Wie kann man eigentlich einen Beitrag leisten?
Wenn ich in einer soziologischen Zeitschrift veröffentlichen wollte, so ist mir unlängst gesagt worden, dann müsste ich mich in die Literatur der die jeweilige Zeitschrift bestimmende Theorieschule einlesen und mir überlegen, welchen Beitrag ich zu der in dieser Zeitschrift laufenden Diskussion leisten könnte.
Diese Botschaft schnürte mir den Hals zu, denn freilich möchte ich gern einen Beitrag leisten, jeder will gern einen Beitrag leisten, aber es macht sich eben doch unmittelbar in einem der Eindruck breit, dass ein Beitrag in dem Maße, in dem er mehr zum Beitrag zur Diskussion in der jeweiligen Zeitschrift würde, genau dadurch aufhören würde, mein Beitrag zu sein.
Denn, wie gesagt, jeder möchte gerne seinen Beitrag leisten, deshalb hört sich das ja auch so selbstverständlich und unschuldig an, wenn jemand sagt, man hätte seinen Beitrag zu leisten (sonst ginge es nicht), aber was bedeutet das eigentlich, wenn man dazu aufgefordert wird, einen Beitrag zu leisten? Es bedeutet, dass sie, die anderen bestimmen, was ein Beitrag ist und was keiner ist – und dass nicht du die Möglichkeit hast, es zu bestimmen.
Mir ist nun nicht verständlich, wie man auf dieser Grundlage seinen Beitrag leisten kann, denn es ist auf ihr z.B. nicht möglich, die bereits laufende Diskussion zu erweitern. Was aber, wenn mein Beitrag genau darin bestünde, dass ich meine, die in dem Journal bereits laufende Diskussion sei zu eng und sollte um diese Position oder jene Aspekte erweitert werden? Ganz klar, man wird nicht erkennen und auch nicht anerkennen, dass dasjenige, was aus meiner Sicht ein Beitrag zur laufenden Diskussion ist, auch tatsächlich einer sein könnte.
Das Problem dabei ist, dass meine Motivation, einen Beitrag zu einer Diskussion zu leisten, ja auch davon abhängt, dass es mein Beitrag ist, den ich leiste. Wenn ich mich derart verbiegen muss, dass ich meinen Beitrag nicht mehr als den meinen identifizieren kann, fehlt mir die Kraft, mich durch die Arbeit durchzuwühlen, die notwendig ist, diesen Beitrag zu erstellen.
Und auch hier, auf philosophieblog.de bin ich ja hauptsächlich deshalb, weil ich meine, hier meinen Beitrag einbringen zu können. Damit ist gemeint, dass ich dasjenige, was ich für einen notwendigen und wichtigen Beitrag halte, in eine Diskussion einbringe, wobei freilich klar ist, dass einige oder sogar viele derjenigen, die vor mir schon da waren, meinen Beitrag gar nicht wollen, etwa deswegen, weil sie meinen, Philosophie sollte in eine andere Richtung gehen.
Die Forderung, einen Beitrag zu leisten, wie ich sie jetzt aus dem Mund eines soziologischen Wissenschaftlers, aber wohl stellvertretend für alle Wissenschaften, gehört habe, beinhaltet – unausgesprochenerweise – dass mein Beitrag aufhöre, mein Beitrag zu sein, um Beitrag in der Wissenschaft sein zu können. Damit übersieht man, dass etwas genau deshalb ein wichtiger und essentieller Beitrag zu einer Diskussion sein könnte, weil und obwohl die Diskussionsteilnehmer diesen Beitrag nicht als Beitrag akzeptieren wollen würden. Dürfte er trotzdem da sein, hätte er die Möglichkeit, die gesamte Diskussion zu erweitern und zu modifizieren, bzw. sie eventuell auch aus erreichten Sackgassen herauszuführen.
Mir scheint, das kommt daher, weil man heute so leichtfertig vom Beitrag spricht, den ein jeder zu leisten habe und sich nicht überlegt, was ein Beitrag eigentlich ist.
13 Kommentare
Die Fortschritte der Öffentlichkeit sind Fortschritte der Wissenschaft, und umgekehrt.
Dass es mit der Wisenschaft einfach wäre, hat noch keiner behauptet.
Sollte es das etwa?
Man kann also mit einem Beitrag einerseits zu einer an Ort und Stelle laufenden Diskussion beitragen und die entsprechenden Anschlüsse kenntlich machen - so wird es offenbar bei der erwähnten soziologischen Zeitschrift gehandhabt. Und man kann mit einem Beitrag insgesamt zum Geistesleben beitragen, indem man ganz singulär einen Gedankengang entwickelt, den dann vielleicht andere aufgreifen. Dafür erscheinen mir Buch- und Blogveröffentlichungen als besonders geeignete Mitteilungsformen.
Übrigens fällt mir erneut auf, wie konkret Sie zwischen dem, was Sie wollen, also gut finden, und dem, was Ihnen widerfährt, unterscheiden, wie sie also die normative und die faktische Ebene, Ideal und Wirklichkeit gegeneinander halten. Und ausgerechnet einem so Verfahrenden soll man seine rücksichtslos "realistische" Perspektive abnehmen? Wenn diese noch obendrein eine Dummheit ist, die Sie in praxi ja auch gar nicht begehen?
2 Sachen. Eine nicht so wichtige und eine wichtige.
Erstens die nicht so wichtige. Ich bin noch am Herausfinden, was sich da bei der Aufdeckung des Climagate-Skandals abgespielt hat. Sie sagen, der Aufdecker hätte nur das Internet genutzt. Auf Times online las ich: "Roger Pielke, professor of environmental studies at Colorado University, discovered data had been lost when he asked for original records." Ist das der Aufdecker? Er hat direkt angefragt und ist dabei draufgekommen, dass die Originaltemperaturdaten weggeworfen worden sind. Wenn sich das so verhält, kann man annehmen, dass ihm nur deshalb eine Antwort gegeben worden ist, weil er Professor ist. Oder meinen Sie den Hacker-Angriff auf das CRU, der vorher stattfand. Hier wurde tatsächlich über das Internet agiert, aber das Know-how zum hacken hat nicht jeder. Ok, aber das sind nur Informationsfragen an Sie.
Die wichtigere Sache: Ich hege sehr stark die Vermutung, das Beispiel mit der Aufdeckung des climagate-Skandals passt Ihnen ins Bild, nämlich in Ihr Wissenschaftsbild. Sie wollen zeigen, dass Wissenschaft öffentlich ist und sich durch ihre öffentliche Austragung selbst korrigiert: Nun, hier sieht man es. Und ich nehme jetzt auch mal tatsächlich an, dass Ihr Beispiel richtig ist und sich alles so zugetragen hat. Aber in dem Fall würde ich schon sagen wollen: Solche Fälle gibt es sicher imme wieder, aber das sind extreme Einzelfälle. Normale Wissenschaft funktioniert nicht so. Und normale Wissenschaft ist es ja auch, die ich beschreiben will. Im Fall des climagate-Skandals haben wir eine solche politische und globale Relevanz, dass das Interesse der Öffentlichkeit für eine solche Aufdeckung vorherbestimmt ist. Aber der Normalfall ist ja, dass das die größere Öffentlichkeit nicht interessiert, was ein Wissenschaftler/eine Wissenschaflerin publiziert. Er oder sie arbeitet da so vor sich hin in der Halböffentlichkeit seiner/ihrer Fachjournale. Und dort formulieren sie auch keine großen Entdeckungen, sondern machen Kleinarbeit, viele kleine Schritte, die die Öffentlichkeit auch gar nicht interessieren würden. Deshalb meine ich ja, Öffentlichkeit gibt es nicht, größere oder kleinere Öffentlichkeit gibt es. Und größere Öffentlichkeit erreicht man, wenn nicht durch eine Bombenenthüllung (die aber, wie gesagt, ein absoluter Ausnahmefall ist), durch Selbstmarketing. Und wie sehr Selbstmarketing, also das Sich-selbst-ins-Rampenlicht-Stellen wissenschaftlich ist? Naja, vom traditionellen Wissenschaftsbild her nicht. Aber heutige WissenschaftlerInnen geben schon zu, dass das ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit ist.
Beste Grüße Ihr philohof
danke für Ihren Blogkommentar, aber, wenn das nicht ironisch gemeint ist und ich auf Ihren Gedanken wirklich antworten soll, dann müsste ich sagen: Nein, so geht das nicht. Denn dann wäre Ihr Beitrag tatsächlich kein Beitrag. Denn dann würden Sie ja ganz allein bleiben. Sie ziehen sich in einen diskussionsfreien Raum zurück, sagen wir: das Badezimmer und bestimmen dort Ihren Beitrag und den Rahmen für eine mögliche Diskussion über Ihren Beitrag. Resultat: Diese Diskussion können Sie nur mit sich selber führen.
Nein, das war nicht mein Gedanke: Ich meinte bloß. Wenn man einen Beitrag leisten soll - und das will man ja - dann ist die Frage, wer das bestimmt, ob das ein Beitrag ist, der Beitragleistende oder die Seite, für die der Beitrag geleistet werden soll. Und auch wenn es von der Seite her, für die der Beitrag geleistet werden soll, bestimmte Bestimmungen gibt, so kann man doch mit ihnen leben, wenn man nur auch selbst ein wenig mitbestimmen darf. Insofern muss also eine bestimmte Beitragsfreiheit doch herrschen, damit es auch für die Beitragenden attraktiv bleibt, sich diese Arbeit zu machen - aber das muss keine absolute Freiheit sein, die im Totalrückzug endet, so wie Sie sie zu fordern scheinen.
Herzlichst Ihr philohof
schönen Dank für Ihre Reaktion. Ja, Ihr Hinweis, dass alles Mögliche "Beitrag" genannt wird, ist sicher ein Kuriosum, und ich sollte ihn im Kopf behalten. Im konkreten Fall hat die Person, mit der ich sprach, aber sicherlich inhaltlich gemeint, dass von meiner Seite ein Beitrag zu leisten sei. Also, was den Textinhalt betrifft, seine Thematik und auch in gewissem Ausmaß seine Nützlichkeit für die Gesellschaft. Ich wollte in dieses Thema der Nützlichkeit von Erkenntnissen für die Allgemeinheit nicht hinein, deshalb habe ich meinen Text rein auf das Wort "Beitrag" zugeschnitten. Alles andere wäre eine zu komplizierte Diskussion geworden. Aber die Person, mit der ich sprach, hat mir doch sehr klar gemacht, dass mit "Beitrag" gemeint ist, dass ich nicht "ganz singulär einen Gedankengang entwickel[n]" darf, wenn ich da reinkommen will. Sie schreiben, Bücher und Blogveröffentlichungen seien für freie Gedanken gut. Es ist halt die Frage, inwieweit Bücher und Blogveröffentlichungen existieren. Sie können ein Buch machen, dann zahlen Sie mal, sagen wir eine Hausnummer 2000 Euro, und dann haben Sie 150 oder 200 Bücher. Das verpufft im Nichts, sozusagen. Gut, bei einem Buch haben Sie immerhin eine ISBN-Nummer, die ist der Beweis dafür, dass Ihr Buch existiert. Mit Blogveröffentlichungen erreicht man nun zwar sicher mehr Leser als mit Büchern, aber dafür hat man keine ISBN-Nummer. Es fehlt also der amtliche Nachweis, dass diese Texte existieren. Und das ist schon ein Problem, wenn man wo hingeht und sich vorstellt und sagt: "Meine Arbeit können Sie nachlesen auf philosophieblog.de." Also das wird man eher nicht sagen.
Zu ihrem letzten Punkt: Freilich täuscht Sie Ihre Wahrnehmung da nicht, dass ich immer das Reale mit dem Normativen konfrontiere, das Sein mit dem Sein-Sollen. Aber es spielt ja auch eine Rolle, was für ein Normatives das ist. Bei mir sind das hauptsächlich ethische Imperative. Ich fordere also z.B. ein, dass ein bisschen auf den forschenden Menschen Rücksicht genommen werden sollte in der Wissenschaft, dass er in seiner Arbeit und in seinem Denken ernst genommen werden sollte. Aber das sind ja, wie gesagt, ethische Forderungen, also solche, die vom Individuum herkommen, vom Respekt gegenüber dem Individuum - die haben jetzt nichts mit Vorstellungen davon zu tun, wie gute Wissenschaft ablaufen sollte. Ich finde nur, überall, wo Menschen arbeiten, sollten sie auch ernst genommen werden. Aber ich mache keine normative Wissenschaftstheorie, wo ich Aussagen darüber treffe, wie Wissenschaft insgesamt sein sollte. Anstatt dessen sage ich, ich wüsste nicht, was Wissenschaft ist, und schau mir das in der Praxis an. Und das ist ja auch tatsächlich das, was ich mache: Ich mache Interviews mit Medizinforschern darüber, wie sie Wissenschaft verstehen. Sehen Sie den Unterschied, den ich Ihnen kommunizieren möchte? Habe ich damit Ihren Einwand beantwortet?
Dass man es mit der Wissenschaft leicht hätte, hat, wie gesagt, keiner behauptet. Und so soll es zum Wohl der Wissenchaft auch bleiben.
naja Einzelfall! Es ist wohl keine völlige Singularität, sondern kommt immer wieder mal vor aber...
... an dem Beispiel zeigen sich sehr gut unsere unterschiedlichen Bewertungsmaßstäbe. Sie sagen: "Ein Einzelfall, was? Aber einer mit etlichen Tonnen Gewicht." Und mir ist das Gewicht relativ egal. Was für mich dagegen zählt, ist dass eine Erkenntnis oder Aufdeckung von der Art vielleicht einmal, oder auch 10 oder vielleicht sogar 50Mal im Jahr passiert, aber daneben gibt es ja noch rund 3 Millionen Wissenschaftler, und die machen was anderes als solche großen Entdeckungen. Mehr noch, die haben eigentlich keine Aussicht, je in ihrem Leben mit so was Tollem auftrumpfen zu können.
Sie bestehen wiederholft darauf, dass Wissenschaft nicht leicht sei und wollen vielleicht damit sogar sagen, dass man große Anstrengungen und sogar Leiden auf sich nehmen muss für die Wissenschaft. Aber auch darum geht es mir gar nicht. Mir geht es darum, dass Wissenschaft hauptsächlich was anders ist, als was man sich darunter vorstellt. Zum Beispiel stellt man sich darunter so tolle Erkenntnisse oder Aufdeckungen wie in Ihrem Beispiel vom Climagate-Skandal vor, die in der Öffentlichkeit Widerhall finden. Der Normalfall, der mehr als 99,9% der Wissenschaftler betrifft, scheint mir aber der zu sein: Man sitzt in seiner Ecke und tut seine Arbeit, für die sich niemand weiter interessiert. Man misst irgendwelche Proteine, bekommt irgendwelche Werte, zeichnet mit ihnen irgendwelche Balkendiagramme und publiziert das Ganze dann. Alles das geht ohne das "Uhh" und "Ahh" des Erstaunens, welches aus Ihrer Sicht "ein paar tausend Privatwehwehchen spielend aufwiegt", und das selbst im Fall, dass auch dieser Arbeit dann etwa ein sehr hilfreiches Medikament entsteht. Unmerklich schiebt die Wissenschaft die Grenzen ihres Wissens hinaus und hat dabei alle ihre dramatischen Qualitäten verloren. Was man sieht, sind nur täglich dieselben Leute, die in denselben Räumen über dieselben Maschinen gebeugt arbeiten, durch prekäre Drittmittel finanziert sind und sich vor dem Ende ihres Forschungsprojekts fürchten, weil ungewiss ist, ob sie danach ein nächstes finanziert bekommen.
Oder meinen Sie, es sei andersrum?
Solange es alternative Veröffentlichungsmöglichkeiten gibt, sehe ich da kein Problem.
danke für Ihre Reaktion auf meinen Blogeintrag. Ihre Frage ist wahrscheinlich wichtig, selbst wenn ich eigentlich nur ein abstraktes Problem veranschaulichen wollte: Dass ein Beitrag immer mehr aufhört, mein Beitrag zu sein in dem Maß, wie die anderen immer mehr und genauer bestimmen, was an meiner Leistung der Beitrag zu ihrem Diskurs ist.
Konkret zu Ihrer Frage: Nein, ich glaube nicht, dass das, was die Zeitschrift macht, das Gleiche ist, wie das, was auf philosophieblog.de als Regel gilt. Ich bin zwar noch nicht so lange hier auf philosophieblog.de, aber ich habe doch den Eindruck, hier eine gewisse Freiheit des Beitrags zu haben. Freilich muss oder sollte das, was ich beitrage, Philosophie sein, aber innerhalb des gesteckten Rahmens habe ich eine Wahlfreiheit, was ich beitragen will. Dadurch ist es z.B. möglich, was mir sehr wichtig ist, eine Vision von Philosophie einzubringen, die im Blog noch nicht vertreten ist.
In der erwähnten Zeitschrift wäre das nicht möglich: Dort muss ein Beitrag nicht nur soziologisch sein, sondern exakt die Vorstellung der Herausgeber dieser Zeitschrift von Soziologie treffen. Und wahrscheinlich ist es damit auch noch nicht getan, sondern der Trichter der Handlungsmöglichkeiten verengt sich noch um vieles mehr, bis einem wirklich nichts anderes mehr übrigbleibt, als einen Beitrag zu erstellen, der inhaltlich und formal genau so ist wie die im Journal bereits publizierten.
Sie schreiben, dass sie kein Problem darin sehen, solange es alternative Veröffentlichungsmöglichkeiten gibt. Und genau hier liegt ein Problem: Dass es die entweder nicht gibt oder dass sie kein Prestige haben im Vergleich zur wissenschaftlichen Soziologiezeitschrift, die mein Beispiel war. Wir streifen damit ein weiteres, größeres Problem: Es gibt zwar heute irrsinnig viele Veröffentlichungsmöglichkeiten, und wir haben keine Zensur, aber: Die Welt ist heute in Fachbereiche eingeteilt. Das hat zur Folge, dass man mit einem Artikel zu einem speziellen Thema in eine allgemeine Zeitschrift nicht reinkommt. Die spezialisierten Zeitschriften aber verlangen totale inhaltliche und formale Anpassung, so wie ich das beschrieben habe - sodass man in der Realität eben eigentlich keine alternativen Veröffentlichungmöglichkeiten hat.
Herzliche Grüße
philohof

03.03.10 12:05:37, 