Rezension von Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens

von philohof E-Mail

 


Bin irritiert nach der Lektüre des Buchs "Die Kunst des klaren Denkens" (dtv, München 2015, 12. Aufl.) von Rolf Dobelli

Erstens trifft der Titel nicht  zu:  In dem Buch wird nicht klares Denken geübt - oder gezeigt, wie man's macht - sondern es werden  "Denkfehler" beschrieben.

Und zweitens suggeriert das Wort "Denkfehler", dass wir, wir als einzelne Menschen, etwas falsch machen und es besser machen sollten.

Das ist aber gar nicht der Fall: Dobelli stellt unser Gehirn als das von Jägern und Sammlern dar, das für die Lebensumwelt von vor 50.000 Jahren optimiert ist und eben für unsere heutige, komplexere Welt in vielen Aspekten nicht mehr so gut passt. Was aber nicht bedeutet, dass man uns unsere  "Denkfehler"  oder "Biases" so einfach austreiben könnte, sondern: Wir sind halt so.

R0lf Dobelli auf die Frage, wie er es schaffe, ohne Denkfehler  zu leben: "Genau genommen versuche ich es gar nicht."  (S. 220)

Wonach sich die Frage aufdrängt: Warum und aus welcher Bewertungsperspektive heraus denn das überhaupt Denkfehler sein sollen?

Naja, vielleicht aus der Bewertungsperspektive der Wissenschaft heraus. Dobelli hat zwar keinen Schwerpunkt auf der Wissenschaft, dergestalt, dass er sagen würde, alles, was schlecht ist, mache die Wissenschaft gut. Aber er schreibt zumindest Sätze wie: "Klar ist, dass Menschen die Welt  zuerst  durch Geschichten erklärt haben, bevor sie begonnen haben, wissenschaftlich zu denken." (S. 54)

Geschichten sind für ihn übrigens Konstrukte, die etwas verbergen:  "Geschichten verdrehen und vereinfachen die Wirklichkeit."  (S. 54) "Pflücken Sie die Geschichten auseinander. Fragen Sie sich: Was will die Geschichte verbergen?" (S. 55)

Ich selbst glaube nun ja nicht, dass das wissenschaftliche Denken dem Geschichtenerzählen überlegen ist. Denn Geschichten schaffen es zumindest, das Wesentliche in absehbarer Zeit  zu erzählen. Wissenschaften beginnen immer mit den Grundlagen. Und bis man zu dem Problem kommt, das einen interessiert, sind mindestens 5 Jahre vergangen.

Wer glaubt, wissenschaftliches Denken bestehe  darin, dass man ein Problem isoliere und es logisch und methodisch analysiere, unterliegt dem, was ich den "Wissenschaft-ist-keine-gemeinschaftliche-Erkenntnisform"-Denkfehler nennen würde. Sobald du in der Wissenschaft ein  Thema hernimmst und es so eingrenzt, wie es dich interessiert, wird man dich der methodologischen Verkürzung zeihen oder Bourdieu  wird rufen, dass du die gesamte Matrix aller gesellschaftlichen Gegensätze zeichnen musst, bis du diesen einen verstehst, oder irgendein Historiker wird sagen, dass du die Problemgeschichte bis zurück zur Steinzeit verstehen musst, damit du dieses Problem verstehen kannst. Mit anderen Worten: Wissenschaft ist eine gemeinschaftliche Erkenntnisform, da kannst du nicht so  tun, wie du selber willst.

Als gemeinschaftliche Erkenntnisforms stünde die Wissenschaft in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Denkfehlern des "Social Proof" (S. 17-20), des "Authority Bias (S. 37-40), des "Groupthink" (S. 101-104) und des "Social Loafing" (S. 137-140). Das wird aber von Dobelli mit keinem Wort thematisiert.

Dobelli könnte auch die Bewertungsperspektive des Einzelmenschen meinen, denn er schreibt: "Die heutige Welt belohnt scharfes Nachdenken und unabhängiges Handeln." (S 216) Aber da fragt man sich dann als Leser, wie? Bzw. man versucht sich den Menschen vorzustellen, der das können kann, was Dobelli im Sinne des fehlerfreien Denkens von ihm verlangt. Und man kommt zu dem Schluss: Das geht nicht! Diesen Menschen gibt es nicht. Was den Untertitel "52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen" nach Hohn aussehen lässt.

Beim Denkfehler  der "Hedonic Threadmill" (S. 189-191) etwa beschreibt Dobelli einen Freund, der sich eine Villa gebaut hat, weil er dachte, das ihn das glücklich machen würde. Aber das Glücksgefühl  verging schnell, es blieb nur der täglich Ärger über den längeren Weg zur Arbeit. Dobelli meint, wir sollten damit rechnen, dass der emotionale Effekt von materiellen Dingen in kurzer Zeit  verpuffe. Andererseits sollten wir auf unsere emotionale Stabilität zählen, weil wir  auch nach einer Querschnittslähmung  nach drei Monaten wieder lachen würden. Ich denke, dass das keine Grundlage ist, auf der man sich seine Lebensziele wählen kann.

Damit will ich nun nicht sagen, dass das ganze Buch Schrott wäre. Im Gegenteil, bei manchen dieser "Denkfehler" ist es gut, sie zu kennen. Auch ist einzuberechnen, dass dieses Buch nur der zweite Aufguß ist, in welchem noch einmal verkauft wird, was zuvor schon in Deutschland und in der Schweiz in der Zeitung erschienen ist. Aus dem Grund sind alle Texte gleich lang (je 3 Seiten).

Aber die Texte  sind eben ziemlich einseitig. Zum Beispiel: Verfällt man nicht dem Outcome Bias (S. 81-84), wenn man sich den "Denkfehler" der Verlustaversion (S. 133-136) eingesteht? Soll ich mich kasteien wenn mir ein Kecks besser schmeckt als eine ganze Packung (Knappheitsirrtum, S. 113-136)? Ich habe keine Lust, mich als fehlerhaft zu sehen, wenn ich weiß, dass ich nur Kontraste wahrnehme und keine absoluten Größen (Kontrasteffekt, S. 41-44). Für Nullrisiko zahlen wir vielleicht zuviel, aber es entlastet auch (Zero-Risk Bias, S 109-112).

"Je mehr Macht wir über unsere  Impulse gewinnen, desto besser gelingt es uns, diesen  Fehler zu vermeiden."  (S. 211). Nämlich den, die  Gegenwart  (carpe diem) über die Zukunft zu stellen (S. 209-212). Ja, aber desto unfähiger können wir andererseits durch dieses Maßnahme werden, den gegenwärtigen Augenblick zu genießen.

In seinem Buch "Die Kunst des klaren Denkens"  stellt Rolf Dobelli  52 "Denkfehler" nebeneinander, so als wären sie gleichwertig und lässt uns in Andeutungen einen Supermenschen erscheinen, der in einer objektiven Welt lebt und fähig ist, alle Denkfehler zu vermeiden. Wenn Sie sich vorzustellen versuchen, was für ein Mensch Sie sein müssten, um das zu können, dann werden Sie zu dem Schluss kommen, dass Sie dieser Mensch gar nicht sein wollen (würden). Woraus sich die Frage nach einer lebbaren Version  von Dobellis Ratschlägen ergibt.

Wie diese "lebbare Version" aussehen würde, weiß ich nicht. Mir ist nur soviel klar: Dass man bei ihrer Konstruktion von richtigen Menschen ausgehen müsste und nicht von Phantasiewesen, die in der objektiven, wissenschaftlichen und logischen Welt zu Hause sind. In dieser Welt sind die Mensche nämlich nicht zu Hause; und wenn man sie an deren Maßstäben misst, dann kommt eine Überzahl von "Denkfehlern" heraus, die in Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht als solche aufzufassen sind.

Nachschrift:  Sollte die Lebensphilosophie nur ein Fehler sein?

Zum Hintergrund: Im Nachwort unterscheidet Dobelli zwischen einer "heißen" und einer "kalten Theorie der Irrationalität. Die heiße Theorie der Irrationalität kennen wir schon von Platon und sie reicht bis Sigmund Freud: "Die Gefühle sind eine brodelnde Lavamasse. Meistens kann die Vernunft sie unter dem Deckel halten." (S. 213)

Der Kern der heißen Theorie der Irrationalität ist: Das Denken ist rein. Es wird zwar manchmal von der Emotionalität getrübt, aber wenn man sich beherrscht, dann kann man klar denken.

In den 1960er Jahren hätten die Psychologen begonnen, so Dobelli, "mit den unsinnigen Behauptungen von Freud aufzuräumen" (S. 214) uns sie hätten dabei eine "kalte Theorie der Irrationalität". Diese besagt, dass unser Denken an sich schon nicht rein ist, sondern dass alle Menschen immer wieder dieselben Denkfehler begehen, die auch nicht zufällig verteilt sind und  die deshalb sogar prognostizierbar seien.

Das unreine Denken hänge damit zusammen, dass "Denken ein biologisches Phänomen" sei (S. 215) und von der Evolution geformt - und danach kommt bereits die Geschichte von den Jägern und Sammlern in Hugo Boss- oder H&M-Kleidern, die wir heute immer noch seien.

Nun ist es so, dass mich die Aussage überhaupt nicht überrascht, dass Denken ein biologisches Phänomen ist. Im Gegenteil, das hat José Ortega y Gasset vor 100 Jahren schon behauptet, und ich habe hier im philosophieblog davon berichtet: Ist José Ortega y Gassets Thema seiner Zeit auch das Thema unserer Zeit?

Was jedoch bei Dobelli passiert, ist eine völlige Umwertung von Ortegas Vorschlag. Ortega y Gasset bemerkte, dass wir nicht in der objektiven Welt von Wissenschaft und Logik leben, sondern dass der Mensch so denkt wie er Nahrungsmittel verdaut, dass das Denken eine Funktion des Lebens ist. Wenn wir daher verstehen wollen, wie der Mensch wirklich denkt, dann müssen wir das Denken als lebendiges Denken verstehen, das heißt als biologisches Phänomen. Diesen Zugang zum menschlichen Denken nannte Ortega "Lebensphilosophie".

Dobelli - und mit ihm offenbar eine Riege von Psychologen seit den 1960er Jahren sowie Nassim Taleb und andere Wissenschaftler, die sich mit Wahrscheinlichkeit beschäftigen - sehen aber in der biologischen Verfasstheit des menschlichen Denkens ausschließlich einen Fehler. Das bedeutet, das menschliche Denken wird aus der Perspektive des objektiven/wissenschaftlichen/logischen Denkens beurteilt und für defizient befunden.

In dieser Gestalt scheint die Lebensphilosophie Ortegas nun doch im Mainstream der geistigen Überzeugungen angekommen zu sein. Nur eben mit umgekehrten Vorzeichen: Aus einer Kritik der objektiven Vernunft durch das lebendige Denken hat man eine Kritik des lebendigen Denkens durch die objektive Vernunft gemacht.

Damit ist immerhin schon ein erster Schritt getan: damit existiert dasjenige, von dem die Lebensphilosophie spricht, immerhin schon einmal in den Köpfen der Menschen. Jetzt ginge es noch darum zu zeigen, dass der Begriff vom Denken und von der Vernunft, von dem Dobelli ausgeht, unmenschlich und maschinenhaft ist - mit einem Wort, dass er kein taugliches Kriterium ist, um die menschliche Vernunft zu beurteilen.

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