Senkt die Bildungsausgaben, aber radikal!

von philohof E-Mail

Link: http://kurier.at/politik/inland/ministerin-unter-druck-die-wut-der-laender-ueber-die-sparplaene-in-schulen/60.895.200

Jetzt habe ich mich wieder ärgern müssen.

Wegen der Notwendigkeit zur Budgetkonsolidierung – wir haben ja hier in Österreich diesen kostspieligen Hypo-Spaß – muss der Staat im Bildungsbereich sparen. Und sofort skandalisieren alle und warnen: Da werde auf Kosten der Zukunft gespart, auf Kosten unserer Kinder.

Bin ich denn der Einzige, der das anders sieht? Wollt Ihr wirklich noch mehr Akademiker im Call-Center und ausgebildete Sänger, die Taxi fahren? Denn dass ist es, was Ihr mit Eurem Ruf nach immer mehr Bildung erreicht! Ihr solltet anstatt dessen einsehen, dass Bildung nicht die Lösung aller Probleme ist, sondern selbst das Problem.

Einmal ganz ehrlich: Wer braucht denn Bildung? Die Erfahrung der jungen Leute ist doch heute die: Sie bilden sich, über Jahre strengen sie sich an, lernen, machen Praktika, sammeln Abschlüsse – und das alles nur, um am Ende die Erfahrung machen zu müssen, dass kein Unternehmen, kein Arbeitgeber das brauchen kann.

Was wird anstatt dessen im Berufsleben von Ihnen verlangt? Nun, zu funktionieren, in einem stressigen, langweiligen Berufsalltag, der keine Aussicht auf Weiterentwicklung und eine Verbesserung der Situation bietet, klaglos und verlässlich zu funktionieren.

Bildung kann sie dabei nur stören. Wer sich bildet, bildet seine Persönlichkeit aus. Dann steht er da mit seiner entfalteten Persönlichkeit – und diese ist ein anspruchsvolles Luxusding. Man wünscht sich plötzlich so Sachen wie eine „sinnvolle Arbeit“ oder mit seinen Argumenten von den Arbeitskollegen und Vorgesetzten „ernst genommen zu werden“. Ich will jetzt nicht sagen, dass man heute als Arbeitnehmer überall aus Böswilligkeit nicht ernst genommen wird, sondern nur soviel: Bei den semi-automatisierten Arbeitsabläufen, die wir heute überall haben, ist für solche Verzierungen keine Zeit.

Damit habe ich nun schon zwei Gruppen erwähnt, die Bildung absolut nicht brauchen können: die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer. Wobei jetzt mir, ausgehend von meinem persönlichen Background, die Bedürfnisse der Arbeitgeber nicht so nahe gehen. Aber die der ArbeitnehmerInnen schon. Und deshalb appelliere ich: Es ist doch eine Frage der Humanität, dass wir nicht durch Bildung allerorts Persönlichkeiten zum Blühen bringen, die dann keinen Lebensraum finden, an dem sie gedeihen können. Wir haben nun mal all die Call-Centers und Taxis und Outlet-Centers und Tankstellen und Lohnverrechnungsbüros und Baustellen und Fertigungslinien in den Fabriken, und wir brauchen Leute, die die Arbeit dort aushalten.

Die aber hält ein gebildeter Mensch nicht aus.

Um das nur klarzustellen: Es ist nicht die Zukunft, die ich mir wünsche, die ich hier gerade an die Wand male. Ich wünsche mir überhaupt nicht, dass die Menschen weniger Bildung haben. Aber ich schaue mich eben auch in der sozialen Realität um und kann nirgendwo erkennen, dass die Wirtschaft Bedarf an gebildeten Menschen hätte.

Ja, an gut ausgebildeten Fachkräften hat sie Bedarf. Aber doch nicht an Bildung! Und gerade hier wäre so leicht einzusparen: Geschichte, Geografie, Musikerziehung, Bildnerische Erziehung, Psychologie, Philosophie, Religion, Literaturkunde im Deutschunterricht, Sport, alle Fremdsprachen bis auf Englisch –raus aus dem Schulstoff! Nur noch Lesen, Schreiben, Mathematik und Naturwissenschaften! Nichts mehr von dem, was den Menschen als Person bildet! Aber von Mathematik und Naturwissenschaften natürlich mehr – viel mehr!

Was die jungen Menschen, die SchülerInnen und StudentInnen, heute brauchen, ist doch einfach, dass man ihnen klar und deutlich sagt: „Die Gesellschaft will nicht, dass Ihr zu Personen werdet, die in kontraproduktiver Weise ihrer eigenen Vorstellung vom Glück nachjagen, sondern ihr seid dafür vorherbestimmt, kleine Rädchen in der großen Wirtschaftsmaschinerie unserer Volkswirtschaft zu werden. Freundet Euch schon mal mit Eurem Rädchenschicksal an!“

Ich weiß, mein Ruf wird ungehört verhallen. Die Konsequenzen werden die bekannten sein, diejenigen, die wir auch heute schon sehen: Junge Menschen studieren zwei Fächer nebeneinander, machen Praktika und Auslandssemester, um sich als Personen interessant zu machen. Sie hoffen: Irgendwann wird ein Arbeitgeber doch sehen, dass ich was drauf habe! Wenn er nur meinen track record sieht und bemerkt, was ich alles schon gelernt und gemacht habe. Aber niemand bemerkt das. Niemand will das überhaupt haben. Und dann landen sie im Call-Center oder machen eine Umschulung zum Altenpfleger. Wenn man bei der Bildung radikal einsparen würde, könnte man diesen Menschen die schmerzhaften beruflichen Umwege und der Gesellschaft die kostspieligen Umschulungen ihrer durch Bildungsversprechen „verirrten Schäfchen“ ersparen.

Ich bin mir dessen bewusst, dass mein Ruf ungehört verhallen wird. Dabei liegt die Sache klar auf der Hand: Nicht mehr Bildung brauchen wir, sondern weniger. Denn Bildung ist selbst das Problem. Durch sie werden Bedürfnisse geschaffen, für deren Befriedigung unserer Gesellschaft die Ressourcen fehlen. Das Ergebnis sind eklatante Fehlallokationen: Menschen, die nicht wissen, wo sie hingehören, und Unternehmen, die nicht wissen, wo sie die geeigneten Arbeitskräfte herbekommen.

5 Kommentare

Kommentar von: maier [Mitglied] E-Mail
Vielen Dank für diesen gekonnt scharfen Beitrag.
Güner Maier
18.04.14 @ 17:54
Kommentar von: Vogt [Besucher]
Ich möchte mich dem vorherigen Kommentar mit dem Dank anschließen.

Mich würde an dieser Stelle noch sehr interessieren, wie denn Ihre Vision der Zukunft aussehen könnte? Also diese etwas verfahrene Angelegenheit mal von der konstruktiven Seite betrachtet.

"Was wird anstatt dessen im Berufsleben von Ihnen verlangt? Nun, zu funktionieren, in einem stressigen, langweiligen Berufsalltag, der keine Aussicht auf Weiterentwicklung und eine Verbesserung der Situation bietet, klaglos und verlässlich zu funktionieren."

Ich denke das mit dem "funktionieren" kann sicher besser klappen, wenn man ein gebildeter Mensch ist. Unter Umständen sieht derjenige (gebildete) mehr Alternativen, um mit einer stressigen, schwierigen, nervenausreibenden Situation umgehen zu können - was Funktionalität (also insbesondere Qualität von Arbeit) angeht, so kann man Bildung aus diesem Cocktail sicher nicht ausgrenzen.

Oder wollten Sie vielleicht eher sagen: "Mit Bildung löst man nicht alle Probleme!" ? Vielleicht wird der Begriff 'Bildung' heute ohnehin schnell und inflationär verwendet.
Mit dem Begriff erschlägt man in öffentlichen Debatten zu viele Ansichten und Philosophien, als dass man noch dagegen Argumentieren könnte - spannender wird es, wenn man sich überlegt, welche Art von Bildung man denn für den heutigen Markt bräuchte. Diese Überlegungen gehen aber in solchen Forderungen leider schnell unter.

"Die aber hält ein gebildeter Mensch nicht aus."
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Ich denke ein gebildeter Mensch sieht nicht nur mehr Rechte, sondern auch mehr Situationen, in denen er in der Pflicht ist etwas zu tun.

Ich denke das Problem ist vielmehr ein ambivalentes Verhältnis von Politik und Gesellschaft zum aktuellen Marktsystem. Zwar werden die immensen Vorteile dieses Systems gesehen und verteidigt, doch muss man sich auch irgendwo den damit verbundenen Problemen stellen. Problemen wie dem Drang des Menschen, seine eigene Persönlichkeit zu bilden und zu entwickeln - was nicht immer geht, weil man ja auch in persönlich nicht immer erfüllenden Dingen produktiv sein muss...

"Was die jungen Menschen, die SchülerInnen und StudentInnen, heute brauchen, ist doch einfach, dass man ihnen klar und deutlich sagt:[...]"
Diese "Unehrlichkeiten" sind vielleicht ein Resultat aus dem grad angesprochenen ambivalenten Verhältnis.

Es täte der Debatte sicher gut zu überlegen, was genau die aktuelle Situation eigentlich ist und auf diesem Konsens (wenn er denn gefunden wird) ein Bild von zukünftigem Arbeiten - und damit auch von zukünftiger Schule zu malen.

Mit besten Grüßen
02.06.14 @ 16:16
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://philohof.com
Lieber Herr Vogt oder liebe Frau Vogt,

Sie wünschen sich von mir Lösungen oder positive Entwürfe. Nun, ich glaube, dass im Philosophieren sehr häufig der Wunsch wirkt, ein Problem allein dadurch zu lösen oder es zumindest zu bannen, dass man es versteht. Das mag nun nicht immer funktionieren, aber ich habe sehr stark den Eindruck, dass es in diesem Fall funktionieren würde: Wenn sich viele Menschen zu der von mir vorgeschlagenen Problemsicht durchringen könnten, würde das Kräfte mobilisieren, die das Problem sehr schnell auf die eine oder die andere Weise lösen würden. Würde ich hingegen zum gegenwärtigen Zeitpunkt, wo wir noch nicht einmal in der Problemsicht eines Sinnes sind, mit Lösungsvorschlägen kommen, dann wären diese bestimmt nicht durchsetzbar.

Was mich dazu bringt zu bemerken, dass Sie meinen Artikel zwar loben, aber dann in der Problemauffassung doch deutlich von mir abweichen. Z.B. indem Sie schreiben:

""Die aber hält ein gebildeter Mensch nicht aus."
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Ich denke ein gebildeter Mensch sieht nicht nur mehr Rechte, sondern auch mehr Situationen, in denen er in der Pflicht ist etwas zu tun."

Meine Sicht der Dinge ist eher, dass ein gebildeter Mensch mehr spürt und ihn deshalb auch mehr schmerzt. Also: Reduktion von Bildung, Erhöhung von Abstumpfung führt zu verletzungsärmerem Durchstehen von harten Lebensumständen.

In dieses Schema passt Ihre Bemerkung darüber, dass der gebildete Mensch auch mehr Pflichten sieht, nicht rein, und ich verstehe eigentlich auch gar nicht, was er in diesem Kontext bedeuten könnte.

Mit herzlichem Gruß
philohof
06.06.14 @ 09:41
Kommentar von: Vogt [Besucher] E-Mail
Hallo,

"Meine Sicht der Dinge ist eher, dass ein gebildeter Mensch mehr spürt und ihn deshalb auch mehr schmerzt. Also: Reduktion von Bildung, Erhöhung von Abstumpfung führt zu verletzungsärmerem Durchstehen von harten Lebensumständen."

Das leuchtet sicher ein, doch könnte man diese Argumentation nicht auch dafür verwenden, Bildung nicht nur im aktuellen, sondern in jedem System zu reduzieren?
Ich meine, wenn es hauptsächlich um die Reduktion von Schmerz und die Steigerung von Durchhaltevermögen geht, ist maximale Abstumpfung nicht in jedem Fall wünschenswert?

Ich vermute allerdings auch, dass der Begriff "Bildung" heute vielfach schlicht mit Ausbildung gleichgesetzt wird - die Entwicklung irgendeiner Persönlichkeit wird dabei dann eher als schwammiges Nebenprodukt angesehen. Das sehen wir (zumindest in Deutschland) gerade an verkürzten Studienzeiten und verkürzten Schulzeiten. Vermutlich herrscht in Österreich zumindest eine ähnliche Situation.

Ihr Forderung, endlich etwas ehrlicher mit den Lebenswelten von Arbeitnehmern um zu gehen (also gerade auch nicht Bildung um jeden Preis zu einzufordern), ist daher sicher angebracht. Sie löst allerdings das Problem nicht, dass es offensichtlich viele Leute gibt, die eben auch gerne (Herzens-)Bildung hätten, oder es zumindest als wünschenswert sehen.

Dass ein gebildeter Mensch auch in einem harten Arbeitsumfeld mehr Pflichten für sich sieht passt in so fern, als dieser womöglich seine Belastung möglichst nicht in unangebrachter Weise an seinen Mitmenschen, sondern in geeigneter Weise an den richtigen Stellen zum Ausdruck bringt. Das hat den Vorteil, dass man Strukturen die Chance gibt sich zu ändern und zum Anderen das Leid seiner Mitmenschen nicht noch vergrößert.

Liebe Grüße

07.06.14 @ 19:33
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Hallo lieber Vogt,

danke für Ihre response!

"...könnte man diese Argumentation nicht auch dafür verwenden, Bildung nicht nur im aktuellen, sondern in jedem System zu reduzieren?"

In jedem System? - Nein. In jedem, das so ist wie das unsere? - Ja.

"Ich vermute allerdings auch, dass der Begriff "Bildung" heute vielfach schlicht mit Ausbildung gleichgesetzt wird..."

- Von mir nicht. Ich habe über Ausbildung in meinem Text nichts gesagt.

"Sie löst allerdings das Problem nicht, dass es offensichtlich viele Leute gibt, die eben auch gerne (Herzens-)Bildung hätten, oder es zumindest als wünschenswert sehen."

- Das Problem wollte ich in meinem Text nicht lösen. Allerdings vermute ich, dass gegenwärtige vielen Menschen ein solches Bedürfnis zugesprochen sind, die es aber gar nicht empfinden.

"Das hat den Vorteil, dass man Strukturen die Chance gibt sich zu ändern und zum Anderen das Leid seiner Mitmenschen nicht noch vergrößert."

- Ich weiß nichts von sozialen Strukturen, die sich ändern, wenn man ihnen "die Chance gibt". Strukturen ändern sich nur, wenn sie müssen, also wenn ihnen keine Chance bleibt.

Meint zumindest Ihr
philohof
10.06.14 @ 22:25

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