Wie man ethisch auf das Trolleyproblem reagiert

von philohof E-Mail

Link: https://tredition.de/publish-books/?books/ID39239/MoralkEulen-in-die-Ethik-tragen

Bisweilen überrascht es mich, wie viel ich durch das Schreiben meines Buchs MoralkEulen in die Ethik tragen. Studien über den Hang der Ethik zur Moral. (tredition 2014) gelernt habe.

Zum Beispiel: dass das ethisch Gute nicht einfach so dem moralisch Guten entspricht.

Dass mit der heutigen Ethik etwas nicht stimmen kann, weil die Rolle der Normen in ihr falsch aufgefasst wird, das wusste ich schon seit meiner Diplomarbeit über die Ethik des spanischen Philosophen Fernando Savater (Ethik anhand von Fernando Savater. Wien, 1997).

Aber ein solches Wissen bricht ja nicht die unmittelbare Reaktion auf die Aussagen Anderer. Der Mensch ist konditioniert auf den gegenwärtigen Gebrauch eines Wortes. Diese Konditionierung zu überwinden, hilft das eigene Nachdenken nicht gleich und unmittelbar. Da muss man die Sache oft durchdenken und sie immer wieder von verschiedenen Seiten anschauen.

Zum Beispiel: Was meint denn jemand damit, wenn er sagt, aus ethischer Perspektive habe er Probleme mit einer Sache?

Da muss man nicht viel erklären: Bei irgendwelchen Umständen, Sachverhalten, Prozessen, Handlungsabläufen sorgt sich der Sprecher, dass hier vielleicht technisch, sachlich, ökonomisch richtig, aber nicht moralisch richtig gehandelt werde.

Damit will ich sagen: Es ist uns schon zu einem Reflex geworden, es ist schon zur Wortbedeutung von „ethisch“ im sozialen Gebrauch dieses Wortes geworden, damit das moralisch Richtige zu meinen.

Es ist von diesem Punkt ein langer Weg, um auf den Gedanken zu kommen, dass eine ethisch richtige Handlung auch moralisch falsch sein kann.

Zum Beispiel: Es gibt im Utilitarismus das Gedankenexperiment des Trolleyproblems. Ich erzähle kurz eine von vielen Versionen dieses Gedankenspiels: Ein Spurwagen (Trolley) schießt ungebremst die Schienen hinunter. Auf dem Gleis, das der Spurwagen nehmen wird, sind drei Personen an den Schienen festgebunden. Sie haben die Möglichkeit durch Betätigung eines Schalters eine Weiche umzustellen. Damit würden Sie den Spurwagen auf ein anderes Gleis umlenken, auf dem aber auch ein Mensch auf den Schienen festgebunden ist. Was tun Sie? Legen Sie den Schalter um oder tun Sie nichts?

Wie könnte man ethisch auf dieses Beispiel reagieren?

Die Antwort des Utilitarismus ist einfach: Sie legen den Schalter um, denn es stiftet mehr Nutzen, nur einen Menschen umzubringen als drei.

Aber ist das eine ethische Reaktion auf dieses Beispiel?

Was geschieht in diesem Gedankenexperiment überhaupt?

- Das Problem der Ethik wird in moralischen Dilemmasituationen gesehen, und die Aufgabe der Ethik wird so bestimmt, dass sie für solche Situationen Lösungen anbieten soll.

Aber ist das die Aufgabe der Ethik? Ist das der ethische Gesichtspunkt?

Wie wäre es anstatt dessen damit: Wenn wir davon ausgehen, dass es in der Ethik um die Frage „Was soll ich tun?“ und zwar vor dem Hintergrund der Frage danach, worin das gute menschliche Leben besteht (siehe Aristoteles: Nikomachische Ethik) geht, dann wäre die erste Frage eigentlich die: Wie kann ich aktiv, wie kann ich handlungsfähig werden?

- Nun, handlungsfähig kann ich in dieser Situation werden, indem ich das Trolleybeispiel zurückweise und sage: „Ich will das nicht beantworten!“ Denn indem mir ein Professor im Ethikunterricht das Trolleybeispiel zum Lösen gibt, komme ich in eine reaktive Lage. Ich agiere nicht mehr, sondern reagiere nur mehr. Wie soll ich in dieser Situation handeln und gar noch das gute Leben suchen? Das geht nicht. Damit ich handeln kann, muss ich meine eigenen Projekte verfolgen, denn sonst bin es ja nicht ich, der handelt.

Damit will ich sagen: Im Grunde ist es ethisch falsch, das Trolleybeispiel zu lösen. Vielleicht ist die eine oder andere Lösung des Trolleybeispiels moralisch richtig oder moralisch gefordert. Aber in der Ethik geht es ja nicht um das moralisch Richtige, sondern es geht darum, dass der Mensch aktiv wird und beherzt handelt. Das kann er hier aber nicht, weil das Trolleybeispiel ihn vom Handeln abhält. Der Mensch will handeln, doch der Professor sagt zu ihm: „Jetzt hörst du auf mit dem, was du gerade tust, und beschäftigst dich mit dem Problem, das ich dir hier gebe!“

Durch das Trolleybeispiel wird der Mensch passiviert. Aus dem aktiven Menschen wird ein reaktiver Mensch gemacht. Und schließlich: Das Trolleybeispiel suggeriert, dass das Ethische gerade darin bestünde, in eine derartig blöde Situation zu kommen, in der man nicht aktiv handeln, sondern nur passiv reagieren kann. Aus dem Grund ist das Trolleybeispiel selbst unethisch.

Wenn das jetzt erstens zwar, so kommt nun zweitens: Der aufmerksame Leser/die aufmerksame Leserin hat sicherlich bemerkt, dass ich das Trolleybeispiel unter der Hand leicht verändert habe: Aus dem Spurwagen, der die Schienen runterrast, ist in meiner Version der Professor geworden, der mir das Beispiel vom Spurwagen, der runterrast, gibt, um es im Ethikunterricht als praktische Übung für mein Ethikverständnis zu lösen. Diese Veränderung des Beispiels hat schon ihre Berechtigung, denn meistens wird das Spiel ja wirklich so gespielt: Mit Trolleys, die man umleiten soll, hat man den ersten Kontakt, wenn der Professor (oder die Professorin) einen im Unterricht damit konfrontiert.

Und diese subtile Veränderung des Beispiels ist auch wichtig, denn ich denke, ethisch ist es, nicht gleich ein jedes Problem reflexartig lösen zu wollen, sondern zuerst einmal danach zu fragen, wer, zum Kuckuck, einen denn in diese verflixte Lage gebracht hat!

Dennoch könnten Sie mich fragen: Und – wenn wir jetzt den Philosophieprofessor wegließen? - Wie soll man denn dann im Trolleybeispiel ethisch reagieren, oder wie ist das Trolleybeispiel aus ethischer Sicht zu sehen?

- Nun, dann würde ich Folgendes sagen: Das Trolleybeispiel beschreibt eine Situation, einen Lebensbereich, in dem man kaum ethisch handeln kann. Egal für welche Handlungsoption man sich entscheidet, man wird nie wirklich wissen, ob es richtig gewesen ist. Man auf jeden Fall für den Tod mindestens eines Menschen verantwortlich sein und in Zukunft deswegen mit Gewissensnöten leben müssen. Das ist nicht schön, das kann kein Handlungsziel sein. Vielleicht ist die eine Handlungsoption ein wenig weniger schlecht als die andere, aber man kann hier nichts Gutes machen.

Daraus folgt: Um etwas Gutes machen zu können, muss man zuerst raus aus dieser Situation und sich in einen Lebensbereich begeben, in dem man mehr Gestaltungsfreiheit hat. Man wird sich in der Situation, die einem das Trolleybeispiel aufgibt, des Handelns nicht entziehen können, aber es ist ein Irrtum zu glauben, dass es gerade in ihr ist, wo man ethisch handelt. Erst nachher, sobald man wieder in einer Lage ist, in der man seine Ruhe hat und sein weiteres Leben planen kann, wird man wieder als ethische Person aktiv werden können.

Das will heißen: In moralischen Dilemmatasituationen findet kein ethisches Handeln statt. Ethisches Handeln findet statt, wenn der Mensch in keinem moralischen Dilemma steckt. Denn nur dann hat er ja überhaupt die Möglichkeit sich auszudenken, wie er handeln will. Ob er was Gutes, was Böses, was Schönes oder was Dämliches tun will. In einer moralischen Dilemmasituation ist er in seinen Handlungsmöglichkeiten so reduziert, dass ethische Reflexion gar nicht erst anläuft.

Sehen Sie! Und das hätte ich vor meinem MoralkEulen-Buch zwar schon auch irgendwie gewusst. Aber ich hätte es nicht so sagen können.

Und warum nicht? Nun, weil es die Leute schockiert, wenn sie vor dem Gedanken stehen, dass es ethisch sein könnte, wenn jemand etwas moralisch Böses tut. Und weil ich natürlich weiß, dass sie das schockiert und dass sie die Angelegenheit noch nie ordentlich durchgedacht haben.

Und dennoch ist es so: Denn zuerst kommt die ethische Überlegung, und ob sich deren Resultat am Ende auch als moralisch erweist, das ist bereits eine andere Angelegenheit.

Wenn meine Überlegungen über Ethik bekannt würden, dann würde sich die Weise, wie wir über Ethik sprechen, vollkommen ändern. Nicht um 180 Grad, denn sie sind nicht einfach das Gegenteil der etablierten Version, aber vielleicht um 90 Grad – es würde einfach in eine ganz andere Richtung gehen. Und es wäre bestimmt nicht länger so, dass wir "eh schon wissen", was gemeint ist, wenn jemand sagt, er sehe ein ethisches Problem in irgendeiner Angelegenheit.

Und ganz gewiss würde dann niemand mehr nach „verpflichtenden Ethikschulungen“ rufen, wenn irgendwo in der Gesellschaft ein Problem mit dem Handeln von irgendwelchen Einzelnen oder von Gruppen auftaucht.

Denn Ethik wäre dann nicht mehr länger hauptsächlich Anpassungsinstrument, sondern sie hätte ihre ursprüngliche Funktion, die sie verloren hat, wiedererlangt: Einzelmenschen zum Handeln zu ermutigen. Ich glaube, man nennt das heute „Empowerment“.

1 Kommentar

Kommentar von: AlX [Besucher]
http://gutenberg.spiegel.de/buch/jenseits-von-gut-und-bose-3250/2
17.02.15 @ 02:25

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