:03
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo phi.l,
danke für den Literaturtipp!
Muss zugeben, dass es mich zu Heinz von Förster bislang noch nicht verschlagen hat. Da ich hauptsächlich an soziologischen Themen interessiert bin, glaubte ich in der Systemtheorie eher bei Niklas Luhmann fündig zu werden. Aber sei es drum, schauen wir uns mal den Förster an!
lg
von jemandem
25.06.10 @ 10:18
Kommentar von: Rainer Ostendorf [Besucher] · http://www.freidenker-galerie.de
Der Artikel und der Blog gefallen mir. Wenn ihr Philosophisches mögt - besucht mal meine Freidenker Galerie. Dort zeige ich neben meinen Bildern auch viele Zitate von Philosophen. Querdenkern und Künstlern. Hier mehr Infos über mich und meine Arbeiten: www.freidenker-galerie.de
21.11.13 @ 11:17

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