Über das Ich

von philohof E-Mail

Konrad Paul Liessmann schreibt in dem Artikel "In der Ich-Falle", Die Presse, Spectrum vom 28. 9. 2013, S. II:

"Was also ist das "Ich", diese wunderbare Entdeckung der Moderne, die im selben Atemzug gefeiert und dementiert wird? Ist es nur das Bewusstsein, eine unverwechselbare Einheit durch alle Formen und Phasen des Lebens durchalten zu können, oder ist damit auch eine Lebenswirklichkeit verbunden, die durch Einzigartigkeit und und Unverwechselbarkeit einer Person und ihrer Lebensvollzüge gekennzeichnet ist? Und worin erfährt dieses Ich sich als sich selbst? Wann sind wir bei uns, wann ist es unser Selbst-Sein, das sich in unserem Handeln artikuliert, und nicht ein Fremdes, Äußeres, dem wir uns einfach anschließen? Der moderne Mensch, der, ob er will oder nicht, einer umfassenden Massenkultur ausgesetzt ist, ist gleichzeitig wie kein anderer auf der Suche ach seinem Selbst."

Ich: Ich bin nicht "wie kein anderer" auf der Suche nach meinem Selbst; ich bin eigentlich schon froh, wenn man mal fünf Minuten davon ablässt, mir mein Ich mit Gewalt auszutreiben zu versuchen.

Liessmann schreibt: "Kaum war das Subjekt als entscheidende Kategorie entdeckt, schon zeigten Schopenhauer und Nietzsche, später dann Freud, dass es sich dabei eum eine manchmal grandiose, in der Regel eher erbärmliche Selbstillusionierung handelt. Dort, wo wir unser einzigartiges Ich vermuten, entdecken wir, sehen wir genauer hin, nichts als unsere physiologisch bedingten Triebe und Begierden, die wir mit allen teilen."

Ich: Das scheinen mir Aussagen zu sein, die einen modernen, postmodernen Intellektuellen interessant machen sollen: "Seht her, ich habe es verstanden, dass das Ich nur eine Illusion ist!" Aber was halten die Argumente? Schopenhauer war eine Art Buddhist, der sein Heil in der Ichauflösung sehen wollte. Nun gut, das wollen wir ihm zugestehen. Jeder nach seinem Geschmack. Nietzsche war - ganz im Gegensatz zu Liessmanns Behauptung - ein großer Theoretiker des Ichs, der empfahl, das eigene Ich weiterzuentwickeln und gab ihm "die große Vernunft des Leibes" zurück. Freuds Ich-Begriff ist lächerlich, das Ich ist bei ihm nur der Vermittler zwischen Es und Über-Ich ohne eigene Substanz.

Und was ist mit dem Argument, dass wird dort, "wo wir unser einzigartiges Ich vermuten, [...] nichts als unsere physiologisch bedingten Triebe und Begierden entdecken, die wir mit allen teilen"? Nun, eine simple Fehlbestimmung des Ich. Das Ich ist nicht deshalb (wahrhaftes) Ich, weil es einzigartig wäre, sondern weil der Mensch bei sich ist (wenn man ihn lässt). Es macht dem Ich also gar nichts aus, wenn es die gleichen physiologisch bedingten Triebe und Begierden wie alle anderen Menschen hat, es wird sich trotzdem als Ich fühlen. Im Übrigen braucht man sich um die Einzigartigkeit des Ichs keine Sorgen zu machen, denn diese entsteht durch sein Denken und seine Lebensgeschichte von selbst. Die Einzigartigkeit ist also ohnehin unausweichlich. Und die physiologisch bedingten Triebe und Begierden, die wir mit allen teilen, teilen wir mit ihnen übrigens auch in unterschiedlichem Ausmaß. Ein Blick auf die Straße reicht aus: Da gibt es Dünne und Dicke, manchen ist immer kalt, die Anderen laufen auch bei Kälte mit kurzen Ärmeln herum usf.

Liessmann schreibt: "Kein Bildungsreformer findet etwas daran, einerseits die Individualisierung des Unterrichts und die Förderung der besonderen Begabungen zu fordern und gleichzeitig für Bildungsstandards, Zentralmatura undden Einsatz von Testbatterien einzutreten, die alles an einem global gültigen Mittelwert ausrichten."

Ich: Ja, da sollten die Bildungsreformer wirklich einmal darüber nachdenken.

Liessmann schreibt: "Wenn es keine sozial verbindlichen Gefüge mehr gibt, die das Verhaltendes Einzelnen normieren, muss dieser die Grundlagen seines Handelns nicht nur in sich selbst suchen, sondern dieses Selbst muss selbst zur Grundlage jeglichen Handelns werden. Die Suche nach dem Selbst, das zuerst gefunden und dann verwirklicht werden will, ergibt sich so aus der Notwendigkeit, die Leere, die brüchig gewordene soziale Systeme hinterlassen haben, zu füllen. Natürlich ist jeder Mensch mit dieser Anforderung hoffnungslos überfordert."

Ich: Das ist wirklich Unsinn! Natürlich ist kein Mensch mit dieser Anforderung überfordert! Es gibt sie nämlich gar nicht. Der Mensch, wenn man ihn nicht fortwährend traktiert und ihn anders haben will, als er ist, wird einfach jeweils das Naheliegendste tun. Wenn ich mich also morgens vor die Aufgabe gestellt sähe, mein Selbst zur Grundlage meines Handelns zu machen, würde ich erst mal frühstücken. Besser und kürzer: Ich würde einfach frühstücken. Und danach würde ich Lust auf eine andere Tätigkeit haben. Wovon Liessmann da redet und uns beschwört, dass jeder Mensch damit überfordert wäre, das gibt es gar nicht.

Liessmann schreibt: "Das Ich, wäre es ein solches, benötigte nichts mehr als eine Privatsphäre, intime Räume, Rückzugsgebiete, wo es tatsächlich bei sich sein könnte. Dass die euphorisch begrüßte Technologie unserer Kommunikationsmedien in ihrer Logik das Gegenteil anvisiert - Transparenz, Durchsichtigkeit, Kontrolle, permanente Erreichbarkeit -, zeigt, wie schlecht es um das Individuum in Wirklichkeit bestellt ist."

Ich: Ich der Diagnose der Lage bin ich mir Liessmann einig. Ich frage mich nur, wie jemand wie er, dem das Ich nicht am Herzen liegt (siehe vorhergehende Zitate), etwas zur Lösung dieser Problematik beitragen könnte?

Wenn man den Bedarf des Individuums nach Privatsphäre und Rückzuggebieten, wo es bei sich sein kann, einsieht, dann müsste man eigentlich fordern, dass solche Räume der Privatsphäre auch im öffentlichen Raum und im Berufsleben geschaffen werden. Und man müsste auch fordern, dass der Mensch selbst dann, wenn er in der Öffentlichkeit unter Beobachtung durch Andere steht, nicht ausschließlich als öffentlicher Mensch, sondern auch als Privatmensch gesehen wird, also als einer, der, um mit Montaigne zu sprechen, selbst auf dem höchsten Thron immer noch mit seinem Hintern sitzt (und dort bisweilen auch mal furzt).

 

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