Philosophy of mind

von philohof E-Mail

Heute habe ich mich mit „philosophy of mind“ beschäftigt. Da gibt es unter anderem folgende Positionen:  Dualism, monism, physicalist position, interactionist dualism, psychophysical parallelism, occasionalism, property dualism, epiphenomenalism, non-reductive physicalism, phenomenalism, behaviorism, philosophical behaviorism, type physicalism, functionalism, anomalous monism, emergentism, eliminative materialism, externalism and internalism (semantic, cognitive, phenomenal externalism), naturalism, biological naturalism. (www.wikipedia.org)  

Klingt alles sehr einschüchternd – so wie der Begriff “philosophy of mind” selber. Vermutung: dass man diesen Begriff erfunden hat, um andere Menschen aus der Diskussion auszuschließen. „Was, du weißt nicht, was „philosophy of mind“ ist, dann kannst du nicht mitreden!“

Aber liest man dann bei wikipedia nach, stellt sich schnell heraus, dass es sich bloß um eine Version des Leib-Seele-Problems handelt – respektive des Leib-Geist-Problems, so wie es Descartes („res cogitans“) aufgeworfen hat: „He was therefore the first to formulate the mind-body problem in the form in which it still exists today.“ – Und zwar mit lauter Argumenten, die man auch alle irgendwie kennt (das sind die –isms oben), wenn auch sicherlich von amerikanischen Philosophen weiter ausgearbeitet und verfeinert.

Was einem soziologisch aufmerksamen Philosophen wie mir bei der Lektüre dieses wikipedia-Artikels auffällt, ist: Dass man sich offenbar gar nicht darüber wundert, dass die verschiedenen Positionen zum body-mind problem alle Namen tragen, die weniger sachbezogen sind als dass sie die Institutionen reflektieren, die sie hervorgebracht haben: Es ist ja eben die Frage, ob etwas, wenn es z.B. natürlich ist, gleich ein „naturalism“ ist?

Um es an einem Beispiel zu erklären: Ich als Philosoph würde, wenn ich auf den Hintern gefallen wäre und mir am Steiß weggetan hätte, sagen: „Ich bin auf den Hintern gefallen, deshalb tut mir der Steiß weh.“ Die wissenschaftliche Version dieses Satzes lautet: „Aufdenhinternfallismus führt zu Steißwehwehismus.“ (Gewiss, sie würden die –ismen bevorzugt mit lateinischen und griechischen Fremdwörtern als Wortteilen bilden.)

Es wäre freilich auch möglich dass sie nur sagen: „Aufdenhinternfallismus führt zu Steißschmerzen.“ Aber in dem Fall bildeten die Steißschmerzen kein besonderes Krankheitsbild, das sich von anderen Krankheitsbildern unterscheidet – und wäre deshalb für die WissenschaftlerInnen weniger interessant.

Die Anhänger der Steißwehwehismusthese wären dann die Steißwehwehisten. Sie würden Kongresse für Steißwehwehlogie ausrichten und zu diesen nur ausgesuchte Experten, ganz berühmte Steißwehwehlogen, einladen. Es würden Lehrbücher und Begriffslexika zur Steißwehwehlogie erscheinen und am Ende würde vielleicht sogar ein Nobelpreis für eine große Entdeckung in der Steißwehwehlogie vergeben. Diese Diskursbildung findet in der Weise auch dann statt, wenn Zweifel daran bestehen, dass Steißwehwehismus überhaupt ein eigenes und ernstzunehmendes Thema ist – wie es übrigens auch bei „philosophy of mind“ der Fall ist: „However, Hilary Putnam, the originator of functionalism, has also adopted the position that the mind-body problem is an illusory problem…“

Ich weiß, das klingt jetzt sehr nach Herabwürdigung, aber wie soll man sich denn ausdrücken, wenn man bemerkt, dass gar keine Sensibilität dafür besteht, dass derartige Diskursmuster und Muster der Diskursorganisation sich auch inhaltlich auf die Diskussion über ein bestimmtes Thema übertragen? Wissenschaft scheint immer so detailgenau wie möglich über die Wirklichkeit zu reden, in Wirklichkeit redet sie bei allem immer in erster Linie von sich selbst.

Und so nimmt es nicht wunder, dass „philosophy of mind“, wie sich herausstellt, trotz des Namens im Grunde gar kein philosophisches Problem ist, sondern ein wissenschaftliches: „Yet it also seems to many that science will eventually have to explain such experiences. This follows from the logic of reductive explanations.“ Diese Sätze, die auf die Notwendigkeit der Erklärung der „qualia“, also qualitativer geistiger Zustände, gemünzt ist, gibt auch einen Hinweis auf die wissenschaftliche Vorgehensweise: Wissenschaft sucht immer, komplexere Zustände aus weniger komplexen Ebenen heraus zu erklären. (Erst wenn sich das als unmöglich herausstellt, wechselt sie auf die komplexere Ebene und sucht dort nach Mustern und Regelmäßigkeiten.) Der Hintergrund ist die Suche der Wissenschaft nach allgemeinen Gesetzlichkeiten, nach Naturgesetzen. Damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht auch eine interessante Frage sein kann, wie geistige Vorstellungen aus neuronalen (körperlichen) Bewegungen heraus entstehen. Sondern nur, dass das die Wissenschaft interessieren muss, weil sie auf die körperlichen Zustände des Menschen Zugriff hat (=diese mit Messgeräten untersuchen kann) und von dort aus eine Brücke auf die nächsthöhere (und wissenschaftlichen Geräten nicht unmittelbar zugänglichen) Ebene – jene des Geistigen – zu schlagen versucht.

„Philosophy of mind“ erweist sich also trotz des Namens als ein wissenschaftliches Problem (ein Problem, das sich aus dem Konzept des wissenschaftlichen Diskurses und seinen Funktionsgesetzlichkeiten ergibt) und als kein philosophisches! Ich habe mir überlegt, was zu tun wäre, um daraus ein philosophisches Problem zu machen: Als erstes müsste man es seiner wissenschaftlichen Sprache entkleiden. Denn die –isms sind wie unverrückbare Türme; sie zurren die Gedanken fest und verhindern das Denken. Das Zweite wäre: Man müsste herausarbeiten, was für einen Einzelmenschen (denn Philosophie ist der Blick auf die Welt vom Individuum aus) gewonnen oder verloren wäre, wenn man diese oder jene Frage so oder anders beantwortet. Zum Beispiel: Dostojewskis Diktum „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt!“ – ist zwar falsch, aber wenigstens philosophisch, denn es konturiert das, was für den einzelnen Menschen bei dieser Frage auf dem Spiel steht. Und dadurch, dass man weiß, was für den Einzelmenschen auf dem Spiel steht, weiß man auch, worum es bei der Frage überhaupt geht.

Sehen Sie: Und bei der „philosophy of mind“ weiß man das nicht! An keiner einzigen Stelle versucht der wikipedia-Artikel zu erklären, warum man denn unbedingt die Übersetzung von Gehirn in Vernunft genau erklären will. Man findet nur folgende blasse Anzeigetafel, die eine Richtung weist:

„There are countless subjects that are affected by the ideas developed in the philosophy of mind. Clear examples of this are the nature of death and its definitive character, the nature of emotion, of perception and of memory. Questions about what a person is and what his or her identity consists of also have much to do with the philosophy of mind. There are two subjects that, in connection with the philosophy of the mind, have aroused special attention: free will and the self.”

Die Person, freier Wille, das Selbst… das Problem ist nur, dass diese Fragen mit wissenschaftlichen Mitteln gar nicht gelöst werden können, weil Wissenschaft diese Entitäten von Vornherein verneint. Wozu übrigens ebenfalls ein guter Hinweis in demselben wikipedia-Artikel zu finden ist: „This article uses first-person ("I"; "we") or second-person ("you") inappropriately. Please rewrite it to use a more formal, encyclopedic tone. (July 2010)“ Dieser Artikel (es ist der „qualia“-Artikel) verwendet die persönlichen Fürwörter freilich nicht falsch, sondern er verwendet sie überhaupt. Diese haben aber in der Wissenschaft keinen Platz. Daher wundert mich nicht, dass: „ The view of the self as an illusion is widely accepted by many philosophers, such as Daniel Dennett and Thomas Metzinger.” In der Wissenschaft hätte ich nur Platz, wenn ich kein Helmut wäre, sondern ein Helmutismus.

Somit folgt aus dieser Untersuchung: Die Wissenschaft (oder die wissenschaftliche akademische Philosophie) will mit „philosophy of mind“ eigentlich Probleme lösen, die sie von vornherein ausgeschlossen hat, deren Behandlung sie nicht einmal zulässt. Wenn ich vorher als Philosoph mit soziologischem Blick gesprochen habe, so will ich nun noch davon sprechen, was ich mit meinem Sinn für das Individuelle in diesem Artikel sehe: Es wird in dem ganzen Artikel nicht genauer beschrieben und differenziert, was denn mit „mind“ gemeint ist – ob es sich hier um die einzelmenschliche Vernunft handelt oder um die gemeinsame Vernunft, an der wir alle Anteil haben und an die wir Anschluss suchen, wenn wir Argumente gebrauchen. (Diese Differenzierung klingt nur in einer nebensächlichen Bemerkung über Hegels „subjektive“ und „objektive Vernunft“ an.) Und wenn es sich um die gemeinsame Vernunft handelt, ob man sich vorstellt, dass die Individuen einen ganzen oder nur teilweisen Zugang zu ihr haben. Ober aber es handelt sich bei „philosophy of mind“ ja überhaupt nur um die Frage der „artificial intelligence“ – aber in dem Fall würde es auch genügen, wenn man etwas erfände, das bloß wie Vernunft ist und in der Praxis bei Computern und Robotern funktioniert und müsste gar nicht das mind-body problem beim Menschen lösen. Also auch diese Frage nach dem genauen Verständnis von „mind“ wäre bei einer philosophischen Behandlung des Themas zu klären.

    

7 Kommentare

Kommentar von: Séverine [Besucher]
Na vielleicht bist du ja ein Helmutismus, wer weiss... Nein im Ernst: Einfach brillant, du bist ein wahrer Philosoph!
Lieber Gruss
Séverine
30.08.10 @ 21:55
Kommentar von: maier [Mitglied] E-Mail
Die Philosophie des Geistes befasst sich nicht nur mit der möglichkeit einer wissenschaftlichen Reduktion von Theorien, sondern seit Platon, Aristoteles, Thomas von Aquin, Descartes, Leibniz, Spinoza bis hin zu den zeitgenössischen angelsächsischen und deutschen Philosophen mit echt philosophischen Problemen wie: Sind Geist und Materie verschiedene Substanzen? Wenn ja, können sie miteinander wechselwirken? Wenn nein, wie ist dann ihr Verhältnis zueinander? Kann Geistiges aus der Materie entstehen? Gibt es eine kausale Wirksamkeit des Geistigen?
Ich denke, das ist auch für den einzelnen Menschen interessant, denn wir alle bestehen doch aus Materie und Geist.
04.09.10 @ 18:07
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Maier,
das ist freilich alles möglich. Also es ist möglich, dass das richtig ist, was Sie da sagen.
Aber wir müssten uns halt darüber verständigen, worüber wir hier eigentlich reden.
Ich rede immer wieder von demselben: Man stellt den Menschen einen Begriff vor die Nase, z.B. "philosophy of mind" und erreicht damit, dass sie nicht mitreden können, nicht weil sie nichts von der Sache verstünden, sondern weil ihr Wissen nach anderen Kategorien strukturiert ist.
Mein Studium der Philosophie beinhaltete die Fächer: Einführung in die Philosophie, Geschichte der Philosophie, Metaphysik, Ethik, Wissenschaftstheorie, Logik, Weiteres Fach - und eines habe ich jetzt vergessen; acht Fächer warens. Kein "philosophy of mind".
Nachher wird einem gesagt: "Philosophie des Geistes beschäftigt sich mit..."
Es wäre nichts dagegen zu sagen, wenn man formulierte: Es gibt einige DenkerInnen oder einige philosophische Schulen, die der Ansicht sind, es gäbe etwas wie Philosophie des Geistes und darunter verstehen sie Folgendes...
Dann wäre der Sache die Aufdringlichkeit genommen und ein Raum für den Dialog eröffnet.
04.09.10 @ 22:20
Kommentar von: maier [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Dr.Hofbauer,
die Bezeichnung "philosophy of mind" brauchen wir nicht unbedingt. Die Thematik ist aber schon wichtig. Es ist erstaunlich, das nach einer Diskusssion von - mit Unterbrechungen - 2500 Jahren noch keine überzeugenden und weithin akzeptierten Lösungen gefunden wurden.
06.09.10 @ 16:03
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Maier,
warum interessiert Sie die Lösung dieser Fragen? Was interessiert Sie an der Lösung dieser Fragen? Und auf welchen Ebenen der Erklärung wollen Sie sie gelöst sehen?

Ich meine, ich würde das einfach auch gern wissen, um Ihren persönlichen Antrieb zu verstehen. Dass diese Fragen nicht gerade im Zentrum meines Frageinteresses stehen, müsste Ihnen nach der Lektüre meines Blogeintrags eigentlich klar sein:

In dessen Zentrum steht die Frage: "Ich habe mir überlegt, was zu tun wäre, um daraus ein philosophisches Problem zu machen" - Meine Überlegung läuft darauf hinaus, was man tun müsste, um die Fragen, die unter dem Titel "philosophy of mind" verhandelt werden, den Menschen wieder zurückzugeben. Denn Philosophie ist so etwas wie Pädagogik: Sie versucht nicht, das Wissen der Menschheit zu vermehren, sondern einzelne Menschen gescheiter zu machen.

Und in dem Zusammenhang ist aus meiner Sicht die Bezeichnung nicht nur nicht unwichtig, sondern sie ist das eigentliche Thema unserer (oder meiner jedenfalls) Diskussion: Es geht darum, ob Lehrstühle für "philosophy of mind" eingerichtet werden - und wenn ja, wieviel Geld dafür eingesetzt wird; ob Abteilungen in Bibliotheken für "philosophy of mind" eingerichtet werden - und wenn ja, wie viele Bücher sich dort sammeln; ob "philosophy of mind" als Fach an in den Philosophieinstituten eingerichtet wird und welchen Stellenwert dieses Fach dann hat.

Denn es geht um Macht, um Autorität und um den Glauben an das Fach und die Wichtigkeit seiner Inhalte. Diese drücken sich in der Art aus, wie man über es spricht. Auf deutsch wird es noch deutlicher. Vergleichen Sie:

"Einige Philosophen beschäftigen sich mit Philosophie des Geistes"
"Die Philosophie des Geistes beschäftigt sich mit Fragen wie..."
"Philosophie des Geistes beschäftigt sich mit Fragen wie..."

Im ersten Satz haben wir es noch mit Menschen zu tun, die sich mit etwas beschäftigen. Im zweiten Satz ist die Philosophie des Geistes bereits zu einer Art Überperson mutiert, die an unserer Statt sich mit bestimmten Fragen beschäftigt. Im dritten Satz verliert die "Philosophie des Geistes" durch das Fehlen des bestimmten Artikels alle Einschränkungen - und nimmt gottgleiche Bedeutungsansprüche an. Vergleichen Sie: "der Gott" (z.B. einer von mehreren griechischen Göttern) oder "Gott" (=der christliche Gott).

Ich glaube also nicht, dass man den Inhalt der Fragen von "philosophy of mind" in der Diskussion von den Bezeichnungen trennen kann. Wie könnte man da herausfinden, warum es heute diskutiert wird? Warum es institutionalisiert worden ist? Warum es in genau dieser Form institutionalisiert worden ist?

beste grüße
philohof
06.09.10 @ 22:35
Also ich selbst sehe die ganzen -ismen nicht so problematisch. Wie soll man das ganze denn sonst nennen? Habe meine Magister-Arbeit über das Leib-Seele- bzw. Körper-Geist-Problem geschrieben und finde, dass dies sehr wichtige analytische Unterscheidungen sind. Monismus, Materialismus, Dualismus etc.
20.07.13 @ 14:04
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Haens,
wie soll man das anders nennen? Gute Frage. Nietzsche hat die Idee vom Uebermenschen gehabt. Bis heute hat man nicht das Beduerfnis gehabt, einen Uebermenschenismus daraus zu machen. Es stimmt, dass die -ismus-Woerter das Gespraech mitunter beschleunigen. Aber das Ganze kauft man zu einem bestimmten Preis ein. Was ist z.B. der Unterschied zwischen einem Empiriker und einem Empiristen? Der Empiriker geht empirisch vor, d.h. er wartet mit seinem Urteil zu, bis er sich die Sache angeschaut hat. Der Empirist macht aus seiner Empirie ein Prinzip, das heisst er urteilt darueber, bevor er sie sich angeschaut hat. So sind also Empiriker und Empirist das genaue Gegenteil von einander. In derselben Weise transportiert man auch bei allen anderen -ismus-Woertern mit, dass die Menschen, die sie vertreten, nicht nur eine Idee zum Ausdruck bringen, sondern sie sich zum Prinzip gemacht haben. Man muss sich aber nicht - und ich moechte mir auch nicht - alles, von dem ich spreche, zum persoenlichen Prinzip machen.
18.11.13 @ 12:29

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