Was passiert mit einem Thema, wenn es wissenschaftlich behandelt wird?

von philohof E-Mail

Link: http://www.philohof.com/philosophie/philosophische_wissenschaftsforschung/wilhelm_schmid_grundlegungderlebenskunst.pdf

Seit geraumer Zeit versuche ich, meinen Mitmenschen zu veranschaulichen, dass mit einem Thema MEHR passiert als nur dass seine Inhalte objektiv richtig und wahr dargestellt werden, wenn sie in wissenschaftlicher Weise dargestellt werden.

Zu diesem Behufe habe ich jetzt einen neuen Versuch gestartet, indem ich mir die Mühe gemacht habe, das Vorwort von Wilhelm Schmids Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. (Suhrkamp, Frankfurt/Main 1998. S. 9-14 zu analysieren unter der Annahme, dass es sich dabei um ein wissenschaftliches Werk handelt (was der Fall sein muss, wenn es sich bei dieser Arbeit um Schmids Habilitationsschrift handelt).

Ich möchte vorneweg betonen, dass das Folgende in keinster Weise gegen Wilhelm Schmid gerichtet ist. Schmid hat auch andere Bücher über Lebenskunst geschrieben, die ich nicht kenne. Vielleicht sind sie besser als dieses. In diesem Buch habe ich jedenfalls von Lebenskunst nicht einmal ein Anzeichen gefunden (obwohl das Wort auf dem Buchumschlag steht und es vielleicht viele Menschen deshalb gekauft haben). Der Grund dafür, warum Lebenskunst in diesem Buch nicht einmal vorkommt, könnte in der Wissenschaftlichkeit des Buchs liegen.

Nun, was passiert also mit der Lebenskunst dadurch, dass sie von Wilhelm Schmid eine wissenschaftliche Behandlung erfährt? Die kurze Antwort vorweg: Aus der Lebenskunst, die an und für sich eine Disziplin sein sollte, mithilfe derer der einzelne Mensch nach einem besseren Leben strebt, wird ein Wissensgebiet, ein Fachgebiet. In der Folge dreht es sich sofort nicht mehr um die Bedürfnisse, derentwegen der Mensch zur Lebenskunst kommen könnte, sondern um die Bedürfnisse dieses Wissensgebiets in unserer Gesellschaft mit besonderer Rücksicht ihrer Organisationsstrukturen. Z.B. muss das Wissensgebiet, um nicht in der öffentlichen Diskussion sofort wieder weggewischt zu werden, abgesteckt und befestigt werden. Der Autor, Wilhelm Schmid, beginnt also einen Diskurs, der sich zugleich auf der Ebene der Öffentlichkeit (des Politischen) und der der Wissenschaft bewegt und die Gesellschaft davon überzeugen soll, dass die Lebenskunst nützlich für sie ist. Es ist klar, dass dabei die Ziele der Lebenskunst umgedeutet werden müssen: Das Ziel, für den Einzelmenschen ein besseres Leben zu erreichen, wird ersetzt durch Ziele, die die Gesellschaft als Ziele auffassen und begreifen kann (denn wenn es dem einzelnen Menschen besser geht, dann "spürt" die Gesellschaft das ja nicht unmittelbar). Schmid bringt also solche Ziele vor wie, eine zweite Aufklärung zu befördern oder die ökologischen Probleme der Gesellschaft zu lösen.

Abgesehen von der gewaltsamen Umdeutung der Ziele der Lebenskunst (weil die Gesellschaft das Ziel eines besseren Lebens ja nicht verstehen kann, das bessere Leben ist was Subjektives, und die Gesellschaft kann nicht in den Menschen hineinschauen) ist wesentlich, dass Wilhelm Schmid, indem er das Thema der Lebenskunst wissenschaftlich behandelt, es nicht mehr länger bloß mit einem Thema zu tun hat, sondern er wird dadurch zu einer Art Politiker, einem Regenten oder Feldherrn seines Wissensgebiets, das er gegenüber anderen wissenschaftlichen Wissensgebieten abgrenzen und nachbarschaftliche Verhältnisse herstellen muss, die ihm Rahmen der bestehenden organisationellen Struktur unserer Gesellschaft praktikabel sind. Es ist nun kaum vorstellbar, dass man, wenn man die ruhige Studierstube gegen das windige Terrain eines wildumkämpften Wissensgebiets vertauscht, noch sachlich an dieses herangehen kann.

Was im Konkreten passiert, ist Folgendes: Bei der wissenschaftlichen Behandlung eines Themas werden die Bedürfnisse des Menschen gegenüber diesem Thema durch die Bedürfnisse des Themas selber im sozialen Raum abgelöst. Das hatten wir schon. Doch wie kämpft man nun feldherrenhaft für sein Thema? Das funktioniert so, indem man dem Thema alles zuschreibt, was in den Augen der Gesellschaft Größe besitzt. So muss das Thema historische Dimensionen gewinnen, für die Philosophie der Lebenskunst ist da sehr vorteilhaft, dass es in der antiken Philosophie bereits eine Auseinandersetzung mit dem Thema Lebenskunst gegeben hat. Wenn man sich fragt, ob diese Geschichte der Lebenskunst in der Philosophie für das Thema Lebenskunst unabdingbar ist, dann müsste man eigentlich mit "Nein!" antworten - man könnte ja auch alles neu erfinden. Es geht auch nicht darum, dass es gute Einsichten schon gibt und man sich ihrer bedienen sollte. Es geht nur darum, dass sich diese Krake "Wissensfeld Lebenskunst" mit einem Arm auch in die Vergangenheit verlängert, weil die Gesellschaft davor Achtung hat.

Was passiert noch mit der Lebenskunst als wissenschaftlichem Thema? Nun, sie muss in Teile zerfallen, denn das entspricht offenbar der Teile-Logik der Gesellschaft. Wäre sie selbst nur ein Teil, würde man sie einfach bald in einem anderen Themenbereich einfügen und sie könnte nicht als eigenes Thema bestehen. Um als Ganzes bestehen zu können, muss sie paradoxerweise selbst Teile aufweisen, und zwar viele Teile, damit man lange mit ihrem Studium Arbeit hat, bevor man sich rühmen kann, ein Spezialist in ihr zu sein. Überhaupt besteht die wissenschaftliche Behandlung eines Themas darin, aus ihm die Wohnstatt des Spezialisten zu machen. Das Ziel der wissenschaftlichen Themenbehandlung besteht darin, dass der Spezialist oder Experte sagen kann, dass er sich in ihm auskennt, dass er aufgrund seines Wissens mehr Hausrecht dort hat als andere, die von außen kommen. Dies ist ein weiterer Grund, warum ein wissenschaftliches Buch über Lebenskunst einem Menschen, der sich mit ihm beschäftigen will, von vornherein gar nichts anbieten kann. Denn der Sinn des wissenschaftlichen Buchs besteht darin, sich vor dem Laien zu verschließen, um den Experten als rechtmäßigen Eigentümer seiner Inhalte zu etablieren.

Noch einmal: Das ist keinerlei Bosheit von Seiten Wilhelm Schmids. Es ist die gesellschaftliche Logik, die Logik der Wissenschaft, die von uns solche Bücher fordert. Am beeindruckendsten war für mich bei der Lektüre dieses Buchs (das ich nicht zur Gänze gelesen habe, da würde ich den Verstand verlieren) zu sehen, wie aus Wilhelm Schmidt durch die wissenschaftliche Darstellungsweise sofort zu einer Art Feldherr oder Kapitän seines wissenschaftlichen Lebenskunst-Schiffes wurde, das er etablieren und gegen alle möglichen Einwände und Attacken von Seiten der Gesellschaft verteidigen wollte - und wie er dabei von Anfang an die Bedürfnisse des Individuums vergaß, das die Lebenskunst am Ende anwenden soll, was aber auch klar ist, weil diese im Rahmen von Diskursen von gesellschaftlicher Bedeutsamkeit keine Rolle spielen.

Meine unmittelbare emotionale Reaktion auf diese Lektüre sagte mir: "Da hast du es, warum die Philosophen zu allen Zeiten in die Einsamkeit gegangen sind um nachzudenken: Man muss wirklich alle diese fiktiven (und doch so realen) Kämpfe vergessen, die Wilhelm Schmid in diesem Buch mit anderen wissenschaftlichen und philosophischen Disziplinen oder möglichen gesellschaftlichen Erwartungen an ein Fach, das sich "philosophische Lebenskunst" nennt, leidenschaftlich führt, vergessen, um über die Sache selber nachdenken zu können, um die es eigentlich geht - um die Lebenskunst."

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