Sind alle Menschen Philosophen? – eine vergeudete Gelegenheit

von philohof E-Mail

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Am 11. März 2015 besuchte den Salon Philosophique in der gabarage upcycling design, wo Leo Zehender zum Thema „Sind alle Menschen Philosophen? Wer sind die Philosophinnen und Philosophen heute?“ vortrug.

Von dieser Veranstaltung war ich ziemlich enttäuscht, weil Zehender keine Antwort auf seine Frage zu geben versuchte. Ich muss zugeben, ich war sogar ein bisschen gekränkt, denn der Unterton am Ende der Veranstaltung ging in die Richtung, dass „man“ sich allen Ernstes eine Antwort auf die titelgebende Veranstaltung nicht hatte erwarten dürfen. Und da ich mich für einen durchschnittlich intelligenten Menschen halte, der sehr wohl einen Antwortversuch erwartet – und sich sogar darauf gefreut – hatte fühlte ich mich auch gekränkt. Konnte es sein, dass ich als einziger nicht wusste, dass es sich nicht schickt, die Frage zu beantworten, ob alle Menschen Philosophen sind?

Der Grund, der sich hinter der Antwortverweigerung andeutete, war der, dass es als anmaßend erscheint, wenn man über alle anderen Menschen urteilt, sie seien Philosophen oder nicht. Die Konklusion, zu der Zehender am Ende gelangte: Alle Menschen seien manchmal, in gewissen Situationen, Philosophen – erscheint mir ebenso salomonisch wie inhaltsleer, denn ich wüsste nicht, was man aus ihr lernen kann.

Aus zwei Gründen bin ich unglücklich mit Zehenders Lösungsvorschlag: Der erste Grund fand seine Stichhaltigkeit in der Tatsache, dass Leo Zehender die ganze Zeit während seine Vortrags – der über eine Stunde dauerte – Zitate von bekannten Philosophen aus der Philosophiegeschichte brachte. In dieser Zitateauswahl zeigte sich, dass jemand, der selbst kein eigenes Urteil über eine Sache trifft, sich dadurch automatisch dem Urteil der Anderen und der Tradition ausliefert. Zehender meinte es gut und empfand es als eine Geste der Bescheidenheit, nicht über andere Menschen zu urteilen, ob sie Philosophen seien oder nicht, aber gerade deshalb fiel er auf das Urteil der Philosophiegeschichte zurück, die manche Personen in die Philosophie aufgenommen hat und andere, vielleicht würdigere, dem Vergessen anheimfallen ließ.

Gehen wir mal von der Annahme aus, dass 10% der philosophischen Autoren ihrer Zeit von der gegenwärtigen Philosophiegeschichte erinnert werden – erscheint da die freiwillige Beschränkung auf diejenigen Personen, die heute im öffentlichen Bewusstsein als Philosophen gelten, nicht ihrerseits auch als etwas extrem Ungerechtes?

Diese freiwillige Beschränkung auf jene Personen, die von Haus aus bereits in der Öffentlichkeit als Philosophen gelten, bringt zudem aus meiner Sicht eine besondere Crux mit sich: Sie macht blind für alle philosophischen Bemühungen, die außerhalb des Rahmens stattfinden, der offiziell als Philosophie gilt. Das aber ist eine Einschränkung, mit der ich nicht leben wollen würde, da meines Erachtens nach sicherlich weit mehr als die Hälfte der Philosophie außerhalb der Philosophie passiert. Insbesondere heute scheint mir das der Fall zu sein, wo Tendenzen der Verwissenschaftlichung und Formalisierung der Philosophie im akademischen Bereich dazu geführt haben, dass zahlreiche philosophische Themen in Ratgeberbücher und in die fiktionale Literatur ausgewandert sind.

Der zweite Grund, warum ich Leo Zehenders Vorschlag wenig hilfreich fand, bezieht sich auf die Frage der Zielgruppendefinition. Wer kommt denn gelaufen, wenn ich rufe: „Alle Philosophinnen und Philosophen – her zu mir?“ Oder wer kommt gelaufen, wenn ich sage: „Ich habe ein philosophisches Thema zu verhandeln – wen interessiert das?“ Vielleicht kommt nämlich niemand gelaufen und das ist genau die falsche Weise, um philosophieinteressierte Menschen anzusprechen.

Meiner Erfahrung nach kann man nämlich bisweilen mit den Leuten – mit Nichtphilosophen – ganz passabel philosophieren, solange man das, was man da tut, nicht Philosophieren nennt. Woraus sich der (paradoxe) Schluss ergeben würde, dass man, wenn man tatsächlich alle Menschen für Philosophen hält, es ihnen möglicherweise trotzdem nicht sagen sollte.

Diese Lösungsvariante hätte auch Zehenders Skrupel, über andere Menschen ein Urteil zu sprechen, einen Ausweg eröffnet: Er hätte behaupten können, alle Menschen seien Philosophen, aber wir hätten jetzt die Aufgabe, einen neuen Namen für sie zu finden, weil sie den der „Philosophen“ nicht für sich akzeptieren wollen. In dem Fall hätte die Meinung, alle Menschen seien Philosophen in der Folge dazu führen können, dass man überlegt, ob man sich mit philosophischen Anliegen nicht vielleicht am besten an solche Menschen wendet, „die Körper und Geist miteinander in Einklang bringen wollen“ oder an solche, „die ihre Kinder zu mündigen Bürgern erziehen wollen“ oder an solche, die „für ein nachhaltiges Wirtschaften“ eintreten. Denn alle diese Bezeichnungen könnten ja der eigentliche, der wirkliche Namen für die Philosophinnen und Philosophen heute sein.

Die Zielgruppenbestimmung aus der Ökonomie und dem Marketing ist tatsächlich eine Frage, die sich aufdrängt und die nach einer Antwort verlangt. Das ist es, was ich sagen möchte: Wenn man so tut, als seien alle Menschen Philosophen – oder als seien alle in bestimmten Situationen Philosophen – und müssten sich (dann) aus diesem Grund dafür interessieren, was allgemein unter „Philosophie“ eingeordnet wird, dann tut man so, als ob die Zielgruppenfrage gar nicht existierte. Man tut dann so, als ergäbe es sich schon allein aus der Wortübereinstimmung („PhilosophIn“ mit „philosophisch“), welches Hendl in welchen Hühnerstall gehört und auch welches Körndl es interessant findet. Das muss aber nicht so sein: Eine Zeitlang war die Physik (Einstein, Mach, Heisenberg) sehr philosophisch drauf, heute interessieren sich philosophisch interessierte Menschen vielleicht besonders für Neurowissenschaft und Behavioural Science, und man erreicht sie nicht mit dem Wort „Philosophie“, das man ihnen freundlich entgegenstreckt.

Hier hat Zehender also mehrere Gelegenheiten und Einstiegstore zu interessanten Debatten versäumt. Eines dieser Einstiegstore ist jenes zur Fragestellung: „Was ist denn überhaupt Philosophie?“ – und zwar im Gegensatz zu dem, was allgemein als Philosophie gilt. Ein weiteres ist jenes zur Fragestellung: „Wer fühlt sich denn überhaupt von philosophischen Anliegen angesprochen?“ – und zwar unter Berücksichtigung der Voraussetzung, dass man nach Menschen fragt, die sich selbst nicht für PhilosophInnen halten und die dasjenige, wofür sie sich interessieren, auch nicht als Philosophie bezeichnen würden.

Zehender beschloss seinen Vortrag mit einem abrupten inhaltlichen Schwenk, wonach das Interesse von PhilosophInnen oder solchen der heutigen Zeit, auch eine politische Dimension haben sollte dergestalt, dass sie Einfluss nehmen wollen auf das, was in ihrer Zeit öffentlich gedacht wird. Woraufhin ich in der Diskussion nach dem Vortrag darauf aufmerksam machte, dass die Epikureer mit ihrem Leitspruch „Lebe im Verborgenen!“ – nach dieser Bestimmung nicht zu den Philosophen gezählt werden könnten.

Daraus kann man ersehen, dass es nicht trivial ist, sich einen Begriff davon zu machen, was ein Philosoph oder eine Philosophin ist, und das es auch ziemlich spannend sein könnte, wenn man diese Aufgabe auch tatsächlich annimmt. Ich kenne diese Haltung, wo man mit der eigenen Meinung hinterm Berg hält, weil man ein Philosoph geblieben wäre, wenn man geschwiegen hätte. Aber man lernt eben auch nichts Neues, wenn man die Sachen nicht ausspricht und die Argumente durchdenkt.

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