Replik auf Helmut Hofbauers: Sind alle Menschen Philosophen? – eine vergeudete Gelegenheit

von philohof E-Mail

Link: http://philosophieblog.de/philohof/sind-alle-menschen-philosophen-n-eine-vergeudete-gelegenheit

von:

Leo Zehender

www.philosophischepraxis.at

 

Ob alle Menschen Philosophen sind, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob mein Vortrag gut war. Aber „eine vergeudete Gelegenheit“ war er wohl kaum. Schon allein die von Helmut Hofbauer so emotional vorgetragene Kritik zeigt dies aus meiner Sicht recht deutlich.

Im Folgenden möchte ich zu einigen Kritikpunkten von Helmut Hofbauer Stellung nehmen. Ich setze dabei voraus, dass man/frau seine Kritik kennt, denn anders ist meine Replik darauf nicht verständlich. Ich bin nämlich ein fauler Mensch und wollte ihn nicht permanent wiedergeben bzw. seine schon formulierten Gedanken neu eintippen. Aber so lange ist ja sein Text auch wieder nicht, so dass schon klar werden sollte, worauf ich konkret antworte.

Ich werde auch nicht auf alle Kritikpunkte eingehen, sondern nur auf jene, die für Personen, die bei der Veranstaltung gar nicht anwesend waren, einen Sinn machen oder zumindest spannend zu lesen sein könnten. Schon gar nicht sind meine folgenden Zeilen eine „Verteidigungsrede“. Mir geht es viel mehr darum, ein paar „Klarstellungen“ vorzunehmen, die in Hofbauers Text aus meiner Sicht fehlen.

Der Vollständigkeit halber möchte ich darauf hinweisen, dass ich meinen Vortrag nicht vor Fachphilosophinnen und Fachphilosophen gehalten habe, sondern vor bildungsbürgerlichem Publikum.

Nun aber zur Sache:

1.

Ob alle Menschen Philosophen sind, hängt von unserem „Philosophie-“ respektive Philosophenbegriff“ ab. Wenn man die „Alltagsphilosophie“ mit einbezieht, sind das wohl alle Menschen. Und das weiß natürlich auch Helmut Hofbauer, noch dazu, wo er ja meinen Vortrag gehört hat.

2.

Helmut Hofbauer hat mein Vortrag nicht nur „enttäuscht“ und „gekränkt“ (siehe Absatz 2), sondern auch „unglücklich“ gemacht, wie dem 4. Absatz zu entnehmen ist. Letzteres wiederum aus zwei Gründen:

A.

Ich hätte zur Thematik nur sehr bekannte Philosophen und keine anderen (wen eigentlich?) zitiert und würde mich dadurch „automatisch dem Urteil der Anderen und der Tradition“ ausliefern.

Diese Vorhaltung entbehrt jeglicher Grundlage. Kein vernünftiger Mensch liefert sich heute automatisch dem Urteil der „Anderen und der Tradition“ aus, nur weil er/sie Gedanken von bereits verstorbenen PhilosophInnen zur Diskussion stellt. Man muss sich doch deswegen nicht von diesen Gedanken abhängig machen. Aber vielleicht ist ja auch einmal etwas Spannendes dabei? Nur weil jemand nicht zu den bekannten Philosophen zählt, bedeutet das ja wohl auch noch nicht, dass dessen Gedanken von vorneherein die besseren wären.

Ich frage mich, warum Helmut Hofbauer überhaupt Philosophie studiert hat und in diesem Fach promovierte, wenn ihm an der Meinung dieser alten „Schackln“ (ein Lieblingszitat meiner Lebensgefährtin, die Soziologin ist) so wenig liegt?

B.

Der zweite Grund, der Helmut Hofbauer „unglücklich“ macht, ist genau genommen wohl eher ein „Gründebündel“:

Im 6. Absatz wirft er mir eine mangelnde „Zielgruppenbestimmung“ vor – ich konnte aber seinen weiteren Ausführungen in diesem Absatz leider nicht entnehmen, was er damit meint.

Dafür habe ich seine Anregungen zur Sprachgestaltung im 7. Absatz sehr gut verstanden. Sie haben mich sofort an Argumentationstechniken in der universitären „Nach-68er-Linken“ (und zum Teil auch in der damaligen stalinistischen Linken) erinnert. Hofbauer hat mit diesen Personenkreisen nichts zu tun, das weiß ich, aber seine Argumentation ist doch verblüffend ähnlich.

„Wir reden nicht vom Sozialismus, weil sonst laufen uns die Leute davon“ – sondern taufen das Kind auf „partizipative“, „direkte“, „emanzipatorische“ oder „gesellschaftliche“ Demokratie um. Nun, der Ansturm der „Werktätigen Massen“ auf die damalige Linke hat sich trotzdem in Grenzen gehalten, weil ganz so blöd waren diese „Massen“ auch wieder nicht.

Ob es heute für einen Philosophischen Praktiker am Markt zweckdienlich sein kann, das Wort „Philosophie“ nicht mehr in den Mund zu nehmen, weiß ich nicht. Aber einen übertriebenen „Kundenansturm“ würde ich mir bei einer solch raffinierten Marketing-Strategie auch nicht erwarten.

3.

Also, die neuen Sprachregelungsvorschläge von Helmut Hofbauer halte ich für etwas naiv. Dafür gebe ich ihm aber wirklich Recht, dass man mit Menschen, die niemals Philosophie studiert haben, wunderbar philosophieren kann und es weit besser ist, dies zu tun, als ununterbrochen das Wort „Philosophie“ im Munde zu führen.

4.

Die „Hendl-Metapher“ im 8. Absatz finde ich äußerst nett – und aus wissenschaftskritischer Sicht auch sehr treffend formuliert! Allerdings fühle ich mich durch dieses Bild persönlich nicht angesprochen, weil ich ja diese „Differenzierungswut“, die für die Universitätsphilosophie zuweilen typisch sein mag, kaum teile. Schon gar nicht sortiere ich die sprachlichen „Körndl“ neu, um das jeweilig richtige „Hendl“ einzufangen. Ich sortiere daher auch das Wort „Philosophie“ nicht aus meinem Sprachschatz aus, nur weil ich eine Person treffe, die sich für „Neurowissenschaft“ interessiert.

5.

Ich glaube, dass Helmut Hofbauer seine treffliche „Hendl-Metapher“ selber etwas ernster nehmen sollte. Denn im 9. Absatz verteilt er die „Körndl“ schon wieder neu, um wohl endlich seiner geliebten „Zielgruppenfrage“ ein Stück näher zu kommen (letztere hat bei meinem Vortrag überhaupt keine Rolle gespielte; insofern verstehe ich auch, dass Helmut Hofbauer enttäuscht war).

6.

Helmut Hofbauer scheint ein Anhänger einer vorwiegend binären Logik zu sein, die bei einem Programmierer beruflich durchaus angebracht sein mag (spätestens aber, wenn dieser persönliche oder gar gesellschaftlich Probleme lösen möchte, würde ich auch diesem einen etwas weniger reduktionistischen Zugang empfehlen), bei einem Philosophen und Romanisten aber doch einigermaßen verwundert. Denn anders könnte er ja im vorletzten Absatz wohl kaum auf die Idee kommen, dass ich Epikur das „Philosophsein“ absprechen müsste, nur weil ich der Auffassung bin, dass sich heute Philosophinnen und Philosophen in die öffentlichen Diskurse mehr einbringen sollten.

7.

Dafür stimme ich aber mit Helmut Hofbauers letztem Absatz überein – beziehe ihn jedoch in dieser Form nicht auf meinen Vortrag, der ja ein sokratisch-mäeutisches Strickmuster trug – mit dem die Anhänger einer vorwiegend binären Logik aber vielleicht wirklich nicht viel anfangen können. Mir ging es jedenfalls darum, die Inhalte so aufzubereiten, dass man sich nachher auch eine einigermaßen gut begründete eigene Meinung bilden bzw. einer solchen ein Stück näher kommen kann.

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