Sokrates, soziologisch betrachtet

von philohof E-Mail

Ich lese gerade das Taschenbuch Sokrates von Eva-Maria Kaufmann (dtv, München 2000), ein Buch, das mir ganz gut gefällt, obwohl es im Grunde eine Themenverfehlung ist. Denn den Angaben auf dem Buchumschlag folgend, erwartet man sich "Biographien bedeutender Frauen und Männer aus Geschichte, Literatur, Philosophie, Kunst und Musik"; anstatt dessen erklärt einem Eva-Maria Kaufmann Sokrates' Philosophie. Vielleicht tut sie das auch deshalb, weil es über Sokrates nicht genug zu wissen gibt? Andererseits, soviel würden die Quellen schon hergeben, dass man damit 160 Seiten füllt und bei jeder einzelnen Angabe jeweils abzuschätzen versucht, ob das auf den historischen Sokrates zugetroffen hat oder nicht.

Doch das soll mir hier einmal egal sein. Was mir als Waldviertler Bauernbub in diesem Buch auffällt - wenn die platonischen Dialoge in so gedrängter Form an einem vorüberziehen - das ist die soziale Stellung der Gesprächspartner von Sokrates, auf die ich früher nie so sehr geachtet hatte. So spricht Sokrates in Nikias und Laches z.B. mit zwei Feldherren; Alkibiades, der z.B. im Gastmahl besoffen auftaucht, ist ein talentierter, aufstrebender athenischer Politiker gewesen; bei diesem Gastmahl sind aber auch der Komödiendichter Agathon und der Komödiendichter Aristophanes anwesend; in der Politeia ist Sokrates wiederum am Hafen Piräus im Hause des reichen Händlers Kephalos zu Gast und dieser sowie sein Sohn Polemarchos sind bereit, mit ihm zu diskutieren, etc.

Das bedeutet, Sokrates - von dem wir selber nicht wissen, wie es um sein finanzielles Einkommen stand (wir wissen nur von seiner großen Bescheidenheit in materiellen Dingen) - hatte die ganze Zeit Umgang mit reichen und berühmten Leuten. Ich denke, das wäre in der heutigen großen und komplexen Gesellschaft unmöglich. Wahrscheinlich verdankt sich im Falle von Sokrates dieser Umstand der Kleinheit und einer ländlichen Art des Zusammenlebens im antiken Athen. Heute bekämst du keinen Feldherrn und keinen reichen Händler zu Gesicht, die würden in ihrer Kaserne und in ihrem Bürogebäude in ihren Büros sitzen, zu denen du keinen Zutritt hast. Im antiken Athen war es offenbar möglich, diesen Menschen auf dem Marktplatz zu begegnen. Im heutigen Wien nun trifft man auch allerhand Prominenz auf der Straße, aber der Unterschied zur Antike besteht darin, dass man nicht mit ihnen ins Reden kommt. Man bemerkt sie, freut sich, dass man sie gesehen hat - und lässt sie in Ruhe.

Anders gesagt, dieses Buch von Eva-Maria Kaufmann lesend, wird mir (ganz im Gegensatz zur Intention dieses Buchs, weil dieses Thema gar nicht zur Sprache gebracht wird) die antike athenische Gesellschaftsordnung als Ermöglichungsgrund für Sokrates' Philosophie bewusst. Sokrates hatte offenbar die Möglichkeit, mit Männern von Rang in der athenischen Gesellschaft zu diskutieren - das wertete auch seine philosophische Tätigkeit auf. Ginge man heute auf Marktplätze oder suchte an öffentlichen Orten wie Gasthäusern und Cafés Menschen, die Zeit hätten, mit einem zu philosophieren, so fände man wahrscheinlich hauptsächlich Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, weil die reichen Leute und solche in hoher beruflicher Stellung einerseits diese offen zugänglichen Orte nicht aufsuchen und andererseits durch ihre Verpflichtungen so sehr in Anspruch genommen werden, dass sie keine Zeit hätten zum Philosophieren.

Das ist es, was ich meine: Sokrates lebte in einer Gesellschaft. Er lebte in einer Gesellschaft, weil seine Gesellschaft offenbar klein genug war, sodass Sokrates - ohne dafür besonders reich oder in einer bestimmten Funktion sein zu müssen - allein als Mensch und athenischer Bürger am öffentlichen Leben teilnehmen konnte. Heute haben wir diese Art der Gesellschaft (nennen wir sie: Inklusionsgesellschaft) nicht mehr. Tritt man auf die Straße hinaus und geht auf den Markt, geht man nicht in die Gesellschaft hinein, sondern aus ihr heraus. Wollte man in die Gesellschaft und in das öffentliche Leben hinein, dürfte man nicht auf den Markt gehen, sondern müsste in irgendeine Institution hinein, z.B. in eine Zeitung, in ein Unternehmen, in eine öffentliche Körperschaft, die die Teilnahme an der Öffentlichkeit vermittelt. Freilich nimmt man an der Öffentlichkeit dann auch nur noch in der jeweiligen Funktion teil, die man in der jeweiligen Institution innehat - sowohl als Mensch als auch als Bürger nimmt man am gemeinsamen, öffentlichen Leben nicht mehr teil.

Das hat auch inhaltliche Konsequenzen, weil Sokrates z.B. in seiner Philosophie ganz stark das Gemeinschaftliche in Gestalt der gemeinsamen Vernunft verteidigte, wenn er z.B. die Gültigkeit der Gesetze verteidigte. Wenn also Sokrates meinte, es sei besser, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun, dann verteidigte er damit nicht nur die allgemeingültige Vernunft, sondern er verteidigte damit gewiss auch seine Gesellschaft, in der er lebte, und die ihm offenbar als etwas ganz Besonderes (und auch: besonders Wertvolles) erschien, zumal die Demokratie in dieser Zeit noch jung (und der Respekt vor den Gesetzen ungefestigt) war. Sokrates spürte wohl das Vorrecht, das es bedeutete, ein Bürger dieses Gemeinwesens zu sein, das einen einfachen Bürger mitmachen ließ, mitentscheiden ließ, ihm eine Rolle im öffentlichen Leben zugestand - und diese Gesellschaft wollte er verteidigen.

Heute dagegen leben wir in einer Gesellschaft allgemeinen Ausschlusses, in der wir nur noch jeweils mit einem Teil unserer Persönlichkeit teilnehmen, wenn wir z.B. krank werden und in ein Krankenhaus müssen, wenn wir ein Einkaufszentrum betreten, wenn wir in die Schule gehen müssen oder an einer politischen Wahl teilnehmen. Überall erfüllen wir entweder eine Pflicht oder man erbringt eine Leistung für uns - und dann schickt man uns wieder weg. Bei einem philosophischen Gespräch, an dem wir als ganze Menschen teilnehmen, können wir uns dann nur noch mit anderen Ausgestoßenen und Außenseitern der Gesellschaft treffen, denn die Feldherren und Tragödiendichter hätten gewiss keine Zeit für uns. Wir säßen also dann, wenn wir es wie Sokrates machen wollten, mit einfachen Leuten am Wirtshaustisch und philosophierten mit ihnen - wobei nicht offenbar werden dürfte, dass das Philosophieren ist, was wir tun, denn einfache Leute haben fürs Philosophieren kein Verständnis - mit der Folge, dass unsere sokratische Tätigkeit sofort entwertet wäre und ohne große Folgen bliebe.

Wir glauben ja heute, wenn wir derartige Darstellungen wie die von Eva-Maria Kaufmann lesen, Sokrates beeindruckte die Menschen einfach durch seine Lebensweise und seinen philosophischen Eros. Aber wenn man so dächte, hätte man den damaligen Sokrates schlicht in unsere heutige Zeit projiziert und die gesellschaftlichen Umstände seiner Zeit nicht mitberücksichtigt. Tatsache ist, dass Sokrates als selber nicht reicher und wichtiger Mensch mit reichen und wichtigen Männern seiner Gesellschaft verkehrte und von diesen ernst genommen wurde. Das wäre heute nicht mehr möglich. Also liegt es nicht allein am sokratischen Gespräch, dass Sokrates berühmt wurde, sondern auch daran, dass er in einer Gesellschaft der Nähe lebte, in der man leicht mit Personen ins Gespräch kommen konnte, die heute unerreichbar wären.

Noch kein Feedback

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
Bitte schreiben Sie "Philosophie" (ohne Anführungszeichen)
antispam test