Verwunderung über eine Definition von „theoretischer Philosophie“

von philohof E-Mail

In der Einleitung zum Grundkurs Philosophie, Band 4, Erkenntnis und Wissenschaftstheorie des Reclam Verlags gibt Wolfgang Detel folgende Bestimmung oder Definition von „theoretischer Philosophie“:

 

„Theoretische Philosophie befasst sich vornehmlich mit Aktivitäten und Ideen, die mit der Art und Weise zusammenhängen, wie wir die Welt auffassen und auf sie reagieren – mit dem Fühlen, dem Denken, dem Argumentieren und dem Erklären, aber auch mit unseren Ideen von der Natur, vom Geist und vom sozialen Bereich.“ (S. 7)

 

Diese Definition verwundert mich sehr, denn ich würde sie eigentlich für eine Definition von „praktischer Philosophie“ halten – und nicht von „theoretischer Philosophie“!

 

Dafür spricht schon der Beginn der Definition: „…beschäftigt sich vornehmlich mit Aktivitäten“. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass die „theoretische Philosophie“ sich vornehmlich mit „Aktivitäten“ befasst. Ich hätte die „theoretische Philosophie“ viel eher für eine Disziplin gehalten, die verschiedene Ideen und Inhalte beschreibt und dabei vergisst, dass durch diese Beschreibung und Bearbeitung von Ideen Aktivitäten ausgeübt werden. Aus dem Grund erschiene es mir auch wichtig, wenn denn jemand mir zuhören möchte, daran zu erinnern, dass auch die theoretische Philosophie letztlich Teil der praktischen Philosophie ist, weil auch sie durch Aktivitäten und Tätigkeiten realisiert wird.

 

Aber es geht noch weiter. Der weitere Wortlaut der Definition macht deutlich, dass es sich bei diesen Aktivitäten um solche von Menschen handelt, von konkreten, lebenden, atmenden und handelnden Menschen: „…wie wir die Welt auffassen und auf sie reagieren – mit dem Fühlen, dem Denken, dem Argumentieren und dem Erklären, aber auch mit unseren Ideen…“.

 

Das erscheint mir noch merkwürdiger. Ich hätte gemeint, die „theoretische Philosophie“ beschäftigt sich damit, wie die Zunft der Berufsphilosophen die Ideen über Natur, Geist, Erkenntnis und Wissenschaft sehen will, und zwar unabhängig und gewöhnlich im Gegensatz dazu, wie konkrete, lebende und handelnde Menschen sie auffassen. Und zwar wollen die Berufsphilosophen sie deshalb in einem Gegensatz zu den Ideen der lebenden Menschen konzipieren, weil es ihnen ja nicht um die Ideen geht, mit denen lebendige Menschen ihr Leben bestreiten, sondern um den Aufbau ihres Fachs. Die Logik und Entwicklungsdynamik des Fachs bewegt sie mit stillem Drängen in weiterer Folge dazu, so stellt sich das der kleine Helmut vom Lande vor, dass sie sich nicht mehr länger dafür interessieren, wie „wir die Welt auffassen“, sondern dafür „wie sie aufgefasst wird“, nicht mehr dafür, wie wir auf sie regieren, sondern dafür, wie auf sie reagiert wird. Und aus dem menschlichen Geist wird in der theoretischen Philosophie doch der Geist, der über allen Wassern schwebt, oder etwa nicht?

 

Völlig verblüfft hat mich in Detels Definition jedoch die Angabe, dass es in der theoretischen Philosophie um unser „Fühlen“ und „Denken“ gehe. Wo geht es denn in der „theoretischen Philosophie“ ums Fühlen? Vielmehr hat man den Eindruck, dass in der „theoretischen Philosophie“ ein jeder Ausdruck eines Gefühls absolut fehl am Platz wäre, weil es in ihr zwar um „Aktivitäten“ und um Sichtweisen der Wirklichkeit geht, aber nie um solche von Menschen. (Wenn es also in der theoretischen Philosophie z.B. um Wissenschaft geht, so nie darum, wie konkrete Menschen in der Wissenschaft handeln – das würde sie der Wissenschaftssoziologie überlassen -, sondern darum, wie Wissenschaft methodologisch korrekt durchgeführt werden sollte. Wo hätte denn in einem solchen Diskurs eine Aussage über das Gefühl eines Menschen Platz?)

 

Vom Denken aber kann in der „theoretischen Philosophie“ meiner Meinung nach gar nicht die Rede sein. Denken ist die Tätigkeit, die Bewegung des Denkens. Theoretische Philosophie hingegen geht mit Gedachtem um, mit fertigen Gedanken. Wahrscheinlich wird hier einfach, wie so oft, das Denken mit dem Gedachten verwechselt.

 

Meine Verwunderung und meine Fragen veranlassen mich zu dem Versuch, Detels Definition von „theoretischer Philosophie“ zu reformulieren. Mal sehen, ob sie auf diese Weise mit meinem Hintergrundwissen in Einklang zu bringen ist:

 

„Theoretische Philosophie befasst sich vornehmlich mit „theoretischen Inhalten“, manchmal aber auch mit Aktivitäten (nur tut sie dann so, als ob es nicht die Aktivitäten von Menschen wären); sie diskutiert bei Gedanken vor allem die Korrektheit ihrer Argumentationsweise, weil sie auf diese Weise vom Fühlen und Denken der Menschen abstrahieren kann; ihre bevorzugten Themen sind – in ebendieser Reihenfolge – die Natur, der Geist, die Wissenschaft, die Erkenntnis und am Ende kommt vielleicht auch irgendwo der soziale Bereich ins Spiel, aber immer so, dass die Naturbetrachtung das Paradigma der „theoretischen Philosophie“ bleibt und auch das Verständnis menschlicher Tätigkeiten diesem Paradigma so weit wie möglich angepasst wird.“

 

Ein bisschen umständlich ist er, mein Definitionsversuch von theoretischer Philosophie, aber, wie ich finde, doch treffender als der von Wolfgang Detel.

1 Kommentar

Kommentar von: Immanuel Stemmert [Besucher]
Sehr geehrter Herr Hofbauer,

die Definition der "theoretischen Philosophie" von Herrn Detel ist sehr unglücklich - das aber teilt sie sich zumindest mit Ihrer Reaktion darauf. Vielleicht fällt man manches mal selbst (oder gerade) nach einer Dissertation auf einfachste Mißverständnisse herein. Denn das die theoretische Philosophie unter die praktische fiele, weil sie ja eine Handlung und damit praktisch wäre, ist schon etwas seltsam. Es würde dann auch nichts mehr (nicht einmal das von Ihnen angegebene) unter der theoretischen Philosophie Platz finden, da dies alles - als Handlung - ja auch wieder praktischer Natur wäre.

Nein, es fällt so wenig die theoretische unter die praktische Philosophie wie andersherum. Wissenschafts- und Erkenntnistheoretisch wird die praktische Philosophie jedoch durchaus auch betrachtet - sowie man sich ethisch und moralphilosophisch mit der Philosophie als akademischem Fach auseinandersetzen kann. Würde dies eine Hierarchie vorgeben wäre das ein lustiger Konstrukt. Dann müssten wir auch die Philosophie im Institut der Sprachwissenschaft anbieten. Nein, nein... Es gehört ja auch die Handlungstheorie in den Bereich der theoretischen Philosophie - und das nicht aus einer Dummheit der Tradition, die nun Sie zur Aufklärung benötigte.

Warum sich das so verhält würde hier den Rahmen sprengen (als auch meine Kompetenz). Man möchte auch meinen, daß dies auch in Wien Teil einer jeden philosophischen Einführungsveranstaltung gewesen ist, auf die zu besinnen ich empfehlen würde.

Mit freundlichen Grüßen,
Immanuel Stemmert
05.12.13 @ 11:55

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