Sie können sich entscheiden! - Die Logik hilft Ihnen dabei!

von philohof E-Mail

Link: http://philosophieblog.de/philohof/replik-auf-helmut-hofbauers-sind-alle-menschen-philosophen-n-eine-vergeudete-gelegenheit

Unlängst ist mir vorgeworfen worden, ich sei „Anhänger einer binären Logik“. Das ist ein Vorwurf, der mich in ziemliche Verwirrung gestürzt hat, verstehe ich doch so gut wie gar nichts von Logik.

Das Einzige, das ich von Logik zu verstehen glaube, ist, dass sie mir schon oft geholfen hat, zu einer Entscheidung zu kommen. Sie dient mir als Schaufel, um mich aus dem Schlamm der Unentschlossenheit hinauszuschaufeln.

Und am wirksamsten von allen ihren Klingen oder Schaufelblättern ist das ausschließende „oder“.

Denn die meisten Menschen denken ja so, dass sie sagen: „Schwarz ist zugleich auch weiß.“

Zu diesem Schluss kommt man auf folgende Weise:

  1. Es kann ja nichts ganz schwarz sein, denn dann wäre es ja ein schwarzes Loch und würde uns alle verschlingen.
  2. Also müssen in dem Schwarz auch einige Grautöne vorhanden sein; und diese sind nur dadurch möglich, dass in dem Schwarz auch ein wenig Weiß ist.
  3. Wie viel Weiß in dem Schwarz nun tatsächlich vorhanden ist, ist diskutabel; als Ergebnis folgt, dass Schwarz zugleich auch weiß ist.

Bitte, Sie können gern auch so denken. Die Gefahr besteht bloß darin, dass Sie sich dadurch geistig immobilisieren.

Denn am Ende hat die anstehende Entscheidung ja häufig die Form:

  1. Ja, diese Suppe esse ich.

  2. Nein, diese Suppe esse ich nicht!

Mit einem Wort, das ausschließende „oder“ beruht darauf, dass mir nicht alles eins ist, dass mir also nicht alles gleichgültig/egal ist.

Der Begriff der „Philosophie“ als konkretes Beispiel

Beispielhaft dazu können wir den Philosophiebegriff auf http://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie betrachten. Hier ist unter anderem zu lesen:

„Von anderen Wissenschaften unterscheidet sie [die Philosophie, Anm. philohof] sich dadurch, dass sie sich nicht auf ein spezielles Gebiet oder eine bestimmte Methodologie begrenzt, sondern durch die Art ihrer Fragestellungen und ihre besondere Herangehensweise an ihre vielfältigen Gegenstandsbereiche charakterisiert ist."


Und gleich im Anschluss ist das Folgendes zu lesen:

„Kerngebiete der Philosophie sind die Logik (als die Wissenschaft des folgerichtigen Denkens), die Ethik (als die Wissenschaft des rechten Handelns) und die Metaphysik (als die Wissenschaft der ersten Gründe des Seins und der Wirklichkeit). Weitere Grunddisziplinen sind die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, die sich mit den Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns im Allgemeinen bzw. speziell mit den Erkenntnisweisen der unterschiedlichen Einzelwissenschaften beschäftigen.“

An dieser Stelle müsste nun eigentlich ein durchschnittlich intelligenter Mensch, der seine sieben grauen Zellen noch beieinander hat, sagen: „Also was jetzt? Entweder bestimmt sich die Philosophie dadurch, wie sie an verschiedene Themen herangeht und ist auf kein spezielles Gebiet beschränkt – oder aber sie ist dadurch bestimmt, womit sie sich beschäftigt und besteht also in Logik, Ethik, Metaphysik sowie Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Aber beides zusammen geht nicht! Ich lasse mich doch nicht dumm machen!“

Nur, erstaunlicherweise sagt das niemand! Wo sind die Menschen mit Hausverstand nur geblieben?

Gewiss, der Widerspruch wird in dem Wikipedia-Zitat ein wenig durch das Wort „Kerngebiete“ (statt einfach: „Gebiete“) abgemildert. Das muss aber niemanden davon abhalten, ihn zu sehen. Außerdem ist es nicht so, dass der Wikipedia-Eintrag lügen würde: Man hat ja im Laufe der Geschichte schon beide Interpretationen dessen, was Philosophie ist, zu verwirklichen versucht. Gut, aber man hat sicherlich auch schon versucht, Kühe zu reiten. Sie haben sich wohl nicht als ideale Reittiere herausgestellt.

Aufgabe: Versuchen Sie es doch mal für sich privat – Sie brauchen auch niemandem davon zu erzählen – sich zwischen den beiden obengenannten Philosophiebegriffen zu entscheiden:

  1. Philosophie bestimmt sich durch die Art, wie sie an Themen herangeht; sie ist auf kein Thema oder Gebiet beschränkt.

  2. Philosophie bestimmt sich durch ihre traditionellen Themen, die als ihre Kerngebiete angesehen werden: Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie.

Philosophie als Wissenschaft oder als Lebensweise

Der zitierte Wikipedia-Artikel enthält noch einen weiteren Widerspruch, den Sie ernst nehmen können, wenn das ausschließende „oder“ für Sie nicht bloß ein eine theoretische Angelegenheit ist, sondern ein Instrument, das Sie benutzen, um in ihrer persönlichen Lebenspraxis Orientierung zu gewinnen.

Im folgenden Zitat beschreibt Wikipedia den Zustand, in dem die Philosophie gegenwärtig angekommen ist, als „moderne Fachwissenschaft Philosophie“:

„Die moderne Fachwissenschaft Philosophie zieht ihre Rechtfertigung aus dem Anspruch, philosophische Methoden könnten auch für andere Wissens- und Praxisgebiete hilfreich sein. Darüber hinaus betrachten die Philosophen die Erörterung ethischer Themen und Grundsatzfragen als ihr ureigenes Gebiet. Die Universitäten sind in ihrem Selbstverständnis gegenwärtig durch die Vermittlung der traditionellen philosophischen Disziplinen Logik, Ethik, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Philosophiegeschichte im Rahmen der Lehrerausbildung geprägt.“

Der Philosophie-Artikel auf Wikipedia vergisst aber auch nicht, darauf hinzuweisen, dass es daneben auch noch ein anderes Philosophieverständnis gibt (oder einmal gab):

„Bei dem auf individuellen Nutzen gerichteten Philosophieren sind vor allem zwei Arten oder Ausrichtungen zu unterscheiden: Das Streben nach Weltweisheit soll dem Verstand Orientierung und Sicherheit in allen lebenspraktischen Bezügen verschaffen und die Fähigkeit zu sinnvoller gedanklicher Einordnung alles Begegnenden begünstigen. […] Demgegenüber legt die Philosophie als Lebensweise den Akzent auf die Umsetzung der Ergebnisse philosophischer Reflexion in die eigene Lebenspraxis.“

Jetzt haben Sie wieder die Wahl: Philosophie ist

  1. eine Fachwissenschaft;

  2. eine Lebenspraxis.

Aber vielleicht muss ich in dem Punkt ein bisschen helfen. Mir scheint nämlich, dass meine Zeitgenossen für diesen Unterschied ganz besonders blind sind. Oft kommt mir vor, ich bin der Einzige, der ihn sehen kann. Glauben die Leute wirklich, eine Fachwissenschaft sei eine Lebensweise, und eine Lebensweise eine Fachwissenschaft?

Den Schlüssel findet man, wenn man die Details aufmerksamer liest: „…aus dem Anspruch, philosophische Methoden könnten auch für andere Wissens- und Praxisgebiete hilfreich sein“ – will besagen: Man bietet hier einen Service für andere Fachdisziplinen und eben NICHT für die Menschen. „Das Streben nach Weltweisheit soll dem Verstand Orientierung und Sicherheit in allen lebenspraktischen Bezügen verschaffen…“ – umgekehrt geht es hier nicht um die lebenspraktischen Bezüge der Philosophie als Fachdisziplin, sondern um die von einzelnen Menschen, die philosophieren.

Die Konsequenzen

Jetzt haben Sie zweimal die Wahl gehabt. Mithilfe der Logik konnten Sie sich entscheiden. Indem Sie das ausschließende „oder“ verwendet haben („Es ist entweder das Eine oder das Andere, aber nicht beides zugleich!“), haben Sie gezeigt, dass Ihnen nicht alles vollkommen wurscht (egal, gleichgültig) ist.

Der Ausdruck, dass „mir etwas Wurst ist“ kommt ja daher, dass bei einer Wurst alles klein gemahlen wird und in die Wurst hineinkommt – da kann man dann nicht mehr unterscheiden, was davon man essen will und was nicht: In der Wurst ist es ununterscheidbar.

Umgekehrt erweist sich auch der Wikipedia-Artikel über Philosophie als so etwas Ähnliches wie eine „Wurst“: Da wird alles erwähnt, was einmal der Fall gewesen ist, und sein Gegenteil auch. Es ist darin keine Bemühung erkennbar, dass man versuchen würde zu unterscheiden und herauszuarbeiten, was Philosophie insgesamt realistischer Weise am ehesten sein könnte.

Der Wikipedia-Artikel sagt Ihnen darum auch nicht, was Philosophie ist. Das herauszufinden ist Ihre Aufgabe. Und das Mittel dazu ist das Nachdenken.

(Aber wissen die meisten Menschen nicht: Sie glauben, der Wikipedia-Artikel – oder sonst irgendein Enzyklopädieartikel – sage ihnen, was der darin beschriebene Gegenstand wirklich sei. Vielleicht kommen wir also in gewissem Ausmaß auch durch die Wörterbuch- und Enzyklopädieartikel zu unserem „Schwarz ist zugleich auch weiß-Denken“?)

Wie gesagt, nun haben Sie sich also entschieden. Und ich habe Ihnen dabei die freie Wahl gelassen. Gewiss habe ich meine eigenen Präferenzen in diesen beiden Wahlen, aber ich die habe ich aus dem Spiel gelassen. Es geht mir an dieser Stelle einzig und allein darum, dass die Angelegenheit mit der Anwendung der Logik erst dann lustig und interessant wird, wenn Sie nun aus Ihren beiden Wahlen auch die Konsequenzen ziehen und diese Konsequenzen zu Ihren persönlichen Überzeugungen machen!

Ziehen Sie die Konsequenzen entsprechend Ihrer Entscheidungen!

  1. Ein Philosoph ist ein Mensch, der etwas von Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie versteht, aber nach keiner philosophischen Lebensweise sucht.

  2. Ein Philosoph ist ein Mensch, der nach einer philosophischen Lebensweise sucht, aber nichts von Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie versteht.

  3. Philosophie ist es, wenn ein Mensch einen Beitrag zu den Fächern Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie leistet, aber nicht nach Weisheit strebt

  4. Philosophie ist es, wenn ein Mensch nach Lebensweisheit strebt, aber keinen Beitrag zu Logik, Ethik, Metaphysik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie leistet.

 

Aufgabe: Und nun bilden Sie entsprechend Ihrer Wahl konkrete Sätze.

Finden Sie Menschen oder Taten von Menschen, die Sie entsprechend Ihrer Wahl als „Philosophen“ oder als „philosophisch“ bezeichnen würden! Lassen Sie sich nicht von Ihrer Einschätzung irritieren, dass niemand sonst außer Ihnen gerade diese Person oder gerade diese Handlung oder Leistung als „philosophisch“ bezeichnen würde. Sobald Sie zu denken beginnen, sind Sie auf sich gestellt!

Wie Sie sich entscheiden, ist mir gleich. Aber Sie können sich entscheiden. Und das Mittel dazu gibt Ihnen die Logik in die Hand! Und dieses Mittel, diese Möglichkeit ist mir nicht gleichgültig, sondern sehr wichtig. Vielleicht bin ich also wirklich ein "Anhänger einer binären Logik"? Weil mir nicht alles wurscht ist.

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