Wie man ein Thema als ein philosophisches Thema präsentiert - zwei Optionen, die zwei unterschiedlichen Philosophieverständnissen entsprechen

von philohof E-Mail

Liebe Xxxxx,

du fragst mich, wie du zu Deinem Thema einen philosophischen Abend gestalten kannst. Und ich nehme an, du fragst mich als „Experten“, weil du weißt, dass ich Philosophie studiert habe.

Aber ich habe dir auch schon gesagt, dass ich mit den akademischen Philosophen uneins bin. Aus dem Grund sollte ich dir zwei Optionen anbieten, und du kannst dann auswählen.

Du schreibst, du gleitest bei der Vorbereitung immer wieder sofort in Ethik und Moral hinein. Nun, das liegt in der Natur der Sache. Denn die akademische Philosophie bestimmt sich dadurch, WAS zur Philosophie gehört. Man fragt danach, welche Disziplinen und Themen traditionell zur Philosophie gehören. Dann weiß man als Ergebnis, was Philosophie ist. Ethik und Moral (oder eigentlich: Ethik in der Gestalt von Moralphilosophie) sind ein anerkanntes Teilgebiet der Philosophie.

Im Allgemeinen kann als Definition gelten: Teilgebiet oder Thema der Philosophie = ein Thema, mit dem sich Philosophen in früheren Zeiten schon beschäftigt haben und mit dem sich gegenwärtig keine Einzelwissenschaft beschäftigen will. Also ein Thema, das man der Philosophie noch nicht weggenommen hat. Du siehst also, diese Bestimmung der Philosophie ist relativ einfallslos.

Nun hast du aber gar kein philosophisches Thema, sondern ein medizinisches und kommunikationswissenschaftliches. Wenn du es also als philosophisches Thema präsentieren willst, dann ist es nach akademischem Philosophieverständnis notwendig, dass du es in das Fach Philosophie hineinverschiebst und traditionell philosophische Disziplinen oder Fragestellungen auf es anwendest. Das könnten dann zum Beispiel sein: Ethik, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie oder auch Sozialphilosophie.

Du siehst, es ist kein Wunder, dass du immer wieder sofort in die Ethik reingleitest. Du denkst genau nach diesem Schema. Was auch kein Wunder ist, weil die akademische Welt und das Denken vieler Menschen nach ihm geordnet sind. Ich wollte dem nur hinzufügen, dass es neben der Ethik noch ein paar weitere Möglichkeiten gäbe – eben z.B. die Erkenntnistheorie – was aber nichts am Prinzip der Verfahrensweise ändert: Wenn du dein Thema nach dem akademischen Konzept von Philosophie an einem philosophischen Abend diskutieren willst, dann musst du gleichsam Philosophie aus ihm machen – und das funktioniert, indem du es auf Ethik, Erkenntnistheorie oder irgendeine andere Teildisziplin oder ein traditionelles Thema der Philosophie trimmst.

Das machst du also ganz richtig. Ist nur die Frage, ob dich das glücklich macht?

Die andere Option ist die, es nach meinem Philosophieverständnis zu machen. Den Vorschlag würde ich dir machen, aber eben mit der Warnung, dass mein Philosophieverständnis nicht allgemein geteilt wird. Mein Philosophieverständnis besteht darin, dass Philosophie sich dadurch bestimmt, WIE man ein Thema behandelt – und nicht dadurch, WELCHE Themen herkömmlich zur Philosophie gehören. Und dadurch gehören alle Themen zur Philosophie, auch deines.

Zum Beispiel ist eines der besten philosophischen Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, Thomas Meraths Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer. GABAL Verlag, Offenbach 2008. Es enthält so etwas wie platonische Dialoge für Themen der heutigen Zeit. Freilich handelt es sich dabei um wirtschaftliche Themen. Aber das ist bei meinem Philosophieverständnis kein Problem: Wirtschaft ist mich genauso Philosophie wie Mathematik, Medizin oder Literatur. Trotzdem hat sich mein Buchhändler heftig gewundert, als ich dieses Buch bestellt habe: „Was, werden Sie jetzt der Wissenschaft untreu?“ Auch er denkt eben im akademischen Fächerschema.

Wenn sich mein Philosophieverständnis durchsetzen würde, dann hätten wir übrigens einen Bürgerkrieg unter den Gelehrten. Denn die heutigen Königreiche sind häufig weniger materieller als ideeller Natur, und die Leute wollen es amtlich bestätigt haben, welches Teilgebiet der Philosophie, der Medizin oder einer anderen wissenschaftlichen Disziplin ihnen „gehört“. Und da sind sie dann auch unduldsam gegen Eindringlinge von außen.

Aber das nur am Rande. Wodurch zeichnet sich nun die philosophische Behandlung eines Themas nach meinem Philosophieverständnis aus? Ganz einfach, dadurch, dass man versucht, seine GesprächspartnerInnen zu überzeugen. Auf das „versuchen“ in diesem Satz lege ich großen Wert, denn entgegen der allgemeinen Anschauung kann man niemanden von etwas überzeugen, der nicht dazu bereit ist, sich überzeugen zu lassen.

Gut, und jetzt wird’s schwierig. Aber nicht wirklich, denn es kommen nur zwei Gedanken, die an sich leicht verständlich sind, aber unserem herkömmlichen Verständnis gegen den Strich gehen:

Erstens, das Wesentliche, das man macht, wenn man versucht, jemanden zu überzeugen, ist, dass man ihn anspricht, dass man sich ihm (oder ihr) zuwendet und ihn kommunikativ zu erreichen versucht. Wissenschaftliche Publikationen machen das nicht. Der Grund dafür ist, dass wissenschaftliche Leistungen einen Beitrag zum gemeinsamen Wissen der Menschheit leisten sollen, aber nicht die Aufgabe haben, irgendwelche konkreten Menschen von irgendwas zu überzeugen. Man hat schon oft gehört, ein Professor habe einen Preis erhalten, weil er einen wesentlichen Beitrag zu diesem oder jenem Fach geleistet habe, aber noch nie, er haben den Preis erhalten, weil er Herrn Müller oder Frau Mayer überzeugt hat. In der Philosophie sollte es meiner Meinung nach genau umgekehrt sein: Ihre einzige Aufgabe besteht darin, Herrn Müller und Frau Mayer zu überzeugen; ob sie darüber hinaus auch noch einen Beitrag zum gemeinsamen Wissen der Menschheit leistet, ist nachrangig.

Zweitens ergibt sich aus der Voraussetzung, dass Philosophie in dem Versuch, Menschen zu überzeugen, besteht, die wichtigste Regel für das Philosophieren. Und die lautet: Alles muss auf den Tisch! Das bedeutet: Alle Argumente müssen hier und jetzt überzeugen. Oder vielleicht kannst du dir schneller eine Vorstellung davon machen, was ich damit meine, wenn ich dir sage, was es nicht bedeutet: Wissenschaftler pflegen ihre Behauptungen durch Daten zu untermauern. In der Philosophie ist diese Strategie meiner Ansicht nach nicht akzeptabel. Der Grund ist: Die Daten sind nicht hier und jetzt zustande gekommen. Wenn ich die Möglichkeit habe, hier und jetzt mit dem Wissenschaftler gemeinsam die Daten nachzuprüfen, dann akzeptiere ich sie in einem philosophischen Gespräch; sonst nicht. Denn beim Philosophieren versucht man, keine Inhalte zu akzeptieren, die man nicht selbst nachprüfen kann – während man in der Wissenschaft die ganze Zeit dazu gezwungen ist, Inhalte auf Treu und Glauben hinzunehmen, die zu prüfen man hier und jetzt nicht die Möglichkeit hat.

Aus diesem Grund ist Philosophie auch nicht von Daten abhängig. Die Daten und Fakten können sogar erfunden sein. Und weil das so ist – also weil man sich vornimmt, nichts zu glauben als das, was man unmittelbar einsieht – eignen sich sogar literarische Texte als Grundlage fürs Philosophieren. (Es ist mir schon passiert, dass ich von Büchern begeistert war, die von anderen verdammt wurden, weil sie Fehler und sachlich Unrichtiges enthalten. Aber als Philosophierender ist man eben nicht auf völlig wahrheitsgetreue Beschreibungen der Wirklichkeit angewiesen; man pickt sich das heraus, was einen selber überzeugt.)

Wenn ich vorher behauptet habe, meiner Philosophievorstellung nach könne man ALLE Themen auch philosophisch behandeln, so muss ich jetzt wieder eine Einschränkung machen: alle Themen, die der Erfahrungswelt der Gesprächspartner naheliegen. Die Wissenschaft hat nämlich die Eigenschaft – und das ist auch ihre große Stärke – sich durch ihre Beschäftigung mit dem immer Größeren und dem immer Kleineren von der Erfahrungswelt der Menschen zu entfernen. Und hier funktioniert die philosophische Zugangsweise nicht: weil man nämlich nicht einmal weiß, wovon die Rede ist. Es fehlt einem der eigene Erfahrungshintergrund als Verständnisstütze.

Was folgt jetzt daraus für dich, liebe Xxxxx, und deinen philosophischen Abend mit einem medizinischen Thema? – Nun, Philosophie ist meiner Anschauung zufolge, wenn man sich den Menschen zuwendet und versucht, ihre Vorstellungen von den Dingen zu formen (oder neu zu formen). Um das tun zu können, muss man sich aus den Fachdiskursen herausbegeben, muss die Dinge vereinfachen, soweit das möglich ist, und man muss die Leute dort „abholen“, wo sie stehen.

Bei dem letztgenannten Punkt beginnen allerdings die Probleme. Denn wo „stehen“ die Leute? Heute, in unserer komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft, steht ein jeder Mensch woanders, ein jeder hat andere Erfahrungen und was für den einen ein Problem oder eine Frage ist, ist für den anderen nicht einmal der Rede wert. Was für den einen eine Neuigkeit ist, ist für den anderen ein alter Hut.

Ich glaube, da kann man nur experimentieren und die eigene Botschaft immer wieder anders formulieren, um zu versuchen, möglichst viele Menschen mitzunehmen. Aber alle wird man nie erreichen können.

Da du allerdings dein Thema schon gewählt hast und dieses Thema eine These darüber enthält, dass über dieses Thema zu wenig Wissen bekannt ist und dass damit eine Handlungsnotwendigkeit – nämlich Aufklärungsarbeit zu leisten – verbunden ist, so geht damit auch eine Annahme einher, wo die Leute stehen, nämlich: Sie wissen nicht genug darüber, die damit verbundenen Implikationen sind ihnen noch nicht ausreichend bewusst.

Damit will ich sagen, dass du, indem du über ein Thema sprichst, eigentlich Agenda-setting betreibst. Also du sagst: „Darüber muss man hier und jetzt sprechen, weil es wichtig ist!“

Wenn das gelingt, also wenn es dir gelingt, das Publikum von der Bedeutung deines Themas zu überzeugen, ist eigentlich schon der gesamte philosophische Abend gelungen. Aber mit welchen konkreten Fragen, Argumenten oder Beispielen dir das gelingen kann, da kannst eigentlich nur Freunde und Bekannte fragen und feststellen, wie stark sie auf bestimmte konkrete Inhalte reagieren.

Aber das macht nichts, denn der geplante philosophische Abend ist ja selbst auch nur ein Experiment.

Zuletzt möchte ich dich noch vor der Vorstellung bewahren, dass es in der Philosophie immer notwendig sei, ein Thema zur Diskussion zu stellen. Ich denke, es ist eine falsche Vorstellung, dass es in der Philosophie immer darum gehen müsse, irgendwelche Fragen oder Behauptungen zu diskutieren. Du hast dich mit deinem Thema intensiv beschäftigt, und deine ZuhörerInnen wissen gar nichts darüber. Du musst ihnen zuerst einmal etwas erzählen, damit sie sich ein eigenes Urteil über Sache bilden können. Erst mit dem eigenen Urteil ist die Grundlage gegeben, um überhaupt etwas diskutieren zu können. Wenn sie am Ende konkrete Fragen stellen oder mit ihren eigenen Erfahrungen Anschluss an das Thema deines Vortrags finden, indem sie sagen: „So etwas habe ich auch schon einmal gesehen.“ – zeigt das, dass sie Interesse an dem finden konnten, was dir, wie ich weiß, ein großes Anliegen ist und dass auch in Bezug auf die Verständigung der kommunikative Kontakt gelungen ist. Ich war jetzt fast schon versucht zu sagen: „Das ist genug!“ Aber richtiger ist: Das ist sogar besser als diskutieren! Denn diskutieren tut man über zumeist über (konfliktive) Detailfragen. Wenn es dein Anliegen ist, ein gesamtes Thema zu bewerben, dann wird es nicht in deinem Interesse liegen, durch Diskussionsangebote bei Detailfragen hängenzubleiben.

So, damit hätte ich nun hoffentlich deutlich gemacht, wie man à la Hofbauer philosophiert. Außerdem habe ich dir aber auch ehrlicherweise eingestanden, dass das kein mehrheitsfähiges Programm ist. Deshalb überlasse ich es dir, ob du Option 1 wählst und dein medizinisches Thema in die Philosophie zwängst, oder Option 2, bei der du dich darauf konzentrierst, die Vorstellungen deiner ZuhörerInnen zu formen und sie von der Wichtigkeit deines Themas zu überzeugen.

2 Kommentare

Kommentar von: Dr. Konstanze Caysa [Besucher] E-Mail · http://empraxis.net
Ich denke, ein philosophisches Thema ist es immer, wenn es für Sie / den Einzelnen existenziell wichtig ist. Wir haben zahlreiche Veranstaltungen an der HGB Leipzig und am Philosophischen Institut der Uni Leipzig gemacht, welche sich im Themenfeld von Kunst und Philosophie als existenzieller Lebenskunst-Philosophie bewegten. Hier kamen solche Fragen natürlich auch auf. (Hier die Webseite mit den Veranstaltungen http://empraxis.net)

Ob es ein philosophisches Thema ist, bestimmen Sie ganz alleine. Es hängt nicht von irgendwelchen Richtlinien ab!
12.01.17 @ 21:08
Kommentar von: philohof [Besucher] · http://www.philohof.com
Sehr geehrte Frau Dr. Caysa,

vielen Dank für Ihren Kommentar!
Es tut gut zu erfahren, dass ich mich meinem Philosophieverständnis nicht ganz allein bin auf der Welt.

Auch Ihre Bemühungen und Aktivitäten in allen Ehren; ich möchte nur ganz leise äußern, dass ich ein bisschen ein ungläubiger Thomas bin, wenn ich höre, es könnte mit Philosophieseminaren an Philosophieinstituten einfach so Lebenskunstphilosophie an die Unis gebracht werden.

Dazu ist zu sagen, dass die herrschende Einstellung an der Universität nicht nur ein wenig anders ist als in der Philosophie, sondern dieser diametral entgegengesetzt: Wenn wir den einzelnen Menschen anschauen wollen und sehen, was ihn existenziell berührt, dann ist die Grundüberzeugung der wissenschaftlichen Menschen die, dass man von ihm absehen (abstrahieren) muss, weil alle individuelle Erkenntnis subjektiv (= nicht ok) ist.

Obenstehender Text wurde tatsächlich von mir als Email verfasst und an eine Akademikerin abgeschickt. Der Grund seines Entstehens ist die Tatsache, dass die wissenschaftliche Grundhaltung sich so tief in uns alle, die wir ein Universitätsstudium absolviert haben, eingräbt, dass wir unbewusst der Forderung "einen Beitrag zu einem Fach leisten" folgen, während das Programm "auf die Einstellungen und Überzeugungen, mit denen andere Menschen leben, eingehen", nicht mehr funktioniert.

Ich hoffe, Sie finden in Ihrer Empraxis geeignete Methoden, um wieder freizulegen, was da in den Menschen verschüttet wird, weil man heute meint, es gehöre sich so.

Mit besten Grüßen
philohof
13.01.17 @ 07:54

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