Wie die philosophische Wissenschaftstheorie Kuhn gegen den Strich liest

von philohof E-Mail

Jetzt bin ich wieder auf was draufgekommen.

Aber ich möchte die Geschichte von Anfang an erzählen.

Die längste Zeit schon habe ich mich darüber gewundert, warum in der philosophischen Wissenschaftstheorie die gesellschaftliche Verfasstheit von Wissenschaft kaum vorkommt. Eigentlich ist Thomas S. Kuhns Theorie vom Paradigmenwechsel die einzige Wissenschaftstheorie, in der die gesellschaftliche Verfasstheit von Wissenschaft überhaupt Berücksichtigung findet. Was auch zur Folge hat, dass wissenschaftsinteressierte Menschen, die in der Wissenschaft ein gesellschaftliches Unternehmen sehen, sich immer wieder über Kuhns Theorie diskutierend vorfinden. Es gibt einfach kein Alternativangebot auf dem Markt.

Nun war es so, dass ich mich letzte Woche für Wissenschaftsförderung interessiert habe. Also schaute ich in dem von Andreas Bartels und Manfred Stöcker herausgegebenen Sammelband Wissenschaftstheorie. Ein Studienbuch. Mentis Verlag, Paderborn 2007 nach, ob sich darin ein Kapitel über „Wissenschaftsförderung“, „Forschungsförderung“ oder „Wissenschaftsfinanzierung“ befindet. Natürlich befindet sich in dem Buch kein Kapitel über Wissenschaftsfinanzierung. Dabei wäre das zentral für die Wissenschaftstheorie, denn Wissenschaftsfinanzierung entscheidet darüber, was beforscht wird, welche Fragen in der Wissenschaft gestellt werden. Wie aber will man Wissenschaftstheorie betreiben, wenn man sich nicht einmal dafür interessiert, welche Fragen die Wissenschaft stellt?

Beim Querlesen durch das Buch stieß ich in dem von Martin Carrier verfassten Kapitel „Wege der Wissenschaftsphilosophie im 20. Jahrhundert“(S. 15-44) auf einen interessanten Umstand, von dem ich noch nichts gewusst hatte. Es ist das der Umstand, dass Thomas S. Kuhns Wissenschaftstheorie von den Philosophen nichtsoziologisch gelesen wird, obwohl sie soziologisch ist. Das hat mich doch ziemlich konsterniert. Andererseits wurden mir dadurch frühere Erfahrungen verständlicher. So hatte ich zum Beispiel bei Philosophiekonferenzen oder auch bei der Lektüre von Zeitschriftenartikeln erlebt, wie einzelne Elemente von Kuhns Theorie von jungen Philosophen auf seltsam umständliche und merkwürdige Weise behandelt wurden – und ich hatte mich gefragt: Was tut die da komisch rum? Jetzt weiß ich, warum die da so komisch rumtun: Es ist das der Versuch, Kuhns soziologische Wissenschaftstheorie so zu lesen, als ob sie nicht soziologisch wäre.

Für mich ist das eine absolut unakzeptable Vorgangsweise, weil ich doch Philosophie für eine umfassende Erkenntnisweise halte. Womit für mich die Verpflichtung mit einhergeht, dass man versucht, bei der Erkenntnis eines Gegenstands nicht einen wesentlichen Gesichtspunkt desselben außer Acht zu lassen. Daraus folgt für mich, dass, wenn die Wissenschaft ein gesellschaftliches Unternehmen ist, man es gefälligst auch philosophisch als solches zu betrachten hat.

Ganz anders erscheint das in dem Text von Martin Carrier, dessen Argumentation ich hier kurz nachzeichnen will. Die Textnachweise folgen weiter unten, denn einerseits will ich nicht langweilen – die Zitate sind doch etwas länger. Und andererseits werden die Inhalte, um die es hier geht, von Carrier in der in der Wissenschaft üblichen konzilianten Weise vorgetragen, sodass man, wenn man nicht genau aufpasst, leicht drüberlesen kann, ohne zu bemerken, dass hier etwas Relevantes gesagt wird.

Was Carrier in sehr konzilianter Weise sagt, ist, dass philosophische Wissenschaftstheorie sich nicht für die soziale Verfasstheit von Wissenschaft zu interessieren brauche, weil das Aufgabe der Wissenschaftssoziologie sei.

Er sagt nun nicht, die Wissenschaftssoziologie sei Blödsinn, denn darin besteht seine Konzilianz. Sondern er sagt, die philosophische Wissenschaftstheorie habe ihren eigenen Zugang zum Thema der Wissenschaft.

Er sagt dann, die beiden Zugänge von Wissenschaftssoziologie und philosophischer Wissenschaftstheorie seien komplementär. Worüber er nichts sagt, ist, was passiert, wenn das Urteil der Wissenschaftssoziologie in einem konkreten Fall dem der philosophischen Wissenschaftstheorie widerspricht. Bestehen sie dann unvermittelt nebeneinander fort oder müsste dann nicht doch die philosophische Wissenschaftstheorie sich dazu aufraffen, ein soziologisches Thema zu behandeln und versuchen, eine philosophische Antwort darauf zu finden?

Doch dann bringt er die Theorie von Kuhn als konkretes Beispiel, und dieses lässt vermuten, dass in der Praxis die Option des unvermittelten Nebeneinanderstehenlassens von wissenschaftssoziologischen und wissenschaftsphilosophischen Erklärungen gewählt wird. Er erzählt nämlich von einer „doppelten Bestimmungsweise“ der Begriffe der Kuhnschen Wissenschaftstheorie. Wobei er damit offenbar nicht die sog. Immunitätsthese allein meint, sondern alle Begriffe der Kuhnschen Wissenschaftstheorie. Das kann man annehmen, nachdem er die „doppelte Bestimmungsweise“ nämlich zuerst am Begriff des „Paradigmas“ vorführt und sie explizit als Beispiel für die „wechselseitige Ergänzung“ von Wissenschaftssoziologie und philosophischer Wissenschaftstheorie anpreist.

Ich habe zuvor von meiner Konsternation gesprochen, als ich diese Vorgangsweise anhand des Textstücks von Carrier zum ersten Mal bewusst zur Kenntnis genommen habe. Was kann ich nun – in meiner ganzen Hilflosigkeit – dazu sagen?

Nun, zuallererst würde ich sagen, dass mir diese Aufteilung von Kuhns Wissenschaftstheorie in eine „sozial-deskriptive“ (und also wissenschaftssoziologische) und in eine „epistemisch-normative“ (und daher wissenschaftsphilosophische) Leseweise allen Fortschritt zunichtezumachen scheint, den Kuhns Theorie in die Wissenschaftstheorie eingebracht hat.

Denn besteht Kuhns Lehre denn nicht ganz einfach in dem Appell: „Leute, die Wissenschaft ist nun mal ein gesellschaftliches Unternehmen. Deshalb: Hört auf damit, sie rein epistemisch-normativ zu betrachten!“?

Zweitens, bei allem Verständnis für das Bedürfnis von akademischen Disziplinen, sich von den Nachbardisziplinen abzugrenzen und auf diese Weise den eigenen Kompetenzbereich zu schützen – und das damit verbundene Universitätsbudget: Was wäre gewesen, wenn die Physik auf Galileo Galileis Aussage, wonach das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben sei, so reagiert hätte, indem sie gesagt hätte: „Mathematik ist ein anderes Fach. Das geht uns nichts an. Die Naturbetrachtung mit mathematischen Methoden soll die physikalische Mathematik besorgen, und wir suchen uns unseren eigenen Zugang zur Naturbetrachtung.“? Das scheint mir nämlich die von Carrier dargestellte – höchstgradig absurde – Reaktion der Philosophen auf Kuhns Theorie zu sein.

Schließlich habe ich noch einen dritten Punkt, der mir erwähnenswert erscheint. Er bezieht sich auf die jeweiligen Erkenntnisinteressen, die man an Kuhns Wissenschaftstheorie herantragen kann. Aber vielleicht sollte ich zuvor erwähnen, dass ich mir ja gar nicht vorstellen hätte können, dass jemand nach der Lektüre von Thomas S. Kuhns Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen es zusammenbringt, seine Theorie nicht als Darstellung der Wissenschaft als gesellschaftliches Unternehmen zu lesen. Wenn ein Buch so sehr gegen den Strich gelesen wird, dann lässt das vermuten, dass starke epistemische Interessen dahinterstehen. Mit anderen Worten: Es fragt sich, was die Philosophen denn eigentlich wissen wollen, wenn sie über Wissenschaft nachdenken. Über welche Antworten würden sie sich freuen und sie als Erkenntnisse oder Errungenschaften einstufen? Wobei es hier zwei Möglichkeiten gibt: Entweder Kuhns Paradigmentheorie stellt für sie eine authentische Wissenschaftstheorie dar, aus der sie schöpfen können. Oder sie stellt für die Philosophen eher so etwas wie ein Störelement dar, das von ihnen nur deshalb in ihre Bücher über Wissenschaftstheorie aufgenommen worden ist, weil es existiert und bekannt geworden ist, sodass man nicht so tun kann, als ob es Kuhns Wissenschaftstheorie gar nicht gäbe.

Wie dem auch sei (diese Frage müssten mir ja die Philosophen beantworten), da ich bekanntlich einen sehr persönlichen Zugang zum Philosophieren habe, verlange ich von der Philosophie Erklärungen dafür, was mir in meinem persönlichen Leben passiert. Von der philosophischen Wissenschaftstheorie würde ich folglich haben wollen, dass sie mir meine Erlebnisse erklärt, die ich mache, wenn ich mich in der Wissenschaft bewege. Doch in diesem Kontext erscheint mir eine epistemisch-normative Wissenschaftstheorie schlicht und einfach als gesundheitsschädlich: Wenn ein junger Wissenschaftler seine ersten Schritte in der Wissenschaft macht (etwa in Gestalt eines Vortrags oder einer Publikation) und seinen ersten eigenen Vorschlag zu einem Thema bringt, dann kann er die Erfahrung machen, dass man ihm nicht zuhört. Man hört ihm nicht deshalb nicht zu, weil das, was er vorgebracht hat, nicht vernünftig wäre oder weil es kein interessanter Beitrag zu seinem Thema ist, sondern deshalb, weil man ihm nicht zuhören will. So etwas passiert im gesellschaftlichen Umgang. Wenn der junge Wissenschaftler nun mit epistemisch-normativen Ansprüchen in die Wissenschaft hineingeht, in der Weise nämlich, dass er meint, sobald er etwas Vernünftiges vorbringt, habe er den Anspruch (in einer vernünftigen Welt wie jener der Wissenschaft), dass man ihm zuhört, dann tut sich weh, dann zieht er sich psychische Verletzungen zu.

Um es kurz zu fassen: Zu meinen, es gehe in der Wissenschaft rational zu, ist vergleichbar mit Autofahren ohne Gurt oder Motorradfahren ohne Helm.

Ich glaube, bei einer so großen Unfallgefahr ist es verständlich, dass ich Interesse an meiner persönlichen Sicherheit habe. Es ist nun so, dass Kuhns Wissenschaftstheorie die einzige ist (inwieweit das auch für Ludwik Flecks Theorie gilt und wie sie eingeordnet wird, weiß ich nicht), die ich kenne, die den Fall berücksichtigt, dass Wissenschaftler etwas sagen und andere ihnen nicht zuhören, einfach weil sie ihnen nicht zuhören wollen, weil sie andere Interessen haben oder mit anderen Fragen beschäftigt sind. Und da muss ich nun sagen: Von diesem Punkt in Kuhns Theorie würde ich nicht abstrahieren wollen (so wie das die Philosophen offenbar machen), weil sie mir diejenige Einsicht Kuhns erscheint, die für mich die allergrößte Bedeutung hat und aus meiner Sicht den eigentlichen Vorteil von Kuhns Theorie gegenüber anderen Wissenschaftstheorien ausmacht. Dieser Punkt ist grundlegend für mich, mit ihm fange ich an, wann immer ich über Wissenschaft nachdenke, das ist meine Grundlage. Ich wäre natürlich auch bereit, von ihr abzugehen, und zwar in dem Fall, dass sie nicht zutrifft – aber eben das müsste die philosophische Wissenschaftstheorie erweisen, bevor sie Wissenschaft ausschließlich epistemisch-normativ betrachtet.

Dann habe ich noch einen kleinen vierten Punkt, aber der ist jetzt schon wirklich ganz persönlich: Seitdem ich meine Erfahrungen mit der akademischen Philosophie mache, denke ich ja auch immer wieder darüber nach, welche Vorkehrungen akademische Philosophen treffen, um mich von ihrem Diskurs auszuschließen. Kurz: Ich denke über Fragen der Inklusion und Exklusion nach. Am besten funktionieren Methoden der Ausschließung dann, wenn sie nicht zugeben müssen, solche zu sein. Wenn ich mir nun ansehe, was von meinem Interesse an der Wissenschaftstheorie bleibt, nachdem ich das Buch Wissenschaftstheorie. Ein Studienbuch. – und Martin Carriers Beitrag darin zur Kenntnis genommen habe, dann muss ich eingestehen: gar nichts mehr. Thomas S. Kuhns Theorie war noch so ein kleiner Zipfel, an dem ich mich an der Wissenschaftstheorie anhalten habe können. Aber wenn ich nun lese, wie er gegen den Strich gelesen wird und wie man das Spezifische seines Beitrags zur Wissenschaftstheorie in der Philosophie gar nicht zur Kenntnis nehmen will, dann frage ich mich: Was soll ich hier? Hier gibt es nichts für mich zu tun. Hier kann ich keinen Beitrag leisten, weil mein Beitrag gar nicht gewollt wird. Ausschuss perfekt gelungen.

Textnachweise:

1. PHILOSOPHISCHE WISSENSCHAFTSTHEORIE UND WISSENSCHAFTSSOZIOLOGIE ALS ZWEI KOMPLEMENTÄRE ZUGANGSWEISEN

„In der Wissenschaftssoziologie wird der Umstand betont, dass solches scheinbar bloß individuelle Verhalten von den Institutionen der Wissenschaft geprägt wird. In diesem Fall wirkt sich das Belohnungssystem in der Wissenschaft aus, das insbesondere Originalität anerkennt (vgl. Weingart (2003), S. 22). In der Wissenschaftssoziologie wird die allgemeinere Frage ins Zentrum gerückt, auf welche Weise gesellschaftliche Bedingungen den Wissenschaftsprozess beeinflussen und wie sie insbesondere die Wissensproduktion fördern oder behindern. Solche gesellschaftlichen Bedingungen konkretisieren sich in der Regel in Gruppenstrukturen; bestimmte Theorien oder Sichtweisen sind mit bestimmten sozialen Gruppen besonders eng verbunden. Danach geht es in der Wissenschaft nicht einfachhin um Wahrheit, sondern auch um spezifische Interessen. Grundlage dieser Zugangsweise ist die Annahme der „Seinsgebundenheit des Wissens“, der zufolge alle Überzeugungssysteme einschließlich der Wissenschaft an gesellschaftliche Strukturen und Gruppeninteressen rückgebunden sind.

Ein Konflikt zwischen beiden Zugangsweisen [nämlich der philosophischen Wissenschaftstheorie und der Wissenschaftssoziologie; Anm. philohof] tritt aber nur dann auf, wenn sie mit einem Exklusivitätsanspruch ausgestattet werden. Ansonsten besteht zwischen ihnen Komplementarität: soziale und epistemische Faktoren sind beide von Einfluss darauf, welchen Weg die Wissenschaft nimmt.“ (S. 18)

2. ABER DIE PHILOSOPHISCHE WISSENSCHAFTSTHEORIE HAT GEGENÜBER DER WISSENSCHAFTSSOZIOLOGIE EINEN EIGENEN ZUGANG ZUM THEMA DER WISSENSCHAFT

„Auch eine der von Kuhn vertretenen Behauptungen lässt sich auf solche doppelte Weise verstehen. Kuhn behauptet, Paradigmen seien durch empirische [S. 19] Gegenbeispiele kaum zu erschüttern (s.u.). Diese Immunitätsthese kann zum einen auf sozial-deskriptive Weise, also als Beschreibung eines gesellschaftlichen Faktums formuliert werden: Ein Paradigma ist das verbindende Element einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, und solche Gemeinschaften sind sozial abgeschlossen; sie tendieren zum Ausschluss von Kritikern. Die Immunitätsthese kann aber auch auf epistemisch-normative Weise als erkenntnistheoretische Maxime aufgefasst werden Wissenschaft schreitet am besten voran, wenn sie sich auf spezifische Fragen und Detailprobleme konzentriert. Die Vertreter eines Paradigmas weisen es daher zu Recht ab, sich in einen Streit über die Korrektheit der Grundsätze verwickeln zu lassen.

[…] Es versteht sich auch für die Wissenschaftsphilosophie, dass in der Wissenschaft nicht allein gute Gründe und Wahrheitsstreben von Bedeutung sind, sondern dass Wissenschaft vielfältigen Einwirkungen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft unterliegt. Die Besonderheit des philosophischen Zugangs besteht dann darin, dass ein eigenes Urteil über die Berechtigung der von Wissenschaftlern aufgestellten Behauptungen beansprucht wird Demgegenüber ist man in der Wissenschaftssoziologie sorgfältig darum bemüht, sich nicht in solcher Weise gleichsam an die Stelle von Wissenschaftlern zu setzen. Deshalb ist in der Soziologie das Interview das Mittel der Wahl, und in der Philosophie das Studium der einschlägigen wissenschaftlichen Beiträge (wie Veröffentlichungen, Korrespondenz etc.).“ (S. 18-19)

 

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