Widersprüche rund ums Handeln - am Beispiel des Pragmatismus

von philohof E-Mail

Soeben habe ich den Aufsatz „Die Entwicklung des amerikanischen Pragmatismus (1925)“ von John Dewey gelesen. An und für sich ist der Text aufgrund der eklatanten Widersprüche, die Dewey in ihn hineingepackt hat, aus meiner Sicht völlig ungenießbar. Aber ich glaube, dass die Widersprüche lehrreich sind, weil sie die Probleme veranschaulichen, die wir Menschen mit dem Konzept des „Handelns“ haben.

Zum Beispiel: Handeln ist immer konkret und unterliegt besonderen Umständen. Wenn wir das Handeln in eine wissenschaftliche Theorie einbringen wollen, die als wissenschaftliche Theorie nach Allgemeinheit streben muss, geraten wir in Gefahr, uns zu schneiden. Sehr leicht wird aus dem konkreten Handeln einzelner Menschen dann die Evolution vernünftiger Verhaltensweisen der gesamten Menschheit.

Die Widerspruchsachsen in Deweys Aufsatz sind: Handeln des Einzelnen versus Prozess der Evolution, Allgemeines versus Konkretes, allgemeine Ziele versus partikuläre Interessen, und Moral (weil die Einsicht in die Moral vor aller Erfahrung gegeben ist) versus Erfahrung.

Vielleicht kann man diese Widersprüche auf Charles Peirce versus William James reduzieren? Aber es ist für meine Überlegungen nicht erforderlich, den Pragmatismus so gut zu kennen, um das einschätzen zu können. Wesentlich ist, dass Dewey diese beiden Denker in ein- und denselben Aufsatz gepresst hat, obwohl ihre Ansichten so verschieden gewesen sein mögen, dass sie nicht unter den gemeinsamen Hut des Pragmatismus passten.

Egal. Das ist nicht meine Geschichte. Meine Geschichte könnte so beginnen: Willst du übers Handeln reden, dann sieh zu, dass es dir nicht unter der Hand zu Evolution vernünftiger Verhaltensweisen der Gesamtmenschheit gerät…

Und willst du darüber reden, dass philosophische Überzeugungen konkrete Konsequenzen im Verhalten des Menschen, der sie hat, nach sich ziehen, dann sei dir dessen bewusst, dass in der öffentlichen Diskussion das Allgemeine einen sehr starken Druck ausübt – und das Konkrete einen schlechten Ruf genießt.

Und willst du schließlich mehr über die Interessen und Motive erfahren, die hinter bestimmten philosophischen Positionen stehen, z.B. deshalb, weil du sie – so wie es auch mir ergeht – nicht verstehst, wenn dir niemand sagt, was er damit will, dann, ja dann sitzt du mitten im Wespennest. Und kannst dir anhören, dass es deinem Gegenüber immer nur um die hehre Wahrheit geht, niemals aber um irgendein (schmutziges) Interesse.

In Summe: Handeln – geht irgendwie nicht. Es ist konkret, leitet sich durch Interessen und ist auf Zukunft ausgerichtet. Während alles, was uns heilig ist, (die Wissenschaft), allgemein ist, ohne jegliches Interesse und in einer ewigen Gegenwart existiert (Naturgesetze beschreiben Vorgänge, die sich immer wieder wiederholen – sie beschreiben die Weise, wie die Wissenschaft in einer ewigen Gegenwart lebt).

Umgekehrt: Wie sollte denn der einfache Mensch philosophische Gedanken verstehen können, wenn sich doch die Philosophie gegen alles versündigen würde, was uns heute heilig ist – das Allgemeine, das Interesselose, das rational erklärbare Geschehen – indem sie uns verstehen ließe, was wir mit philosophischen Gedanken anfangen sollen?

Letzten Endes scheint der Pragmatismus von Charles Peirce so etwas wie ein wissenschaftlicher Funktionalismus gewesen zu sein (=wahr ist eine Überzeugung dann, wenn sie Laborexperiment funktioniert). So lässt sich die Wissenschaftlichkeit retten, aber das Handeln geht dabei verloren (weil das Leben des konkreten Menschen nicht unter Laborbedingungen stattfindet). Oder man macht’s wie William James und packt das Handeln beherzt am Kragen. Aber dann wird man sich bei den Wissenschaftlern unbeliebt machen, wenn man nach ihren konkreten Interessen fragt anstatt vorauszusetzen, dass sie nur vom reinen Interesse an der Wahrheit angetrieben werden.

Quelle: John Dewey: „Die Entwicklung des amerikanischen Pragmatismus (1925)“, in: ders.: Philosophie und Zivilisation. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003. S. 16-37.

I. Handeln oder nicht Handeln (und anstatt dessen lieber Evolution des Existierenden zu einem System rationaler Tendenzen…)

Aussage A (Lebensführung)

„Und auf diese Weise entwickelte Peirce die Theorie, dass „der rationale Bedeutungsgehalt eines Wortes oder eines anderen Ausdrucks ausschließlich in seinem denkbaren Bezug auf die Lebensführung besteht. […]“ S. 17

Aussage B (keine Berücksichtigung besonderer Umstände)

„[…]„Nach Auffassung der Pragmatizisten ist es die Form [in die eine Aussage übersetzt werden soll, damit man dann ihre Bedeutung vor sich hat, Anm. philohof], in der die Aussage auf das menschliche Verhalten anwendbar wird, nicht unter diesen oder jenen besonderen Umständen, noch wenn jemand diesen oder jenen speziellen Zweck verfolgt, sondern jene Form, die auf die Selbstkontrolle des Verhaltens – in jeglicher Situation und zu jedem Zweck – am unmittelbarsten angewendet werden kann.““ (Zitat von Peirce, wiedergegeben von Dewey) S. 18.

Aussage A und B stehen im Widerspruch zueinander, weil der „Bezug auf die Lebensführung“ in einer Berücksichtigung der „besonderen Umstände“ besteht, unter denen ein konkreter Mensch lebt.

Aussage C (das Ziel liegt nicht im Handeln, sondern in der Evolution)

„Entsprechend besteht für die Pragmatizisten das summum bonum nicht im Handeln, sondern im Prozess der Evolution, durch den das Existierende mehr und mehr dazu kommt, jene allgemeinen Formen zu verkörpern…“ – mit anderen Worten, der Prozess, durch den das Existierende mittels der Handlung zu einem System rationaler Tendenzen oder Gewohnheiten wird, die so weit wie möglich verallgemeinert sind.“ (S. 18)

Aussage D (nicht auf das Allgemeine kommt es an, sondern auf den Einzelnen)

„Pragmatismus und instrumenteller Experimentalismus bringen die Wichtigkeit des Einzelnen zur Geltung. Der Einzelne ist der Träger des schöpferischen Denkens, der Ursprung der Handlung und ihrer Anwendung.“ (S. 35)

Aussage C und D stehen im Widerspruch zueinander, weil es einmal auf den Prozess der Evolution im Gegensatz zum Handeln ankommt und einmal auf das Handeln des einzelnen Menschen.

II. Handeln und Interessen – raus oder rein?

Zwei Irrtümer über den Pragmatismus:

(1) „Es heißt oft vom Pragmatismus, er mache das Handeln zum Ziel des Lebens.“ (S. 18)

(2) „Ebenso heißt es vom Pragmatismus, er ordne das Denken und die Vernunfttätigkeit partikulären Zielen des Interesses und des Gewinns unter.“ (S. 18)

Aussage E (Philosophische Überzeugungen ziehen konkrete Verhaltensweisen nach sich):

„[James] wollte das allgemeine Publikum dazu zwingen […] zu erkennen, dass gewisse Probleme, bestimmte philosophische Debatten eine wirkliche Bedeutung für die Menschheit haben, weil die Überzeugungen, die sie ins Spiel bringen, zu völlig verschiedenen Verhaltensweisen führen.“ (S. 21) Und unser Leben nimmt eine verschiedene Richtung, je nachdem, ob wir uns für die eine oder die andere dieser Alternativen entscheiden.“ (S. 22)

Aussage E steht im Widerspruch zu (1): Offenbar geht’s dem Pragmatismus schon ums Handeln.

Aussage F (welche Interessen hinter einer philosophischen Überzeugung stehen):

„Er [William James, Anm. philohof] wollte ein Kriterium festlegen, das es ermöglichen würde zu bestimmen, ob eine gegebene philosophische Frage eine authentische und lebenswichtige Bedeutung hat oder ob sie ganz im Gegenteil trivial und rein verbal ist; und im ersten Fall, welche Interessen auf dem Spiel stehen, wenn man die eine oder die andere von zwei umstrittenen Thesen akzeptiert und behauptet.“ (S. 21)

Aussage G (auch Wissenschaft hat etwas mit unseren Interessen zu tun):

James: „„Die populäre Vorstellung, die >Wissenschaft< werde dem Geist ab extra aufgezwungen und unsere Interessen hätten mit deren Konstruktionen nichts zu tun, ist völlig absurd.“ (S. 31)

Die Aussagen F und G stehen im Widerspruch zu (2): Offenbar ist die Bezugnahme auf Interessen doch essenziell.

III. Moral – rein oder raus?

Der Ausdruck „Pragmatismus“ stammt von Charles Peirce und wurde von Kants Metaphysik der Sitten inspiriert. Dort gibt es die Unterscheidung zwischen „pragmatisch“ und „praktisch“. (S. 16)

„Pragmatisch“ = gilt für die Regeln der Kunst und Technik, die auf Erfahrung beruhen. (S. 16)

„Praktisch“ = findet seine Anwendung auf moralische Gesetze, die Kant als a priori (vor aller Erfahrung) ansieht. (S. 16)

„Praktisch“ und „pragmatisch“ waren für Peirce so weit voneinander entfernt wie Nord- und Südpol. (S. 17)

Aussage H (Denken hat einen moralischen Aspekt, weil Handlungen aus ihm folgen):

„Diese Erwägung [nämlich dass wir allgemeine Gedanken denken, diese in Handlung umsetzen und dadurch Konsequenzen erzeugen, Anm. philohof] bestätigt die humane und moralische Wichtigkeit des Denkens und seiner reflexiven Operation in der Erfahrung.“ (S. 27-28)

Hatten wir nicht gesagt, der Pragmatismus dehnt sich nicht auf die Moral auf, weil die am Südpol liegt und wir am Nordpol arbeiten (oder umgekehrt)?

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