Warum genau das System unmenschlich ist

von philohof E-Mail

Zeitunglesen kann manchmal recht instruktiv sein. Weil dort verschiedene Themen nebeneinander stehen und man sie miteinander vergleichen kann.

So las ich im Album der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ vom 26. Februar 2011 auf der Seite A12 einen Artikel des Schriftstellers Peter Henisch, der so ein Mittelding zwischen politischer Kritik und Werbung für seinen demnächst als Taschenbuch erscheinenden Roman Schwarzer Peter ist. Henisch erzählt in dem Artikel mit dem reißerischen Titel „Bin ich am Ende ein verkappter Terrorist“ von seinem Besuch 1999 in einer Haftanstalt für Schubhäftlinge zu Recherchezwecken für den geplanten Roman. Ein Major Z, Leiter des Gefangenenhauses, führte Peter Henisch mehrere Stunden darin herum:

 „Er war bemüht, mir zu zeigen, dass man die Gefangenen im Rahmen der Möglichkeiten human behandelt. Das habe ich nicht bezweifelt. Das Inhumane ist das System“ 

Das Inhumane ist nach Henisch also das System und er ruft dazu auf, „das Menschliche Minimum an Phantasie und Empathie aufrechtzuerhalten, zu fördern und zu fordern, die es braucht, um sich das vorzustellen.“

„Das“, das ist hier das Schicksal von Schubhäftlingen, während und nach ihrer Abschiebung per Flugzeug. Doch vor dem Schicksal anderer Menschen verschließen wir gern die Augen, insbesondere wenn sie dunkler Hautfarbe sind, Henisch nennt das mit Heimito von Doderer „Apperceptionsverweigerung“. Und er ruft alle Menschen dazu auf, dagegen anzukämpfen, indem er sie als Einzelne anspricht: „Wir sind lauter Einzelne, aber manchmal tut es gut zu bemerken, dass wir nicht allein sind.“

 

Auf Seite A3 im selben Standard-Album las ich einen Artikel über den mittlerweile zurückgetretenen deutschen Verteidigungsminister Guttenberg von Thomas Weitin, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Konstanz. Dieser Artikel mit dem Titel „Im Schein der Guttenberg-Galaxis“, dem man es ansieht, dass sein Autor Niklas Luhmann rezipiert hat, stellt die Frage:

„Gelten für Politik und Wissenschaft die gleichen Regeln der Aufrichtigkeit?“ Denn es könnte ja sein, so Weitin in einem Gedankenspiel, dass gerade „jemand, der nicht merkt, dass er abschreibt“ der richtige Mann für die Politik ist. Warum nur nimmt man anstatt dessen an, die Wissenschaft mit ihren Regeln sei „ein moralisches Vorbild für Aufrichtigkeit“?

Denn in der Wissenschaft gelten andere Gesetze als in der Politik (und diese „Gesetze“ haben dort auch einen anderen Sinn), woraus Weitin schließt:

 

„Der Sinn dieser Regeln [=der wissenschaftlichen Zitierregeln; Anm.] liegt nicht in der Erziehung der Gesellschaft. Sie sind notwendig, weil in der Scientific Community jeder einen Namen braucht, den andere adressieren können. Nur so lässt sich Wissen vermehren.“

 

Die Luhmannsche Systemtheorie der Gesellschaft ist vor allem erkennbar, wenn Thomas Weitin über die „Systemgrenzen von Politik und Wissenschaft“ schreibt: „Was ein guter Politiker ist, bestimmt das politische System nach der Rationalität der Macht. Das System der Wissenschaft dagegen folgt dem Leitbegriff der Wahrheit.“

Das ist alles richtig, wenn ich auch glaube, dass die Menschen diesen Satz tendenziell falsch verstehen werden: Dass die Wissenschaft „dem Leitbegriff der Wahrheit folge“ klingt nämlich nach so einem hehren Ziel, dass die Meisten den Eindruck haben werden, die Wissenschaft verfolge selbst ein moralisches Projekt. Aber weit gefehlt, die Wissenschaft fragt bloß bei einem jeden Urteil über etwas, ob es stimmt oder nicht stimmt – was anderes interessiert sie nicht. Deshalb interessiert sie sich auch nicht für Wahrhaftigkeit (also das Übereinstimmen dessen, was ein Mensch vor anderen äußert mit dem, was er denkt), einer Kategorie, die ich (im Unterschied zur Wissenschaft) als zentral für die Philosophie ansehe.

Doch das nur am Rande. Das System sei unmenschlich, sagte oben Peter Henisch – und man müsse die Menschen sensibilisieren für das Menschliche, für das Schicksal der Anderen. Der Sinn wissenschaftlicher Zitierregeln liege im System, sagt hier Professor Weitin – und nicht darin, Menschen zu mehr Aufrichtigkeit (mithin also zu mehr Menschlichkeit) zu erziehen. Also wie ist das jetzt: Sollen die Menschen zu mehr Menschlichkeit erzogen werden, damit die Gesellschaft insgesamt menschlicher wird? Oder bringen menschliche – oder aufrichtige – Menschen nur Sand ins Getriebe der Systeme unserer komplexen Gesellschaft und erweisen sich als schlechte Politiker, Wissenschaftler etc.?

Ja, was weiß ich, möchte ich als Antwort formulieren, das wird halt auch davon abhängen, was wir von unserer Gesellschaft wollen? Ob wir eher wollen, dass sie reibungslos funktioniere oder ob wir wollen, dass das Menschliche in ihr zur Geltung kommen darf.

Aber auf dem Weg zu dieser Entscheidung könnte uns noch ein Hindernis begegnen. Das System sei inhuman, schrieb Peter Henisch. Das legt den Gedanken nahe, man müsse nur das System humaner machen und schon sei das Problem gelöst. Dieser Gedanke wird einem gleichsam durch die Logik nahegelegt: Wenn es inhumane Systeme gibt, dann muss es doch auch humane geben. Aber dieser Schluss würde zunichtemachen, was wir gerade gelernt haben: Da ist einerseits Thomas Weitins Urteil, wissenschaftliche Regeln seien nicht dazu da, um Menschen aufrichtiger (=ein Aspekt von Menschlichkeit) zu machen ebenso wie andererseits Peter Henischs Beobachtung, wonach die Menschen auch in einem unmenschlichen System versuchen, sich menschlich zu verhalten – soweit es eben geht.

Der Schluss kann also nur sein: Ein System ist unmenschlich, nicht weil es unmenschlich ist, sondern weil es System ist. Das bedeutet: Jedes System ist unmenschlich. Aber wenn man das behauptet, muss man genauer bestimmen, was man mit „unmenschlich“ meint, denn freilich können verschieden gute oder schlechte Systeme Menschen besser oder schlechter behandeln. Damit, dass ein System unmenschlich ist, meine ich also: dass es die Menschen nicht hören kann, dass es ihre Anliegen und Bedürfnisse nicht wahrnehmen kann.

Also zum Beispiel: Die Wissenschaft strebt nach Wahrheit; wenn nun aber jemand nach Aufrichtigkeit strebt, weil er meint, diese Eigenschaft gehöre zum Menschen wesentlich dazu, dann sagt die Wissenschaft dazu: „Weiß ich nicht, interessiert mich nicht.“ Und hier wären wir wieder bei der Systemtheorie. Luhmann sagt nämlich, ein System reproduziere sich immer nur aus denjenigen Elementen, die es selbst erschafft. Die Wissenschaft nun produziert wissenschaftliche Theorien, aus denen sich weiterführende Fragen ergeben, die sie dann zu beantworten versucht. Manchmal machen diese Fragen zu ihrer Beantwortung eine neue Theorie notwendig, die umgekehrt wieder neue Fragen aufwirft. Und so dreht sich das Werkel immer im Kreis.

Aber was Wissenschaft nie produziert, das sind menschliche Eigenschaften oder menschliche Bedürfnisse. Also weder ein aufrichtiger Mensch noch das Bedürfnis nach einem aufrichtigen Menschen sind Ziel der Wissenschaft oder könnten es je sein.

Womit wir wieder vor der Frage von Peter Henisch stehen: Wenn wir ein unmenschliches System vor uns haben, wie können wir das Menschliches in es hineinbringen? – Offenbar nicht dadurch, dass wir es verbessern (wie wir gerade analysiert haben), weil auch ein gutes und sogar das beste System als System das Menschliche wesentlich ausschließt. (Dieses Argument ist aber nicht gegen die Verbesserung von Systemen gerichtet. Freilich sollen wir sie verbessern, soweit das geht. Ein gutes Wirtschaftssystem ist immer noch besser als eines, in dem man hungert. Es ist nur gegen die Illusion gerichtet, ein (gutes oder verbessertes) System könnte je menschliche Bedürfnisse anders als rein mechanisch und auf eine im Grunde verständnislose Weise berücksichtigen - und nichts anderes meine ich ja damit, dass ein System immer "unmenschlich" sei.)

Wie diese schwierige Frage lösen? Nun mir fällt letztlich auch nichts anderes ein als Peter Henisch, nämlich: an die Menschen appellieren, damit sie das Menschliche in ihnen selber nicht ganz vergessen. Denn es macht sicherlich einen Unterschied, ob ein System unmenschlich ist, aber die in ihm tätigen Menschen trotzdem nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten noch versuchen, sich human zu verhalten (so wie Major Z) oder ob sie, nachdem sie die Systemlogik eines inhumanen Systems (und alle sind ja inhuman, wie ich argumentiert habe) verstanden haben, sich im Namen eines möglichst guten Funktionierens der Gesellschaft (oder eben in diesem Sinne auch: im Namen der Verbesserung der gesellschaftlichen Systeme) an sie anpassen.

8 Kommentare

Kommentar von: Bella [Besucher] · http://whatasuprise.over-blog.de/
Ich war gerade dabei einen Artikel über 'Menschliches Unmenschliches' zu verfassen und habe etwas recherchiert, wobei ich auf diesen Blog gestoßen bin.
Ich war wirklich in den Text vertieft und habe viele Antworten auf meine Frage in den Zeilen gefunden. Ich blogge noch nicht sehr lange, aber ich würde mich sehr freuen, wenn der Besitzer dieses Blogs mal in meinen reinschauen würde.
Vielen Dank und liebste Grüße.
06.03.11 @ 15:46
Kommentar von: Manfred [Besucher] E-Mail
Eine wirklich schwierige und darum so bedeutende Frage: wie entkommen die Menschen dem von ihnen selbst erschaffenen System, dem sie ja – nach Luhmann – selbst nicht angehören. Freilich ist es lobens- und unterstützenswert, wenn die im System tätigen Menschen nicht bloß die ihnen aufgetragenen Funktionen erfüllen, sondern darüber hinaus auch noch ihre sogenannte Seele ins Spiel bringen und also dem Anderen als ganzes, dh mit Wünschen und Sorgen, Ängsten und Bedürfnissen ausgestatteten Individuum und nicht nur als zu bearbeitendes Objekt begegnen.
Allerdings scheint es mir auch nur eine menschliche Erscheinung zu sein, sich den dunklen (System)Mächten zu beugen, und eben nur seine vom System aufoktroyierte Funktion zu erfüllen, um nach Feierabend seine Ruhe zu haben. Die meisten Leute könnten schlicht damit überfordert sein, neben der Erfüllung des Systemzwanges auch noch menschliche Qualitäten aufzubringen. Es gibt Grenzen, an denen man einfach „zu“ macht, weil man den psychischen Druck nicht mehr aushält. Denn das System (es ist sehr schwer, es n i c h t als Subjekt aufzufassen) kennt die Menschen nicht, und schon gar nicht seine individuellen Erscheinmungsformen, und wird von solcherart menschlichen Handlungen nur irritiert, und wer das System irritiert, bekommt Schwierigkeiten mit dem System. Und das möchte man doch vermeiden. Und es ist auch verständlich, daß man das vermeiden möchte, denn man hat ja ohnehin schon genug Schwierigkeiten mit dem System.
Also, ich weiß wirklich nicht, wie wir unserem gesellschaftlichen System, daß das sogenannte „Menschliche“ nach und nach systematisch eliminiert, noch entkommen können. Der berechtigte Ruf nach mehr Menschlichkeit wird übertönt vom immer mächtiger dröhnenden Lärm der Maschine „Gesellschaft“, die diesen Planeten dereinst noch verschlingen wird.
14.03.11 @ 17:10
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Manfred,

vielen Dank für Ihren Kommentar.
Ich weiß auf diese schwierige Frage natürlich auch keine Antwort.
Das einzige, was mir einfällt, ist, diese Frage vielleicht in zwei Fragen aufzuspalten, um sie leichter behandelbar zu machen:

- Frage 1 wäre dann: Wie kann man die Gesellschaft verändern, damit die Menschen ihre Subjektivität auch leben können, in ihrer Subjektivität auch Anerkennung finden können etc.? - Das ist die große Frage, auf die wir wohl beide keine Antwort wissen.

- Frage 2 könnte in etwa so lauten: Was könnte man tun, um die Menschen darüber aufzuklären, was mit ihnen in sozialen Systemen geschieht, damit sie das wenigstens wissen und Systemzwänge als Systemzwänge identifizieren können - und damit sie negative Erfahrungen in sozialen Systemen nicht einfach auf die Missgunst ihrer Mitmenschen schieben oder die Schuld dafür in ihrer eigenen Schwäche und Erfolglosigkeit sehen?

Bislang ist ja, denke ich, noch nicht einmal das Problembewusstsein unter unseren Mitmenschen verbreitet. Ich weiß jetzt nicht, ob das Problemverständnis an sich schon etwas an der Sache verändert. Andererseits: Der Wechsel von einer Perspektive zur anderen ist so schrill und beeindruckend: Wenn ich die Gesellschaft als nur aus Menschen bestehend betrachte, muss ich alles Negative, das mir in ihr passiert, als etwas mir von Menschen (böswillig?) Angetanes ansehen; wenn ich hingegen anerkenne, dass gesellschaftliche Mechanismen sich selbstständig machen und auch an mir herumfuhrwerken, mein Schicksal mitbestimmen, kann ich Gesellschaft - oder die einzelnen sozialen Systeme, in denen ich mich bewege -, viel distanzierter und neutraler sehen...

...und wenn wir das alle täten, dann sähen wir unsere Gesellschaft an als eine Maschine, die wir zwar nötig haben, die aber auch ihre Fehler hat. Wir würden dann nicht die Gesellschaft für perfekt halten und (in einer "Philosophie des Handelns", die Pierre Bourdieu kritisiert hat, gefangen) dem Einzelmenschen alle Schuld an seinem Schicksal zuschreiben, sondern wir würden die Situation des Individuums realistischer betrachten - und auch von der unperfekten Maschine Gesellschaft nicht mehr verlangen, als sie eben leisten kann.

Was meinen Sie, Manfred, macht das Sinn?

schönen Gruß
philohof
14.03.11 @ 17:38
Kommentar von: Manfred [Besucher]
Hallo Philohof

Also, in Ihren wenigen Worten stecken Fragen für mehrere Bücher. Schreiben Sie sie! Das meine ich ernst.

Mit diesen schlimmen Fragen, die sich sämtlich um die polare Problematik „Individuum versus Gesellschaft“ drehen, schlage ich mich schon lange herum. Ich glaube auch nicht, daß es finale Antworten darauf gibt.

Aber immerhin können wir uns darüber unterhalten. Doch ist es schwierig, dieses hochkomplexe Thema in ein paar Zeilen abzuhandeln, weswegen wir – sofern Sie daran interessiert sind – eine längere Korrespondenz vor uns hätten.

Auf die Schnelle kann ich nur grobe Skizzen hinwerfen.

Frage 1: Man kann die Gesellschaft nicht verändern. Genauer gesagt kann man nur äußerst winzige, geradezu homöopathische Beiträge leisten, indem man sich eben anders verhält, als es „die Gesellschaft“ erwartet. Selbst jene Leute, von denen man etwas leichtfertig annimmt, sie könnten, wenn sie wollten (Politiker, Spitzenmanager, hochrangige Wissenschaftler, usw) würden nur wenig erreichen, sofern sie ihre Entscheidungsträgerposition dann nicht sowieso sofort verlieren würden, weil „das System“ keine Entscheidungsträger haben will, die gegen es arbeiten. Das einzige was man tun kann ist zu versuchen, seine Subjektivität eben zu leben, soweit das möglich ist. (Nicht sehr ermutigend, nicht wahr? Aber ich bin Pessimist, das müssen Sie wissen).

Frage 2: Bücher schreiben! Übrigens ist das meines erachtens die entscheidende Frage. Es ist allerdings zu befürchten, daß diese Bücher, die man dann schreibt, nicht von denen gelesen werden, die über diese Zusammenhänge aufgeklärt werden sollten, sondern eben von jenen halbwegs Gebildeten, die aufgrund ihrer Bildung schon die nötige, skeptische Grundeinstellung gewonnen haben. Bücher erreichen daher von vorn herein nicht die richtigen Leute. Natürlich könnte man – entsprechenden Idealismus vorausgesetzt – auf die Straße gehen und ... predigen. (Das erwähne ich jetzt aber nur der Vollständigkeit halber)
Man kann freilich auch versuchen, Macht zu erlangen, um dann, wenn man sie hat, etwas zu ändern. Sofern man auf dem Weg dorthin nicht vom System gefressen (dh hoffnungslos korrumpiert) wird, stünde man dann allerdings vor dem schon oben erwähnten Problem, daß das System keine Entscheidungträger duldet, die gegen es arbeiten.

Ich bin völlig Ihrer Meinung, daß es am nötigen Problembewußtsein mangelt und zweifle mit Ihnen auch daran, ob das Problembewußtsein allein schon etwas ändern würde.
Da Sie die Idee des Perspektivenwechsels erwähnen (was mich sehr beeindruckt, da diese Idee nicht sehr verbreitet ist), möchte ich Ihnen meine ganz große Hoffnungslosigkeit eingestehen, denn daran, denke ich, scheitert jedes aufklären wollende Projekt von vorn herein: die überragende Mehrzahl der Menschen (ich habe aufgrund meines Jobs mit zahlreichen „ganz normalen“ Menschen zu tun) kann sich nicht einmal vorstellen, daß andere Menschen eine andere Sicht auf die Dinge haben als sie selbst, geschweige denn sind sie in der Lage, diese andere Sicht zu akzeptieren. Und die Vorstellung, die Gesellschaft bestünde nicht aus ihnen, sondern aus etwas, das sich verselbständigt hat (bei Luhmann sind es, wie Sie wissen, Kommunikationen), ... diese Vorstellung ist den Menschen da draußen auf der Straße so vollkommen fremd, daß sie gar nichts damit anfangen können.

Ja, wenn wir alle mehr Einsicht in die Verhältnisse hätten, mehr Einsicht in die Vorgänge, die unsere Urahnen vor Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden in Gang gesetzt hatten, als sie die Moral erfanden (mit anderen Worten das „Du sollst“), dann könnten wir vielleicht so etwas wie eine Gemeinschaft zustande bringen.
Aber ... andere Menschen haben ganz andere Vorstellungen vom Leben, warum sollten sie auf die Wünschbarkeiten einiger philosophischer Menschen hören?
Warum?

Hoffentlich sind Sie nicht ganz meiner Meinung, sonst hätten wir nichts zu diskutieren.

Übrigens können wir uns auch duzen, wenn Sie wollen. Das entscheiden Sie mit Ihrer Antwort.

Viele Grüße
Manfred

14.03.11 @ 19:15
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Manfred,

ich sehe, du bist aus Wien. Da könnten wir uns ohnehin einmal persönlich treffen, um zu diskutieren, wenn du Lust hast. Du findest im Internet meine Homepage (www.philohof.com), du findest auch meinen facebook-Account - schreib mir einfach mal eine Nachricht, und dann treffen wir uns.

Bücher - ja, habe ich welche geschrieben. Meine Dissertation "Bezugspunkt Gesellschaft. Über die Geselligkeit und Ungeselligkeit der Menschen", ATUT Verlag 2005 handelt von diesen Themen.
Der Schweizer Soziologe Stefan Bertschi hat sich von meiner Disseration inspirieren lassen und daraufhin das Buch "Im Dazwischen von Individuum und Gesellschaft", transcript Verlag 2010, geschrieben, in welchem er das Problem des Individuums in der heutigen komplexen Gesellschaft aus soziologischer Perspektive betrachtet.
Ob er das Problem allerdings gelöst hat, weiß ich nicht; dazu muss ich das Buch erst durcharbeiten - es ist keine leichte Lektüre.

Gesellschaft verändern - ich bin da sehr vorsichtig. Selbst wenn wir sie verändern können, wird keine Gemeinschaft draus; dazu ist sie ganz einfach zu groß. Und auch, wenn es gelänge, sie zu verändern, blieben die Mechanismen, die ich in meinem Text beschrieben habe, ja gleich: Soziale Systeme sind nun einmal taub gegenüber der menschlichen Lebendigkeit - das wären sie auch in einer besseren Gesellschaft.

Aufklären - nein, das geht, glaube ich heute nicht mehr. Teils weil die Menschen kein Interesse daran haben, teils aber auch, weil die Gesellschaft so organisiert ist, wie sie ist. Schreibt z.B. jemand ein Buch über eine neue Weise, die Gesellschaft zu sehen, dann gibt es da auf der einen Seite die Nichtsoziologen, die sagen werden: "Das interessiert mich nicht, WEIL das ist Soziologie (=das ist Fachwissen)." Also wird das Buch auf die andere Schiene kommen und Fachleuten angeboten werden, und diese Fachleute haben ihre Fachtradition, haben ihre Autoritäten im Fach, haben ihr Fachwissen, dessen Gestalt sie erhalten wollen - die werden sagen: "Störe unsere Kreise nicht!" Mit einem Wort: Die fabelhafte Organisation unserer Gesellschaft leitet heute eigentlich eine jede Kommunikation nur in unterschiedliche Sackgassen.

Nein, Philosophie muss sich heute andere Ziele suchen als aufzuklären, denn wenn sie aufklären wollte, müsste sie recht rasch verzweifeln.

philohof
15.03.11 @ 12:08
Kommentar von: Manfred [Besucher] E-Mail
Hallo Philohof

Ich bin erleichtert. Hinter deinen beiden Fragen im vorangegangenen Beitrag argwöhnte ich zunächst eine, wie soll ich sagen, ... eine etwas „romantische“ Aufklärungssehnsucht, weshalb ich meine Antworten mit einem Hauch Ironie versehen habe. Jetzt ist mir klar, daß du dir da nichts vormachst.

Resignierendes Resümee: das System ist unmenschlich und wir können nichts dagegen tun. Es bleiben uns also nur unsere privaten Nischen. Nischen die „das System“ dem Individuum zur Verfügung stellt, damit es hier die Illusion seiner Souveränität pflegen kann, ... sofern es sich zu benehmen weiß, dh nicht in renitenter Weise versucht, aus seinem Gehege aus- und in die Gesellschaft einzubrechen.

Das Private könnte vielleicht mit Philosophie erfüllt werden: man denke an Epikurs Gärtchen, in das zurückzuziehen er dem nach Seelenfrieden Sehnenden empfahl.

Das klingt zynischer als ich es meine. Hat nämlich einer sogenannten Seelenfrieden gefunden, kümmern ihn die Fragen nach Gott und der Welt nicht mehr. Die Anderen, die noch Fragenden, wir also, die noch keinen Seelenfrieden gefunden haben, suchen nach was, wenn nicht nach Seelenfrieden? Seelenfrieden also der Traum Aller, der Traum des Menschen? Auch derer, die nicht wissen, wonach sie suchen und also fragen? Das Fragen ist quälend, daher das Aufhören des Fragens die gesuchte und geträumte Erlösung. Seelenfrieden, was immer das sei, also das Erstrebenswerteste vor und hinter allen anderen Dingen, also das Ziel aller Philosophie?

Aber das wäre Thema eines anderen Blogs, den ich mangels fachlicher Qualifikation hier nicht starten kann.

Viele Grüße
Manfred

(Übrigens werde ich gleich mal deine Homepage besuchen)
15.03.11 @ 18:51
Kommentar von: Manfred [Besucher] E-Mail
Hallo philohof,

gilt die E-Mail-Adresse noch, die du in deinem Aufsatz "Wissenschaft" angibst? Wär' mir lieber, als über facebook.

Manfred
16.03.11 @ 16:43
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Manfred,

die hotmail-Adresse gilt noch, ja.

Freu mich auf Elektropost von dir.
helmut
16.03.11 @ 17:10

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
Bitte schreiben Sie "Philosophie" (ohne Anführungszeichen)
antispam test