Wie ersetzen wir den ausgebliebenen Krieg?

von philohof E-Mail

 Vorweg: Beim Nachfolgenden handelt es sich um einen Nachdenktext (daher die Form), der seines Inhalts wegen allerdings von großer Wichtigkeit ist. Man könnte ja sonst glauben: Mit Ausnahme der Finanzkrise ist jetzt durchaus alles in Ordnung im ruhigen Europa. Ist es aber nicht. Nichts ist in Ordnung. Das ist der Ausgangspunkt.

Wie ersetzen wir den ausgebliebenen Krieg?

 

Heute Gespräch mit meinem Mitbewohner: Unsere Welt standardisiert sich immer mehr. Ein Charakterkopf in der Politik ist nicht mehr möglich. Auch wenn ihn die Bevölkerung gern wählen würde. Aber er würde wohl schon vorher, beim Sich-Hochdienen in der Partei, aussortiert werden. Auf der anderen Seite haben sich die Verwaltungssysteme der Gesellschaft so weit entfaltet, dass es nur noch ganz geringe Entscheidungsspielräume gibt. Deshalb würde unser Charakterkopf seinen Tatendrang wahrscheinlich eher woanders ausleben als in der Politik. Was man können müsste, rätselten wir, wäre: sich anpassen und nett sein, solange man sich in der Hierarchie hocharbeitet und dann tun, was man will, sobald man Entscheidungsmacht hat. Aber dieses Szenario ist unrealistisch: Wer sich über Jahre hochgedient hat, dem ist das Kinn soweit abgeschliffen, dass er nicht einmal mehr ein Gesicht hat.

Die Politik aber soll nur als Beispiel dienen. Es gibt heute Menschen, denen fällt das Lächeln überhaupt nie mehr aus dem Gesicht. Es ist bei ihnen so etwas wie eine Übertreibung der political correctness, und sie halten es für eine Forderung der Gesellschaft an sie. Sie halten sich dann für besonders kommunikationsfähig. Und sie haben ja auch nicht unrecht: Die Spielräume werden überall enger. Heute darfst du in keine Institution mehr rein, wenn du vorher nicht bewiesen hast, dass du „brav“ bist. Willst du in ein Unternehmen, musst du vorher schon beweisen, dass du nicht nur fähig bist, sondern auch bis zur Anspannung angepasst. Willst du in die Universität, musst du akademischer sein als die Akademiker. Willst du in die Städtischen Bäder, musst du bademeistriger sein als der Bademeister – und selbstverständlich ein Experte sein  im Wassertemperaturmessen mit Diplom.

Das ist die Last des Friedens. Wir arbeiten immer noch dahin, als wäre Wirtschaftsaufschwung. Doch ist schon lange kein Wirtschaftsaufschwung mehr, und all unser Arbeiten und Barabern dient nur einem Zweck: die Konkurrenz zwischen uns zu verstärken, es einander gegenseitig schwerer zu machen. Die Folge davon: Das Öl wird dick in der Gesellschaftsmaschine und stockt. Nirgendwo kann mehr was hinfließen. Klar, alle Plätze sind ja besetzt, alle Arbeiten getan, alle Aufgaben erledigt. Wir könnten uns niedersetzen und das Leben genießen, wäre da nicht der Zwang, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Ihm gehorchend streben wir rein ins System, das von uns überall nur Engagement und Anpasssung verlangt. Hier wirst du neun Monate mit Wissenstests geschunden, um Putzfrau zu werden, dort musst du durch halb Europa ins Assessment-Center jetten für einen Job als Kaffeekocher in einem Büro. Und die Ansprüche werden immer weiter hinaufgeschraubt, die Kontrolle, das Monitoring lückenlos gemacht. WissenschaftlerInnen werden heute in kürzesten Abständen evaluiert. Es wird ohnehin immer wieder davor gewarnt: Wem soll unter solchen Arbeitsbedingungen noch was einfallen? Was erreicht wird, ist bloß, die Arbeitsbedingungen werden immer noch unterträglicher. Der Gesellschaft ist das egal. Das Leben wird eben immer härter.

Das Leben wird härter, und es wird langweiliger. Wir haben langweilige Politiker, langweilige Radiosender, langweiliges Fernsehen und langweilige Zeitungen. „Formate“ nennt man diesen Sieg des Präsentationsformats in den Medien über die Inhalte. Es ist kein Wunder, wenn die Jungen nur noch Gratiszeitungen lesen. Sie haben begriffen, dass in den so genannten Qualitätszeitungen auch nichts Besseres drinsteht. Aber was sollte denn auch drinstehen? Wir wissen ohnehin, dass alles so bleibt, wie es ist. Und dass die meisten wollen, dass es so bleibt, wie es ist, weil sie sich vor Veränderung fürchten.

Woher sollte also das Leben kommen in einer Gesellschaft, die überall verstopft ist? Woher die aufregende Politik, wenn du als Politiker zuerst zwanzig Jahre lang bewiesen haben musst, wie langweilig du bist, damit sie dich überhaupt als Kandidaten aufstellen? In der Geschichte war bisher für solche Situationen die Lösung immer ein Krieg. Nach einem Krieg ist die Bevölkerung dezimiert und viele Stellen werden vakant. Auf diese Stellen dürfen dann Menschen hin, die dafür nicht ausgebildet und zurechtgemacht worden sind, und solange diese Generation von Menschen am Ruder ist, ist das gesellschaftliche Leben interessant. Doch dann sind die Stellen bereits wieder besetzt, das Öl beginnt zu verdicken und zu verklumpen. Nichts geht mehr durch. Alles professionalisiert sich und wird langweilig. Inhaltliches Interesse und die Lust am Zupacken zählen dann nicht mehr (der Mensch der Tat hätte in der heutigen Gesellschaft keinen Erfolg mehr, weil sie ihn nicht zupacken lässt; weil sie ihn zuerst solang durch niedrige Dienste systemkonform macht, bis er/sie kein Mensch der Tat mehr ist), Erfolg hat das öde, im Gesicht eingefrorene Marketinglächeln.

Es ist klar, ein Krieg könnte diese Sklerose der Gesellschaft lösen. Aber niemand will einen Krieg. Kriege sind heute auch viel zu gefährlich. Wir könnten dabei unseren Planeten teilweise dauerhaft unbewohnbar machen, wenn wir ihn nicht ganz vernichten. Es wäre also notwendig, wie mein Mitbewohner das formulierte, das fahrende Schiff umzubauen. Was das Schwierigste sei. Bislang sei es immer in den Hafen geschossen worden, jetzt hingegen leben wir schon ziemlich lange im Frieden, 65 Jahre. (Mein Mitbewohner ist kein Philosoph, er ist Historiker). Das sei eine lange Zeit.

Und ich denke mir: Vielleicht hat er recht damit, dass das schwierig ist. Aber mehr noch frage ich mich, ob dieses Problembewusstsein überhaupt besteht? Ob sich die Leute dessen bewusst sind, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die so perfekt ist, dass kein Schritt mehr möglich ist, jede Bewegung verunmöglicht? Weil alles so ausdifferenziert ist und geregelt, verregelt, dass der Mensch keine Luft mehr kriegt? Ihr glaubt doch nicht, dass es Zufall ist, dass etwa Politik so langweilig ist? Oder dass es an der Politik an sich liegt, die so langweilig ist, während andere Sachen interessanter sind? Nein, es ist das die Verstopfung der Gesellschaft, die bewirkt, dass – egal mit welchem Elan gepresst wird – nur Mittelmaß herauskommt. Dran ändert sich auch nichts, wenn wir es so wie heute „Exzellenz“ und „Elite“ nennen. (Obwohl die Wörter nicht falsch sind: Wer heute wo reinkommen will, der muss schon exzellentes Mittelmaß sein, wer nur halbherzig oder unvollkommen mittelmäßig ist, hat da keine Chance.) Das wäre also eine Charakterisierung jener „Endzeit“, in der wir leben, unserer Zeit, in der den Leuten alles egal geworden ist, weil sie ohnehin nichts verändern oder gestalten können. Weil alle gesellschaftlichen Regelsysteme ja schon da sind und so komplex und interdependent sind, dass sich an keiner Stelle was ändern lässt. Dabei wäre Änderungsbedarf gegeben. Die Bevölkerung altert, habe ich gehört, und die Pensionssysteme drohen, unfinanzierbar zu werden. Aber wir bleiben weiter bei alten Modellen und betreiben an diesen ein wenig Kosmetik.

Wie bauen wir sie um, die sklerotische Gesellschaft (so nenne ich die Leistungsgesellschaft), die Gesellschaft, in der alle Plätze besetzt sind und die Menschen sich unter dem Gewicht einer Unzahl von Verhaltensregeln krümmen? Die Gesellschaft, die so langweilig ist, weil man in allen Berufspositionen nur angepasste, abgeschliffene Menschen sieht, nur Experten und Leute, die dorthin passen? Die Gesellschaft, die nichts zulässt, was eigenständig und kreativ ist, weil das ja den gängigen Formaten, dem einstudierten professionellen Verhalten oder den Regeln des Fachs nicht entsprechen würde? Mit einem Wort: Wie bauen wir sie um, unsere Gesellschaft, die so gut ist, dass sie einem wie ein Würgen im Hals steckt?

Für ein paar kantige Typen, werden wir ein bisschen Prärie brauchen, ein bisschen Wildnis und ein bisschen Dschungel auch innerhalb der Gesellschaft. Ist das eigentlich irgendjemandem klar, dass man mit der kontinuierlichen Verbesserung der Gesellschaft auch zu weit gehen kann – und dass wir über diesen Punkt sogar schon weit hinaus sind? Herkömmlich war es so, dass, wenn die Staaten so überschuldet waren wie jetzt, dieses Problem bald einmal mit einem Krieg gelöst wurde. Es ist also höchste Zeit zu handeln! Aber bitte nicht nur das Finanzsystem retten! Sondern bei der Gelegenheit auch eine Gesellschaft schaffen, in der Platz ist für den Menschen zum Leben! Denn das Eine hängt ja mit dem Anderen zusammen: Schulden wurden nur gemacht, um das Wirtschaftsvolumen aufzublasen und dadurch mehr Platz zu schaffen für die Menschen. Weil wir keinen Platz zum Leben haben. Aber das hat nicht funktioniert. Alle Versuche der letzten 15-20 Jahre, die Wirtschaft wachsen zu lassen, haben nur den Konkurrenzdruck in ihr erhöht und sie dadurch noch undurchlässiger gemacht. Heute geht nichts mehr. Die Gesellschaft ist überall zu, verschlossen, absolute Verstopfung.

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